Menschendämonen und Dämonenmenschen

28. Juni 2024. In Ingolstadt endet die Intendanz von Knut Weber. Zum Abschied inszeniert er auf der Freilichtbühne William Shakespeares "Sturm" mit Musik der Tiger Lillies. Als überwältigendes Traumspiel, inklusive Premierengewitter.

Von Christian Muggenthaler

Shakespeare und die Tiger Lillies: "Dreamtime II" © Jochen Klenk

28. Juni 2024. Und das war's dann: "Dreamtime II", eine musikalische Interpretation von William Shakespeares "Der Sturm" mit Musik von Martyn Jacques aus der Band "The Tiger Lillies", ist die letzte Regiearbeit des scheidenden Intendanten Knut Weber am Stadttheater Ingolstadt. Sie zeigt noch mal vieles, was seine Zeit seit 2011 geprägt hatte in der Ein-Sparten-Schauspielbühne an der Donau mit dem erstaunlichen Ensemble und dem erstaunlichen Repertoire. Es ist viel Musik drin, es wird versucht, die Muskeln des Theaters zu zeigen und es wird etwas ausprobiert, was hinausgeht über das Erstbeste, das Naheliegende. Webers Konzept war immer das Zusammendenken von Bühnenerzählung und das Neudenken von Inhalten. Mit dieser sehr dynamischen Haltung hat er sich ein großes und gewogenes Publikum aus Nah und Fern erobert.

Ungewöhnliche Klassiker-Interpretation

Das war's dann, und mit dieser letztmaligen Shakespeare-Wuchtbrumme als Open Air-Breitwand-Spektakel ist nicht auf eine schlichte, sich anwanzende Lösung gesetzt worden, kein kuschliger 1001. Freilicht-"Sommernachtstraum", von dem nachher alle "poetisch, poetisch" gesäuselt hätten. Sondern es entwickelt sich eine eher ungewöhnliche, impulsive Interpretation eines Klassikers, die eine neue Sichtweise sucht. Weber und sein Ensemble denken das Stück konsequent vom Märchen her, vom Geisterhaften, vom "Stoff, aus dem die Träume sind". Und setzen dieses Märchen mit großer Eleganz um. Große Leinwand am Schluss, ein Fest der Harmonie aus pittoresken Lichtprojektionen (Licht und Video von Dirk Gräff und Stefano Di Budio) und Atlantis-Utopie.

Dreamtime5 1200 Jochen Klenk uHinter den Masken: vorne Olivia Wendt, Richard Putzinger, Péter Polgár, hinten Mira Fajfer, Antje Rietz, Sarah Schulze-Tenberge © Jochen Klenk

Ästhetik des Traumspiels

Dieser "Dreamtime"-Sturm ist eine Baukasten-Produktion, setzt sich zusammen aus Szenen von Shakespeare, Musik der "Tiger Lillies" und der Überzeugung, dass dem Publikum die ganze Geschichte durchaus präsent ist – sonst wird’s vielleicht in all dem Trubel ein bisschen schwierig mit dem Verständnis. Es geht in 100 Minuten nicht um die fein ziselierte Entwicklung psychologischer Motive der handelnden Personen, sondern um die Ästhetik eines Traumspiels. Allein schon der Schiffsuntergang zu Beginn wird mit riesenhafter weißer Leinwand (Ausstattung: Susanne Hiller) und Hinterleuchtung, mit großem Schiffsmodell und Blitz und Donner zu einer krassen, kakofonischen Katastrophe, zu einer gut gerührten Schüssel Menschensuppe.

Dreamtime3 1200 Jochen Klenk uKatharina Solzbacher als Caliban aus der Muschel © Jochen Klenk

Danach entspinnt sich die Märchenwelt mit Menschendämonen und Dämonenmenschen. Die Kostüme zitieren deutlich die Shakespearesche Renaissance-Zeit. Es wird mit Masken gearbeitet, die Figur Miranda kommt gleich zwei Mal vor: als leibhaftiger Mensch (Amélie Hug) und als Puppe (geführt von Franziska Rattay), also als Figur direkt an der Trennlinie zwischen Realität und Phantasie. Der Luftgeist Ariel ist ein von drei Schauspielerinnen (Mira Fajfer, Antje Rietz, Sarah Schulze-Tenberge) gespieltes raumgreifendes Wesen mit Riesen-Flügeln und immer wiederkehrender Kern-Melodie. Sie und Prospero sind die bekannten Motoren des Geschehens, hier in Ingolstadt gibt Enrico Spohn den Magier als großen Zampano mit großen Gesten, als Epizentum des Surrealen.

Utopie der Harmonie

Sogar einen Shanty-Chor gibt es, einen Caliban (Katharina Solzbacher) aus der Muschel und bei der Premiere pünktlich zum Schiffsuntergang mit Blitz und Donner ein Pause setzendes reales Gewitter mit Starkregen über der Freilichtbühne im Turm Baur. Und so strickt sich die bekannte Handlung um Liebe und Verrat hinein in eine Musikwelt unter der souveränen Live-Leitung von Tobias Hofmann, der Choreinstudierung von Olivia Wendt und der Choreografie von David Williams. Die, die sich kriegen sollen, kriegen sich, und am Ende ist niemand mehr mit niemandem zerkriegt. Eine Utopie der Harmonie, die zuletzt unten aus dem Märchen tropft, und bestimmt ein bisschen auch eine Abschiedsgeste vom Intendanten-Prospero und seinen Ingolstädter Luftgeistern. 

Dreamtime II: William Shakespeares "Der Sturm"
Übersetzung von Frank Günther – In der Musik von Martyn Jacques (The Tiger Lillies)
Regie und Fassung: Knut Weber, Musikalische Leitung/Arrangements: Tobias Hofmann, Ausstattung: Susanne Hiller, Choreinstudierung: Olivia Wendt, Choreografie: David Williams, Lichtdesign: Dirk Gräff, Videografie: Stefano Di Budio.
Mit: Richard Putzinger, Péter Polgar, Enrico Spohn, Olivia Wendt, Jan Gebauer, Matthias Gärtner, Peter Reisser, Katharina Solzbacher, Ulrich Kielhorn, Ralf Lichtenberg, Amélie Hug, Franziska Rattay, Mira Fajfer, Antje Rietz, Sarah Schulze-Tenberge.
Premiere auf der Freilichtbühne im Turm Baur am 27. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

https://theater.ingolstadt.de

Kritikenrundschau

"Regisseur Knut Weber hat aus dem verrätselten, vielschichtigen Stück eine 100-Minuten-Fassung kondensiert, die er mit viel Musik, Spielwitz, Schatten-, Masken-, Puppenspiel und verschwenderischer Poesie zu einem hinreißenden Spektakel zusammenfügt," schreibt Anja Witzke im Donaukurier (29.6.2024). "Nicht nur der Schiffbruch geht eindrucksvoll als Schattenspiel vonstatten. Es ermöglicht auch spannende visuelle Effekte mit Unschärfen, Größenverhältnissen, Überlagerungen, kreativen Bildkompositionen und -verwandlungen. Traumbilder aus der Schattenwelt." Auch das Ensemble erhält Bestnoten.

Einen Abend zwischen "Vaudeville und Varieté, Zirkusmusik und Träumerei" hat Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (2.7.2024) gesehen. "Die Band unter der Leitung von Tobias Hofmann kann jeden Stil, freut sich über alles, was Martyn Jacques so einfiel. Im Ensemble gibt es echte Gesangstalente, den Luftgeist Ariel dreimal, Caliban wohnt in einem Seeigel. Knut Weber macht auch ein bisschen echtes Jahrmarkstheater, wie es sich gehört, mancher Schwank gerät ein bisschen lang, aber man weiß ja, bald kommt wieder Musik."

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