Eine neue Ringparabel

18. Mai 2024. Robert Schuster und die KULA Compagnie nehmen sich das auf einer jüdischen Legende basierende Stück "Dibbuk – zwischen (zwei) Welten" von Solomon An-Ski vor. Sie übersetzen es in ihre transkulturelle Arbeitswirklichkeit und würzen es mit einer Prise Original-Expressionismus.

Von Sascha Westphal

"Dibbuk – zwischen (zwei) Welten" © Felix Grünschloss

18. Mai 2024. Layla ist im wahrsten Sinne außer sich. Sie war gerade im Theater und hat ein Stück gesehen, das sie zutiefst berührt hat. Die Geschichte einer jungen jüdischen Frau, in die am Tag ihrer Hochzeit der Geist eines toten jungen Mannes einfährt und die sich schließlich in diesen Dibbuk verliebt, hat etwas in ihr ausgelöst. Was genau mit ihr im Theater passiert ist, kann sie selbst noch nicht fassen und schon gar nicht erklären. Aber eins ahnt die aus Afghanistan nach Deutschland geflohene Studentin doch: Diese Aufführung wird ihr Leben verändern.

Wenig später hört Layla die Stimme eines Schauspielers, den sie zuvor auf der Bühne gesehen hat. Kurz darauf steht er neben ihr in ihrem kärglich möblierten Zimmer. Aber es ist nicht der Schauspieler, sondern die Figur, die er im Stück verkörpert hat, ein tragisch Liebender.

Ein Stück von 1920 und seine Wirkung in der Gegenwart

So beginnt nach der Pause der zweite Teil der von Robert Schusters mit dem internationalen Team der KULA Compagnie erarbeiteten Inszenierung "Dibbuk – zwischen (zwei) Welten". Das Theaterstück, das die von Tahera Rezaie gespielte Layla gesehen hat, ist nichts anderes als der erste Teil dieser Inszenierung, also eine leicht modernisierte und vor allem personell gestraffte Version des 1920 uraufgeführten jiddischen Stücks von Salomon An-Ski.

In Schusters Bearbeitung spielt diese "dramatische jüdische Legende" nicht mehr in einem galizischen Schtetl, sondern in einer israelischen Siedlung. Zudem will Leah nicht einen Mann heiraten, den ihr Vater ausgesucht hat. Die von Hadar Dimand verkörperte junge Frau hat sich vielmehr in Jannis Janssen, einen Deutschen, verliebt, den Robert Spitz in der Rolle von Leahs Vater Sender zunächst ablehnt. Als er jedoch sein Einverständnis zu der Hochzeit seiner Tochter gibt, greift der von Romaric Séguin dargestellte Geist Chanans in das Geschehen ein und fährt schließlich in Leahs Körper ein.

Inspiriert vom expressionistischen Schauspielstil der ersten Verfilmung des Stoffs: das KULA-Ensemble © Felix Grünschloss

An-Skis in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen populäres Stück, das 1937 unter dem Titel "Der Dybbuk" von dem Filmemacher und Theaterregisseur Michał Waszyński auf Jiddisch verfilmt wurde, ist selbst schon ein Werk "zwischen (zwei) Welten". Auf der einen Seite ist es ein jiddisches Volksstück, das tief im Glauben wie im Aberglauben der osteuropäischen Juden vor dem Ersten Weltkrieg verwurzelt ist. Auf der anderen Seite hat Salomon An-Ski das poetische Porträt einer durch die Shoah endgültig zerstörten Welt erschaffen. Künstlerische Überhöhung und eine beinahe schon naiv zu nennende Nähe zur Lebenswelt seiner Figuren gehen in "Der Dibbuk" praktisch Hand in Hand.

Das babylonische Sprachgewirr und die Wundermaschine

Diese Vermischung zweier Welten, von der auch die Handlung dieser "jüdischen Legende" geprägt ist, in der die Welt der Lebenden mit der der Toten kollidiert, greift Robert Schuster zusammen mit der transnationalen KULA Compagnie auf zahlreichen Ebenen auf. In seiner Inszenierung treffen neben den Lebenden und den Toten noch viele weitere Gegensatzpaare aufeinander. Zwischen Welten bewegt sich diese Produktion alleine schon dadurch, dass alle auf der Bühne in ihrer jeweiligen Muttersprache sprechen. Trotzdem können sich dank der Übertitel, die direkt in die Inszenierung einbezogen sind und von ihr sogar als "Wundermaschine" thematisiert werden, alle über die Sprachengrenzen hinweg verstehen. Zudem sind nicht alle Darstellerinnen und Darsteller auf der von Sascha Gross sehr simpel gehaltenen, weitgehend leeren Bühne anwesend. Einige treten nur in Videos auf, die auf tragbare LED-Flächen projiziert werden.

Dibbuk 3 Ensemble CSascha Gross uGelebte Utopie der transkulturellen Verständigung © Sascha Gross

So trifft eine Art von "armem Theater" auf die technischen Möglichkeiten unserer Tage. Die Vermischung von Live-Spiel und Technik ermöglicht überhaupt erst ein gemeinsames Arbeiten von Mitgliedern der KULA Compagnie, die aufgrund der politischen Situation in ihren Heimatländern nicht alle gemeinsam auf der Bühne stehen können. Gerade dieser Aspekt der Inszenierung verleiht ihr einen beeindruckenden symbolischen Charakter, der zugleich weit über alles Symbolische hinausreicht. In einer Welt, die seit dem terroristischen Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober vergangenen Jahres extrem polarisiert ist, treten in "Dibbuk – zwischen (zwei) Welten" israelische und afghanische, deutsche und russische, französische und algerische Schauspielerinnen und Schauspieler gemeinsam auf. So setzt das Ensemble ein Zeichen gegen die allgegenwärtige Spaltung und gegen eine Welt, die von den Geistern der Vergangenheit gerade mehr und mehr auseinandergerissen wird.

Eine neue Ringparabel

Auseinander reißt es zunächst auch Layla, die von dem Geist der von Jonas Schlagowsky im ersten Teil gespielten Figur Jannis Janssen verfolgt wird. Er und das Stück, das sie gerade zuvor gesehen hat, entfachen in der jungen Studentin eine nahezu unstillbare Sehnsucht nach einem eigenen, selbstbestimmten Leben. Doch ihr Vater, der noch in Afghanistan ist, will sie unbedingt mit dem Sohn einer Bekannten ihrer Mutter verheiraten. Dieser Versuch einer arrangierten Ehe zwischen Layla und dem aus Algerien nach Deutschland gekommenen Mustafa führt letztlich zu einer Wiederholung der Ereignisse von An-Skis "Der Dibbuk". Aus der "jüdischen Legende" wird eine über alle nationalen und religiösen Grenzen hinwegreichende Erzählung, die schließlich in einem zweiten Exorzismus gipfelt, der die Verbindung des jüdischen, des christlichen und des muslimischen Glaubens durch den "einen Gott" betont.

Aus der "zwischen (zwei) Welten" angesiedelten Inszenierung wird eine neue "Ringparabel". Allerdings steht sie eindeutig mehr im Zeichen von An-Skis mystisch-naiver Kunst als von Lessings von den Gedanken der Aufklärung beherrschtem Weltentwurf. Insgesamt scheint Robert Schusters Inszenierung bei aller technischen Modernität regelrecht vom Geist von Michał Waszyńskis Film "Der Dybbuk" erfüllt oder gar besessen zu sein. Dessen vom deutschen Kino-Expressionismus ebenso wie von volkstümlichen jiddischen Traditionen geprägter (Schauspiel-)Stil findet sich in den oft hemmungslos überzogenen Spielarten und Sprechweisen des Bühnen-Ensembles wieder. Es ist eine Ästhetik, die durch Überzeichnungen zum Kern der Dinge vordringen will – auf der Suche nach einer in allen Welten verständlichen Ausdrucksform.

Dibbuk – zwischen (zwei) Welten
von Robert Schuster nach dem Stück von Salomon An-Ski
Regie und Text: Robert Schuster, Bühne: Sascha Gross, Musik und Sounddesign: Max Bauer, Tonassistenz: Chao Liu, Videodesign: Simon Vorgrimmler, 3D Animation: Andrew Arnold, Dramaturgie: Yotam Gotal, Regieassistenz & Übertitel: Khitam Hussein, Dramaturgische Begleitung: Zainab Qadiri, Produktionsmanagerin: Mareike Lehne: Produzent: Eric Nikodym.
Mit: Max Bauer, Hadar Dimand, Sara Khalili, Slava Kushkov, Céline Martin-Sisteron, Tahera Rezaie, Jonas Schlagowsky, Peter Schorn, Romaric Séguin, Masha Shmoulian, Zineddine Smain, Robert Spitz, Im Video: Fariba Baqueri, Pasquale di Filippo, Azar Mahdavi, Andrea De Majio, Soliman Saien, Alexander Simon, Homan Wesa.
Eine Produktion der KULA Compagnie in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dasvinzenz München
Premiere am 17. Mai 2024
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.ruhrfestspiele.de

kulacompagnie.eu 

 Kritikenrundschau

"Von Magie keine Spur," schreibt Bernd Aulich in der Recklinghäuser Zeitung (21.5.2024). Robert Schuster versuche sich "im Setting des arnen Theaters auf den Spuren des verstorbenen Peter Brook". Doch mit der Intensität der Akteure "Funken der Faszination" zu schlagen, vermöge Schuster an diesem "lähmend langen Abend" nicht. Auch die Ringparabel empfindet der Kritiker als billigen "Happen für Bildungsbürger". Einen Tiefpunkt erreicht die "dümpelnde Stückentwicklung" für ihn mit einer pauschalen Diffamierung des katholischen Geistlichen. Die muslimische Dibbuk-Variation bezeichnet Aulich als "dünne Kopie".

 
Kommentare  
Dibbuk, Recklinghausen: Musik
„Tubular Bells“ von Mike Oldfield - nicht die ganze Platte, nur die Klavierpassage …
Wer Ohren hat (und Kenntnisse) der höre!
Dibbuk, Recklinghausen: Toll
Ich war in dem Nachgespräch mit der Gruppe. Ich fand den Abend toll, aber auch sonst scheint das wirklich eine coole Truppe zu sein. Würde gerne mehr von ihnen sehen.
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