Ein bisschen Kurzweil

von Christian Rakow

Recklinghausen, 8. Juni 2007. Was wäre ein Freitagabend in NRW ohne die Junggesellinnenabschiede! Doch nirgends sehen sie so aus wie im kleinen Theater der Ruhrfestspiele Recklinghausen: Eine besonders blonde junge Dorfunschuld (Maja Beckmann) wird im Kreis gedreht, während eine nur um weniges ältere Gefährtin (Katja Uffelmann) von der bevorstehenden Hochzeitsnacht fabuliert.

Und zwar zunehmend garstig und amazonenkriegerinnenwütend, angesichts der Dinge, die da nahen: "Dein Bräutigam wiegt schwer, er bricht dir fast die Rippen, deine Mädchenrippen krachen. Er ist eingedrungen, dein Schrei; friss ihn, schluck ihn." Dann sprudelt Sekt, und Konfetti regnet. In der Hochzeitsnacht verwandeln sich die Männer in "Wildeber und gefiederte Schlangen". Wer will da eigentlich noch feiern?

Weibliches Missvergnügen

Regisseur Elmar Goerden will feiern, und er tut gut daran. Denn die Schauspielerin Justine del Corte hat mit "Der Alptraum vom Glück", ihrem Debüt als Bühnenautorin, eine besonders bedrückende Bestandsaufnahme alltäglichen weiblichen Missvergnügens vorgelegt. In gut drei Dutzend, kunstgerecht ineinander geschobenen Erzählbruchstücken und Traumberichten erfahren wir von Frustrationen beim Lebensmitteleinkauf, von Selbstentjungferungen oder von der Mühsal, mit dem Mann glücklich zu werden, der da morgens aus dem Bad gestiefelt kommt. Dazwischen darf regelmäßig ein cholerischer Regisseur (Franz Xaver Zach) bei einem Casting seine Assistentin und eine Reihe bedauernswerter Laienschauspieler zur Sau machen.

Überhaupt kommen die Männer albtraumgemäß unappetitlich rüber, Ausnahme: der mexikanische Daddy, mit dem sich eine Neunzehnjährige (Katja Uffelmann) im Stile eines Roadmovies durch Amerika schlägt. Damit dieser Reigen der Unzufriedenen nicht ganz ohne Überbau dasteht, gibt es gleich zur Einleitung eine Maxime des bekennenden Christen im Widerstand gegen das Nazi-Reich Dietrich Bonhoeffer: "Nicht im Möglichen schweben, sondern das Wirkliche tapfer ergreifen! In der Tat liegt die Freiheit."

Selbstredend liegt der Clou des Stückes im Scheitern an diesem Anspruch. Alle reflektieren, niemand tut es (was auch immer – glücklich werden, vermutlich). Das Dritte Reich spielt bis auf einen peinlichen Ausrutscher, der eine Fernsehgameshow Marke "Herzblatt" mit KZ-Selektionen zusammenbringen will, keine Rolle. Das Christentum hingegen schon. Vielmehr der Phantomschmerz nach Gottes Tod: "Gottes Existenz ist dadurch bewiesen, dass er uns verlassen hat. Es gibt ihn nur deshalb, weil wir uns nach ihm sehnen", heißt es leitmotivisch. Spätestens mit solchen Weisheiten ist die Collage auf dem Niveau der adoleszenten Tagebuchschreiberin angekommen und braucht es eine Regie, die da ein klein wenig interveniert.

Leicht und beiläufig

Elmar Goerden präsentiert mit dem überwiegend jüngeren Teil seines Bochumer Ensembles, angeführt von Christine Schönfeld, Elizabeth Blonzen und Alexander Maria Schmidt, die (Alp-)Traumhäppchen mit ungeahnter Leichtigkeit und Beiläufigkeit. In knapp zwei Stunden wird frontal und zügig wegerzählt, auf einem quer verlaufenden, polierten schwarzen Steg, der rechterhand Brüchigkeit andeutet, als hätte dort ein Kubist dunkle Eisschollen geschichtet. Auf einer Videobreitwand im Hintergrund wechseln dazu stetig Sekundärfarben und abstrakte Kegelmuster (Bühne und Video: Silvia Merlo/Ulf Stengl), gern korrespondierend mit der Kleiderordnung, die im gerade noch modetauglichen Schäbig-Look gehalten ist (Kostüme: Lydia Kirchleitner).

Goerden lockert die dezidiert weibliche Perspektive des Stückes etwas auf, indem der rahmende Alptraumbericht einem männlichen Sprecher zugeschlagen wird. Er fängt das sinnbeschwerte Pathos mit Erzählhaltungen auf, die sich bewusst jugendlich und großäugig geben. Er umspielt die Narrative mit manch schrulliger Figurenzeichnung und einem tuntigen Ballett und holt sich damit dankbare Lacher vom Publikum ab. Er lässt alle wesentlichen Dialekte Deutschlands zu Wort kommen, sprüht Diskonebel und fährt Depeche Modes "I feel you" rein, wenn von einer Gotteserfahrung im Gras die Rede ist (recht so!).

Doch mehr als Kurzweil ist nicht drin. Weder vom Alp gedrückt noch irgendwie beglückt, noch metaphysisch oder existenziell geschüttelt verlässt man Recklinghausen. Die Inszenierung zieht weiter in die Kammerspiele des Bochumer Schauspielhauses. Im Oktober.

 

Der Alptraum vom Glück
von Justine del Corte
Inszenierung: Elmar Goerden, Bühne und Video: Silvia Merlo/Ulf Stengl, Kostüme: Lydia Kirchleitner.
Mit: Christine Schönfeld, Elizabeth Blonzen, Alexander Maria Schmidt, Katja Uffelmann, Franz Xaver Zach, Maja Beckmann.

www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Einhellig angenervt zeigt sich die lokale wie überregionale Kritik von Justine del Cortes Alptraum vom Glück. Substanzloses Stück, dem auch die Aufführung nicht aufhilft. Wie konnte es überhaupt zu dieser Uraufführung kommen?

Auf Welt online (11.6.2007) schreibt Eva Kalwa von 14 Menschen in immer neuen Kostümen, die pausenlos von Kindheitserlebnissen, "ungestillten Sehnsüchten und heimlich eingegangenen Kompromissen" redeten. "Sie richten sich im falschen Leben ein, weil das, was sie erträumen, zugleich das Unmögliche ist". Das Ensemble sei gut, doch warum die Schauspieler gefühlte hundert Male an diesem Abend das Wort "ficken" benutzten, bliebe schleierhaft, moniert Frau Kalwa. Falls es eine Botschaft gegeben habe, sei die irgendwo "zwischen Kraftausdrücken, Theaterblut und viel Gerede verloren" gegangen. Es bliebe der "fade Nachgeschmack eines durchzappten Fernsehabends".

Als einen "Alptraum von Stück" bezeichnet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (11.6.2007) del Cortes' 43 Szenen. Dann legt die "peinlich berührte" Kritikerin richtig los: es handele sich um den "totalen Gefühlskitsch,  ... durchstoßen von penetranten Vulgärpassagen", mit denen die Autorin demonstrieren wolle, dass sie "wahnsinnig angepisst von den Männern" sei. Ein "Erzeugnis sprachlicher Inkontinenz aus extrem weiblicher Perspektive. In den Worten der Autorin: "Aus deiner Möse läuft was raus." Frau Dössel fragt sich, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass diese "allenfalls private Vorstudie zu einem Drama" zur Uraufführung an prominentem Ort angenommen wurde – und verrät: Justine del Corte ist das Eheweib des Dramatikers Roland Schimmelpfennig. Zu allem Überfluss sei die Inszenierung von Elmar Goerden allenfalls eine "spießige Bilderfolge".

In den Ruhr Nachrichten (11.6.2007) schreibt Kai Uwe Brinkmann über "diffuses Unwohlsein und Entfremdungs-Genörgel mit feministischer Tünche" käme del Corte nicht hinaus. Elmar Goerdens "Versuch, Weinerlichkeit durch Komik abzufedern beschere dem Stück Momente schrillen Klamauks", könne aber die fehlende Substanz nicht "bemänteln".

 

 
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