King of Kurz

13. Juni 2024. Veit Sprenger, einer der Köpfe der Performancegruppe Showcase Beat Le Mot, hat sein erstes belletristisches Buch vorgelegt: ein Band mit Kurz- und Kürzestgeschichten. Es ist eine Literatur im Mittelfeld zwischen Kurt Schwitters und Franz Kafka, die einem wohltuend das Hirn ver- und gleich wieder entknotet. Und einen Riesenspaß macht!

Von Christian Rakow

13. Juni 2024. Das Buch ist schon einige Wochen draußen. Nach journalistischen Maßstäben ist diese Rezension spät dran. Aber die Zeit von Showcase Beat Le Mot war immer schon eine andere. Warum nicht auch meine?

Showcase Beat Le Mot waren da, lange bevor ich meine ersten Sätze zu Papier brachte. Es ist die Gruppe, die auf einen Rundgang durch ein barockes Lustschloss einlud – und dann landete man unter einem rätselhaften, schiffssegelgroßen Tuch und lauschte ambientmäßiger Elektro-Mucke (The Top Five Letters of Liaisons Dangereuses). Sie versprachen "Alles" und lockten in eine seltsame Alchemistenbude jenseits aller Dinge. Sie raubten unsere Herzen, als sie den Räuber Hotzenplotz mit Omas Kaffeemühle davonkommen ließen. Sie feierten und beerdigten Revolutionen und beregneten mit 1000 fallenden Gegenständen den Bühnenboden im Hebbel-Theater (1000 Things Falling). Showcase: das ist Theater wie aus psychedelischen Pilzen geschöpft. Bewusstseinserweiternd.

Das Feinste vom Forst

Veit Sprenger ist einer der Köpfe von Showcase Beat Le Mot, und er hat jetzt ein Buch vorgelegt. Nicht sein erstes, aber sein erstes belletristisches: "Wie sie im Vergnügungspark ihre Toten bestatten" heißt es.

Im Titel dieses Kurz- und Kürzestgeschichtenbandes steckt eigentlich schon alles drin. Morbid und vergnüglich geht es zu. Verblüffend auch.

"Hier auf der Sonne macht eine Sonnenuhr doch gar keinen Sinn", bemerkte plötzlich einer.

So gehen Erzählungen bei Sprenger los. Und wie dieser blitzgescheite Sonnenuhrbauer denkt man sich beim Lesen Mal ums Mal: Stimmt! Es ist eigentlich so einfach. Warum nur habe ich es nie so sehen können?

Es macht keinen Sinn – und doch so viel. Sprenger erzählt parabelhaft, mit herrlichem Gespür für widersprüchliche und surreal verquirlte Bilder und Konstellationen. "Meine Freundin wohnt im Wald, aber sie denkt, es sei eine Zweizimmerwohnung in Berlin-Neukölln", heißt es in einer anderen Geschichte. Und von dort aus geht Sprenger in ebendieser Doppeloptik weiter und erweckt seine Wald- und Großstadtdschungelbewohnerin zum Leben, lässt sie nach einer Handvoll Eicheln greifen, wenn sie hipsteresk den frischen Kaffee aufbrühen will. Das Feinste vom Forst.

Alltägliches unterm Brennglas

Sprengers Geschichten sind kompakt, manchmal nur vier Zeilen lang. "In der Ära von kurzen Botschaften auf X, Facebook und andren Kanälen scheint es zwangsläufig zu sein, den literarischen Ausstoß mit den Lektüregewohnheiten der Leser zu synchronisieren", steht im Klappentext. Und so kurz wie die Texte sind, kann man sich prima in ihre Details verlieben: in die freundliche Nonchalance, in den beiläufigen Ton, in die Lockerheit, mit der Absonderlichkeiten hier hingeworfen werden, in die Klarheit, in der Alltägliches unters Brennglas kommt:

"An einem Abfalleimer traf ich einen Mann in meinem Alter. Er wollte etwas herausholen, ich wollte etwas hineinwerfen. Beide nahmen wir Abstand von unserem Vorhaben, beide beschämt", schreibt Sprenger unter dem Titel "Der Doppelgänger".

Ein wenig erinnert mich dieses Erzählen an die schönen, aber weitgehend unbekannten Märchen von Kurt Schwitters. Ein bisschen auch an die bekannteren Kurzgeschichten von Franz Kafka. Jedenfalls an eine gleichnishafte Literatur, die einem gut das Hirn verknotet, aber doch nicht so sehr, dass man vor lauter Paradoxie gar nicht mehr geradeaus gucken kann.

Gute Schlagseite

Sprengers Erzählband verströmt jenen Zauber, den ich in den besten Abenden von Showcase Beat Le Mot verspüre. Den Zauber selbstverständlicher Verschrobenheit. Er ist eine Einladung in eine Welt, die nur knapp neben der unsrigen liegt und doch nach eigenen, gänzlich autonomen, fabelhaften, genuin poetischen Gesetzen abläuft.

"Das sinkende Schiff hatte inzwischen deutlich Schlagseite nach Lee. Ich beschwerte mich beim Steward, weil das Wasser über Backbord aus dem Pool rann."

Alles verdoppelt sich zur Kenntlichkeit. Dieses Erzählen hat gute Schlagseite. Es sei allen sehr ans Herz gelegt, die wissen, dass ein Kopf mitunter hin und her geschüttelt werden muss, um wieder in Balance zu kommen. Wer will schon tagein, tagaus mit steifem Nacken stier starrend umher rennen?

 

 

Wie sie im Vergnügungspark ihre Toten bestatten
von Veit Sprenger
Literatur Quickie, 116 Seiten, 19 Euro

www.literatur-quickie.org

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