Sei bloß kein Vollpfosten!

6. Juli 2024. Zack, Bumm, Tragik. Klassik? Denkste! Intendant Daniel Karasek zeigt Shakespeares fatales Liebespaar im Kieler Sommertheater mit Jugendsprech und Songs von Sonja Glass auf den Lippen.

Von Michael Laages

Shakespeares "Romeo und Julia" in der Regie von Daniel Karasek in Kiel © Olaf Struck

6. Juli 2024. Ob wohl ein "Vollpfosten" im Original mal ein "blockhead" war? Oder die "Schlampe" eine "bitch"? Der Ursprung vom "Kotzbrocken" würde sich sicher auch noch ertüfteln lassen – jedenfalls haben Regisseur und Intendant Daniel Karasek und Dramaturgin Kerstin Daiber ziemlich wüst herum gewütet in Shakespeares Text, der die berühmte tragische Liebes- und Todesgeschichte trägt; die Fassung, die jetzt bis zum Spielzeitende im Kieler Schauspielhaus zu sehen und (vor allem) zu hören ist, konzentriert sich stark auf jugendlichen Mode-Sprech aus unterschiedlichen Epochen: "Zack" und "Bumm" und "Denkste".

Kampf der Generationen

Theoretisch und theatralisch ist das (wie so oft) leicht nachvollziehbar – wenn Julia nämlich, wie hier, auch sonst (vor allem spielerisch) sehr deutlich Mädchen sein darf, noch nicht sechzehn Jahre alt; und wenn auch dieser Romeo nur unwesentlich älter wirkt. Fast berührungslos stehen sie der Welt der Erwachsenen gegenüber, die sie zum einen nicht versteht und zum anderen zu manipulieren versucht. Einmal mehr ist also der Kampf der Generationen eröffnet, und am Ende kann nur Zerstörung stehen und Tod, wenn auch durch ein fatales Missverständnis.

RomeoJulia3 1200 OlafStruckGangs of Verona: das Ensemble im Bühnenbild von Lars Peter © Olaf Struck

So weit, so vertraut; Daiber und Karasek lassen aller massiven Schimpfwörterei und Alltagssprache zum Trotz tendenziell alles beim Alten und erlauben sich nur ein echtes Abenteuer: Mercutio, Romeos "bester Freund" im Original (und erstes reales Opfer im blutigen Streiten der Veroneser Familien Capulet und Montague), wäre hier am liebsten dessen liebende Freundin, an Julias Stelle, zuvor schon an Stelle einer gewissen Rosalinde, die den Bewerber Romeo zu Beginn gerade abgewiesen und in die Wüste geschickt hat.

Die Inszenierung hat diesen Mercutio in eine Frau verwandelt, in ein sehr forsches, aggressives Mädchen. Das erhöht zwar durchaus den erotischen Druck auf der Bühne (zumal die junge Schauspielerin Rebekka Wurst die Figur frech, furios und sehr mitreißend angeht), das reduziert allerdings die Herausforderung des Originals – wo Freund Mercutio Freund Romeo gegenüber ja durchaus auch schon etwas mehr als nur Kumpelei zu bieten hat. Immer wieder haben Inszenierungen an dieser Beziehung unter jungen Männern herum laboriert; die Frage aber stellt sich nicht mehr, sobald "Mercutio", irrlichternd und energisch, tatsächlich zur "Mercutia" wird, zur potenziellen Geliebten, zu Julias potenzieller Konkurrentin.

Flucht aus der Zwangsheirat

Ob die das wohl ertrüge? Eher nicht. Tiffany Köberich zeigt in Kiel tatsächlich mit viel Kraft den Aus- und Aufbruch des Mädchens, das (auch dieser neuzeitliche Begriff ist einmontiert) "zwangsverheiratet" werden soll; da lässt sie sich bei der Party im elterlichen Hause gern und schnell auf den fremden Jungen ein, der für sie vom ersten Kuss an das Leben verändern soll.

Auf der Bühne von Lars Peter wandeln sich derweil die Wände, zwischen den sich zu Beginn – sorgsam choreographiert von Yaroslov Ivanenko – die Gangs prügeln; eine Wand markiert von vorn das Capulet-Haus mit Treppe, nach der Drehung das Haus hinten mit Balkon; rechts ist die Klause von Pater Lorenzo mit haushohem Heiligenbild und dem kleinen Kräutergarten voll von hilfreichen Giften. Immer wieder rauscht auf der Drehbühne ein Art ruinenartiger Mauerrest durchs Bild.

RomeoJulia2 1200 OlafStruckHochstimmung im Hause Capulet: Tiffany Köberich (Julia), Ellen Dorn (Frau Capulet) und Agnes Richter (Amme) © Olaf Struck

In dieser Welt aus Wänden bricht Mischa Warken als Romeo zur Kletterpartie auf – nachdem er vergeblich mit Krücken experimentiert hat unter Julias Balkon, rollt er einen zeitgenössischen Müllcontainer heran, um über den Stromschaltkasten an der Hausmauer auf den Balkon zu gelangen, wo bereits die neue Liebste gurrt – die Inszenierung gönnt sich gelegentlich auch eine gehörige Portion Albernheit.

Mit Songs für jedermann

Vor allem aber gönnt sie sich Musik. Karasek hat die bereits bewährte Zusammenarbeit mit der Pop-Komponistin Sonja Glass fortgesetzt, die Teil vom erfolgreichen Duo "Boy" ist; sie hat handelsübliche Pop-Songs für fast alle im Ensemble, vor allem natürlich für die Liebenden, aber auch für Julia und die toughe Amme von Agnes Richter, für "Mercutia" oder Pater Lorenzo, der den finalen (und grauenhaft scheiternden) Trick mit Julias Scheintod austüftelt; Marko Gebbert darf hier sogar ein wenig rappen. Herr und Frau Capulet, glücklich über den steinreichen Zwangs-Schwiegersohn in spe, den Grafen Paris, bekommen ein extrem spießiges Duett verpasst – fehlt nur, dass Ellen Dorn und Zacharias Preen jodeln und zum Schuhplattler ansetzten.

Vom "Musical" aber (und dessen in besten Fällen ausgefuchster Musik-und-Text-Dramaturgie) bleibt die Kieler "Romeo und Julia"-Version weit entfernt; hier unterbrechen halt einfach Songs das Spiel. Gereimt sind deren Texte so, wie das halt heutzutage üblich ist im Pop-Geschäft: hanebüchen.

Und so gerät diese Kieler Mischung auf der Basis einer vertrauten Klassiker-Rezeptur sonderbar unausgewogen – vielleicht gerade weil sie sich um so viele Dinge bemüht: um die Sprache der Kids und die Aufbruchsenergie junger Leute, um Varianten von Erotik und Freundschaft, und dann auch noch um Pop-Musik. Das ist ziemlich viel zur gleichen Zeit. Da kann sich das Theater schon mal verheddern – auch an einem Abend, der sicher zum Hit wird in Kiel.

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare
Deutsch von Daniel Karasek und Kerstin Daiber
Inszenierung: Daniel Karasek, Komposition: Sonja Glass, Bühne: Lars Peter, Kostüm: Claudia Spielmann, Choreographie: Yaroslav Ivanenko, Musikalische Leitung: Axel Riemann, Vocal Coaching: Perrin Manzer Allen, Dramaturgie: Kerstin Daiber, Licht: Joachim Mohr.
Mit: Ellen Dorn, Marko Gebbert, Rudi Hindenburg, Tiffany Köberich, Zacharias Preen, Agnes Richter, Philipp von Schön-Angerer, Tristan Taubert, Mischa Warken, Rebekka Wurst; Tanz-Ensembles für Gang-Mitglieder und Polizisten; Live-Band mit Niklas Hardt, Steve Illmann, Wolfram Nerlich, Axel Riemann, und Peter Weise.
Premiere am 5. Juli 2024
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-kiel.de

Kritikenrundschau

Es gelinge der Inszenierung, "einige ausgewählte Stellschrauben zu drehen", um "das Bekannte in neues Licht zu setzen", lobt Ruth Bender in den Kieler Nachrichten (9.7.2024). "Sehr spritzig" komme auch die 2014 entstandene und neu überarbeitete Übersetzung daher, "die die überbordenden Gefühle mit witzigen Reimen, Knittelversen und jugendlichem Slang" fühlbar mache. Das habe einen "Drive, der durch die knapp drei Stunden des Abends" trage, so die Kritikerin.

Es sei eine "sehr heutige" Musical-Version des Klassikers und eine "umjubelte Premiere" zu verzeichnen, berichtet Sabine Christiani in der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung (9.7.2024). Die Neufassung der Übersetzung biete einen "sehr gelungen Wechsel aus Reimen und rhythmisierter Prosa, akzentuiert mit kritischen und flapsigen Bemerkungen". Auch die Songs seien "durchweg glänzend" präsentiert worden, findet die Kritikerin, die zudem viel Lob für das Ensemble hat.

Kommentar schreiben