Ohne Verlängerung

15. Juni 2024. Fußball-Theater kurz vorm Anstoß zur Fußball-Europameisterschaft: eine griffige Idee. Mit zwei Top-Spielerinnen und einer chorisch aufgestellten Mannschaft leisten Juri Sternburg und das Gorki einen offiziellen Beitrag zum Kunst- und Kulturprogramm der EM.

Von Frauke Adrians

Juri Sternburgs "Endgame 24" von Marco Damghani am Berliner Maxim Gorki Theater inszeniert © Ute Langkafel MAIFOTO

15. Juni 2024. Und wieder stehen wir im EM-Sommer allabendlich vor der Entscheidung: Fußball gucken oder ins Theater? Und warum nicht beides? Das Gorki Theater hatte da für den Abend des Eröffnungsspiels Deutschland - Schottland eine konstruktive Idee: ein Fußball-Stück mit echten Kickern als Laiendarstellern, das – Service für Fußballgucker – deutlich vor dem Anstoß schon wieder vorbei ist. Problem nur: Auch ein Stück von weniger als Fußballspieldauer kann zu lang sein, wenn es sein Pulver früh verschießt und dann keinen neuen Spielzug mehr bringt.

Offizieller EM-Beitrag

Dabei ist die Aufstellung sehenswert. Juri Sternburgs "Endgame 24" wird getragen von einer Doppelspitze in ein und derselben Rolle: Aysima Ergün und Vidina Popov, einander ähnlich wie Schwestern, spielen die Kellnerin Toni, die eine traumatische Fußballvergangenheit mit sich herumschleppt und nun beim EM-Finale arrogante Fußballfunktionäre und mit Fördergeldern zugeschüttete Theaterleute bedient.

Aysima Ergün (li.) und Vidina Popov in "Endgame24" © Ute Langkafel MAIFOTO

Die Theatermänner kommen natürlich vom Berliner Gorki und verjubeln die Fördergelder von Bund und Uefa bei Champagner und Austern, wie der Videobeweis im Hintergrund der Gorki-Studiobühne belegt. Denn "Endgame 24" ist ausweislich des Programmzettels "offizieller Beitrag zum Kunst- und Kulturprogramm zur Uefa Euro 2024™", ein Umstand, den Autor und Regie für ausführliches selbstironisches Tackling nutzen. Das ist unterhaltsam, bis es irgendwann nervt.

Kritik ist eingepreist

Doch zugleich liegt in dieser Zwitter-Situation – finanziell geförderter Kulturprogrammbestandteil zu sein und zugleich ätzende Kritik an den Zuständen des funktionärsbeherrschten Weltfußballs loswerden zu wollen – die Triebkraft des Stücks. Die doppelte Kellnerin Toni, deren Part zwar nicht gerade vielschichtig, aber doch zu groß, zu laut, zu dominant ist für eine Schauspielerin allein, erkennt folgerichtig: Der Uefa ist es völlig egal, dass wir sie kritisieren, das ist eingepreist, damit schmückt sich der milliardenschwere Verband sogar. Mit Furor rennt die sektausschenkende Dissidentin gegen die Blatters und Infantinos dieser Welt an, beklagt Sexismus, Ausbeutung, Kommerzialisierung und dergleichen und fordert Widerstand.

Endgame4 1200 UteLangkafelMAIFOTODie Spielerinnen und der Chor der Amateurfußballer*innen © Ute Langkafel MAIFOTO

Äußerster Protest-Akt, zu verüben von Spielern auf dem Platz, ist nach Lesart der militanten Kellnerin das vorsätzliche Verletzen oder gar Ausschalten von Mit- oder Gegenspielern, wie es Zinedine Zidane oder Kevin Prince Boateng einst verübten. Da ist dann wirklich Schluss mit lustig. Man könnte das aktive Lahmlegen von Spielern ja noch als originellen, wenn auch brutalen Sabotageakt gegen den Fußball betrachten, wenn Sternburg nicht so nachdrücklich darauf herumreiten würde. Was er sagen will, hat das Publikum spätestens nach einer halben Stunde verstanden. Danach kommt nichts Neues mehr.

Chor der strafenden Gerechtigkeit

Aber es kommt, zum Glück mehrfach, eine Mann- und Frauschaft von Amateurfußballern auf die Bühne, die jeden Trainer und jeden Regisseur mit Stolz erfüllen muss. Wie die Zehn- bis 56-Jährigen unisono eine Reportage zur fiktiven, aber hier folgerichtigen Festnahme der Funktionärselite am Rande der EM deklamieren, das ist ein Erlebnis. Dank dieses griechischen Chors der strafenden Gerechtigkeit trägt das "Endgame 24" seinen Namen zu Recht.

Ansonsten – und obwohl das Duo Ergün-Popov ein Erlebnis ist – käut das Stück zu hartnäckig das immer gleiche Material wieder, kokettiert mit zu redundanten Insiderwitzen, nervt ein paarmal zu oft mit sinnfreiem Handyklingeln und sonstigen Störgeräuschen, ist also – bei 80 Minuten – einfach zu lang. Abpfiff. Keine Verlängerung bitte.

 

Endgame 24
von Juri Sternburg
Uraufführung
Regie: Marco Damghani, Bühne: Hugo Gretler, Kostüme: Ragna Fiona Tabea Hemmersbach, Musik: Oscar Hoppe, Video: Frank Weber + Jakob Petersen, Dramaturgie: Simon Meienreis
Mit: Aysima Ergün, Vidina Popov, Amateurfußballer*innen aus Berlin.
Premiere am 14. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Tobi Müller erlebte für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (14.6.2024) eine Reihe "Assoziationen, die dem Gorki zum Fußball einfallen", etwas "Selbstironie", vor allem aber "super Spielerinnen". Inhaltlich konnte Müller dem Abend wenig abgewinnen, das meiste zu den Machenschaften von FIFA und UEFA sei aus Recherchen bekannt, der abfällige Blick auf Fans habe "fast schon etwas Klassistisches". Vom Ansatz her sei der Abend: "aktivistisch möchte ich das gar nicht mehr nennen, das ist wahnsinnig einseitig". Allerdings werde die simple Dramaturgie spielerisch immer wieder "aufgebrochen und man unterhält sich dann doch erstaunlich gut".

In einem Überblickstext für die Welt am Sonnntag (15.6.2024) erwähnt Jakob Hayner den Gorki-Abend: "Ist das System Fußball durch die Kommerzialisierung inzwischen komplett verrottet und zerfressen? Muss man den Fußball vor den Funktionären retten? Der Abend in der Regie von Marco Damghani ist eine wütende Anklage und scharfe Systemkritik, bei dem Amateurfußballer aus Berlin beteiligt sind und hinter den Kulissen des Sports schauen."

"Um Fußball geht's hier nur oberflächlich, mit ein paar Floskeln über das mafiöse System und männliche Gewalt. Das eigentliche Thema des Abends ist: Widerstand und gleichzeitig unsere Unfähigkeit zum Widerstand, wenn wir dafür auch nur auf ein bisschen was verzichten müssen", berichtet Barbara Behrendt für das Inforadio von rbb|24 (15.6.2024). "Allerdings, und das ist das Schöne an diesem kleinen Abend, ist das jetzt kein moralisches Zeigefingerschwingen, sondern eine sehr lustige Komödie mit zwei herausragend komischen Schauspielerinnen: Aysima Ergün und Vidina Popov."

Dieser Abend "rennt achtzig Minuten lang sperrangelweit geöffnete Türen ein", berichtet Christine Wahl im Tagesspiegel (16.6.2024). "Man stelle sich vor, um in der Metaphorik des Gegenstandes zu bleiben, man ließe Toni Kroos abendfüllend Elfmeter schießen – ohne Torwart im Tor. Dann hat man in etwa den Erkenntnis- und Überraschungswert von 'Endgame 24' vor Augen". Rettung bieten einzig die Hauptdarstellerinnen Ergün und Popov; sie "rücken den altbekannten Stereotypen, den vielen antiquierten Pauschalisierungen und den plakativen Flanken, die der Text vorgibt, mit einer wunderbar überdrehten Schrägheit zu Leibe".

Kommentare  
Endgame 24, Berlin: Schluss mit lustig? Nö!
Was für ein irrwitziges, anarchisches, trauriges und vielschichtiges Theaterstück, selbstironisch und voller Spielfreude und was für eine dünne und handwerklich schwache Nachtkritik. "Es nervt irgendwann" bezeichnet das Niveau dieser abfälligen Zeilen. Nichts dagegen, dass jemand dem Abend nichts abgewinnen kann, aber etwas mehr Mühe könnte frau sich mit ihren Einwänden geben. "Das Pulver ist früh verschossen", schreibt die Kritikerin. Angesichts dieses Feuerwerk an absurden Auftritten, kleinen Geschichten, Brechungen und absurden Wendungen! Es ist nicht nur ein Stück über UEFA und Fußball, es geht hier auch um Theater und seine Möglichkeiten des Widerstands (mit vielen Zitaten aus der Theatergeschichte), um Möglichkeiten des Widerstands überhaupt und um unsere ganze durchgedrehte gesellschaftliche Produktionsmaschinerie mit ihrem Immermehr und ihrem Gewinnwahn. Dem setzt dieses Stück seinen Spielwitz entgegen, seine Leichtgkeit, eine anachische Sprunghaftigkeit, viele Momente mit dem Publikum und eine ungeheure Vitalität der Schauspielerinnen. (Natrürlich hocken sich da irgendwelche wichtigtuerische Kritiker bedrohlich in die erste von drei Reihen und zückten mürrisch ihren noch wichtigeren Kriitkerblock.) Aber zurück zu den schmalen Einwänden unserer Nachtkritikerin, zum Obereinwand: Eine Spielerin bezeichnet die Tätlichkeit von Zidane im WM-Endspiel gegen Materazzi, diesen Kopfstoß, als Akt des quasi legitimen Widerstands gegen die verbrecherischen UEFA-Bonzen, die "saubere" Spiele wollen. Hier greift der moralische Reflex der Kritikerin: "Da ist dann wirklich Schluss mit lustig." Und leider auch Schluss mit der Professionalität dieser Kritik. Da wird die provokative Meinung einer Anarcho-Figur zu der des Autors erklärt und als Gewaltverherrlichung denunziert. Figurenmeinung und Aussage des Autors zu unterscheiden ist gerade heutzutage vielen Kritikern nicht mehr gegeben. Der Kritikerin geht es darum, was der Autor "sagen will" (erinnert mich an meine schulischen Deutschaufsätze) und das habe "das Publikum nach spätestens einer halben Stunde verstanden". Ist das Theater dafür da, dass der Autor uns was sagt und wenn wir es verstanden haben, langweilen wir uns? Dieser Abend macht in seinen immer neuen Wendungen nicht nur immer neue Türen auf, sondern begeistert vor allem durch seine kluge Komik, hintersinnige Dramaturgie, immer neue Spielweisen (die Theatergeschichte durchdeklinierend). Zurecht wurde viel gelacht und am Ende gejubelt.
Und eins noch: Ich bin nicht aus dem Team dieses Stücks und nicht vom Gorkitheater, sondern ein unschuldiger Zuschauer, und war eigentlich vorbereitet auf einen begrenzt komischen Abend, der UEFA-Gelder in eine hohle Theatertonne haut. Aber dann das und am nächsten Tag diese übermüdete und unprofessionelle Kritik, die vielleicht ein Akt gegen die Unterbezahlung von NachtkritikerInnen ist? "Wenn ihr schon fast nichts zahlt, dann nehmt dies!"
Und noch eins: Hat der Kritikerin nicht gefallen, dass eine Darstellerin mit Blick zur Kritikerschaft sagte, sie fürchte am nächsten Tag in Nachtkritik verrissen zu werden, wegen ihres schlechten Gedächtnisses? Die Furcht bezog sich aber auf die Kommentarspalten.

(Anm. Redaktion. Werter Rolf Kemnitzer, vielleicht sollte man eine Kritik, die von der eigenen Meinung abweicht, nicht gleich als "unprofessionell" abtun. So wie eine Kritik nicht immer verkehrt liegt, wenn sie gar zu stark die Intentionalität des Autors/der Autor*innnen im künstlerischen Bühnenausdruck bemerkt und also im Ganzen einen agitprophaften Zug ins Thesenhafte diagnostiziert. Die "schulische" Intentionalitätsfrage ("Was will der Autor uns damit sagen?") bedeutet nicht immer ein Versagen der Fragenden. Schließlich, damit hier nicht mit falschen Behauptungen operiert wird: nachtkritik.de zahlt für Kritiken marktübliche Preise. Das ist keine allzu große Beruhigung, denn der Kulturjournalismus steht überall finanziell unter Druck. Aber das Finanzargument lässt sich nicht auf Kritiken im Speziellen anwenden. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow / Redaktion)
Endgame 24, Berlin: Gelacht, gestaunt
Es wird fast zwei Stunden gelacht, gestaunt und genau zugehört. Danach Applaus mit Jubel. Aber nachtkritik beschreibt weder das komplexe Stück noch die Schauspielerinnen und Regie Leistungen. Stattdessen erfahren wir: Bei der Lesart einer militanten Kellnerin, dass vorsätzliches Verletzen, also dass Gewalt auch ein Protest-Akt sein kann, ist für die Kritikerin “dann wirklich Schluss mit lustig”. (...)


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Hinweis der Redaktion: Der Kommentar wurde um eine Passage gekürzt, die gegen den nachtktitik-Kommentarkodex verstößt, der hier nachzulesen ist: https://nachtkritik.de/impressum-kontakt#kommentarkodex
Endgame 24, Berlin: Intentionalitätsfrage
Meine Intention war es, auf die handwerklichen Mängel der Nachtkritik aufmerksam zu machen, mir geht es nicht um eine abweichende Meinung. Die Reduktion des Abends auf seine angebliche "agitprophafte Intentionalität" versteht dessen ganz offensichtlichen ironischen Grundton nicht, der hier alles bis zum Schmerzhaftigkeit durchdringt. Die Behauptung, dass die Legitimierung von Akten der Gewalt, geäußert von einer manischen Revoluzzerin, eine des Autors sei, also der Abend quasi ein Aufruf zur Gewalt darstelle, ist völlig absurd und steht im Kontext heutiger Kunstkritik, die Figuren vor allem moralisch beurteilt, so dass z.B. jede politisch nicht opportune Äußerung auf der Bühne, die nicht zugleich auf dieser Bühne denunziert wird, als Mangel an politischer Korrektheit kritisiert werden kann. Bisschen schade um die Kunstfreiheit!
Endgame 24, Berlin: Meinung
Der Abend war lahm.
Endgame 24, Berlin: Gegenmeinung
Lustig, dass die Regie nicht erwähnt wird. Verstehe, dass nicht jede*r auf die zahlreichen Pointen und Anspielungen steht, ich fand es super. Vor allem die Spielerinnen waren in Höchstform, der Chor total charming, auch für nicht Fußballfans ein unterhaltsamer nachdenklich stimmender Abend.
Endgame 24, Berlin: Macht Spaß
Das Spannungsverhältnis zwischen der eigenen Widerborstigkeit und Unabhängigkeit, mit der das Gorki Theater in den Wunden der postmigrantischen Gesellschaft bohrt, und der Gefahr, sich vor den Karren eines viel kritisierten Fußball-Funktionärs-Systems spannen zu lassen, wird selbstironisch gleich im Intro frontal angesprochen, gerät in den kommenden Spielzügen aber mehr und mehr ins Abseits.

Die Komödie, die Juri Sternburg schrieb und Marco Damghani inszeniert, ist eine assoziative Nummernrevue, die um die fikive Kellnerin Toni (verkörpert von Aysima Ergün und Vidina Popov in bester Spiellaune), die Sekt auf der VIP-Tribüne des Olympiastadions ausschenkt, und ganz reale Ereignisse jüngerer Fußball-Zeitgeschichte wie den Kopfstoß von Zinedine Zidane im WM-Finale 2006 oder Michael Ballacks verpasste WM 2010 nach dem Foul von Kevin-Prince Boateng kreist.

Das Stück ist dramaturgisch sicher nicht durchkomponiert, jongliert lieber mit Ideen und Erzählfäden, ohne sie konsequent weiterzuverfolgen. Spaß macht diese kleine Studio-Produktion, die in diesem EM-Juni nur 4x zu sehen war (gibt es eine Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit?) durchaus.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/07/01/endgame-24-gorki-theater-kritik/
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