Das Latex-Ich ist ein anderes

von Hermann Götz

Graz, 29. Januar 2009. Also das Bier ist echt. Das lässt sich in den vorderen Reihen der Probebühne leicht feststellen. Des Geruches wegen. Und weil es bei "wirkinderdesnetzes" so richtig großzügig über die Bühne verschüttet und verspritzt wird. Für die theatralische Verwertung polnischer Kult-Blogs aus dem Rechner von @linka ließen sich Christina Rast (Regie) und Franziska Rast (Bühne und Kostüme) auf ein Spiel der Schein-Welten ein. Und auf die Referenzhölle medial gefütterter Jugendkulturen.

 

Auf der Bühne: eine Bühne – ein überdimensionaler Frame, der den virtuellen Bereich des Erzählten einrahmt. Hier wird in Latexanzügen durchs Bild gehopst, auf Latexpizza gekaut, hier entledigen sich die Darsteller gleich zu Beginn eines zweiten Latex-Gesichts. Damit ist die Botschaft schon einmal deponiert: Ich ist hier – innerhalb dieses Frames –  immer ein anderes. Rundherum im Niemandsland, das die Zone der realen Blogautoren-Existenz markieren soll, gibt es alte Sofas, klappernde PC-Tastaturen, echte Pizza und echtes Bier (in gut geschüttelten Dosen).

Unformatierte Kapriolen
Die Inszenierung "wirkinderdesnetzes", für die die polnische Autorin Dorota Masłowska aus @linkas Blog ein Stück geformt hat (oder: hätte sollen), ist ein Epilog zum im Vorjahr in Graz veranstalteten Blog-Text-Festival, das, dem Medium Internet entsprechend international und vernetzt, Blogtexte auf ihren theatralischen Gebrauchswert überprüft hat. Das nun gezeigte Stück sollte also nicht nur zeigen, wie hübsch avanciert und zeitgemäß das Theater in Graz ist, sondern auch, dass sich Blogs tatsächlich theatralisch verwerten lassen. Daran ist weiterhin zu zweifeln.

Möglich, dass Blogs quasi die Glossen unserer Zeit sind, möglich, dass Dialoge im Internet das bessere Volkstheater abgeben. Jedenfalls leben Internettagebücher von unformatierten rhetorischen Kapriolen, von einem Versteckspiel der Identitäten, das aus dem Eindringen realer Existenzen in virtuelle Vorstellungsräume wächst. @linka und Maslowska spielen virtuos mit dieser Ausgangssituation und machen aus dem Internettagebuch einen in Bruchstücken Richtung Netz geschossenen Schnellfeuerroman aus B-Movie- und Science-Fiction-Elementen.

Humor und Hingabe
Rast & Rast haben versucht genau das abzubilden und dabei doch nicht mehr auf die Bühne gebracht als ironisch verbrämte Behauptungen: Einmal behauptet dieses Theater Realität, einmal Virtualität, beides gerät zur Farce, deren Spott sich in erster Linie gegen das Medium Theater und seine Unzulänglichkeiten selbst richtet. Klar, die vier Schauspieler –  Thomas Frank, Sebastian Reiß, Alexander Rossi und Franz Solar – zelebrieren den Text und seine theatralische Auswertung mit Humor und mit Hingabe. Sie wechseln ständig die Figuren, das Tempo, die Lautstärke. Doch das hat mit der zwischen Täuschung und Reflexion changierenden Stärke der Netzliteratur nur sehr wenig zu tun.

Die Ungewissheit, ob @linka nun ein lesbischer Teenager ist oder doch ein Mann Mitte dreißig steht für eine mystisch-literarische Qualität des Mediums Internet. Das popkulturelle Wechsel- und Versteckspiel von Autor und Erzähler wird hier auf die Spitze getrieben. Wenn Christina Rast nun vier Männer Frau spielen lässt, mit Perücke und überschminktem Mund, dann macht das allen Spaß (dem Publikum und auch den Darstellern), die literarische Faszination guter Blogs wird so aber nicht transportiert. Und @linka macht scheinbar wirklich gute Blogs (für alle Polnisch-Sprechenden unter uns: www.mydziecisieci.blog.pl). So viel wird an diesem Abend auf jeden Fall deutlich. Und das ist ja schon was, oder?

 

wirkinderdesnetzes (UA)
von @linka und Dorota Masłowska
Regie: Christina Rast, Bühne und Kostüme: Franziska Rast, Musik: Anton Berman.
Mit: Thomas Frank, Alexander Rossi, Sebastian Reiß, Franz Solar.

www.buehnen-graz.com/schauspielhaus

 

Mehr von Dorota Masłowska: 2008 brachte Armin Petras bei den Wiener Festwochen Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen zur deutschen Erstaufführung, am Berliner Maxim Gorki Theater lief zudem eine Adaption ihres Romans Die Reiherkönigin.

 

 
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