Auf jeden Fall fahrlässig

von Andreas Wilink

Köln, 24. Januar 2009. Wer wollte in Abrede stellen, dass die Beteiligten sich etwas gedacht haben und guten Willens sind und sei es nur in der eindeutigen Ablehnung von Gutmenschentum? Nur so lässt sich der Verlauf des 90minütigen choreografischen Theaters "60 Years" überhaupt tolerieren, dessen Titel sich auf die sechzigste Wiederkehr der Gründungsdaten des Staates Israel und der Bundesrepublik bezieht.

Im Schauspiel Köln von den in den frühen Siebzigern geborenen Sabras Guy Weizman und Roni Haver mit deutschen Schauspielern, internationalen Tänzern und Musikern inszeniert, beabsichtigt der Abend das Selbstverhältnis der Menschen in beiden Ländern zu untersuchen sowie Wechselwirkungen in der gegenseitigen Wahrnehmung, Vorurteile, Klischees und Mentalitätsdifferenzen.

Fähnchen schwingen im Adamskostüm

Und das geht, auch wenn man keinen politisch korrekten Dialog und keine feierselige Jubiläums-Stimmung erwartet haben konnte, doch einigermaßen verwunderlich und knallig über die Bühne. Einige junge Männer legen quietschfidel eine Travestienummer hin. Einer lässt die Hosen runter und ist nur noch mit Handtäschchen, Hut und Perücke dekoriert, während Rudi Carrell singt "Wann wird's mal wieder richtig Sommer", eine Frage, die Ende Januar erlaubt sein muss, aber ansonsten wenig zur Sache beiträgt.

Dieselbe Fünfer-Gruppe unbeschwerter Jünglinge wird wenig später, wiederum im Adamskostüm und entkleidet jeder anderen als einer plakativen Aussage, kleine Fähnchen mit dem Davidstern und den schwarz-rot-goldenen Farben schwenken, mit den Flaggen ihre Blöße bedeckt halten und dazu steppend biblische Geschichten aus dem Alten Testament vortragen.

Dass sich weiterhin zwei israelische Künstler über Rhetorik und Betroffenheits-Routine in Person der Bundeskanzlerin lustig machen, die vor der Knesset ein Bekenntnis zum Judenstaat abgelegt hat, und Angela Merkels Rede von der taumelnden, faselnden farbigen Schauspielerin Anja Herden im weißem Pelz nachstellen und parodieren lassen, mag ihnen gestattet und Ausdruck von Skepsis, Gleichgültigkeit oder einer tiefen Verwundung sein.

Schnippisch bis unterspielend

Ebenso aber darf der Einwand formuliert werden, dass eine Willensbekundung wie die Merkels zur historischen Verantwortung gegenüber Israel als "Teil der Staatsräson Deutschlands" durchaus kein dummer Spruch ist und alberne Blödelei kaum verträgt. Das Premierenpublikum indes verstand sich als kichernde Solidargemeinschaft. Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient ...

In dieser Art setzt sich die entweder naive, hybride oder aber in ihrem Reflexionsgrad bis zur Unkenntlichkeit gebrochene, auf jeden Fall fahrlässig unbekümmerte Aufführung fort. Dort wo sie auf ihre eigene Sprache vertraut, statt sich literarischer Texte zu behelfen (von Kafka, Camus, Celan etc.), verrennt sie sich total. Sei es, dass ein billiger Einbürgerungstest-Sketch dargeboten, sei es, dass psalmodierend, schnippisch bis unterspielend kritische Bedeutsamkeit suggeriert wird.

Womöglich im Vertrauen darauf, dass die wirklichen Verhältnisse schon antworten werden auf diese rabiat subjektive Assoziationsverkettung von mehr oder weniger banalen Bemerkungen (die Künstlergruppe auf der Reise nach Jerusalem und Tel Aviv) oder sarkastischen "Tabubrüchen", deren Methode einer verschärften Kontraindikation höchstens ein Karl Valentin oder Harald Schmidt beherrschen.

Brutaler Manierismus

Es tritt jedoch der Schauspieler Maik Solbach als scharwenzelnder Conférencier der "Kollektivschuld" auf und verulkt das deutsche "unglückliche Bewusstsein", wie es einst der übrigens in Köln geborene Literaturwissenschaftler Hans Mayer genannt hat. Es tritt der Schauspieler Wolfgang Maria Bauer auf und tanzt sich acht Regeln und Prämissen für den "Volkermord" vom Leib, als mache er sich fit für die Disco. Das 'Bonmot' "Gas geben" sollte als Beispiel reichen.

Zwischen fahrbaren grauen Klötzen wird musiziert (Schubert oder ein jiddisches Liedel) und von den Mitgliedern der Kölner Compagnie "Pretty Ugly" getanzt, häufig in einer aggressiven Körpersprache, die ausschaut, als würde im Militärcamp unter hartem Scheinwerferlicht für den Nahkampf trainiert und die Gewaltlösung auf dem Boden der Tatsachen bevorzugt. Unabhängig der technischen Leistung, gleicht das choreografische Vokabular einem vielseitig verwendbaren brutalen Manierismus, der im Kontext der gesprochenen Szenen nicht selten als überflüssiges Apercu wirkt.

Am Ende fahren an Schwebebalken Wörter herab, Versatzstücke, die sich beliebig kombinieren lassen. Sie lauten: "ohne" – "scham" – "macht" – "heimat" – "alles gute" – "ist" – "ein albtraum von gestern". Die Hydraulik hat hier zwar funktioniert, aber mit der Auswahl und der Wahllosigkeit des Materials hat man sich komplett überhoben.


60 Years
Regie/Choreografie: Guy Weizman und Roni Haver. Musik: Elad Cohen, Bühne: Ascon De Nijs, Kostüme: Slavna Martinovic, Dramaturgie: Sybille Meier/ Veerie Van Overtoop.
Mit: Wolfgang Maria Bauer, Paola Casarini, Ralf Harster, Anja Herden, Michael Maurissens, Lucia Peraza Rios, Nicolas Robillard, Steffen Schroeder, Maik Solbach, Adam Ster und Flavia Tabarrini. Musiker: Mehmet Gül, Verena Guido und Bernd Keul.

www.schauspielkoeln.de


Zuletzt beeindruckte uns im Schauspiel Köln Katie Mitchells multimediale Inszenierung von Franz Xaver Kroetz' Wunschkonzert.

 

Kritikenrundschau

Eine solche "Parodie der deutschen Zwangszerknirschung", der "ewigen Bestätigung der kollektiven Schuld" gegenüber Israel wie sie in "60 Years" von Guy Weizman und Roni Haver mittels Anja Herdens Merkel-Double vorgenommen wird, "hätte sich ein deutscher Regisseur wohl nicht so ohne weiteres erlauben dürfen", vermutet Dorothea Marcus vom Deutschlandfunk (25.1.2009). Es sei "ein Abend der subjektiven, gewollt provokativen und verwirrenden und möglichst schwergewichtigen Assoziationsbrocken, deren Perspektive und Qualität ständig wechselt und keinen Zusammenhang ergibt – und auch keine eindeutige Haltung einnimmt". Immer sei "der Wille zum politisch Unkorrekten erkennbar". Es vibriere irgendwie alles "vor Zusammenhang", ergebe "aber letztlich doch keinen Sinn" und bleibe nur "seichtes Häppchenwerk".

Ein Darsteller mit heruntergelassener Hose weckt bei Klaus Keil von der Kölnischen Rundschau (26.1.2009) die Erwartung, dass das Stück "tatsächlich so direkt" an die deutsch-israelischen Beziehungen herangehe, nämlich: "Hosen runter, Ressentiments beiseite, Vorurteile adé". Es seien vor allem die ersten Szenen, u.a. mit Anja Herden als nervös zappelnder Festrednerin, die diese Richtung aufnähmen und "schauspielerisch zum Besten gehören", was dieser Abend zu bieten habe. Indem Weizman/Haver die "Grundsätze der Staatsräson Israels heftigst" konterkarierten, erspielten sie sich auch "die Berechtigung, in ebenso heftiger Weise mit Deutschland zu verfahren". Wobei nichts zwischen Kollektivschuld und Völkermord ausgelassen und das alles "raffiniert verharmlost" werde, so dass einzig die Texte von Kafka bis Camus "ernste Kontrapunkte" setzten. "60 Years" sage als Melange aus Schauspiel, Musik und Tanz "an vielen Stellen mehr aus" als mancher Text. Es erstaunt den Kritiker allerdings, "dass selbst junge Israelis wie das Regieteam" dem "überholten Diskurs" der deutschen Kollektivschuld verfielen.

 

 
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