Party, wenn die Männer die Rücken kehren

von Nikolaus Merck

Berlin, 17. Februar 2009. "Doña Rosita oder die Sprache der Blumen", uraufgeführt im Dezember 1935 in Barcelona, acht Monate bevor sein Autor Federico Garcia Lorca von spanischen Falangisten erschossen wurde, handelt von dem Mädchen Rosita aus Granada, das 25 Jahre auf die Rückkehr seines Verlobten wartet. Und weiter wartet, als es schon längst weiß, dass der Liebste von einst in der Ferne eine andere geheiratet hat. "Spanien", sagt Lorca, "ist das Land der ledig gebliebenen, ehrbaren Mädchen, Opfer des sozialen Milieus, das sie umgibt." Außerdem ist viel von einer Rose die Rede, die bloß einen Tag blüht, erst rot, dann weiß und dann ihre Blätter verliert.

Im Berliner Ensemble, wo "Doña Rosita" in der Regie von Thomas Langhoff Premiere feierte, ist nichts zu sehen von spaniadisierendem sozialen Milieu. Bloß in der Ecke des Salons hängt ein Christus am Kreuz, das Weihwasser zu seinen Füßen dient der Haushälterin als Abwehrzauber, wenn sie wieder einmal ihr loses Mundwerk nicht halten konnte. Die Haushälterin, die Tante, der Onkel bilden die Familie, mit Rosita als unbestrittenem Star. Jeder Wunsch wird ihr von den Augen abgelesen. Später erfahren wir, dass die Freigebigkeit des Onkels zum Ruin der Familie beigetragen hat.

Erotischer Abwehrzauber
Die Welt bei Lorca wie im Berliner Ensemble ist eine Frauenwelt. Rosita, die Verwandten, die Bekannten: alles Frauen. Sämtliche milieuhaften Schraubzwingen wie den Katholizismus oder die patriarchalische Gemüts- und Gesellschaftverfasstheit, die als Begründungen für Verhalten herhalten könnten, lässt Langhoff kurzerhand beiseite. Er zeigt junge Frauen, die von Männern träumen, Frauen, die erotisch konkurrieren, die aber mit den real existierenden Mannsbildern wenig anfangen (können).

Was kein großes Wunder ist, weil die Kerle hier ziemlich lebensuntauglich sind und skurril, wie der Rosen züchtende Onkel (Jürgen Holtz), der im dritten Akt tot ist. Oder Schwätzer sind, wie der Ökonomie-Professor (Veit Schubert, schnarrend lustig mit Fliegerkappe). Oder versehrt, wie der Lehrer Don Martín (Roman Kaminski, Beschwerde führend über die Jugend von heute). Oder eben abgängig wie Rositas Liebster. Und natürlich ist es die Tausend-Euro-Preisfrage, warum Rosita ein Vierteljahrhundert auf einen Verlobten wartet, dessen Gesicht sie nach 15 Jahren nicht mehr erinnert. Sie selbst hat keine wirklich guten Gründe anzubieten. "Ich war gebunden", beharrt sie, oder: "Ich bin wie ich bin."

Amüsierwillig, eigensinnig, fordernd
Welche Frau, fragten Kritiker im Vorfeld, würde heute noch 25 Jahre auf ihr Glück warten? Ursina Lardi gibt darauf eine eigenwillige Antwort. Statt der schmetterlingshaft in einer blumenreichen Traumwelt umher zwitschernden Lillifee, spielt sie Rosita als selbstbewusst amüsierwillige, eigensinnig fordernde junge Dame. Eine, die sich im ersten Akt eine halbe Stunde lang ankleidet, um auszugehen, aber nicht mit ihrem Verlobten, sondern mit Freundinnen. Ein braver Familienmensch, der sich Tante und Onkel fügt, aber kaum wenden die den Rücken, mit den Nachbarinnen eine Party im Wohnsalon abzieht.

Das Selbstbewusstsein, dass Rosita als Frau zur Schau trägt, hat auch die übrigen Weibsen in Langhoffs Inszenierung infiziert, die kessen Manolas und die flippigen Ayolas. Noch die drei Jungfern (Christina Drechsler, Anke Engelsmann und Ursula Höpfner-Tabori), die ihre Hände angstvoll um die Handtaschen krallen, warten nur darauf, singend und tanzend die Zügel der Wohlanständigkeit schießen zu lassen.

Und dennoch – und das ist der treffende, unserer sozialen und psychologischen Wirklichkeit abgeschaute Aspekt der Inszenierung – geschieht es, dass diese starken Frauen falsche Entscheidungen treffen. Wie etwa die von Rosita, auf ihren Kerl zu warten. Weil vielleicht gerade kein besserer zur Hand war. Und aus Liebe. Und weil eine Frau mit Mann im Ausland einen Sonderstatus genießt. Vorstellbare Gründe gibt es genügend. Plötzlich ist der Mann verloren und kein Weg führt mehr aus dem Dilemma hinaus, über dem frau unglücklich und alt geworden ist.

Strategien fürs richtige im falschen Frauenleben
Auch wenn sich die verbitterte Rosita im dritten Akt, dessen Abschiedsweh von Tschechow stammen könnte, längst keine Illusionen mehr über ihr Schicksal als alte Jungfer macht, gebrochen ist sie nicht. Ursina Lardi spielt eine kantige Frau, in deren Innerem Hoffnung wider besseres Wissen mit dem Wunsch sich zu verkriechen widerstreitet, während Carmen Maja-Antoni als Haushälterinnen-Schandmaul und Jutta Wachowiak, die als Tante den bürgerlichen Halt, aber nicht die Haltung verliert, versuchen, diese zeitlupenhaft aus den Fugen krachende Welt zusammenzuhalten. So gesehen hat Thomas Langhoff, der konventionell und fast betulich inszeniert hat, dann eben doch herausgefunden, wie viel Aussagekraft dieses blumen- und metaphernreichen Stück auch heute noch besitzt.



Doña Rosita oder die Sprache der Blumen
von Federico García Lorca, deutsch von Thomas Brovot
Regie: Thomas Langhoff, Ausstattung: Maria-Elena Amos, Musik: Jörg Gollasch, Choreographie: Canan Erek.
Mit: Ursina Lardi, Carmen-Maja Antoni, Jutta Wachowiak, Jacqueline Le Saunier, Marie Löcker, Janina Rudenska, Christina Drechsler, Anke Engelsmann, Ursula Höpfner-Tabori, Ruth Glöss, Marina Senckel, Julia Friede, Jürgen Holtz, Thomas Niehaus, Veit Schubert, Roman Kaminski, Lukas Rüppel, Michael Kinkel, Jan-Philipp Heinrich. Und den Musikern: Heidi Mockert/Stephanie Hupperich, Almut Lustig/Brigitte Haas, Susanne Paul/Martin Klenk, Peer Neumann/Katharina Thomas.

www.berliner-ensemble.de

 

Mehr zu Thomas Langhoff? Wir haben Am Ziel besprochen, das Langhoff im Juni 2008, in München inszeniert hat. Taboris Goldberg-Variationen brachte er im März 2008 im Berliner Ensemble auf die Bühne. Und im Dezember 2007 inszenierte er in Wien Wallenstein mit Gert Voss in der Hauptrolle.

 

Kritikenrundschau

Thomas Langhoff inszeniere Lorca am Berliner Ensemble "nicht als singuläre Frauentragödie, sondern als weibliches Serienschicksal mit komödiantischen Zügen", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.2.2009). Prompt würden Rosita und ihre Tante fast "wie die drei Schwestern à la Tschechow" wirken, als sie am Ende mit ihren Koffern auf der leeren Straße stehen. Die Frauen "lachen und streiten miteinander und tanzen auch wie die Partygirls, wenn Besuch gekommen ist". Dagegen erscheine Ursina Lardi als einigermaßen blasierte Rosita, "keine Frau, die sich verliert, höchstens eine, die nicht weiß, was sie hier verloren hat". Fazit: "Aus der Tatsache, dass in diesem Stück nicht viel mehr passiert, als dass die Zeit vergeht und mit ihr das Leben von ein paar Menschen, macht Thomas Langhoff einen heiteren, in sich ruhenden und bei aller Zurückhaltung stets eindringlichen Abend."

Andreas Schäfer (Tagesspiegel, 19.2.2009) hat es erst nach der Pause gefallen: "Plötzlich sitzt man in einem echten Theater, als hätte Langhoff seine Peymann-Maske endlich vom Kopf gerissen, (...) die übrig gebliebenen Frauen hocken auf gepackten Koffern, weil das Geld fürs große Haus nicht mehr reicht. Reden und streiten ein bisschen, ziehen bittere Resümees, empfangen einen Lehrer, der eigentlich Dichter werden wollte und lassen wunderbar langsam und melancholisch die Zeit verstreichen." Zuvor habe sich bei Langhoff nach wenigen Minuten "zwischen Akteuren und Zuschauern wie sonst bei Peymann eine gefühlte Glaswand" geschoben. Nur einem Punkt sei Langhoff eine Windung reflektierter - "er verkauft die Betulichkeit als dramaturgisches Kalkül, lässt das Stück in einem tatsächlichen Puppenhaus spielen und die Schauspieler in fürchterlichen bonbonfarbenen Barbiekleidern ihre Schritte machen." Die großartige Ursina Lardi wirke in diesem Klischeegeschunkel nicht wie eine Rose, sondern wie eine stachelige Distel vom anderen Stern.

Wozu diese puppenstubenartigen, schlampig ausgeleuchteten Wandaufsteller in Pink und Lindgrün? Wozu dieses dankenswerterweise immerhin nicht folkloristische Getümel, mit dem irgendeine vorbeistreifende Lebendigkeit simuliert werden soll? Das und noch mehr fragt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (19.2.2009). Die Inszenierung wimmle von "thematisch angebrachten, aber auch von unfreiwilligen Anachronismen". Von einer ziemlich peinlichen Gestrigkeit sei Langhoffs Blick auf die jugendliche Generation. Der Abend werde besser, "desto länger er währt und desto älter die Figuren sind". Carmen-Maja Antoni setze ihre Pointen nadelspitzengenau. Sie und Jutta Wachowiak "werden von der Fangemeinde für jedes Wort gefeiert. Das motiviert, und die Begegnung wird zum feinen, nostalgischen Schauspielerinnenfest". Der Humor, mit dem Wachowiak die greise Phase ihrer Rolle im dritten Akt anlege, "ist von einer leisen, weisen Freundlichkeit, an der es der Inszenierung ansonsten so schmerzlich gebricht".

 

 
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