Ausnutzung der Inselbegabung

von Christian Rakow

Berlin, 23. Februar 2009. Wenn das nicht eine Vision von Orwellschem Format ist! Da hockt ein Autist in seinem Rollstuhl, weltarm, aber hochbegabt in Sachen Töpferkunst. Und von seinem Gehirn verlaufen Drähte zum Kopf einer Französischlehrerin, die für die Dauer dieses Experiments an seinem Geschick teilhat und nun also töpfert wie eine Schwester Pygmalions.

Und ein Neurologieprofessor doziert dazu über die schöne neue Welt, die sich hier auftut: "Wissen Sie, was meine Vision ist. Dass die Menschheit eines Tages bald wer weiß morgens neben dem Wasserkocher oder ihrer elektrischen Zahnbürste so einen Savant-Zapfhahn stehen hat. Dann werden die Leute […] weit über das Normalmaß über alle Maßen aufnahmefähig auf Knopfdruck auf ihrem Spezialgebiet das Maximum leisten".

Vollendet moderne Optimierungsgesellschaft
Der Autist (Fachwort: Savant), zur spezialisierten Maschine degradiert, verspricht die Vollendung der modernen Optimierungsgesellschaft. Es wäre wohl eine eindrucksvolle Dystopie entstanden, hätte Nina Ender, UdK-Studentin und Gewinnerin des 5. Stückewettbewerbs der Schaubühne, an diesem zentralen Szenario ihres ersten abendfüllenden Stückes "Die Wissenden" weitergearbeitet. Potential ist reichlich da in Enders klarer visueller Prosa, die sie immer wieder in prägnante Kurzszenen und Erzählpassagen gießt. Und an theoretischem Rüstzeug mangelt es auch nicht.

Aber Enders packt ihren Kommentar zur modernen Humanmedizin in ein überaus wackliges dramatisches Korsett. Das Autismusthema wird mit einem Weltverlust kurzgeschlossen, den die depressive Französischlehrerin Frau Schenk erleidet. Und deren Geschichte trägt in etwa so dick auf wie das berühmte Sparkassen-Werbefilmchen: Meine Frau – mein Haus – mein Boot.

Trisomie, Autismus, Sterbehilfe
Also: Frau Schenk hat auf Drängen ihres Gatten, eines Neurochirurgen, eine Spätabtreibung vollzogen. Diagnose beim Fötus: Trisomie-21 (!). Während der Mann mit einer Biologielehrerin (!) fremdgeht, wächst Frau Schenks Zuneigung zum Autisten Ralph. Dieser verdankt ganz nebenher seine Behinderung einer Neonazi-Attacke (!). Muttergefühle und der Wille zur Selbstaufgabe führen Frau Schenk dann ins zerstörerische Laborexperiment. Kurz darauf begeht sie Selbstmord (!), anscheinend inspiriert von einer Psychiatrieinsassin, die ihrem krebskranken (!) Vater Sterbehilfe (!) leistete.

Bis zum Premierenabend hat die Schaubühne den Text unter Verschluss gehalten. Man wusste offensichtlich, dass hier kaum mehr als eine Talentprobe vorliegt, der gegen Ende mit zwei für sich genommen reizvollen, doch kaum mehr angebundenen Monologen die dramatische Puste ausgeht. Nicht so der Uraufführung von Jan-Christoph Gockel im Studio der Schaubühne: Wie ein blutiges Gespenst erscheint dort im Finale Henrike Jörissen als Psychiatriepatientin und dimmt ihren Bericht vom krebskranken Vater ganz wunderbar herunter. Anschließend durchbricht David Ruland seine Autistenrolle mit einem energischen Solo über Hybris und Scheitern eines frühen Flugpioniers.

Versprechen auf mehr
Wo der Text über seine Ränder wuchert, da befreit sich die Inszenierung (es ist Gockels Diplomarbeit für den Regieabschluss an der "Ernst Busch"). Wo hingegen der Plot bewegt werden muss, da scheut sie allzu großes schauspielerisches Risiko. Getragen von Clubsounds (von Matthias Grübel) agiert man lange Zeit solide vor einem verschiebbaren, gestylten Klinikvorhang, auf den gelegentlich Stadtvideos projiziert werden (Bühne: Julia Kurzweg).

Die stets narkotisiert wirkende Frau Schenk (Lea Draeger) wird flankiert von André Szymanski als anscheinend nachtschichtmüdem Neurochirurg und Bettina Hoppe in wechselnden Rollen, mal burschikose Schülerin, mal rigorose Investigativjournalistin. Der Rhythmus stimmt, eine gute Stunde dauert diese theatrale Fingerübung. Man darf sie allseits als leises Versprechen nehmen.

Die Wissenden
von Nina Ender (UA)
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne und Kostüme: Julia Kurzweg, Musik: Matthias Grübel, Dramaturgie: Jens Hillje.
Mit: Lea Draeger, André Szymanski, Ulrich Hoppe, David Ruland, Bettina Hoppe, Henrike Jörissen.

www.schaubuehne.de

 

Mehr zu Jan-Christoph Gockel? In der Saison 2007/08 inszenierte er bei allen Teilen der Deutschlandsaga an der Berliner Schaubühne. Wir berichteten komplett: über die 50er Jahre, 60er, 70er, 80er, 90er und Nuller Jahre. Sein Hamlet war er beim Körber Studio Junge Regie 2008 eingeladen.

 

Kritikenrundschau

Eine Neuroscience-Fiction sieht Andreas Schäfer (Tagesspiegel, 25.5.2009) in Nina Enders Stück Text, "leider soll der Text aber auch Märchen sein". Zügig, aber ohne Leidenschaft inszeniere Gockel "diesen Stückversuch über die Humanmedizin – den die Schaubühne aus naheliegenden Gründen vor der Premiere partout nicht verschicken wollte." Die Schauspieler sitzen meist in oder vor einem weißen Kasten, auf den Videobilder projiziert werde, während Elektroknistern für eine futuristische Atmosphäre sorge. "Lea Draeger, André Szymanski, Ulrich Hoppe, Bettina Hoppe und Henrike Jörissen leisten Dienst nach Vorschrift. David Ruland trägt als Autist Ralph einen Fahrradhelm und zeigt nur einmal, was er kann. Im Leichenkeller springt er aus dem Rollstuhl und erzählt vom Flugtraum eines Ulmer Bäckers aus dem 19. Jahrhundert – mitreißend, obwohl auch diese Geschichte nach Wikipedia klingt."

"Bis zuletzt feilte Nina Ender an ihrem Text, der von dem Regiediplomanden Jan-Christoph Gockel im Studio der Schaubühne uraufgeführt wurde", weiß auch Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (25.2.2009) zu berichten. Die beiden hätten eng zusammengearbeitet, "doch leider hat die Aufführung dem ehrgeizigen Text wenig Gutes getan". "Die Wissenden" erzähle von Grenzentscheidungen in Grenzbereichen des Lebens. Enders habe sich auf eine heikles Feld gewagt und schlage einen raffinierten Pfad ein, indem sie das Thema nicht wirklich vorführt. "Hier treten keine Menschen auf, die das komplexe Für und Wider von Lebenmüssen und Sterbendürfen ausrollen." Stattdessen stelle sie das Aneinander-Vorbei der beteiligten Denkebenen aus. Allerdings geht diese Verschachtelung am Regisseur vorbei. "Er setzt auf derbes Kammerspiel, in dem sich die Schauspieler zwar sehr brechtisch die Kapitelüberschriften vorsagen, aber von der Kleinen-Prinzen-Welt nichts ahnen. Die wartet auf feineres Gespür."

 

 
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