Menschen mit kurzer Zündschnur

9. Juni. Dana Vowinckels Debütroman über eine jüdische Familiengeschichte zwischen den USA, Israel und Deutschland empfiehlt sich eigentlich als Stoff der Stunde. In Bernadette Sonnenbichlers Bühnenadaption klingt allerdings nicht nur die junge Protagonistin, als hätte sie eine Zeitschrift titels "Teenager" gelesen. Taugt der Abend dafür als Roadmovie?

Von Max Florian Kühlem

"Gewässer im Ziplock" nach Dana Vowinckels Roman am Düsseldorfer Schauspielhaus © Sandra Then

9. Juni 2024. Vielleicht sollte man das überhaupt von Rechts wegen verbieten, dass Romane für die Theaterbühne adaptiert werden. Es geht einfach viel zu oft schief. Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung, die die Uraufführung von Dana Vowinckels "Gewässer im Ziplock" darstellt, ist dafür ein gutes Beispiel. Das gefeierte Debüt der in einer jüdischen Familie in Berlin aufgewachsenen Autorin wird im Düsseldorfer Schauspielhaus zu einem nervenden Ungetüm. Offenbar hat die Regisseurin so wenig Substanz in ihm gesehen, dass sie ihre Figuren ab ungefähr der Hälfte der Zeit nur noch schreien und zetern lässt.

Prophetische Qualitäten

"Gewässer im Ziplock", das für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, erschien im August 2023. Die Autorin ließ ihre zwischen Deutschland, den USA und Israel angesiedelte Geschichte allerdings in der nahen Zukunft enden, zwei Wochen vor dem verhängnisvollen Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Ein Crush der Protagonistin im Teenageralter hört sie in einer Passage am Telefon Hebräisch sprechen und fragt: "Aber du bist jetzt nicht so eine Zionistin, oder?" Die hier aufscheinenden prophetischen Qualitäten, die auf die aktuellen Proteste und Diskussionen im Land verweisen, hat der Roman in der Folge nicht unbedingt. Die Inszenierung behauptet es auch nicht, lässt die Szene gleich ganz weg. Die Reduktion auf eine Familiengeschichte mit Netflix-Plottwists hat er aber eher auch nicht verdient.

Gewaesser im Ziplock 2 C SandraThen uAbdul Aziz Al Khayat und Caroline Cousin © Sandra Then

Ein großes Problem von Theateradaptionen entsteht oft, wenn Regisseur*innen meinen, sie müssten die Handlung dramatisieren – also, so im umgangssprachlichen Wortsinn, mit übertriebenem Einsatz von Emotionen und Lautstärke. Klar, die Protagonistin ist wie gesagt ein Teenager, das Mädchen Margarita, das bei ihrem Vater in Berlin lebt, die Sommer aber bei ihren Großeltern mütterlicherseits in Chicago verbringen muss und irgendwann zu ihrer Mutter nach Israel geschickt wird, die den größten Teil ihres Lebens abwesend war. Wenn sie dann noch zwischen die Fronten ihrer Eltern und der Familiengenerationen gerät und ein vermeintlich dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit erfährt, darf sie natürlich mal die Nerven verlieren. Aber die ganze Zeit?

Trotzig-rotzig und empört

Natürlich entsteht immer eine Diskrepanz zwischen den erzählenden Stimmen, wie man sie als Leser*in liest beziehungsweise hört und wie sie dann auf der Bühne umgesetzt sind. Margarita klingt am Anfang des Buchs eigentlich eher gefasst und cool, erzählt auch mit locker-ironischer Distanz zum Geschehen. Verkörpert von Caroline Cousin, ist sie von Sekunde eins an vollkommen trotzig-rotzig und empört, echauffiert sich darüber, was ihr zustößt, wie sie von ihrem Vater herumgeschubst wird, wie Opa am Esstisch schlürft und Oma nervt, besonders, wenn sie etwas gut meint.

Gewaesser im Ziplock 5 C SandraThen uCaroline Cousin und Cathleen Baumann auf David Hohmanns Bühne © Sandra Then

Vielleicht hat das Team der Inszenierung um Bernadette Sonnenbichler tatsächlich die Ausgabe einer Psychologie-Zeitschrift mit dem Titel "Teenager" gelesen, mit der Margaritas Mutter Marsha irgendwann lasziv am Strand liegt, und daraus auf diesen penetranten Ton der Dauer-Genervtheit geschlossen. Cathleen Baumann legt die Mutter allerdings auch nicht groß anders an – früher hätte man gesagt, die Figur wirkt hysterisch, heute könnte man ihr vielleicht zuschreiben: sie ist irgendwie drüber. Aber nach und nach spielen eigentlich alle Schauspieler*innen ihre Rollen mit kurzer Zündschnur, eine keifende Borderline-Familie. Nur Oma ist irgendwann still, denn sie fällt ins Koma.

Schwebende Requisiten

Um die Großmutter dreht sich auch das große Familiengeheimnis, das mit dem matrilinearen Prinzip zu tun hat, das im Judentum vorherrscht: Nur Kinder, die eine jüdische Mutter haben, gelten religionsgesetzlich auch als jüdisch. Aus dem Roman kann man nicht nur diesen, sondern viele Fakten über das Judentum lernen. Am Ende hängt sogar ein Glossar mit Begriffe an, die etwa Vater Avi benutzt, wenn er von seinem Job als Kantor in einer jüdischen Gemeinde erzählt, wo er bei verschiedensten Anlässen für die Gebetsgesänge zuständig ist. Im Theater spielen solche Exkurse kaum eine Rolle, und an der Nebenhandlung, in der Avi auf einer Beerdigung Hannah kennenlernt, verliert man schnell jegliches Interesse, weil vollkommen unklar bleibt, was hier eigentlich warum erzählt werden soll.

Die Bühne von David Hohmann mit schwebenden Requisiten und die Kostüme von Katrin Wolfermann mit Bildern der Spielorte sind schön anzusehen. Aber sonst? Als Kommentar zur aktuellen Lage in Israel und den Wellen, die sie in der ganzen Welt schlägt, taugt das Stück kaum bis gar nicht. Als Roadmovie oder packende Familiengeschichte nur leider auch nicht wirklich.

Gewässer im Ziplock
Ein Sommer zwischen Berlin, Chicago und Jerusalem
nach dem Roman von Dana Vowinckel
Uraufführung
Regie: Bernadette Sonnenbichler, Bühnenfassung: David Benjamin Brückel, Bühne: David Hohmann, Kostüm: Katrin Wolfermann, Musik: Tobias Vethake, Licht: Konstantin Sonneson, Dramaturgie: Stijn Reinhold.
Mit: Caroline Cousin, Jaron Löwenberg, Cathleen Baumann, Friederike Wagner, Thomas Wittmann, Tabea Bettin, Abdul Aziz Khayat.
Premiere am 8. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de

Kritikenrundschau

"Langen Applaus" sowie "Jubel für die großartigen Schauspieler:innen" und "die gelungene Inszenierung von Bernadette Sonnenbichler" gibt Jo Achim Geschke in der Neuen Düsseldorfer Online-Zeitung (9.6.2024) zu Protokoll. Obwohl der Text vor dem 7. Oktober entstanden sei und die Regisseurin ihn diesbezüglich auch nicht aktualisiere, könne der Abend "durch die Diskussionen in Deutschland dennoch kaum aktueller sein".

David Benjamin Brückel und Bernadette Sonnenbichler hätten "eine gelungene Romanadaption auf die Bühne gebracht", die "nicht die Vorlage als Live-Hörbuch verklappt, sondern eine eigenständige Story erzählt" und zudem "den Mitteln des Theaters nicht misstraut, sondern sie nutzt", zeigt sich Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (9.6.2024) angetan. Dass die Romanhandlung hier auf das Familiendrama verschlankt werde und die Regisseurin sich auf "auf die Leiden ihrer jungen Protagonistin" konzentriere, sei "eine sehr kluge Entscheidung", denn die Hauptdarstellerin Caroline Cousin trage den Abend.

Als überaus fesselnd, bezeichnet Claus Clemens den Abend in der Rheinischen Post (10.6.2024). Bernadette Sonnenbichler habe aus dem Roman "ein großartiges Schauspiel" gemacht.

"Trotz zupackend aufspielender Darsteller – allen voran der fabelhaften Filmschauspielerin Caroline Cousin als verstört mäanderndes 'Pubertier' – eignet sich die pausenlose flockige 120-Minuten-Inszenierung von Bernadette Sonnenbichler allerdings weniger für einen großen Bühnen-Abend mit nachhaltigem Tiefgang", schreibt Michael Georg Müller von der Westdeutschen Zeitung (10.6.2024). Der Kritiker sieht überall Klischees über jüdisches Leben. "So packend Vowinckels Roman auch zu lesen sein mag, so wenig gehen die filmähnlichen Shortcuts auf der Bühne […] unter die Haut."

Kommentare  
Gewässer im Ziplock, Düsseldorf: Leerer Abend
Es ist traurig, das zu schreiben, aber Max Florian Kühlem trifft leider in seiner gut zu lesenden Rezension zu dieser überflüssigen Romanadaption voll ins Schwarze. Sicher lässt sich über Details diskutieren, nur ist eins unstrittig: Es ist ein leerer Theaterabend, der nichts erzählt, der alles Nachdenken der Buchautorin über Jüdisch-Sein in Deutschland und in Israel und in den USA leerem Gewusel, manchmal gar gespickt mit doofen Witzchen, opfert. Da wurde aus guter Literatur eine billige TV-Vorabend-Seifenoper. Bezeichnend: Viele im Publikum der Uraufführung fanden die Szenen um Sterben und Trauer erheiternd und lachten heftig, Traurig.
Gewässer im Ziplock, Düsseldorf: Kritikerblick
Mal wieder ein recht exklusiver Kritikerblick bei Nachtkritik, gespickt mit Unterstellungen und einem misogynem Touch.
Entgegen der ansonsten überwiegend positiven Besprechungen (u.a. Süddeutsche Zeitung, Rheinische Post, NDOZ) scheint der Abend dem Geschmack von Herrn Kühlem nicht entsprochen zu haben. Das ist rechtens und sollte auch nicht "von Rechts wegen verboten" werden. Die Art und Weise ist für mich zumindest diskutabel.
Meines Erachtens ein poetischer und gut gearbeiteter Abend!
Gewässer im Ziplock, Düsseldorf: Kriterienkatalog
Der obigen Rezension stimme ich in vollem Umfang zu. Es ist derzeit so, als müsse ein Kriterienkatalog abgearbeitet werden, wo zum Ende der Spielzeit hinter alledem ein Haken gesetzt werden muss. Seien es Themen zur Situation in der Ukraine (Die Orestie. Nach dem Krieg.), irgendetwas zur Identitätsfindung, ganz viel Videokram (Woyzeck), jetzt ist noch der Fußball dazugekommen (Glaube, Liebe, Fußball), Religion (Keine Sorge. (...) zum Glück abgespielt nach ein paar Monaten), irgendwer angeblich namhaftes von Anderswo (Homeoffice von Toshiki Okada) und nun auch noch die Auseinandersetzung mit Israel und dem Judentum durch Gewässer im Ziplock. Bloß lässt sich Theater nur ungerne durch Genres besetzen, bloß lässt sich auch das Publikum davon nicht begeistern und die einzelnen Stücke verlieren schnell an Interesse, weil im Großen und Ganzen die Qualität und auch die gemeinsame Handschrift der Überzeugung für die Arbeit fehlt. Da gibt es ein toll besetztes Ensemble und dann werden die Möglichkeiten, Fähigkeiten nicht genutzt. Gewässer im Ziplock führt doch zur Verstümmelung des feinen Sinns von Theater. Es sperrt Schauspieler und Zuschauer gemeinsam in einen Korridor, den sie gar nicht betreten wollen. Eingeengt von künstlich aufgezwungenen Themen, um - ja, um wem überhaupt gerecht werden zu können? Natürlich kann Mut in der Wahl von Stücken oder Regisseuren ausgezahlt werden, aber die Spielzeit hier belehrt, dass Behutsamkeit bei der Stückewahl gilt, die echte Spiellust der Schauspieler geweckt werden sollte und der Zuschauer doch auch nur glücklich sein kann, wenn er etwas von den Abenden mitnehmen kann, wenn manchmal etwas für das Herz mit dabei ist, weil Rollen gerne gespielt werden, weil sie positiv herausfordern und auch nach den etwa 90/120 Minuten im Theater noch darüber gesprochen wird und nicht am Ende eines Abends die Flucht aus dem Theatersaal und das prüde Vergessen im Vordergrund des Zuschauenden steht. Liebe und Respekt zum Theater, Begeisterung für Kreativität und Kunst. Der Prozess des gemeinsamen Erlebens eines Stückes zwischen Bühne und Zuschauerraum. Immer wieder sei dem Ganzen eine neue Chance zu geben. Dieser aufgeführte Krampf einer Romanadaption hat es leider nicht verdient. Düsseldorf - findet euch wieder, sodass es Freude bereitet zu euch zu kommen!
Gewässer im Ziplock, Düsseldorf: Vermissung
Ich schätze gute Romanadaptionen sehr und wir sollten sie nicht per se von den Spielplänen verbannen. "Gewässer im Ziplock" war für mich ein literarisches Highlight im vergangenen Herbst/Winter. Ein atmosphärischer, dichter Roman mit vielschichtigen Figuren. Gerade letzteres ist für mich in der Inszenierung völlig auf der Strecke geblieben. Die emotionalen Ausschläge sind tatsächlich auf Telenovela Niveau inszeniert und in der Summe eher unsympathisch. Caroline Cousin würde ich ausnehmen, hat doch Dana Vowinckel eine so dermaßen authentische Teenagerin geschrieben, dass ich auch beim Lesen überrascht über die Intensität der teils plötzlichen emotionalen Ausbrüche war.
Ich habe sehr viele Stellen des Romans vermisst, die ich inhaltlich entscheidend finde. Da tut die Reduktion auf die Familiengeschichte nicht gut. Vielmehr hat man das Gefühl, man versucht fotogen auf dem Spielplan die Themen der Zeit unterzubringen ohne dann wirklich politisch oder tiefer inhaltlich mit diesen umzugehen. Die Amivalenz und Selbstverständlichkeit in der Familie, Geschichte, Religion, Kultur und Gegenwartspolitik und die Auseinandersetzung mit Jüdisch-Sein im Roman miteinander verschmelzen war/ist doch gerade das Besondere daran. Bei dieser Fassung bleibt einfach zu viel auf der Strecke.
Für mich spiegelt die Kritik viel von dem wieder, was ich an dem Abend erlebt und auch bei anderen Zuschauenden wahrgenommen habe.
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