Hacker beim Abendmahl

18. Mai 2024. Das dystopische Bild der Welt, das Sibylle Berg in ihrem Roman "RCE" zeichnet und gleichzeitig verspottet, hat nun auch Wilke Weermann inszeniert, und er macht am Theater Münster viel daraus.

Von Kai Bremer

Sibylle Bergs "RCE #Remotecodeexecution" von Wilke Weermann am Theater Münster inszeniert © Sandra Then

18. Mai 2024. Ganz so rasant wie in der Hauptstadt geht's in Münster nicht zu. Nachdem Kay Voges Sibylle Bergs Roman "RCE. #RemoteCodeExecution" vor drei Wochen am Berliner Ensemble in gerade einmal 72 Minuten zum Tanzen gebracht hat, leistet sich Wilke Weermann am Theater Münster immerhin 80 Minuten, um sich dem Roman zu stellen. Das ist auch nicht viel für einen 700-Seiten-Wälzer. Allein die Vorstellung aller im Verlauf irgendwann mal erwähnten Figuren würde vermutlich länger dauern.

Sibylle Bergs Roman besteht aus vielen, vielen Szenen, die ein dystopisches Bild der Welt zeichnen, wo die Folgen des globalen Kapitalismus und des daraus resultierenden Klimawandels zu greifen sind. Im typischen Berg-Sound werden alle und alles verspottet.

Fromme Seelen gegen die Dystopie

Wilke Weermanns Inszenierung trägt dem nicht zuletzt optisch Rechnung. Die Schauspieler:innen stecken in beige- und pastellfarbenen Rüsch- und Plüsch-Kostümen (Johanna Stenzel), teilweise sind sie außerdem durch Fat- und Muscle-Suits deformiert. Die Bühne ist ein postsäkularer Kirchenraum. Auf einem Altar, der im Verlauf des Abends munter über die Bühne geschoben wird, stehen keine christlichen Insignien mehr. In den Wandregalen liegen – fast wie Reliquien – letzte Erinnerungen an die Warenwelt der inzwischen verwaisten Kaufhäuser. Über all dem prangt ein leidender Christus, dem Hände und Füße fehlen. Eine fromme Seele hat sich seiner erbarmt und einen Sonnenschirm über ihm aufgespannt.

Im postsäkularen Kirchenraum: Wilke Weermanns Inszenierung von "RCE" mit dem Bühnenbild von Johanna Stenzel © Sandra Then 

Die sechs Darsteller:innen (Ilja Hares, Agnes Lampkin, Rose Lohmann, Pascal Riedel, Ansgar Sauren, Artur Spannagel) geben Bergs Pointen-Feuerwerk viel Raum. Zuspitzende Dialoge wechseln sich mit betont klamaukigen Schilderungen ab. Ein paar Portionen chorisches Sprechen werden auch serviert.

Das stellt sich der Erzählweise von "RCE" und kommt im Publikum gut an. Gleichzeitig haben Weermann und Dramaturgin Victoria Weich aus dem Text eine Bühnenfassung kondensiert, die trotz aller Momenthaftigkeit nicht gänzlich in Einzelteile zerfällt. Das liegt in erster Linie an den sechs postheroisch-drolligen Hacker-Aktivisten, die sowas wie Hauptfiguren sind und einen revolutionären Zusammenbruch des Finanzsystems mittels eines dezentralen Internets und der App RCE vorbereiten und schließlich auch realisieren.

Letzte trockene Flecken

Ihnen gegenüber steht vor allem Freia (Agnes Lampkin) – eine Nazi-Erbin, die sich zwar auf die Cayman-Inseln absetzen kann. Rettung ihres privilegierten Lebens verspricht das aber nicht. Denn die Inseln gehen nicht nur allmählich durch den steigenden Meeresspiegel unter. Als sie ankommt, haben sich schon andere Pelz tragende Menschen die verbliebenen trockenen Flecken gesichert – eine letzte kluge Investition angesichts der neuen Bedeutungslosigkeit ihrer Kreditkarten.

Der Kontrast zwischen den sechs schrulligen Hackern und der ehedem stolzen wie herrischen Möchtegern-Freifrau gibt dem Abend – zumal gegen Ende – nicht nur Struktur. Er positioniert die Inszenierung auch und greift Momente auf, die von Beginn an angelegt sind.

Unter der Knute der Digitalisierung, des globalen Kapitalismus, des Klimawandels: "RCE" am Theater Münster © Sandra Then

Schon eingangs lässt Weermann die sechs Darsteller:innen zu einer Art Abendmahl inklusive "Komm Herr Jesus, sei du unser Gast"-Gesummse und übertrieben sanftem Lächeln antreten. Sie versammeln sich hinter dem Altar im Kreis und ziehen sich Plastiktüten über ihren Kopf und Oberkörper, allmählich ersticken sie. Was zunächst wie eine Verballhornung des christlichen Kultus anmutet, verwandelt sich in eine Allegorie für die gegenwärtige Selbsttötung durch umweltzerstörende Konsumgüter.

Zwischen Gesellschaftskritik und Satire

Das erste zarte Giggeln im Publikum über die Frömmler der Zukunft wird vom moralischen Vorschlaghammer zum Schweigen gebracht. Später lässt Weermann die Darsteller:innen vor dem Kirchenfenster im Bühnenhintergrund verschiedene Szenen des Romans sprechen, während sie sich deutlich verlangsamt bewegen oder ganz erstarren. So entstehen Szenen, die im ersten Moment an Tableaux vivants erinnern. Sie muten für Sekunden ernsthaft, teilweise fast erhaben an, um dann durch übertriebene Gesten ironisch gebrochen zu werden.

Weermanns Inszenierung ist also eine Bildsprache eigen, die dem Umstand Rechnung trägt, dass "RCE" zwischen Gesellschaftskritik und Satire laviert. Das ist einerseits schlüssig und zeigt, wie präzise sich der Regisseur und sei Team dem Roman gestellt haben. Gleichzeitig kommentiert die Inszenierung aber auch "RCE" selbst. Denn der Abend in Münster macht letztlich deutlich, dass Bergs Roman im Kern kaum mehr als eine grundlegende kompositorische Idee hat. Was die reine Dauer der Inszenierung kaum vermuten lässt: Weermann hat aus "RCE" ziemlich viel gemacht.

RCE. #RemoteCodeExecution
von Sibylle Berg in einer Bearbeitung für die Bühne von Wilke Weermann
Inszenierung: Wilke Weermann, Bühne und Kostüme: Johanna Stenzel, Musik und Sounddesign: Constantin John; Dramaturgie: Victoria Weich.
Mit: Ilja Hares, Agnes Lampkin, Rose Lohmann, Pascal Riedel, Ansgar Sauren, Artur Spannagel.
Premiere am 17. Mai 2024
Dauer: 1 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.theater-muenster.com

 Kritikenrundschau 

"Insgesamt ist Weermann hier eine sehenswerte Adaption des Buches gelungen," schreibt Helmut Jasny in den Westfälischen Nachrichten (21.05.2024). "Die Schauplätze sind sinnvoll umgesetzt, und die handelnden Personen werden angemessen freakig und mit der richtigen Portion Komik dargestellt. Und dass er und sein Ensemble es geschafft haben, den 700-Seiten-Roman auf ebenso kompakte wie hochtourige 75 Minuten zu verdichten, ist für sich schon eine Leistung."

Von einer "Dystopie mit spöttischen Schlaglichtern auf die Elon Musks und Bill Gates dieser Welt, auf digitale Geldströme, Firmen- und Bankenvorstände, die Cayman Islands als Rettungsanker und die Abgehängten, die sich eigentlich sprichwörtlich die Kugel geben könnten", spricht Andrea Kutzendörfer in der westfälischen Tageszeitung Die Glocke (21.05.2024). Der Theateradaption des Berg-Buchs bescheinigt die Kritikerin Witz, den Schauspieler*innen des Abends Bravour.

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