Das Quantum als Quelle und Qual

von Andreas Schnell

Bremen, 26. Februar 2009. Wer an den gegenwärtigen Zuständen in der Welt etwas auszusetzen hat, tut nicht schlecht daran, es mit Brecht zu versuchen. "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe" etwa bietet einige lesens- und hörenswerte Argumente wider den Kapitalismus. Brecht unterzog sich einer Mühe, die ein Aristophanes nicht nötig hatte. Zu dessen Zeiten gab es weder ein voll entwickeltes Bankenwesen, noch die dazugehörigen Erscheinungen wie Kredite auf Kredite. Nachdem Frank-Patrick Steckel am Theater Bremen den erwähnten Brecht-Klassiker vor einem Jahr unter Mitwirkung von Schauspielern des Theaterlabors auf die Bühne brachte, griff er für seine jüngste Arbeit trotzdem auf den antiken Griechen zurück, um von unserer Gegenwart zu erzählen.

Die Geschichte sei kurz erzählt: Chremylos, ein attischer Bauer, erwägt, ob er seinen Sohn zum Schurken erziehen soll, auf dass es ihm einmal besser ergehe als ihm. Denn, wie die Stimme des einfachen Volkes weiß: Die, die wenig auf die Moral geben, sind auch die, die am Ende die Früchte ernten. Als er seine Frage dem delphischen Orakel vorträgt, erhält er den Rat, den nächsten, den er trifft, zu sich nach Haus einzuladen.

Besser reich und gesund...
Wie das Schicksal will, handelt es sich dabei ausgerechnet um Plutos, den Gott des Reichtums. Der, blind und in Lumpen gehüllt, muss Chremylos erst beweisen, dass er ein Gott ist. Konfrontiert mit dem gesellschaftlichen Elend, gesteht er, dass er nicht sehen könne, wie er seine Gaben verteile. Also lässt ihn Chremylos durch Asclepios von Blindheit und Alter heilen. Plutos' Gegenspielerin Penia, Göttin der Armut, versucht daraufhin vergebens, den Bürgern die moralischen Vorzüge der Armut zu erläutern und wird verjagt. Plutos hingegen wird für das Ende des Darbens gefeiert.

Dieses viel erörterte, etwas vage Ende der Komödie ist es, das Steckels aktualisierte Version plausibel, zumindest aber möglich macht. Natürlich wusste Aristophanes nichts von der flächendeckenden Vernichtung der Natur im Sinne der Rendite, wie sie Steckels Plutos beklagt. Aber er hatte eine Ahnung davon, dass Reichtum und Armut zusammengehören. In einem hinreißend gespielten Politduell exerzieren Chremylos (souverän: Tom Pidde) und Penia (ergreifend keifend: Iris Bettina Kaiser) die gängigen Argumente durch. Penia postuliert die Armut als Quell urmenschlichen Schaffenstriebes gegen das Resultat vermeintlicher Bedürfnislosigkeit, die Faulheit, wogegen Chremylos behauptet: Wenn jeder seines Glückes Schmied sei, müsse man ihm wenigstens einen Hammer und keinen Strohhalm in die Hand drücken.

...als arm und krank
Da blitzt ein Witz auf, der glatt von Brecht stammen könnte. Dass aber auch die von Chremylos und seinen Nachbarn ausgelöste gesellschaftliche Umwälzung der Verhältnisse nicht ganz unverdächtig ist, darf Chremylos' Sklave Karion andeuten, der auch nach dem Umsturz ein Sklave bleibt, weil die neuen Herren es mit der Veränderung der unteren Verhältnisse nicht so eilig haben. So öffnet Steckel die antike Vorlage für eine allgemeine, zugleich sehr aktuelle Meditation über Herrschaft an und für sich, die von einem tiefen Misstrauen gegenüber Führern ebenso geprägt ist wie von Ideologiekritik.

Mit den Mitteln der Commedia dell' arte hat Steckel seinen "Plutos" in einem kalkweißen minimalistischen Bühnenbild mit reizvoll rhythmisiertem Chor, Tanzszenen und wunderbaren Liedern so in Szene gesetzt, dass er als Komödie funktioniert. Dass einem an diesem enorm dichten Abend auch noch die taktischen Lügen von Volksvertretern samt Verzichtsmoral, die Argumente von Kapitalismus-Apologeten in ihrer Fadenscheinigkeit und einige beklemmend treffende Argumente gegen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit um die Ohren gehauen werden, schmälert das Vergnügen nicht im Mindesten. Nur gelegentlich wirkt die Kritik an den Verhältnissen dem guten alten Aristophanes etwas aufgezwungen. Das Ensemble des Theaterlabors ließ sich von diesem ideenreichen Konzept zu bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen anspornen. Dafür gab es verdienten, begeisterten Applaus.

 

Plutos
nach Aristophanes (Variation auf eine attische Komödie von Frank-Patrick Steckel)
Regie: Frank-Patrick Steckel, Bühne: Michael Köpke, Kostüme: Stefanie Krapka, Musik: Dirk Raulf.
Mit: Henning Bormann, Jörg Brütt, Andrea Duricova, Nina Fleiner, Anne Margarete Greis, Viola Heeß, Iris Bettina Kaiser, Mathis Köllmann, Susanne Kreckel, Nora Linnemann, Verena Neher, Tom Pidde, Verena Reisemann, Manuela Reiser, Maya Renkewitz, Mario Scheel, Tascha Solis, Marco Stickel, Bodil Strutz.

www.theaterlab.de

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=j23u2EJwtN8}

 

Weitere Nachtkritiken zu Inszenierungen des Theaterlabors Bremen: Im Juni 2008 besprach Andreas Schnell "Jeff Koons" von Rainald Goetz; die erwähnte Premiere der Heiligen Johanna der Schlachthöfe von Brecht unter der Regie von Frank-Patrick Steckel im Theater Bremen und mit Schauspielern des Theaterlabors fand im Februar 2008 statt.

 

Kritikenrundschau

Nichts weniger als grandios findet Sigrid Schuer im Weser Kurier (28.2.2009) speziell die schauspielerische Leistung dieses Abends. Aber auch vor Regisseur Frank-Patrick Steckel, den sie "zornigem Kapitalismuskritiker" nennt, zieht sie tief den Hut. Seine Variation über die attische Tragödie habe er Kooperation mit dem Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hicke in Bremen an die "sich überschlagenden Ereignisse der kollabierenden Finanzmärkte" angepasst. Sie sei unbequem und intellektuelle Arbeit, auch für ds Publikum, das sich "gemeinsam mit den Akteuren durch Aristophanes' "gewaltiges Textgebirge" "fräsen" müsse. Der Regiestil sei puristisch, "ja, geradezu archaisch". Doch am Ende seien sowohl Publikum als auch Ensemble erschöpft aber glücklich gewesen.

 

 
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