Unter Bürgerkindern

von Sarah Heppekausen

Essen, 7. Februar 2009. Marie will immer geliebt werden, Desiree will ein Leben, in dem ihr alle Sonnenbrillen stehen, Alt will immer helfen können und samstags Fußball gucken mit seinen Kumpels, Freder will Familie und Kinder und außerdem, dass alles "jetzt" ist. Träume einer heutigen Studentengeneration, die ehrgeizig ihre Ziele verfolgt und trotzdem an Perspektivlosigkeit zerbrechen wird.

In ihrer dringlichen Aneinanderreihung erinnern diese Begierden aus Nuran David Calis' Bearbeitung von Ferdinand Bruckners "Krankheit der Jugend" an eine frühere Arbeit des Regisseurs. In seiner Version von Wedekinds "Frühlings Erwachen", die Calis vor zwei Jahren in Hannover auf die Bühne brachte, hatten die Jugendlichen allerdings noch den Wunsch, Eltern, Lehrern und Exfreunden in die Fresse zu schlagen, wenn sie erwachsen sind.

Jetzt, gute zehn Jahre älter, tragen die Jugendlichen keine Pubertätskämpfe mehr aus. Sie stehen kurz vor dem Abschluss ihres Medizinstudiums und suchen einen Sinn des Lebens zwischen Karriere, Heirat und Selbstmord.

Studenten heute: Golfschläger und Videoträume
Wie in seiner Wedekind-Bearbeitung hat Calis auch in "Krankheit der Jugend" den Text durch eine ganz eigene Sprache ersetzt, wenn auch behutsamer. Wieder nutzt er eine Stückvorlage für eine gelungene Analyse unserer Zeit. Er übernimmt die sieben Personen und die grobe Handlungsführung.

Bruckner schrieb das expressionistische Stück 1924. Seine Studenten litten an der Haltlosigkeit in einer Gesellschaft, die keine bürgerlichen Werte mehr hatte. Calis zeigt die Jugend von heute. Zumindest einen Ausschnitt, aus den akademischen Kreisen. Zum Geburtstag schenken sie sich Golfschläger, und Träume werden auf Video aufgezeichnet. Hier wird nicht nach verlorenen Werten gesucht, sondern über die richtigen Werte debattiert: Moral oder Ehrgeiz, Anstand oder Mut, Regeln oder Hemmungslosigkeit.

Der Campus besteht aus vier nebeneinander und übereinander gestapelten Containern, klinisch weiß für die angehenden Ärzte, selbst die Möbel im Wohnheimzimmer. Bühnenbildnerin Irina Schicketanz hat einseitig offene Käfige für die Jugendlichen gebaut, als fühlten sie sich wie Labortiere in den Klauen einer unsicheren Zukunft. Oder damit sie hier selbst Versuche am Menschen durchführen können.

So wie Freder. Nicola Mastroberardino ist der sadistische Möchtegern-Neurologe, der die Mensa-Bedienstete Lucy (Anna König) nicht nur an der Hundeleine führt, sondern auch zur Prostituierten macht. Bei Calis wird sie anschaulich zur willenlosen Marionettenfigur dank Videoeinsatz (Karnik Gregorian): Wenn Freders Kopf im Großformat auf die Rückwand eines Containers projiziert wird und Lucy wie eine kleine Puppe vor diesem Riesengesicht steht, wird jeder Zungenschlag Freders zu einer umwerfenden Welle. "Alles im Sinne der Wissenschaft", erklärt er Marie die Situation.

Küsse und Ohrfeigen
Marie ist diejenige, die vor ihren Studienkollegen immer wieder auf Moral pocht. Nadja Robiné spielt sie als Zerrissene, die an mangelnder Zuneigung zu Grunde geht. Zu Beginn blickt sie noch fröhlich in ihre heile Zukunft. Am Ende, verlassen von ihrem dichtenden Freund Petrell (Matthias Eberle) und von Desiree (Barbara Hirt), kniet sie im Wahnsinn schreiend vor Freder und erfleht ihren Tod. Allerdings nicht, bevor sie ihm nicht noch etliche Küsse und Ohrfeigen verpasst hat.

Soweit übernimmt Calis die Figuren Bruckners, auch wenn er sie wie bei Freder in eine bestimmtere Richtung weist. Petrell bekommt bei Matthias Eberle sogar komische Züge, wenn er in wienerischem Dialekt Irenes (Wanda Colombina Perdelwitz) Gefühlswelt diagnostiziert. Freuds Psychoanalyse ist heute eben nicht mehr kommentarlos zitierbar.

Schuldfrage neu
Alt allerdings bekommt eine neue Färbung. Bei Bruckner saß er im Gefängnis, weil er Sterbehilfe geleistet hatte. Bei Calis, weil er gestreckte Drogen gedealt hat, an denen vier Menschen starben. Seine Schuld steht permanent im Raum, Alt begründet aus ihr jeglichen Drang nach Weltverbesserung. Krunoslav Šebrek spielt einen anstrengend sympathischen, so schuld- wie verantwortungsbewussten Gutmenschen, der auf dem Weg zum Allgemeinmediziner jede Party und auch mal einen flotten Dreier mitnimmt. Ein cooler Spruch geht ihm genauso locker über die Lippen wie ein moralischer Grundsatz. Er sagt Sätze wie "wir alle sind schauspieler die ohne zu proben die welt betreten haben".

Calis enträtselt viele Bruckner-Passagen und nimmt auch einigen Figuren ihre Geheimnisse. Aber um die explizite Schuldfrage bereichert er das Stück: Er macht seine Jugendlichen verantwortlich, für ihr Handeln, für ihre Äußerungen. Nicht nur Alt schreibt er eine juristisch und ethisch klar zu deutende Tat in seine Biografie. Auch Maries Moral-Fassade bröckelt: Zwar gibt sie Freder für Desirees Selbstmord die Schuld, hat er ihr doch das giftige Veronal zukommen lassen. Aber bei Calis lässt Marie Desiree auch allein, kurz bevor diese die Flasche leert. Hier leidet schließlich die angehende Elite an ihrer Jugend. Und die kann man nicht einfach schuldlos davonkommen lassen.

 

Krankheit der Jugend
in einer Fassung von Nuran David Calis, frei nach Ferdinand Bruckner.
Regie: Nuran David Calis, Bühne: Irina Schicketanz, Kostüme: Silke Rekort, Musik: Vivan Bhatti, Video: Karnik Gregorian.
Mit: Nadja Robiné, Barbara Hirt, Wanda Colombina Perdelwitz, Nicola Mastroberardino, Matthias Eberle, Krunoslav Šebrek, Anna König.

www.schauspiel-essen.de


Von Nuran David Calis wurde zuletzt im Februar 2008 seine Inszenierung von Kabale und Liebe in Hannover besprochen, sowie Stunde Null in Köln im April 2008 und Einer von uns in Hamburg im November 2008.

Kritikenrundschau

Nuran Calis habe Ferdinand Bruckners "Krankheit der Jugend" in seiner Essener Fassung "komplett umgekrempelt", meint Bettina Egbert in der Neuen Ruhr Zeitung (9.2.2009). "Die Desorientierung der Jugend in den gesellschaftlichen Umwälzungen der Zwischenkriegszeit ist ins Hier und Jetzt verlegt. (...) Doch die Frage bleibt: Jugendzeit – Abenteuer oder Todesflug?" Unterstützt von moderner Bild- und Tontechnik und einem "überzeugend-dynamischen, berührenden Ensemblespiel" zeige Calis' "stimmige Inszenierung eindringlich, dass gegen die 'Krankheit der Jugend' auch im neuen Jahrtausend kein Kraut gewachsen ist."

In seiner "sehr freien Bearbeitung" von Ferdinand Bruckners Stück entwerfe Nuran Calis "ein düsteres, beklemmendes Bild unserer Gesellschaft", schreibt Dagmar Schwalm in der Westdeutschen Allgemeinen (9.2.2009). Calis behalte die Konstruktion des Stückes bei und überschreibe es radikal: "Nicht nur um Sprache und Orte zu aktualisieren. Er zeichnete Figuren genauer, gab ihnen eine größere Fallhöhe, änderte ihren Lebenslauf." Mit "Sex, Demütigungen und Videoeinsatz" gebe er seiner Inszenierung zudem "eine harte Gangart und zuweilen eine beeindruckende Schärfe", vor allem aber die Schauspieler machten den Überlebenskampf der Figuren machen sehenswert.

 

 
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