In der Vier ist Gott

von Sarah Heppekausen

Essen, 20. Februar 2009. "Ein Haus, eine Sitzbank und einen Friedhof. Was braucht man mehr im Leben?" – Die Ansage aus dem Lautsprecher zur Einleitung des Abends klingt etwas zynisch. Dabei scheinen Leben und Tod für Biljana Srbljanoviç tatsächlich auf unspektakuläre Weise zusammenzugehören, sich nicht nur zu bedingen, sondern regelrecht miteinander verzahnt zu sein. So eng, dass Lebenswelt und Himmel oder Hölle nicht mehr deutlich voneinander zu unterscheiden sind.

Zumindest stellt es sich so dar im neuen Stück der serbischen Autorin, die ihre ersten internationalen Erfolge vor etwa zehn Jahren feierte und 2006 mit "Heuschrecken" von "Theater heute" zu einer von drei ausländischen Dramatikern des Jahres gewählt wurde. Wie gewohnt blickt Srbljanoviç auch diesmal auf die Familie, markiert präzise die innersten Bereiche der Gesellschaft, in der Krieg und politische Umbrüche ihre Spuren hinterlassen haben.

Der Tod als Lebensangelegenheit

Milica, Zorans Mutter, hat sich umgebracht. Und doch tänzelt sie elfengleich in ihrem Brautkleid über die Bühne, singt traurige Lieder oder raucht, klammert sich an ihren Sohn oder unterhält sich mit Milena, der neuen Frau ihres Mannes und Stiefmutter ihres Kindes. "Der Tod ist doch neutral", sagt sie. Bei ihr wird er zur Lebensangelegenheit. Vom ewigen Schlaf kann hier keine Rede sein.

Die, die man die Hundefrau nennt, wiederum lässt ihre verstorbenen Söhne in ihren Hunden weiterleben. "Meine vier Kerle" ruft sie die Tiere, welche die Namen ihrer toten Kinder tragen. Einer ihrer Hunde/Söhne hat gestern einen Kadaver gefunden. Nun stinkt er fürchterlich nach Tod. Die Szene bekommt noch bitterere Züge, wenn der Zuschauer später erfährt, dass die Söhne im Krieg gefallen sind. Aber Biljana Srbljanoviç bringt solche aufreibenden Parallelen wie nebenbei, hält sich gar nicht erst lange mit Trauer auf.

Auf Patrick Bannwarts atmosphärischer Bühne in der Essener Casa verschränken sich Leben und Tod genauso eng wie im Stück. Das Esszimmer der kleinen Familie grenzt ans erdbeschütte Grab der toten Milica. Grablichter sind überall auf den verschiedenen Ebenen verteilt und der Boden ist übersäht von Todesanzeigen aus serbischen Zeitungen.

Wunderbar groteske Figuren

Auf den hinteren Wänden sind Zeichnungen zu erkennen, das teure Auto, von dem Milena träumt, und verstorbene Fußballer. Die hängen im Kinderzimmer des Polizisten Dragan, Milenas Nachbar. Therese Dörr schwankt zwischen all diesen kleinen Welten als fände sie nirgendwo wirklich den Halt, den sie dringend nötig hätte.

Nicht im Esszimmer bei ihrem Mann (Werner Strenger), der Minister werden will und für sie und seinen fresssüchtigen Sohn (Florian Lange) wenig Zeit findet. Nicht bei ihrem kauzigen Nachbarn (Andreas Maier), der sich als sexlüsterner Spitzel herausstellt. Nicht beim Gynäkologen, der ihr mitteilt, dass sie nicht schwanger ist, sondern bloß einen Ehering in den Organen stecken hatte. Und nicht auf dem Friedhof, wo ihr Milica (Bettina Engelhardt) mehr Angst einflößt als Hilfestellung bei der Erziehung ihres Sohnes gibt.

Wunderbar groteske Figuren hat Anselm Weber in der deutschsprachigen Erstaufführung von "Barbelo, von Hunden und Kindern" inszeniert. Auf unterschiedlichste Art deformierte, einsame, selbstmordverliebte Gestalten, die die Schauspieler ebenso skurril wie tiefgängig zeigen.

Niemand weiß, wie traurig sie ist

Allen voran Therese Dörr als Milena. Ihr Spiel variiert zwischen naiver Leichtgläubigkeit, unbedingter Liebe und aggressiver Willenskraft. Schließlich hat Milena auch eine schwerwiegende Frage zu klären: Wie kann man im Voraus wissen, wen man zur Welt bringt? Milena schreibt unzählige Briefe an ihre Mutter, aber bloß mit Kreide auf Möbel, Wände und Haut. Leicht wegzuwischen, die Frage nach dem Lebensbeginn ("Barbelo" heißt übersetzt auch Gebärmutter) ist genauso vergänglich wie das Leben selbst.

Weber, der sich in seiner Inszenierung nah an die Stückfassung hält, lässt sinnigerweise auch die Regieanweisungen sprechen. Das ist von der Autorin wohl auch so angelegt, denn mal sind sie der Hundefrau, mal dem Streuner zugeteilt. "Eine junge Frau sitzt auf einem Mäuerchen. Sie raucht und heult. Ich glaube, sie raucht einen Joint. Niemand weiß, wie traurig sie ist." Solche Sätze müssen gesagt werden.

Henriette Thimig mit Wollmütze, geklebtem Mantel und Hunde-Stoffpuppe in der Hand (Kostüme Meentje Nielsen) schlurft gemütlich über die Bühne und gibt der Hundefrau die nötige Verschrobenheit. Sie und Fritz Fenne, der den Streuner spielt, mischen sich mal in die Dialoge ein und geben sonst – am Rand in ihren Behausungen hockend – die kommentierenden Erzähler dieser düster-grotesken Geschichte, in der immer wieder Hunde eine große Rolle spielen. Gleichnishaft werden diese zu verstorbenen Söhnen, werdenden Müttern oder schnüffelnden Polizisten. Als seien die Unterschiede zwischen Mensch und Tier genauso undurchsichtig wie die zwischen Leben und Tod.

 

Barbelo, von Hunden und Kindern (UA)
von Biljana Srbljanoviç
aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann
Regie: Anselm Weber, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Meentje Nielsen, Musik: Wolfgang Siuda. Mit: Bettina Engelhardt, Therese Dörr, Cornelia Kempers, Andreas Maier, Carsten Otto, Florian Lange, Werner Strenger, Henriette Thimig, Fritz Fenne, Rezo Tschchikwischwili.

www.theater-essen.de


Mehr lesen? Anselm Weber, der im Herbst 2010 die Nachfolge von Elmar Goerden als Intendant des Bochumer Schauspielhauses antritt, schnitt im September 2008 Millington Synges Der Held der westlichen Welt auf das Ruhrgebiet zu, und warnte kürzlich eindringlich davor, das Schauspiel Essen nach seinem Wechsel zur Disposition zu stellen.

 

Kritikenrundschau

"O weh!" denkt Eleonore Büning (die eigentlich eine FAZ-Musikkritikerin ist) zunächst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (22.2.2009) als sie das mit Wohlstandsmüll übersäte "pop-pessimistische Wechselrahmenbühnenbild" sieht, in das alles aus ihrer Sicht alles hineinpassen würde "was irgend das Welthaltigkeitsgütesiegel" vorweisen könne, von Hamlet bis zur Traviata. "Doch da wird es plötzlich hell und sofort saukomisch", schreibt sie und kann dem "klassischen Kammerspiel voll scharfer, kurzer Dialoge für eine geschlossene Gesellschaft" doch einiges abgewinnen, und findet sogar, das es an manchen Stellen "grotesk und wunderschön" ausfällt.

In der Neuen Ruhr Zeitung (23.2.2009) schreibt Martina Schümann: "Immer noch" berichteten Biljana Srbljanovics Geschichten vom Krieg, allerdings mittlerweile "von einem fast vergessenen". Das politische Trauma habe die 38-jährige Serbin "noch lange nicht losgelassen, auch wenn sie inzwischen persönlicher ans Werk geht". "Barbelo - von Hunden und Kindern" sei ein "bitterkomisches Treffen der Lebensgeister und Traumgespinste". Die Figuren gerieten "in den Grenzbereich von Realität und Surrealität", wo sich alle miteinander verwechselten, "die Lebenden mit den Toten, die Menschen mit den Hunden, die Söhne mit den Vätern". Anselm Weber zeige das in Bannwarts "licht- und klangtechnisch wirkungsvoll verdunkeltem Bühnenbild" als "durchlässiges Spiel von komischen Totenträumen und grotesken Lebensphantasien". "Barbelo", das im Serbischen auch für Gebärmutter stehe, sei ein "leiser-düsterer Sirenengesang aus dem Reich der Kriegsopfer und Selbstmörder, ein Klagelied der Lebenden und ein skeptischer Lockruf an die Nochnichtgeborenen".

In der Süddeutschen Zeitung (23.2.2009) schreibt Christopher Schmidt:  In "Barbelo" werde "die Unfruchtbarkeit einer jungen Frau zum Synonym für den gebrochenen Glauben an die Zukunft". Wenn im Schlussbild "drei Generationen einander auf dem Schoß sitzen", sei das eine "ebenso wacklige wie schöne Utopie". Ein junger Hund vervollständige das "labile Idyll". Srbljanovic habe ein Stück über ein Land geschrieben, "das auf den Hund gekommen ist, über seine Menschen und ihre Seelenräude". Der Stoff, den sie ausbreite, reiche "locker für drei Stücke aus". Doch diese Fülle sei eine Tugend, da sie keines der Themen auswalze, sondern "diese wie einen strahlenden Schmerz mitlaufen" lasse in den "lakonischen Dialogen ihrer Figuren, die über Hunde sprechen und immer die Menschen meinen". Anselm Weber zeige sich "hellhörig für Zwischentöne", die er "gekonnt ausmusiziert". Er bringe "die komischen Töne zum Klingen, aber auch die bitteren und hundsgemeinen". Elegisches und Groteskes fließe zusammen in der Figur der Milena. Therese Dörr spiele sie mit "großer Verletzlichkeit hinter renitentem Selbstschutz als ein Irrlicht von lockender Fremdheit". Das Stück sei "ein wilder, buntscheckiger Hund, der sich nicht an die Leine legen" lasse. In Essen sei "dieser Anti-Dressurakt wundersam leicht und befreiend gelungen".

 

 
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