Kulturhauptstadt ohne eigenes Theater?

Essen, 9. Februar 2009. Anselm Weber, der Intendant des Schauspiels Essen, warnt in einem Offenen Brief davor, die künstlerische Eigenständigkeit des Schauspiels Essen aus finanziellen Gründen zur Disposition zu stellen. Anlass zur Sorge ist für ihn, der zu Beginn der Spielzeit 2010/2011 nach Bochum wechseln wird, eine kulturpolitische Verzögerung in der Regelung seiner Nachfolge und halb offen geführte Diskussionen über eine Zukunft des Hauses ohne eigenen künstlerischen Etat.

Hier ein Auszug aus seinem Schreiben an die Öffentlichkeit:

"Durch ausgedehnte Investitionen im Bereich der Kultur in Essen in den letzten Jahren (siehe Philharmonie, Museumsbau etc.) sind die Ressourcen aufgebraucht. Wie allgemein bekannt, wechselt der Intendant des Schauspiels Anselm Weber 2010 nach Bochum. Sein momentaner künstlerischer Etat beträgt ca. 3,4 Millionen Euro. Dies erweckt allgemein Begehrlichkeiten.

Im allgemeinen politischen Klima und der bevorstehenden Kommunalwahl zum Oberbürgermeisteramt im Juni 2009 verweigern die politisch Verantwortlichen eine klare Linie. In einem Schreiben vom 27.01.09 hat die Theaterleitung des Schauspiel Essen die Fraktionsvorsitzenden der im Rat vertretenden Parteien aufgefordert bis zum 15. März 2009 einen Nachfolger/eine Nachfolgerin zu bestellen. Dieser Schritt wurde mit dem Kulturdezernenten Oliver Scheytt und dem TUP-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Schippmann abgesprochen.

Es scheint aber, das Ziel zu sein, die Neubesetzung des Postens auf den Sommer 2009, sprich also nach dem Wahltermin, zu verlegen. Damit würde einem Nachfolger bzw. einer Nachfolgerin eine sinnvolle Vorbereitungszeit für eine Intendanz ab 2010 fehlen. Außerdem werden verschiedene Kooperationen/Fusionsmodelle mit u.a. dem Oberhausener Theater diskutiert. Auch eine Umwandlung des Schauspiels in ein Bespieltheater (was die Auflösung des Ensembles bedeuten würde) oder die gänzliche Schließung scheinen nicht unmöglich.

Dass damit die Arbeit und Entwicklung an diesem Theater in den letzten vier bzw. fünf Jahren ad absurdum geführt werden würde, muss nicht weiter ausgeführt werden. Auch der Zusammenhang einer solchen Entwicklung mit dem Titel einer Kulturhauptstadt 2010 muss nicht weiter kommentiert werden. Nur am Rande sei hier erwähnt, dass das Schauspiel Essen seit Beginn der Spielzeit 2008/2009 mit Ende des Monats Januar eine Gesamtauslastung von 91% erreicht hat. Dass die Existenz eines solch erfolgreichen und bei den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt und Region überaus beliebten Theaters überhaupt diskutiert wird, ist schon Skandal genug. Aber niemand hätte es sich vorstellen können, dass ausgerechnet im Jahr 2010 eine solche Diskussion (auch wenn sie hinter vorgehaltener Hand geführt wird) möglich gewesen wäre.

Mit freundlichen Grüßen

Anselm Weber, Intendant"

(peko)

 

 
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