Das Kapital und die Moral

14. Juni 2024. Steil bergab geht's für den Titelhelden in Shakespeares selten gespieltem Stück: Er wird vom Mäzen und Menschenfreund zum misanthropischen Rächer. Regisseur Andreas Kriegenburg kehrt mit dieser Inszenierung in seine Geburtsstadt zurück – an das Theater, in dessen Werkstätten er einst als Tischler begann. 

Von Michael Laages

"Timon von Athen" in der Regie von Andreas Kriegenburg am Theater Magdeburg © Katrin Ribbe

14. Juni 2024. Willkommen, bienvenue, welcome … – der Gastgeber begrüßt jeden und jede mit Handschlag und persönlich am Eingang zum Magdeburger Schauspielhaus, und Rainer Frank freut sich als Timon von Athen über alte Bekannte genauso wie über gänzlich unbekannte Gäste. Er gibt halt gern rauschende Feste, ist großzügig und verschwenderisch wie niemand sonst, lässt sich schmeicheln noch von den abgefeimtesten Schmarotzerinnen und Schmarotzern.

Ein Maler hat ihn gerade porträtiert – und wie mittelmäßig das Bild auch sein mag: Timon ist begeistert; er wird ihn weiterhin fördern. Ein Schriftsteller schreibt gerade ein Buch, in dessen Mittelpunkt der ach so freigebige Herr Timon steht – auch er darf sich weiterer Förderung sicher sein. Eine Juwelierin hat ein prunkvolles Kollier dabei (und fühlt sich auch selber als außergewöhnliches Schmuckstück), und ein Senator der Gemeinde scharwenzelt auch um den reichen Herrn Timon herum, der sich nur wohlfühlt, wenn er mit vollen Händen gibt. John Lennons Welterlösungungshymne "Imagine" singt er zu Beginn mit allen Gästen, und auch wir, das Publikum, sind eingeladen und singen mit. Die Welt ist eins, und alles wird gut.

Furioser Shakespeare-Ton

Wie wunderbar; Timons Geld ermöglicht ihm eine Art Utopie. Doch alle um ihn herum sind vom Stamme Nimm. Als ihm die Verwalterin von Haus und Konten mitteilt, wie pleite er ist, hofft er auf Gegenleistungen von all den vielen (wie er meint) Freundinnen und Freundin – aber die sind falsch, und die Kassen der Schnorrerinnen und Schnorrer sind dicht. Da lädt er schließlich alle noch einmal ein, serviert ihnen aber nur Wasser und Steine – bevor er sich als Eremit zurückzieht in die schlammige Wildnis der Wälder; hier schmiedet er Rache.

Selten entdeckt ein Theater Shakespeares fröhlich-finstres Stück, geschrieben wohl 1606, erst-veröffentlicht knapp zwanzig Jahre später, aufgeführt tatsächlich erst lange nach dem Tod des Autors; und niemand kann ganz sicher sein, dass nicht noch Kollege Thomas Middleton die Schreibhand mit ihm Spiel hatte. Hierzulande hat der im Frühjahr verstorbene Frank-Patrick Steckel den Text übersetzt und einst in den Bochumer Spielplan gehoben (mit Peter Roggisch in der Titelpartie); jetzt, bei der Wiederbegegnung in Magdeburg, hat auch Regisseur Andreas Kriegenburg Steckels Fassung gewählt. Immer wieder, sagt Kriegenburg, lande er beim herausragenden Shakespeare-Interpreten Steckel – in Magdeburg ist in der Tat furioser Shakespeare-Ton der Marke Steckel zu erleben.

Timon 05 Rainer Frank Bettina Schneider Michael Ruchter 286 c Katrin Ribbe 1Ein Misanthrop hockt im Walde: Rainer Frank als Timon mit Bettina Schneider und Michael Ruchter © Katrin Ribbe

Kriegenburg durchsetzt den ersten, den Party-Teil, mit mal feinerer, mal gröber kalauernder Ironie; das passt gut zum langsamen Absturz des Menschenfreundes Timon, der zum "Menschenhasser" wird – unter diesem Titel überformten einst, in den frühen 80er Jahren an der Ostberliner Volksbühne, Benno Besson und Fritz Marquardt den "Menschenfeind" von Moliere. Wenn jetzt Kriegenburg nach der Pause die festlichen Kulissen mit dem Lilienmuster drauf (die schön rot und tiefblau leuchten können) weggeräumt hat, steht der Menschenhasser im Wald zwischen Holzstämmen, die von der Bühnendecke hängen und allemal das Zeug zu Marterpfählen hätten; und einmal hat Timon tatsächlich alle beieinander, die er quälen könnte. Aber er lässt sie laufen. Alles Äußerliche hat er derweil weggeworfen und sich (und die letztverbliebene Unterhose) mit schwarzem Modder beschmiert; einsam will und wird er sterben.

Ekliger Deal

Nun ist aber dieser Shakespeare-Text sonderbar unausgegoren; Kriegenburg lässt Timon selber jammern über den dramaturgischen Unfug, der ihm widerfährt – plötzlich nämlich hat er wieder eine große Kiste Gold, und niemand weiß woher; ein kräftiger Kollege vom Technik-Team hat sie hereingeschleppt. Jetzt kann Timon den Militärstrategen Alkibiades finanzieren (der im Streit liegt mit der Athener Politik), und der wiederum handelt mit dem schmierigen Senator (der einst mit an Timons Tafel saß) einen ziemlich ekligen Deal aus – nur die Feinde von Alkibiades und Timon müssen weggeräumt werden, der Rest der Stadt darf überleben … Die gegen Ende ziemlich holprige Fabel des Stückes nimmt jede nur erdenklich gruselige Wendung.

Timon 03 Hummel Schneider Kronenberg Will Andreew Hart OEnder Frank 264 c Katrin RibbeFesttafel mit Schnorrerinnen und Schnorrern: Das Magdeburger Ensemble auf Andreas Kriegenburgs Bühne © Katrin Ribbe


Auch Andreas Kriegenburg interessiert (wie Übersetzer Steckel) vor allem die fürchterliche Fallhöhe zwischen Kapital und Moral – Reichtum kauft sich hier Freundschaft und geht daran in angemessen schmerzhafter Logik zugrunde. Beharrlich erklären derweil zwei kluge Köpfe der beratungsresistenten Titelfigur, warum die jeweilige Ambition scheitern muss: Menschenliebe wie Menschenhass. Neben dem herausragenden Rainer Frank werden Marie-Joelle Blazejewski als fundamental-kritische Philosophin Apemantus und Bettina Schneider als lebenskluge Haus-hofmeisterin Flavia zu teils nur intellektuellen, teils auch urmenschlichen Quellen der Klugheit für den verstörten Eremiten Timon. Dieser Klugheit folgen kann der Menschenhasser nicht.

Zwischen Farce und Furor

Auch mit den dramaturgischen Absonderlichkeiten ist dies ein grandioser und explosiver Shakespeare-Abend; Kriegenburg hält ihn mit dem wirklich fabelhaft aufgelegten Magdeburger Ensemble geschickt in der Schwebe zwischen Farce und Furor. Die Bühne hat er (wie seit längerem schon) selbst entworfen – und sie markiert (mit den Kostümen von Andrea Schraad) die Fallhöhe zwischen den Welten, in und an denen Herr Timon scheitert.

Der Regisseur, der einst schon vor Frank Castorf die legendäre Zeit der Volksbühne mitgeprägt hatte, dann vor der Monokultur dort erst nach Bonn und dann nach Hannover floh (zu Ulrich Khuon, mit dem er dann weiterzog nach Hamburg und Berlin), kommt jetzt aus Düsseldorf zurück nach Magdeburg, wo er geboren wurde und aufwuchs. Tischler war er in den Werkstätten des Theaters hier … Ob ihn noch jemand von damals kannte, jetzt, als er wiederkam, und ihn begrüßt hat: Willkommen, bienvenue, welcome; zu einem sehr besonderen Theaterabend in Magdeburg?

Timon von Athen
von William Shakespeare
Deutsche Fassung von Frank-Patrick Steckel
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad, Dramaturgie: Bastian Lomschè.
Mit: Anton Andreew, Marie-Joelle Blazejewski, Rainer Frank, Luise Hart, Niklas Hummel, Philipp Kronenburg, Nico Link, Oktay Önder, Michael Ruchter, Bettina Schneider, Isabel Will.
Premiere am 13. Juni 2024
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-magdeburg.de

Kritikenrundschau

Von einem "charmant bewegten Wimmelbild voll Häme, Ironie und negativer Energie" spricht Irene Bazinger in der FAZ (18.6.2024). "Von Kriegenburgs leichter Regiehand getragen" sieht die Kritikerin Rainer Frank als Timon "wohlwollend und eitel, selbstbewusst und selbstgerecht auf dem immer kleiner werdenden Berg von dessen Reichtum" balancieren. Das harmonisch zusammenspielende Ensemble meistert die Herausforderung dieses komplexen Stückes aus Bazingers Sicht "souverän, auf den Text konzentriert und ohne einfältigen Schnickschnack. Die Kostüme von Andrea Schraad sind elegant modern, die Bühnenbilder - von Kriegenburg selbst - schlicht stilisierend."

"Kriegenburg setzt auf eine Modernisierung des Klassikers und hebt so ein eher unbekanntes Werk von Shakespeare in die Aktualität und sorgt gleichzeitig für bessere Verständlichkeit", schreibt Lena Schubert auf Tag24. "Trotzdem scheint das Schauspiel an keiner Stelle zu überspitzt und der Regisseur schafft so den eleganten Spagat zwischen angenehmer Modernität und dem Beibehalten der Echtheit der Erzählung. Das Ensemble des Theaters, was sich mit dieser Premiere (fast) in die verdiente Spielzeitpause verabschiedet, lässt sich weiterhin in Sachen Talent nichts vormachen und heitert dieses zuweilen zähe Stück mit ihrem Können auf." Besonders hebt die Kritikerin Rainer Frank in der Titelrolle hervor.

Kommentare  
Timon von Athen, Magdeburg: Wie im Flug
Willkommen! Ja, es kalauert gehörig, nichtsdestotrotz (oder vllt. deswegen?!) überzeugt diese Inszenierung, durch dieses wunderbare Ensemble, schöne inszenatorische Brüche und einfach die Stimmung, mit welcher das Theater die Zuschauer*innen einlädt. Über drei Stunden Spielzeit, doch sie verflog wie im Flug. Vielen Dank dafür.
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