No way out

von Susann Oberacker

Hamburg, 7. Februar 2009. "Wizdoaf" hat ein Witzbold mundartlich auf eine schwarze Wand geschrieben. Gemeint ist Witzdorf, der Ort des Geschehens in Gerhart Hauptmanns Drama "Vor Sonnenaufgang". Das 1889 uraufgeführte Werk hat David Bösch im Hamburger Thalia Theater inszeniert.

Der 30-jährige war 2003 erster Preisträger des Körber Studios Junge Regie, hat danach eine Blitzkarriere hingelegt und nun – nach einigen Inszenierungen im Thalia-Zelt und im Studio in der Gaußstraße – erstmals auf der großen Bühne gearbeitet. Ergebnis: Inszenierung gelungen, Theaterabend halbtot. Soll heißen: Es gab wunderbar gestellte Szenen von Bösch, ein faszinierendes Bühnenbild von Patrick Bannwart und ein hinreißendes Spiel des Ensembles. Und doch kommt im Ganzen nicht viel dabei herum.

Reich, aber versoffen
Liegt es an der Strichfassung? Bösch und Dramaturg John von Düffel haben das Stück stark gekürzt und von neunzehn auf sechs Personen reduziert. Eine davon ist Helene, mit der das Stück – dem "Wizdoarf" entsprechend – witzig anfängt. "Hallo erst mal", blödelt Paula Dombrowski. "Ich weiß gar nicht, ob Sie es wissen, aber ich bin eine Original Witzdorfer Bauerntochter." Aha. Weitere Details und Andeutungen ergeben ein ungefähres Bild: Das Original ist reich, aber versoffen. Es entbehrt nichts, hat aber auch nichts zu tun. Helene ist jedoch eine Ausnahme: Der Schampus schmeckt ihr nicht. Das Nichtstun vertreibt sie sich mit Stricken. Und außerdem hat sie ein Internat besucht. Ihr Anderssein wird behauptet, aber nicht gezeigt. Denn sie ist die einzige original Witzdorfer Bauerntochter, die wir sehen.

Zur ihr gesellt sich ein stotternder Junge in Unterhosen. Er trägt einen Cowboy-Hut, fährt ein Kinderfahrrad und stellt sich als Wilhelm Kahl (Claudius Franz) vor. Im Hauptmann-Stück ist er der Neffe und Geliebte von Helenes vulgär-versoffener Mutter. Das wird in dieser Fassung aber nicht deutlich. Franz tritt hier als eine Art Pausenclown auf: Man fühlt sich gut unterhalten, weiß aber nicht warum und wozu.

Columbo in kaputter Idylle
Dritter im Bunde ist Hoffmann (Peter Jordan). Er hat das reiche Original geheiratet, macht Geschäfte in Kohle, hat dabei einige übers Ohr gehauen, ist "über Leichen gegangen" und genießt den Schampus in vollen Zügen. Schnell wird sein Dilemma deutlich: Seine Frau säuft und gebiert nur tote Babys. Jordan gelingt es hervorragend, diese tragische Differenz zwischen äußerem Wohlstand und privatem Unglück zu zeigen.

In diese kaputte Idylle platzt ein Fremder, dem Bösch einen filmreifen Auftritt gönnt: Auf der Anhöhe des schwarz-grauen Kohleberges von Patrick Bannwart steht, musikalisch untermalt, Norman Hacker als Alfred Loth – mit Columbo-Trenchcoat, journalistischer Neugier und guten Grundsätzen. Und wie in jedem guten Film bringt auch dieser Fremde in diesem Stück den Stein des Anstoßes ins Rollen: Seinen ehemaligen Schulfreund Hoffmann konfrontiert Loth mit den vergessenen Idealen der Vergangenheit. Helene beeindruckt er mit Grundsätzen einer besseren Welt, an denen sie letztlich scheitern wird. Schauspielerisch von Hacker eine prima Leistung – im Stück der Anfang vom Ende: Loth "kann einfach nicht anders". Sein Ideal eines besseren Menschen entpuppt sich als bloße Theorie. In der Praxis vermag er Helene Krause aus ihrem Milieu nicht zu befreien.

"Milieu" ist, wenn Verena Reichhardt als Mutter Krause im Rollstuhl auffährt. Sie saugt eklig an drei Hummern und kippt teuren Champagner auf die Erde. Genuss ist ihr fremd, wichtig ist, was das Zeug gekostet hat. Vater Krause, ein mundartlich-lautstarker Säufer, bleibt uns bei Bösch erspart. Erspart bleibt uns damit aber auch das Vulgär-Fleischliche dieses naturalistischen Dramas.

Stoffhase statt Totgeburt
Übrig bleibt das intellektuelle Wissen darum: Der Arzt Dr. Schimmelpfennig (Harald Baumgartner) erzählt Loth vom Verfall der Familie Helenes. Das allein genügt, um den theoretischen Idealisten Loth in die Flucht vor der Braut zu schlagen.

Durch die Strichfassung ist eine kammerspielartige Dichte erreicht worden, die schauspielerisch aufgeht, inhaltlich jedoch nicht. Die Verkommenheit der Figuren wird nicht deutlich. Das Bühnenbild von Bannwart zeigt eine graue, durch einen Krater eingeschlossene Welt. Darin wird Böschs Inszenierung zur Parabel: Egal, was ich bin oder behaupte, ich komme aus meinem Milieu nicht heraus. Das ist als zweistündige Geschichte jedoch zu dürftig, trotz klug gebauter Bilder. Es fehlen starke Figuren, verblüffende Entwicklungen und umwerfende Erkenntnisse.

Das Finale ist deprimierend: Helene schluckt Tabletten. Hoffmann hätschelt in seinem Kinderwagen statt der Totgeburt einen Stoffhasen. Wilhelm Kahl schmeißt ein blutiges Baby-Bündel auf die Bühne. Und während eine verzerrte Version des Heinz-Rühmann-Klassikers "Wenn der Vater mit dem Sohne" erklingt, geht im Bühnenhintergrund grell und künstlich die Sonne auf.

 

Vor Sonnenaufgang
von Gerhart Hauptmann
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Patricia Talackó, Musik: Karsten Riedel, Dramaturgie: John von Düffel.
Mit: Peter Jordan, Norman Hacker, Paula Dombrowski, Harald Baumgartner, Verena Reichhardt, Claudius Franz.

www.thalia-theater.de


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Kritikenrundschau

"Allzu unterirdisch" gerät David Bösch die Inszenierung von "Vor Sonnenaufgang" nach Meinung von Werner Theurich (Spiegel-online, 8.2.2009). Die in der Loth-Figur evident werdende "lächerliche Diskrepanz zwischen Handeln und Denken" nehme Bösch zum Anlass, die Figuren "eher vorzuführen als zu inszenieren". Mit "enervierend geometrischer Personenregie" demonstriere er "wieder und wieder ihre Gefangenheit in der eigenen Person" und verkehre damit Hauptmanns Intention, die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen des Leidens aufzuzeigen in ihr Gegenteil. Peter Jordan dürfe nur "Business als usual" spielen, während Norman Hacker "mit seiner Zerrissenheit weit mehr" fessele und bisweilen "die scherzgebeugte Spielhandlung" sprenge. Paula Dombrowski versuche "tapfer, mehr als die gefährdete Ulknudel zu sein", wobei ihr "verhaltener Schmerz (...) unter der Kruste der Comedy-Attitüde" jedoch nur selten zu sehen sei. "Großartig" findet Theurich hingegen Verena Reichhardts "Dialekt-Parforce-Ritt", ein "Jokus ganz eigener Art". Fazit: "eine interessant misslungene Inszenierung".

Ganz anders sieht das Michael Laages im Deutschlandradio Kultur (8.1.2009): "Der Abend beginnt grausam – schwachsinnig, aber mit Methode. Und mit der Hauptperson des Abends". Das ist für ihn Dombrowskis Helene, die sich an hochfahrenden "Eisernen Vorhang" klammere, wie um zu sagen: "Bloß nicht zeigen, was und wie es wirklich ist!" Von diesem Moment an habe der Abend gewonnen. "Knapp und klar aufs Wesentliche reduziert, polemisch, pointiert und gar nicht oberflächlich (das war sonst zuweilen Böschs Problem), hart und heftig in den Bildern". Dombrowski habe es schon so manche Aufführung am Thalia-Theater "an sich zu reißen" verstanden, allerdings "noch keine wie diese. Ein Ereignis."


Bösch habe "wieder mutig zugeschlagen" und aus Hauptmanns "naturalistischer Tragödie längst vergangener Zeiten" ein "symbolistisches Drama unserer Tage" gemacht, schreibt Stefan Grund in der Welt (9.2.2009). Dabei arbeite der "bildmächtige Regisseur (...) skrupulös und geradezu traumwandlerisch sicher mit filmischen Mitteln" und "stimmungsteuernden Musikeinspielungen", die hier allerdings "etwas wahllos zusammengewürfelt" wirkten. Jordan spiele "so knapp am Ausbeuterklischee vorbei" wie Hacker den "überforderten Idealisten" Loth. Dombrowski drücke leider "zu sehr auf die Ausdruckstube", worunter die Tragödie denn auch dramatisch leide. Wenn über die Kindessorgen diskutiert wird, ahne man, "wie groß diese Inszenierung hätte werden können, wenn Bösch psychologisch genauer und sprachlich exakt" gearbeitet hätte: "da rührt uns Jordan wirklich, da tut uns mit Baumgartners brutalem Pragmatismus das Theater weh. An weiteren Möglichkeiten zu solcher Tiefe mogelt sich die Inszenierung vorbei". "Ganz schlimm" gerieten "gewollte komische oder tragikomische Momente" wie der Schlesisch-Monolog von Reichhardt oder Franz' Comedian-Verschnitt.


"Radikal entkernt und in unsere Zeit transponiert", findet auch Armgard Seegers vom Hamburger Abendblatt (9.2.2009) das Stück bei Bösch. So gehe es "hochaktuell darum, wie Geld den Charakter und die besten Absichten verdirbt". Es gebe "schöne Momente, wenn Menschen sich nahe kommen", "aber auch viel Gerede an der Rampe, wenig Aktion". Jordan, "obwohl dauernd das Glas am Hals", müsse den Kapitalisten "viel zu nüchtern" spielen, Hackers Loth sei "ganz die trübe Tasse eines Intellektuellen mit festen Überzeugungen, aber wackliger Haltung", zeige "aufrechte Zerrissenheit, doch zu wenig Spielerisches". Einzig Dombrowski kann Seegers fesseln, "indem sie die Vielschichtigkeit eines noch gesunden, aber schon angeknacksten Charakters" vorführe, ihr Spiel jedoch mit Comedy-Nummern "unnötig aufpeppen" müsse. Dieser Abend sei "zwar künstlerisch gelungen, aber auch ein wenig statisch und fad" – Bösch "hätte sich hier ein paar Freiheiten mehr herausnehmen sollen".

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