Vor einstürzenden Neubauten

von Esther Slevogt

Berlin, 7. Februar 2009. Der Mann hat einen Nazi verprügelt, und ist damit angeeckt. Im antifaschistischen Arbeiter- und Bauernstaat DDR. Jetzt muss Bremer sich auf einer Großbaustelle als Führer einer Brigade bewähren, die Fundamente für eine Fabrikhalle gießt. Die Fundamente sacken später ab. Fehler im Plan, sagt Bremer und greift den verantwortlichen Ingenieur an, der es aber nicht gewesen sein will. Er traue keinem, der unter Hitler gearbeitet hat, sagt Bremer dann und soll später sich dafür entschuldigen.

So will es die Partei, die von dem alten Kommunisten nun eine "Korrektur" seiner Haltung verlangt. Heiner Müller hat "Die Korrektur" 1957 zusammen mit seiner damaligen Frau Inge geschrieben. Auch er eckte mit seiner Szenenfolge über die Schwierigkeiten, das Fundament für ein sozialistisches Deutschland zu gießen, wenn die Bedingungen nicht stimmen, an, schrieb unter Parteidruck um, und Fassung Nummer 2 eröffnete dann im Maxim Gorki Theater, das bis 1952 noch "Haus der Kultur der Sowjetunion" hieß, die Spielzeit 1958/59.

Auf der Mauer, auf die Bauer
Fünfzig Jahre später hat nun Armin Petras das Stück ans Gorki-Theater zurückgebracht, das sich inzwischen in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland befindet, die, wie die untergegangene DDR, in diesem Jahr das sechzigste Jubiläum ihrer Staatsgründung begeht – als Teil eines Theaterspektakels an den unterschiedlichsten Orten des Hauses, das sich unter dem von Müller inspirierten Spielzeitmotto "Korrekturen. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende" in szenischen Lesungen und Skizzen, kleineren und größeren Inszenierungen mit Aspekten der deutschen Nachkriegsgeschichte und ihrer Literatur befasst.

Allerdings sieht das, was Bremers Brigade nun bei klirrender Kälte auf dem Theaterparkplatz errichtet, weniger wie das Fundament einer Fabrikhalle als nach der Berliner Mauer aus, die ja genau genommen tatsächlich Fundament der DDR gewesen ist. Welche zusammensackte, als diese Mauer nicht mehr stand. Mit wenigen Strichen skizziert Petras ein filigranes, atmosphärisches Stück über die Sehnsucht nach einem besseren Deutschland, über "korrigierte" Pläne, Pfusch, Betrug. Und die ideologischen Widersprüche, die den Aufbau des Sozialismus zum tragisch absurden Theater machten.

Petras-Playmobil für Müller-Lehrstück
Peter Kurth spielt seinen Brigadeführer mit der Leidenschaft eines Bonvivants, der sich den Luxus einer Haltung leistet. Ursula Werner schnarrt in eisiger, fast grimassenhafter Starre ihre Parteisekretärs-Litanei, während Johann Jürgens, Horst Kotterba und Robert Kuchenbuch geradezu rührende Arbeiter abgeben, die Petras wie Playmobilfiguren durch Müllers Lehrstück zieht. Die einstürzenden Plattenbauten, die am Ende auf die Brandmauer projiziert werden, verweisen aber auch auf die unbehausten Überlebenden dieser untergegangenen Welt aus Petras' "Heaven (zu tristan)".

Bauenden Menschen begegnet man auch drei Stunden später in Tilmann Köhlers Inszenierung eines Textes von Thomas Freyer wieder. Er hat "Korrekturen 09" als eine Art Fortsetzung der Geschichte von 1957 geschrieben. Allerdings werkeln die drei Menschen (Hanna Eichel, Ruth Reinecke und Max Simonischek) nun an überdimensionierten Kartenhäusern – ein Bild, das im ersten Moment fast ein wenig zu simpel wirkt, sich im Laufe der etwas mehr als einstündigen Aufführung dann aber doch als erstaunlich luzide erweist. Spielt das Kartenhaus anfangs in unmittelbarer Referenz auf Müller noch auf den, in dessen "Korrektur" geschilderten Aufbau an, das 'Kartenhaus DDR' sozusagen, wird daraus im Laufe des Stücks eine Metapher für das flüchtige, utopielose Leben im Kapitalismus.

Freyer und Köhler sind weit davon entfernt, sich die Sache an diesem Abend über die heutigen Nachkommen von Müllers Figuren zu leicht zu machen. Im Verlauf erweist sich das Kartenhaus immerhin so stabil, dass man darauf steigen kann, was nämlich Max Simonischek einmal in einem so virtuosen wie aberwitzigen Auftritt tut, der ideologische Müller-Figuren wie den "Mann im Fahrstuhl" (aus dem "Auftrag") gleichzeitig ad absurdum führt und in die Gegenwart herüberholt, die eben keine Aufträge mehr kennt, sondern bloß noch unterschiedliche Freizeittypen.

Westliche Gönnerin mit Helfersyndrom
Und so reist man bei diesem Spektakelabend im Maxim Gorki Theater durch Szenen und Formate, zwischen Dokumentation, Fiktion, Film, Literatur und Theater: Flüchtige Skizzen werden gegen den Ewigkeitsanspruch der Ideologie gesetzt. Ob mit den Briefen, die das Theater aus der Zeit der Mauer gesammelt hatte und die Jan Bosse zu Beginn des Abends aus dem Zuschauerraum heraus verlesen ließ: eindringliche kleine Dramen der Trennung, der Sehnsucht und der Demütigung – Dorle Meiers (von Cristin König gelesene) Briefe zum Beispiel, die sie aus der DDR an Frau Klevert nach Leverkusen schrieb, von der sie über viele Jahre Westpakete bekam, ohne sie zu kennen und wohl auch je kennenzulernen. Denn soviel Intimität gestand die westliche Gönnerin dem Objekt ihres Helfersyndroms im Osten nicht zu.

Oder mit Uwe Johnsons Mauerroman "Zwei Ansichten" von 1965: Ein westdeutscher Fotograf (Ronald Kukulies) trifft kurz vor dem Mauerbau eine Ostberliner Krankenschwester (Julischka Eichel), und beide verlieben sich, ohne zu merken, dass es allein die Mauer ist, die das Begehren produziert – von Robert Thalheim in wunderbarem Wechsel zwischen Lesung und Szenischem, zweiter und dritter Dimension arrangiert.

Die Flüchtigkeit der Utopie
Immer scheint das flüchtige Glück des Einzelnen als Ort der Utopie hindurch, in seiner Banalität stets auch ein bisschen lächerlich, weshalb an diesem Abend besonders dann gelacht wird, wenn diese dummen, kleinen Glücksvorstellungen ausgesprochen werden: der Walkman, den sich ein DDR-Teenager kurz nach der Wende im Westen von seinem Begrüßungsgeld kauft, die Markise über der Terrasse eines Reihenhauses, von dem Johnsons Fotograf B. plötzlich zu träumen beginnt. Das kleine Glück, das sich sogar Walter Ulbricht gönnte, den man am Ende von Petras' Inszenierung der "Korrektur" in einer Videoprojektion mit seiner Frau Lotte Tischtennis spielen sieht.

"Die DDR hat von mir eine Weltanschauung verlangt, ohne mich die Welt anschauen zu lassen", zitiert später der junge Schauspieler und Sänger Johann Jürgens in seinem Manfred-Krug-Liederabend den großen deutschen Schauspieler und Sänger, der die DDR 1976 verließ. Und sang dann dessen Lieder, die nichts tun, als die flüchtigen Momente des Glücks zu verherrlichen. Kleine Ewigkeitsmomente.

 

Korrekturen. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende
Theaterspektakel zum Spielzeitmotto im Maxim Gorki Theater

dabei unter anderem:

Grenzüberschreibungen. Briefe über die Mauer

Leitung: Jan Bosse, Recherche: Cordula Brucker, Marko Grunz.
Es lesen: Hilke Altefrohne, Ulrich Anschütz, Anika Baumann, Julischka Eichel, Britta Hammelstein, Wolfgang Hosfeld, Johann Jürgens, Michael Klammer, Cristin König, Robert Kuchenbuch, Roland Kukulies, Peter Kurth, Andreas Leupold, Ruth Reinecke, Max Simonischek, Anja Schneider, Gunnar Teubner, Leon Ulrich, Ursula Werner.

Die Korrektur
von Heiner Müller und Inge Müller
Regie: Armin Petras, Ludwig Haugk, Bühne: Karin Frosch, Kostüme: Hanne Günther, Video: Niklas Ritter.
Mit: Hilke Altefrohne, Ursula Werner, Johann Jürgens, Horst Kotterba, Robert Kuchenbuch, Peter Kurth.

Korrekturen 09

von Thomas Freyer
Szenische Lesung
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Martina Berner, Kostüm: Hanne Günther, Musik: Jörg-Martin Wagner.
Mit: Ruth Reinecke, Hanna Eichel, Max Simonischek.

Zwei Ansichten

von Uwe Johnson
Szenische Lesung
Regie: Robert Thalheim, Bühne: Karin Frosch, Kostüme: Thomas Maché.
Mit: Julischka Eichel und Ronald Kukulies.

Auf der Sonnenseite
ein Abend mit Liedern von Manfred Krug
Leitung: Ronny Jakubaschk, Piano / Vibraphon / Gitarre: Matthias Suter, Gesang / Saxophon / Gitarre / Piano: Johann Jürgens, Chor: Anika Baumann, Britta Hammelstein.

www.gorki.de

 

Eröffnet wurde das Spektakel am Freitagabend von Armin Petras' Werner-Bräunig-Inszenierung Rummelplatz, die bereits am 29. Januar 2009 Premiere hatte. Im Redaktionsblog kann man lesen, was sonst noch geschah.

Kritikenrundschau

Das Stempeln eines Mitgliedbuchs beim Einlass zum Spektakel "Korrekturen" am Maxim-Gorki-Theater wirft für Christine Wahl vom Tagesspiegel (9.2.) die Frage auf, "warum Historie zunehmend als Kindergeburtstagseinlage verabreicht wird". Zumal doch die von Jan Bosse eingerichtete Brieflesung "Grenzüberschreibungen" daran erinnere, "wie denkbar wenig Mauer und Realsozialismus mit Party-Ringelpiez zu tun hatten". Auch Robert Thalheims "angenehm minimalistische Inszenierung" von Uwe Johnsons "Zwei Ansichten" sei ein "erneuter Beweis, dass das unaufgeregte Einlassen auf Zeitdokumente nicht nur erkenntnismäßig, sondern selbst atmosphärisch wesentlich mehr bewirkt als die ärgerliche Stempel-Simulationsfolklore im Foyer." Das gelte auch für Armin Petras’ "wunderbar beiläufige Mini-Open-Air-Inszenierung" von Heiner Müllers "Korrektur". In deren Fortschreibung von Thomas Freyer gehe es dann in einer "bewussten Spiegelung der Müller-Motive Arbeit, Ideologie, Vision weniger um konkrete Figuren als um Positionen bzw. Stereotype", doch nehme sich "diese retrospektive Erwärmung an der DDR, die sich realiter bekanntlich äußerst utopiefern gestaltete, ziemlich naiv und irritierend aus".

Das "Korrekturen"-Spektakel habe deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte "als Geschichte der freiwilligen, unfreiwilligen Korrekturen" zu fassen versucht, als Geschichte "der Reibungen an einer innerdeutschen Grenze, die ausgerechnet dann an Verbesserungslust verliert, als die Möglichkeiten am größten werden, da die Grenze fiel." Letzteres sei denn auch, so meint Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (9.2.), "die seltsamste Einsicht dieser dramaturgisch und inszenatorisch gelungenen, vielschichtigen Aufführungen, die quasi einen Rahmen um die vielen literarischen Geschichtsbilder legten". Im Einzelnen habe Armin Petras aus Müllers "Korrektur" "ein herrlich widersprüchliches Lehrstück" gezaubert, während Thomas Freyers Fortschreibung "Korrekturen 09" zwar "dialogtechnisch gut gemacht, inhaltlich aber wenig durchdacht" sei: "Ein naives Lamento."

 
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