Gefiederte Drohnen spionieren uns aus

4. Juli 2024. Zum Auftakt des Asphalt Festivals in Düsseldorf inszeniert dessen Leiter Christof Seeger-Zurmühlen eine theatrale Verschwörungserzählung, die zwischen Fakt und Fiktion nicht klar trennt. Mit der Einladung der Eröffnungs-Rednerin aber hat er einen Coup gelandet.

Von Martin Krumbholz

"Schaf sehen" des Theaterkollektivs Pièrre.Vers beim Asphalt Festival © Nana Franck

4. Juli 2024. Kennen Sie Tauben? Diese nervigen gefiederten Wesen, die auf Ihrem Balkon herumpicken und ständig gefüttert werden wollen? Wissen Sie, das sind in Wahrheit gar keine Tauben. Sondern Drohnen im Federkleid, die Sie und Ihr Umfeld ausspionieren. Während der Corona-Pandemie, als wir alle im Lockdown saßen und nicht auf die Straße durften, wurden großflächig bei Nacht und Nebel ihre gesamten Akkus ausgetauscht.

Festival im ehemaligen Elektroladen

Das ist keine Verschwörungserzählung, an die die Rechten tatsächlich glauben. Dazu ist die Geschichte zu lustig. Sie wurde von einem Collegestudenten als satirische Überbietung real kursierender Verschwörungsmythen erfunden. Die sind allerdings oft nicht weniger abstrus, und nicht erst seit der Pandemie finden sie eine erstaunliche Anhängerschaft. "Wer nicht an Gott glaubt, glaubt nicht an nichts, sondern an alles", heißt es im neuen, politisch aufgeladenen und hochambitionierten Theaterabend des Kollektivs Pièrre.Vers, der zur Eröffnung des 12. Düsseldorfer Asphalt Festivals über die Bühne ging.

Über eine Bühne, die natürlich keine Bühne ist: Das Festival hat in einem aufgelassenen, mehrere Quadrathektometer umfassenden Elektrogeschäft in der Düsseldorfer Oststraße (Ost34) eine vorläufige Notunterkunft gefunden. Die Zuschauerschaft wird per Aufzug ins Kellergeschoss transportiert, wo sich noch einmal die gleiche schier endlose Fläche erstreckt; insgesamt drei zunehmend größere Räume werden hier nacheinander bespielt. Mit einer "theatralen Verschwörungserzählung", deren Text die Dramaturgin Juliane Hendes verfasst hat.

Impfskeptiker im ewigen Kaiserreich

Eine Ich-Erzählerin ist auf der Suche nach ihrem Bruder auf einem anders-alternativen Bauernhof gelandet. Der Bruder ist ins rechte Lager abgedriftet, die liberale Schwester will herausfinden, was hinter dieser Drift steckt. Doch das ist gar nicht so einfach. Zu ihrer Überraschung überziehen die "Bauern" sie nicht mit steilen reaktionären Thesen, sondern lullen sie mit Understatement und Freundlichkeit ein. Es ist Ostern, Girlanden werden aufgehängt, nach dem Säen, Eggen und Pflanzen soll gefeiert werden. Ganz unschuldig, beiläufig kommt die Frage: "Bist du geimpft?"

Schaf sehen Asphalt 3 CRalfPuder uBauern aus dem rechten Lager: "Schaf sehen" © Ralf Puder

Die Ich-Erzählerin wittert ein Problem, eine Falle, antwortet aber wahrheitsgemäß mit ja. Und tatsächlich finden die "Bauern" das auch gar nicht so schlimm. Soll doch jeder seinem eigenen Glauben anhängen. Erst später lassen sie durchblicken, was für fatale Folgen das Impfen habe. Das Stichwort "Ambiguitätstoleranz" fällt; diese nehmen diese rustikalen Verschwörungstheoretiker eben auch für sich selbst in Anspruch. Sie fühlen sich von der herrschenden Mehrheit verfolgt, das ist schon klar. Weil sie zum Beispiel glauben, dass wir immer noch im 1871 gegründeten deutschen Kaiserreich leben – schließlich gab es nach 1945 keinen Friedensvertrag! Und auch bei der Wiedervereinigung gab es den nicht!

Persiflage eines thüringischen Möchtegern-Monarchen

Hier kommen die Reichsbürger des Prinzen Reuß ins Spiel, die die Legitimität der BRD bezweifeln und einen gewaltsamen Umsturz planten. Die bäuerliche Osterfeier schwenkt um in eine knallbunte Persiflage des thüringischen Monarchen. Und das ist das Problem dieses von Festivalchef Christof Seeger-Zurmühlen inszenierten und vom Ensemble engagiert gespielten Abends "Schaf sehen": Eine saubere Trennlinie zwischen satirischen Elementen und redlichem politischem Klartext ist nicht zu erkennen. Das eine lappt diffus ins andere über. Man hat hier etwas zu viel gewollt: artifizielles Theaterspiel und trockene Aufklärung.

Schaf sehen Asphalt 4 CNanaFranck uMake Kings Great Again: Von Umsturz- und Herrschaftsfantasien © Nana Franck

Wenn dieser Eröffnungsabend darüber hinaus eine intellektuelle Herausforderung bot, ist es der Festrednerin Eva Illouz zu verdanken, die eingeladen zu haben an sich schon einen Coup darstellt. Die Soziologin, die in Paris und Jerusalem lehrt, ließ ihr Erstaunen über die Kälte, mit der gewisse akademische und künstlerische Kreise den Terror des 7. Oktober quittierten, in eine Abrechnung mit der sogenannten "French Theory" (Foucault, Derrida & Co.) münden, die sich von der Geschichte abgekoppelt habe und sich für moralisch unanfechtbar halte. Sie selbst, sagte Illouz, lehne das Narrativ postkolonialer Vorgänge durch Israel nicht komplett ab; allerdings handele es sich bei der gesamten Gemengelage gewissermaßen um eine "Erzählung ohne erkennbaren Plot", was zu sehen Apologeten der palästinensischen Seite wie Judith Butler sich weigerten.

Man wird diese sehr akademische Rede nachlesen müssen, um sie angemessen zu würdigen, aber einen denk- und diskussionswürdigen Impuls setzte sie zweifellos.

Schaf sehen. Eine theatrale Verschwörungserzählung
Regie und Konzept: Christof Seeger-Zurmühlen, Raum und Kostüm: Susanne Hoffmann, Text und Dramaturgie: Juliane Hendes, Komposition und Sounddesign: Bojan Vuletic
Mit: Anna Magdalena Beetz, Julia Dillmann, Azizè Flittner, Daniel Fries, Jonathan Schimmer, Alexander Steindorf, Sandra Zawada, Claudia und Matilda Bellm, Willi Mannheim
Premiere am 3. Juli 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.asphalt-festival.de

 

Kritikenrundschau

Von der "umjubelten Uraufführung dieses eindringlichen Lehrstücks über auseinanderdriftende Gesellschaften" berichtet Michael Georg-Müller in der Westdeutschen Zeitung (5.7.2024). Einer "zupackenden Wander-inszenierung, selbstironisches Blinzeln und schwarzer Humor inklusive" wohnte er bei. Gleichwohl findet der Kritiker die Absicht der Inszenierung etwas vordergründig: "Holzschnittartig wirken Räume und Tableaus (Bühne: Susanne Hoffmann) ebenso wie die thesenartigen Texte."

"So weit, so putzig" quittiert Claus Clemens in der Rheinischen Post (4.7.2024) die "mitteilungsfreudig" vorgetragenen Verschwörungsszenarien dieses Theaterabends, um dann seine Kritik gegen die Tendenz der Inszenierung vorzubringen: "Im Programmheft des Theaterkollektivs aber wird die radikal linke Stoßrichtung dieser Produktion deutlich. Auch den gegenwärtig wachsenden Antisemitismus in Deutschland will man ausschließlich im konservativen und rechten Spektrum verorten." Eine kritische Perspektive auf die Linke nach dem 7. Oktober 2023 habe die Soziologin Eva Illouz in ihrer Festival-Eröffnungsrede geboten.

Kommentare  
Schaf sehen, Düsseldorf: Rede Ilouz nachzulesen?
Zum selben Thema hat Eva Ilouz vor wenigen Wochen zum Auftakt der mehrtägigen Konferenz "Reflexe & Reflexionen" der Berliner Festspiele gesprochen. Das kollidierte leider mit den ATT am DT. SZ und Tagesspiegel waren sehr beeindruckt von der klaren Analyse von Frau Ilouz.

@Asphalt Festival/Berliner Festspiele/Nachtkritik: Kann man die Rede(n) nachlesen?

(Lieber Konrad Kögler, die Rede soll, so der nachtkritik-Autor, bei Suhrkamp erscheinen; derzeit ist sie nicht verfügbar. Herzliche Grüße von E. Philipp aus d. Red.)
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