Verkommene Elite

von Michael Laages

Schwerin, 21. Februar 2009. Jenseits des Städtchens ist der Fall wahrscheinlich längst wieder vergessen – wie da ein offenkundig ziemlich selbstvergessener Oberbürgermeister die dramatische Bedeutung eines lokalen Kriminalfalls völlig falsch eingeschätzt, und vor allem: die öffentliche Meinung gründlich unterschätzt hatte (es ging immerhin um ein totes Kind!). Und wie er dann in der Folge von den Bürgern schlicht und schön aus dem Amt gewählt wurde.

Das war so in Schwerin, als das Theater gerade die Wiederbegegnung mit Nikolai Gogols Provinz-Farce "Der Revisor" zu planen begann, während Bürgermeister Norbert Claussen wegen grober Versäumnisse im Fall der verhungerten fünfjährigen Lea-Sophie per Bürgerentscheid sein Amt verlor. Nun ist Robert Schusters Inszenierung auf der Bühne angekommen – und erinnert daran, dass dieses Stück über die Macht und die Sorgen damit hie und da und immer mal wieder das Stück zur Stunde ist.

Die Taschen voller Bestechungsrubelchen
Wobei Schuster, inzwischen Regie-Professor in Berlin, vernünftigerweise darauf verzichtet hat, Gogols Geschichte von anno 1836 ganz und gar aus ihrer Zeit zu reißen. Vielmehr zwingt er sie auf eine zuweilen ziemlich rasante Reise durch die Epochen. Die Honoratioren in der kleinen Stadt, deren verkommene Elite die Inspektion durch einen Revisors aus der Hauptstadt angekündigt bekommen hat und nun, auf Grund einiger Gerüchte, fälschlich einen durchreisenden Habenichts und Tunichtgut für eben diesen Ämterprüfer hält und dem begabten Schnorrer prompt die Taschen mit Bestechungsrubelchen vollstopft, tragen noch die maßvoll angeschrägten Kostüme und Insignien ihrer längst vergangenen Herrlichkeit. Nur der Mann von der Post trägt schon zeitgenössisches Posthorngelb.

Erst die örtlichen Kaufleute, die sich kurz vor Schluß über den selbstherrlichen Stadthauptmann beschweren kommen, sind ganz von hier und heute: wollen im feinsten Nadelstreif beste Subventionsbedingungen einklagen für ihren windigen Heuschrecken-Fraß und möglichst überhaupt keine Steuern mehr zahlen. Chlestakow, der falsche Revisor, nimmt wie und wo und was er kann. Auch des Stadthauptmanns Gattin und deren lieblich-gieriges Töchterlein – um sich dann auf Französisch zu verabschieden. Allerdings nicht ohne einem Freund per Brief mitzuteilen, dass er nunmehr gedenke, über diese dämlichen Dörfler ein Buch zu schreiben.

Alles halb so schlimm?
Diesen Brief hat der brave Postler nach alter Gewohnheit geöffnet. So erfährt dann das düpierte Dorf die triste Wahrheit. Demnächst soll dann der "richtige" Revisor zur Inspektion eintreffen. Als Epilog haben die Schweriner eine sonderbare "Zugabe" platziert: Gogols Empfehlung an das Publikum, bei dieser ziemlich politischen Satire bitteschön in sich selbst zu gehen, um auch dort nach dem Dorf samt seiner Verfehlungen zu suchen, und im übrigen auf Gottes gütige Fügung zu hoffen. Alles also halb so schlimm?

Das klingt penetrant begütigend und an diesem Abend umso absonderlicher, als Schusters Inszenierung ja die Politik in der Farce schon ziemlich gut in den Griff bekommen hatte. Sie steckt voller erstaunlicher Ideen.

Ein kleines Puppenspiel steht am Beginn: der Mann in Post-Gelb sucht (mit Gogol) nach der Idee für eine Komödie und liest den Brief vom Ende des Stücks. Die Puppe hängt derweil vor der Kulisse eines Eisenbahnwaggons. Und schwupps ist die ganze Bühne ein Waggon der altsowjetischen Staatsbahn. Bühnenmaler in Schwerin können halt noch kyrillische Beschriftungen ("Schwerin" allerdings schreibt sich, mit Verlaub, mit hartem kyrillischen "Sch"!). Dazu klingen "Podmoskowneje Wjetschera" im Dixie-Sound, und der Auftakt wird zum frechen, flotten Vaudeville, schrille Karikaturen als Helden vom Dorfe inklusive.

Ratternde Komödiemaschine
Neben Stadthauptmann, Richter, Schul- und Sozial-Dezernent, zuzüglich zweier schnuckeligen Schnepfen, die die örtliche Gerüchteküche betreiben (Männer-Rollen übrigens im Original), setzt Schuster den Joker des Abends – Leibarzt Doktor Hübner, der zum einen allerliebst spricht (nur Vokale – also "u o-a-e") und damit an den armen Neffen aus der "Pension Schöller" erinnert, der nur "n" kann und kein "l", und der zum anderen als eine Art Gliederpuppe so etwas wie der Motor der ratternden Komödien-Maschine wird. David Lukowczyk bekommt auch den Epilog und wird zum Star der Show.

Leider kommt der Aufführung auch die schöne Eisenbahn-Idee auf Angelika Winters Bühne zu schnell wieder abhanden. Wie, wenn der ganze Abend auf rasender Reise und wie im Zug-Abteil geblieben wäre? Zu Beginn des zweiten Teils mimt das Ensemble zwar noch einmal akustisch-musikalisch (und sehr komisch!) einen Zug – aber das war's dann auch. Dem Abend fehlt erkennbar der lange Atem, der aus Ideen Gedanken wachsen lässt, Grund-Gedanken. Zum Fundament taugen auch nicht die zeitgenössischen Investment-Gangster am Schluss. Da ist die Luft leider schon raus. Und die starke Spielfreude, mit der das Ensembles ihn lange in Gang hielt, genügt nicht mehr.

Ein bißchen mehr Erotik!
Speziell die Frauen fallen auf. Zum einen die bei Stadthauptmanns daheim, Brigitte Peters und Bettina Schneider, vor allem aber die, die im Original eigentlich Männer sind: Marianne Barth, Katrin Huke, Ulrike Hanitzsch, Lucie Teisingerova und Anna Schumacher. David Emig, Gottfried Richter, Klaus Bieligk, Jakob E.G. Kraze, Stéphane Maeder und Andreas Lembcke als Dorf-Elite sind derweil mit kräftigen Farben aus der Farcen-Tube gezeichnet – während Johann Zürners falscher "Revisor" neben aller hallodrihaften Schmierigkeit unbedingt ein bisschen mehr Erotik verdient gehabt hätte. Immerhin verfällt ihm, wer ihn trifft. Selbst die aus unerfindlichen Gründen blinde Kellnerin. Trotzdem macht es gehörigen Spaß, den Schwerinern zuzusehen.

Und doch war mehr drin mit diesem Stück.


Der Revisor
Komödie von Nikolai Gogol
Inszenierung: Robert Schuster, Bühne und Kostüme: Angelika Winter.
Mit: Klaus Bieligk, Marianne Barth, David Emig, Ulrike Hanitzsch, Katrin Huke, Jakob E.G. Kraze, Andreas Lembcke, David Lukowczyk, Stéphane Maeder, Brigitte Peters, Gottfried Richter, Bettina Schneider, Anna Schumacher, Lucie Teisingerova, Johann Zürner.

www.theater-schwerin.de


Mehr lesen? Im Juni 2008 inszenierte Robert Schuster Die Bakchen von Raoul Schott nach Euripides in Bremen.

 

Kritikenrundschau

Robert Schusters Inszenierung von Nikolaj Gogols "Der Revisor" gleiche "einer Schleuderfahrt zwischen lustvoll ausgespielter Gesellschaftskritik und drastisch überdrehtem Klamauk", meint Hermann Hofer in den Lübecker Nachrichten (22.2.2009). Zwar schöpfe Schuster "Gogols Spaßpotential in gelungenen Einzelszenen vollständig aus", irre aber "aufs Ganze gesehen eher orientierungslos durch das Stück". Die abgründige Geschichte mutiere so "zur manchmal harmlosen Humoreske. Statt der gnadenlosen Entlarvung der Charaktermasken (…) sieht man dann satt ausgemalte und liebevoll ironisierte Karikaturen. In diesem Umfeld wirkt Schusters schneller Link zur Finanz- und Wirtschaftskrise unserer Tage wie willkürlich aufgeklebt."

 

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