Verbogene und Gebeugte

26. Mai 2024. Die Deformation von Körper und Seele durch entfremdete Arbeit ist ein dankbares Theaterthema: Im Spiel lässt sich zeigen, ja, überspitzen, was man sonst nur unterschwellig spürt. Besonders, wenn die Meisterin der Groteske Anita Vulesica sich ein Stück des experimentellen französischen Autors Georges Perec vorknöpft.

Von Sophie Diesselhorst

"Die Gehaltserhöhung" von George Perec am Deutschen Theater Berlin © Eike Walkenhorst

26. Mai 2024. Gott ist ein DJ, und er heißt Fräulein Jolande. Der geniale Theatermusiker Ingo Günther, den man aus den Inszenierungen von Herbert Fritsch kennt, ist Zentrum und Highlight dieser Inszenierung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

Unsichtbare Hindernisse

Anita Vulesica hat sich die 1970 in Paris uraufgeführte absurde Komödie von Georges Perec vorgenommen, deren Handlung sich kurz zusammenfassen lässt: Der Angestellte eines großen Unternehmens unternimmt mehrere Vorstöße, seinen Abteilungsleiter um die titelgebende Gehaltserhöhung zu bitten. Dabei bleibt er jedesmal an einer unsichtbaren Schwelle hängen, die er erst in der Szene darauf überschreiten kann, aber da lauert dann natürlich schon das nächste psychologische Hindernis. Unbegründete Angst vor dem Vorgesetzten, mangelndes Selbstvertrauen, vorauseilender Gehorsam. Der Angestellte ist einfach schon viel zu verformt von seinem Angestelltenverhältnis.

Ob die Hoffnung, die ihm sein Abteilungsleiter bei der letzten Anfrage "gegen Ende seines (Arbeits-)lebens" macht, erfüllt wird, lässt das Stück offen. Aber dass es sich bei der Bemühung des Angestellten um angemessene Bezahlung sowieso um eine Sisyphos-Arbeit handelt, hat das Stück hinreichend klar gemacht.

Rauchende Perücke, neurotischer Touch

Anita Vulesica lässt das Unternehmen, in dessen Bürogebäude das Stück spielt, so aussehen, wie man sich eine Easyjet-Lounge vorstellt. Orange-grau-billo ist das unfreundliche visuelle Motto der Szenerie, die aber erheblich dadurch aufgewertet wird, dass Fräulein Jolande an einem futuristisch gestalteten Empfangstresen in ihr thront und, wie auf ihrem Computer tippend, auf einem Synthesizer elektronische Musik vom Feinsten erzeugt. Wer braucht Sinn, solange da ein Rhythmus ist?

Fräulein Jolande stellt sicher, dass es immer weitergeht und niemand aussteigt und hebt sogar einmal gezielt die Moral, wenn sie hinter ihrem Tisch hervorkommt, (per Playback) ein bisschen mit hoher Frauenstimme scattet und dazu dezent tänzelt. Allerdings bleibt's bei diesem einen Extra-Auftritt, der sie doch sehr anzustrengen scheint, denn ihre hohe Perücke fängt daraufhin auch noch an zu rauchen – und das Publikum johlt.

Teil des systemisches Problems: die Abteilungsleiterin (Beatrice Frey) © Eike Walkenhorst

Hinter dem Empfangstresen, um den zu den Szenen-Umbrüchen eine zylindrische Wand niedergeht, als säße Frau Jolande in einer Zentrifuge, steht eine Wand aus orangenem Plexiglas. Aus zwei Türen an den beiden Seiten quellen die sechs Schauspieler heraus, die zusammen den Angestellten spielen. Bei Georges Perec haben sie Rollennahmen wie "das Angebot, die positive Hypothese, die Schlussfolgerung”. In Vulesicas Inszenierung teilen sie sich den Text und geben ihrer Figur gleichwohl genießerisch jede*r eine bestimmte Nuance: Abak Safei-Rad ist das Stehaufmännchen, das sich immer als erste aufrappelt, Moritz Grove gibt dem Anstellten den neurotischen Touch, wenn er auf einmal den Papierkorb sich von selbst bewegen sieht.

Master of Gaslightning

Aber die Gruppe bleibt zusammen, auseinander fallen nur ihre Kostüme, die sie peu à peu abpellen. Aus grauen Anzugträger*innen werden abgekämpfte Sportler*innen in langer weißer Unterwäsche, die ihre angeschnallten dicken Schultern zur Schau stellen. Diese Schultern sind übrigens vielleicht das einzige wirklich deutliche Statement der Inszenierung: Die ewige Verspannung des Angestellten, die sie trefflich symbolisieren, wird so am Ende kenntlich gemacht als ein systemisches Problem. Sie ist nicht, wie es der stets milde lächelnde Abteilungsleiter (Beatrice Frey) suggerieren würde, auf dem eigenen Privatmist des Angestellten gewachsen.

Frey stattet diesen Master of Gaslighting mit der Souveränität eines Chefs auf der Zwischenebene aus, der die Kunst der Entfremdung von seinem Job perfektioniert hat und deshalb die gehobene Lässigkeit der Gelangweilten verströmt. Der Rest des Ensembles verlässt sich eher auf klassische komödiantische Effekte: Es zucken die Glieder, es werden die ohnehin in Dauerschleife skandierten wenigen Wörter und Sätze des Stücks zerdehnt und zur Kenntlichkeit entstellt. Mit Fräulein Jolande als Beatgeberin ergibt sich so eine gute Balance.

Gehaltserhoehung2 1200 EikeWalkenhorstVom Job überformt: die Angestellten © Eike Walkenhorst

Überhaupt setzt die Inszenierung ihre Mittel sehr präzise ein: Die Livecam, in die die Angestellten-Gruppe anfangs hineinperformt, erinnert direkt an Mockumentaries wie "The Office”, in denen die Abgründe der Arbeitswelt auf die Spitze getrieben werden. Nur dass die Performer*innen hier im Theater nicht in der Lage sind, so zu tun, als würden sie die Kamera ausblenden. Stattdessen drängen sie sich ums Kameraauge, als wär's ihre letzte Rettung.

Zeitgenössische Arbeitswelten?

Ein schöner Twist, der aber nicht ganz dafür entschädigen kann, dass der Abend letzlich harmlos bleibt. Er verharrt in der Beobachtung der Ohnmacht des einzelnen Angestellten und blendet außerdem zeitgenössische Arbeitswelten aus, in denen Hierarchien gar nicht so leicht zu greifen sind, weil sie unsichtbar gemacht werden.

Aber wollen wir mal keine Spielverderber sein. Nichts nimmt der Angestellte so ernst wie seine Lohnarbeit. Diese Arbeitswelt mal mit ein bisschen Distanz und Humor zu sehen, kann bestimmt nicht schaden. Wobei das natürlich auch schon wieder so ein Abteilungsleiter-Spruch sein könnte.

Die Gehaltserhöhung
von Georges Perec
Regie: Anita Vulesica, Bühne: Henrike Engel, Kostüme: Janina Brinkmann, Choreografie: Mirjam Klebel, Musik: Ingo Günther, Licht: Kristina Jedelsky, Dramaturgie: Lilly Busch.
Mit: Abak Safei-Rad, Evamaria Salcher, Frieder Langenberger, Moritz Grove, Katrija Lehmann, Jonas Hien, Ingo Günther, Beatrice Frey
Premiere am 25. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

Kritikenrundschau

"Wie die Bitte um eine Gehaltserhöhung in einem entfremdeten und sinnlosen Arbeitszusammenhang der letzte Antrieb des Angestellten ist, wird bei den Spielern das Abrackern um die Gunst des Publikums zum Selbstzweck des Spiels," schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (26.5.2024). Mit dem Unterschied, so Seidler weiter, "dass im Theater prompt in Jubel und Applaus ausgezahlt werde, während der Abteilungsleiter (Beatrice Frey) erst sehr lange unerreichbar, dann hart und am Ende indifferent bleibt."

Das Stück sei "ein einziger leicht manisch in vielen Variationen und Wiederholungen durchgespielter Verhinderungsparcours, ein auswegloses Labyrinth der Absagen, Vertröstungen, geschlossenen Türen und verpassten Gelegenheiten", so Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (27.5.2024). In Vulesicas Regie drehe der Chor der Angestellten zunehmend durch: "Je devoter die Angestellten eben noch ihre Vorgesetzten gegrüßt haben, je penibler sie die Form wahren wollten, desto heftiger geraten ihre Körper außer Kontrolle. Die Ordnung der restlos verwalteten Welt produziert den schönsten Wahnsinn: Foucault hätte seine helle Freude an diesen frei laufenden Büroinsassen."

Vulesica, Expertin fürs Absurde und Groteske, inszeniere das Stück "mit großer Freude an körperlichen Verrenkungen und slapstickhafter Überzeichnung", formuliert Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (27.5.2024). Auch wenn die Angestellten-Untergebenheit etwas gestrig wirke, mache der Abend Spaß, "weil Timing und Rhythmus erstklassig sitzen und weil Gehaltsverhandlungen nun mal eine zeitlos unangenehme Angelegenheit sind".

"'Die Gehaltserhöhung' ist über weite Strecken urkomisches Theater", urteilt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (26.45.24, €). Regisseurin Anita Vulesica, die "ihr Faible für absurdes Theater am DT" bereits bewiesen habe, verlege das Stück "in ein futuristisch anmutendes Start-up-Foyer" und spitze auch den Text "in eigener Fassung fürs Heute" zu. Aus der Rezension spricht sichtliche Freude daran, wie sich das "großartige Ensemble" in einer "fulminanten Physical-Theatre-Choreographie" in "Richtung Abteilungsleiter hochzubuckeln" versuche.

Kommentare  
Die Gehaltserhöhung, Berlin: Flaschenpost zum Kafka-Jahr
Lustiger Abend. Grade weil es in den Arbeitshierarchien heute ganz anders ist. Wie eine Flaschenpost zum Kafka-Jahr. Auch flott inszeniert und mit Spass gespielt.
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