Leiden im Breitwandformat

15. Mai 2024. Jetzt lief Karin Beiers Inszenierung "Laios" beim Theatertreffen, der zweite Teil ihres gemeinsam mit dem Dramatiker Roland Schimmelpfennig entwickelten Antiken-Zyklus "Anthropolis". Mit Lina Beckmann, die im Alleingang ungeheuerlichste Bilder produziert.

Von Michael Wolf

Lina Beckmann in "Anthropolis II: Laios" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Monika Rittershaus

15. Mai 2024. Nachdem Lina Beckmann sich schon einige Male verbeugt hat, holt sie erneut den Dramatiker des Abends auf die Bühne, der sie zunächst herzlich umarmt, bevor die beiden sich dem geschlossen stehenden Parkett zuwenden. Lina Beckmann und Roland Schimmelpfennig – das passt, die eine hat die Stimme, den Körper, das Timing. Der andere hat die Wörter und vor allem die Bilder.

"Ein Tischler / hält seine rechte Hand / in die sich drehende Säge, / natürlich, / selbstverständlich, / und danach schleift er das Stück / und rundet noch die Kanten ab“, heißt es an einer Stelle, in der beschrieben wird, wie die Bürger der Stadt Theben den Verstand verlieren.

Die leere Bühne füllen

In "Laios" leiden die Menschen im Breitwand-Format, die Gefühle sind groß und die Wunden so tief wie die Seelen. Beckmann weiß damit umzugehen, sie nimmt Pathos, Traurigkeit und auch die Gewalt ernst, indem sie wann immer möglich den Witz des Stücks betont und auf diese Weise die Brüche umso stärker markiert.

Text und Spiel füllen so gemeinsam die weitgehend leere Bühne. Und zwar, was wirklich ungewöhnlich ist bei Uraufführungen, eben mit starken, mit einprägsamen Bildern. Das gibt es in der Gegenwartsdramatik nicht oft, vielleicht bei Elfriede Jelinek oder Katja Brunner, bei flächigeren Poetiken also, nicht aber bei Stücken, die in erster Linie eine Geschichte erzählen wollen.

Hier aber hat man sie lebhaft vor Augen, auch wenn Beckmann das meiste nicht spielt, sondern nur schildert: Laios und Iokaste, wie sie in Pythias Schnellimbiss einkehren und von ihrer Prophezeiung erfahren; die Sphinx, wie sie als leibhaftiges Unheil über dem Geschehen schwebt; und natürlich Ödipus, wie er seinem Vater auf der staubigen Straße begegnet, wie er ihn noch anschreit, kurz bevor er ihn erschlagen wird.

Erzählen, schildern, beschwören

Die Eindrücklichkeit dieser mit Sprache gemalten Bilder zeigt sich an einer Stelle, in der die Projektion einer Gruppe am Strand auf der Bühnenrückwand erscheint, eine Szene aus dem Stück also eins zu eins illustriert wird. Flach und blass wirken die Figuren hier, nicht zu vergleichen mit dem, was im Kopf passiert, wenn man Beckmann einfach zuhört.

Sie erzählt, schildert, beschwört, schlüpft auch immer mal wieder in eine Rolle hinein, ist immer präsent, lässt dem Text aber meist genau den Platz, den er braucht und der ihm gebührt. Da passt es bestens, dass sie sich – ins Gegenlicht blinzelnd – schließlich auch die Stehenden Ovationen zusammen mit Schimmelpfennig ansieht.

Jubel im Saal

Na klar, diese Theatertreffen-Einladung, dieser Jubel im Saal ist auch ganz wesentlich der Erfolg von Regisseurin und Intendantin Karin Beier. Nicht einzig, aber schon allein deshalb, weil sie es ermöglicht hat, dass hier eine Schauspielerin und ein Dramatiker auf eine Weise zusammenfinden, wie es nur selten zu bewundern ist.

 

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Kommentare  
Laios, Theatertreffen 2024: Jubel wächst
Interessant, welche Karriere diese Inszenierung gemacht hat. Der Jubel scheint von Festival-Einladung zu Festival-Einladung stärker zu werden.

Nach meiner Erinnerung war der Jubel an dem grauen Herbst-Nachmittag für Publikumsliebling Lina Beckmann nach einer der ersten Vorstellungen gar nicht so überschwänglich. Verdienter, langer Applaus für eine virtuose Leistung, aber hanseatisch kühler: https://daskulturblog.com/2023/10/01/laios-lina-beckmann-schauspielhaus-hamburg-kritik/
Laios, Theatertreffen 2024: Kulleraugen und Röhren
Verdienter Applaus für Frau Beckmanns Kraft-Leistung, wenngleich mich ihr Spiel beim TT völlig kalt gelassen hat. Mir war das alles zu kalkuliert, sie weiß zu genau, wie sie das bürgerliche Publikum erfreuen kann. Diese Mischung aus Kindertheater-Kulleraugen und Röhren scheint aber genau den Nerv zu treffen derer, die einfach mal wieder eine Geschichte sehen wollen und von allen Diskursen nicht behelligt werden wollen. Der einhellige Jubel machte mich sehr skeptisch, zumal auch in der Kritik die inhaltliche Leere greifbar ist - worum geht es eigentlich? Ausser das Ganze readers-digest mässig zusammen zu fassen und so wie im Spiel kalkulierte Bilder aufzurufen geht es doch um gar nichts.
Frage an die, die es wissen:
Ist das Bühnenbild von Laios nur für Laios - oder für alle Teile und es wird dann nur variiert?
Und: worum bitte geht es im Bühnenbild? Wirkte arg kunstgewerblich.
Laios, Theatertreffen 2024: 2x Premiere
@1 Ich hatte das Glück beide Premieren sehen zu dürfen, die in HH und die Berlin.
Und ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so euphorischen und begeisterten Applaus erlebt zu habe. In Berlin standen nach ca 7,35 Sekunden fast alle im Saal (bis auf Weintrüber wahrscheinlich ;) ) und ebenso intensiv war der Zuspruch in Hamburg.

Und wer , wie @2 es nicht schafft in diesem Abend eine Deutung oder These zu sehen/erkenen was Macht macht, nun ja der/die/das sollte vielleicht dann doch besser nur zu den Nachgesprächen gehen. (...)

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Herzliche Grüße aus der Redaktion
Laios, Theatertreffen: Versuch über das Erzählen
Zu Beginn leitet Beckmann die zu erzählende Geschichte her von allen, die zuvor kamen – und blickt voraus, auf die, die noch kommen mögen. Ser Tod des Laios durch des Sohnes hand – er ist Anfang und Ende, Ausgangs- und Zielpunkt, dieses Abends, dieser Geschichte, die nicht fort kann von der staubigen Straße, vom Schrei der Sphinx-Frau-Vogel-Katze. Und die doch viele andere Wege aufzeigt, die zu gehen wären. Und wer sollte sie gehen, wenn nicht Laios, diese mythische Gestalt, die nie um ihrer Selbst willen betrachtet wird, sondern stets nur Handlungsauslöser für eine andere Geschichte ist. Indem Autor Roland Schimmelpfennig und Schauspielerin Lina Beckmann ihn emanzipieren, individualisieren, herausholen aus seiner Funktionen, brechen sie die Unveränderbarkeit der Geschichte auf, lassen alternative Geschichten, Auswege zu, die Möglichkeit gar einer positiven Antwort auf die Frage: „Wann hört das auf?“ Laios will sic nicht einbetten lassen in diese Linie von der Vergangenheit in die Zukunft, er will er sein, ganz Gegenwart, nicht Werkzeug, sondern Handelnder.

Dieser Ein-Frau-Abend ist eine 90-minütige Versuchsanordnung über das Erzählen – von Geschichte und Geschichten – das (Er)Finden selbiger, über Emanzipation und Individualität, über gesellschaftliche Zwänge und kollektive Narrative, freien Willen und Zwang – und die Kraft der Imagination. Dieser Laios lebt nicht vom, sondern durch das, im Erzählen, es ist sein Sauerstoff, der ihn erst erschafft, und den er sich greift, den er zu nutzen sucht, um selbst Autor seiner Geschichte zu werden. Eine Geschichte voller loser Enden, Abbrüche und Neuanfänge, die nicht weiß wohin, die in Alternativen denkt und sich zuweilen in ihnen verliert. Am Ende verdoppelt sich Laios. Ein heller Schatten erscheint auf der Rückwand. Beckmann geht auf ihn zu. „Bist du das?“, fragt sie ihn, und meint Laios, sich, die Möglichkeit des Ausbruchs. Wenn Theater einst begann als kollektives Erzählen und Festhalten von Geschichten zum Zwecke der Selbstvergewisserung, dann kommt es an diesem wunderbaren – von der Kraft des Wortes wie des Spiels einer Ausnahmedarstellerin getragenen – Abend voll und ganz zu sich.

Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2024/05/16/wann-hort-das-auf/
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