Mein Leben als Außerirdische

14. Juni 2024. Mateja Meded hat bei Yael Ronen gespielt und mit Thomas Köck die Geschichte der Kardashians dramatisiert. Nun rechnet sie in einem autofiktionalen Monolog mit der Mehrheitsgesellschaft ab.

Von Patricia Kornfeld

"Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus" bei den Wiener Festwochen © Nurith Wagner Strauss

14. Juni 2024. Es gibt Worte, von denen eine solche Anziehungskraft ausgeht, dass man den Blick nicht von ihnen abwenden kann: "Fotzenschleimpower" ist so ein Wort. Zur Idee für diesen Ausdruck, besser gesagt für den Titel ihres Theaterstücks "Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus", das im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführt wurde, kam Regisseurin und Schauspielerin Mateja Meded 2020 während der Pandemie.

Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Ihre Wohnung wurde fristlos gekündigt, weil sie mit der Miete im Verzug war, auch Telefon und Internet wurden gesperrt. Schauspielaufträge gab es keine. "Ich lag dann so ganz alleine während Corona im Bett und das einzige Hobby, das übrigblieb, war Masturbation", erklärte Meded im Gespräch mit Festwochen-Intendant Milo Rau.

Ein Planet namens Jugoslawien

In ihrer Solo-Performance offenbart sie in einem ausdauernden und tragikomischen Monolog die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin. Aus Perspektive eines Aliens, denn genauso fühlt sie sich: entwurzelt, anders, wie "Fotzendreck". Weder im Literatur-Studium in Hildesheim noch auf Theaterpremieren oder Kunstpartys empfindet sie so etwas wie Zugehörigkeit. Ihre Heimat, die sie aufgrund des Bosnienkrieges 1992 verlassen musste, gibt es nicht mehr. Judith, ihre aufgeklärte und reflektierte Studienkollegin, schreibt ein Buch über Flucht und das Aufwachsen mit Gewalt, das als Theaterstück adaptiert wird. Der Inhalt ist aber weit entfernt von allem, mit dem Judith je konfrontiert war. Sie hat die Geschichte gestohlen.

In Wirklichkeit ist es die der Protagonistin. Mit einem UFO (Auto) kam sie von einem weit entfernten Planeten (Jugoslawien) nach Deutschland, versteckte sich als kleines Kind ohne Pass und Papiere unter dem Rock der Großmutter, damit der Grenzwärter sie nicht entdeckte. Wie ohrenbetäubend laut ihr kleines Herz pochte, als seine Pranke den Autoboden nach verborgenen Passagieren abtastete. Sie war Zeugin, wie ihr Großvater von einem Polizisten zu Boden geworfen wurde, weil die Herkunft darüber entscheidet, wem gegenüber das Gesetz Freund und Feind ist. Erhielt von ihrer Mutter eine Ohrfeige für eine mittelmäßige Schulnote, weil sie damit nicht aufs Gymnasium könne und also für die Deutschen putzen müsse.

Das Kleid passt wieder

Judiths fehlende Skrupel, sich an fremden Lebensrealitäten zu bereichern, stoßen ihr sauer auf. Trotzdem macht sie sich möglichst schick für die Premiere ihrer Theaterinszenierung, um in der Menge der privilegierten Weißen nicht anzuecken, passt dank Abnehmspritze auch wieder in das hübsche, kurze Kleidchen. Der Schönheits- und Schlankheitsdruck bilden das Sahnehäubchen des Dilemmas.

Mateja MededNurith Wagner Strauss 6464Mateja Meded als Alien © Nurith Wagner Strauss

All diese prägenden Stationen einer Frauenbiografie bringt Mateja Meded mit überzeugender Inbrunst auf die Bühne. Im Fokus stehen knallharte Gesellschaftsdiagnosen. Abgerechnet wird mit Buchhändler*innen, die queer-feministische Buchshops in Arbeitervierteln eröffnen und damit die Gentrifizierung befeuern. Die Bücher wie das von Judith anbieten. Mit sogenannten "Nepo-Babys", die es sich dank dem Erbe des patriotischen Opis überhaupt erst leisten können, solche Läden zu eröffnen und sich dadurch möglicherweise mehr an der NS-Zeit bereichern als ihnen bewusst ist. Meded arbeitet sich hier an einem realen Fall ab. 

Liebe Grüße an die Kulturverwaltung

Gebannt lauschte man dem Wortschwall, der bei der Premiere mal sanft, mal rasiermesserscharf durch das koproduzierende Wiener Kosmos-Theater fuhr und die 70minütige Solo-Performance Mededs rasant vergehen ließ. Sie betont jedes Wort genau, wird aufbrausend oder ganz leise. Lacht laut, wenn sie E-Mails an Kulturvertreter*innen mit pseudo-freundlichen Floskeln spickt, obwohl sie von diesen Personen ohnehin nie eine Antwort bekommt. Die Technik wurde im Stück gekonnt eingesetzt: Videosequenzen oder Tonbandaufnahmen unterstreichen den hitzigen Vortrag und verleihen ihm zusätzliche Würze (Voiceover: Mika Amsterdam, Anna Laner).

Der vorgetragene Text überlappt sich zum Teil mit einem Artikel von Meded, den sie 2018 auf Zeit Online veröffentlichte. Darin führte die Schauspielerin auch aus, warum sie als Alien wahrgenommen werde: "Ich gehöre nicht zum Kreis der Deutschen, wegen meiner Brandmarke 'Flüchtling'." Und genau deshalb ist die Alien-Metapher in der Bühnenperformance klug gewählt. Schnell wird klar: Die Protagonistin mag sich zwar wie ein Alien fühlen, aber ihre Erlebnisse trugen sich nicht auf dem Mars oder Proxima Centauri b zu. Dass Menschen in Schichten und Klassen unterteilt werden und Rassismus sowie Diskriminierung die Gesellschaft spalten, ist allzu irdisch.

 

Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus
von Mateja Meded
Konzept, Regie, Performance: Mateja Meded, Voiceover: Mika Amsterdam, Anna Laner, Dramaturgie: Anna Laner, Lichtgestaltung: Dulci Jan, Ton: Karl Börner, Übersetzung Übertitel: Lucy Jones, Übertitel: Leoni Reilly.
Premiere am 13. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at
www.kosmostheater.at

 

Kritikenrundschau

Mateja Meded erzähle hier wenig über Masturbation, "aber viel von der Diskrepanz zwischen ungewolltem Flüchtlingskind und dem Reüssieren im deutschen Kulturbetrieb. Das gelingt ihr sehr gut", so Margarete Affenzeller im Standard (16.6.2024). Die Schauspielerin stecke in einem lasziven, semitransparenten Skinfit-Jumpsuit und wechsele gelegentlich auf ein kleines Laufband, um den unterbrechungslos vorgetragenen Text zu modulieren. Mededs Kritik des von Nepo-Kindern bevölkerten Kulturbereichs treffe aber einen wunden (und von der FPÖ gern ins Treffen geführten) Punkt. 

"Das Stück ist Anklage und Attacke zugleich, ein zorniger Sermon am Rand der Atemlosigkeit, eine Raserei durch ein hartes Leben", so Thomas Kramar in der Presse (16.6.2024). Meted lächele nicht, "das Süßeln der Bobos ist ihr zuwider, ihr Humor ist bitter" und ihre "Sprachkunst ist scharf und groß". Solche literarischen Zeugnisse seien für eine Einwanderungsgesellschaft ganz wesentlich, wenn sie nicht in einander fremde Welten zerfallen will.

Kommentare  
Fotzenschleimpower, Wien: Stößt auf
Stößt nur mir sauer auf, dass die, ich gestehe, von mir keineswegs geschätzte, Autorin, ihrer unsympathischen Gegenspielerin ausgerechnet den hebräischsten aller Frauennamen gegeben hat?
"Judiths fehlende Skrupel, sich an fremden Lebensrealitäten zu bereichern . . ."
Ahasver, ick hör dir trapsen. Die Festwochen gönnen sich wirklich.
Fotzenschleimpower, Wien: Schelm, der Böses...
Nein, das ist mir auch sofort aufgefallen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt….
Fotzenschleimpower, Wien: Opfer?
Diese ewigen Klagen, wie böse alle seien, wie schlecht alle eine behandelten, gehen mir so auf den Sack. Ich komme auch aus Bosnien, ich musste als Kind auch vor dem Krieg fliehen, aber beklage ich mich deswegen? Opfer wird man wohl unverschuldet, aber es liegt in der eigenen Hand, ob man‘s bleibt.
Fotzenschleimpower, Wien: Im Verkauf
Hallo !
Aber was verkauft sich gut im Theater ? Was wollen die Leute sehen ? Schicksal , schwierige Kindheit , Sucht , bla bla . Es geht auch ums verkaufen . Wenn Sie einen Solo - Abend machen mit dem Titel : „Mir geht’s gut ! " , ist das schon mehr als obszön!
Also : verkaufen was geht !
Gruß
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