Das höchste Glück der Tiere

von Anne Peter

Berlin, 28. Februar 2009. Klatsch! Ein einzelnes Weichteil plumpst aus dem Schnürboden und entlockt den beiden menschengroßen Plüsch-Karnickeln Erstaunensworte in Häschen-Sprech: "Watt dat denn da?", hasenzahnt Wolfram Koch, der in einer der Ganzkörper-Fellverkleidungen steckt. Aus der anderen fiept Constanze Becker.

Das ominöse Weichteil entpuppt sich alsbald als Stoffbrust mit Klettverschluss, das an passender Stelle auf besagtes Hasenkostüm appliziert werden kann. Dann regnet es noch einen Stoff-Penis, den sich Koch zwischen die Beine klettet – und fertig ist der Sündenfall. Die Häschen-Laute kippen aus naiver Hauchlage ins Brünstige, 's ist Rammelzeit! "Das höchste Glück ist das Glück der Tiere."

Hasenhaut, die sich erinnert

Zur hektischen Hasenpaarung in Variationen sprechen die beiden die beißend bösen Sätze aus Heiner Müllers "Quartett", in der sich die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont eine eiskalte Macht-Sex-Sprach-Schlacht liefern. "Nicht dass ich für Sie etwas empfände. Es ist meine Haut die sich erinnert. Oder vielleicht ist es ihr einfach gleichgültig, an welchem Tier das Instrument ihrer Wollust befestigt ist".

So beginnt Karin Henkels Inszenierung der "Gefährlichen Liebschaften", mit der das zehn Monate wegen Renovierungsarbeiten geschlossene Deutsche Theater wieder eröffnet wird, ziemlich komisch. Das Setting: Neonlicht zu schwarzem Riesenholzzylinder, der die Drehbühne umspannt, um die bisweilen Adam-und-Eva-Porträts fahren, und die bei Bedarf aufgeschoben wird. Vorn ein langer Tisch, an dem alle Beteiligten abhängen, Briefe ins Mikro sprechen oder eben auch mal drauf flachgelegt werden.

Dank der Plüsch- und Klett-Verfremdung ist der Abend dennoch jeden pornographischen Verdachtes enthoben. Den hegten die Zeitgenossen durchaus gegen den Briefroman "Les Liaisons dangereuses" des Choderlos de Laclos, erschienen 1782, die ob ihrer pikanten Intimbeschau des freizügigen Adel-Alltags im Vorjahrzehnt der französischen Revolution beinahe so schnell verboten wie vergriffen waren.

Krachendes Männer-Bashing

Henkel, die seit Langem erstmals wieder in Berlin inszeniert und hier zuletzt beim Theatertreffen 2006 ihren Stuttgarter "Platonow" zeigte, mixt nun einzelne Laclos-Briefe mit Müllers verschärfender "Quartett"-Bearbeitung und der Theaterfassung von Christopher Hampton. Und wie schon in früheren Inszenierungen betreibt sie dabei krachendes Männer-Bashing: wenn Kochs charmant-brutaler Valmont aus purem Mutwillen oder Intrigen-Perfidie die auf der Bühne verfügbaren Damen reihum nötigt, vergewaltigt, sie auf die Knie zwingt, ihr Gesicht in seinen Schoß presst und ihnen den Stoffpenis in den Hals stößt – der Mann als Rammler.

Henkels vertrackt komplexe Hamburger "Minna von Barnhelm" mit Jana Schulz als weiblich-männlichem Tellheim oder ihr "Menschenfeind" in Köln mit überraschend geschlechtsverkehrter Schlussvolte hatten eine ähnlich feministische Schlagrichtung. So steckt selbst hinter der mit eiserner Disziplin angeeigneten Gefühlskälte der Merteuil noch ein emanzipatorisches Motiv, das herauszuschreien Constanze Becker ihre ganze Tragödienwut aufbietet, glaubt sie sich doch geboren, "dein Geschlecht zu beherrschen und das meine zu rächen".

Ungeplanter Einbruch der Liebe

Was auf den ersten Blick als grobschlächtige Anlage erscheinen mag, hat in einer Zeit, die Frauen für das, was bei Männern den Appeal-Faktor nur erhöht, immer noch schnell als Schlampen abstempelt, durchaus seine Berechtigung. Und ergibt außerdem Sinn, weil die Regisseurin, indem sie Koch einen derartigen Brutalo und Becker die in jeder Hinsicht abgefeimte Verstellungskünstlerin spielen lässt, die mal als breitbeiniges Mannweib dasitzt, mal mit Tief-in-die-Augen-Blicken kokettiert, erst die Fallhöhe der beiden etabliert. Erzählt der Abend doch vor allem vom ungeplanten Einbruch der Liebe in das gänzlich herzenskalt geglaubte Innen-Reich der Kalkül-Experten.

Und gerade der rundum exerzierte Grobianismus verleiht den Szenen zwischen Valmont und der ausdauernd um Standhaftigkeit bemühten (aber Apfel-essenden!) Madame de Tourvel, der Meike Droste die Resolutheit und das heillose Verliebtheits-Unglück ihrer Gosch'schen Tschechow-Figuren leiht, eine große Berührungskraft.

Zu Menschen mutiert

Da ist plötzlich sogar Raum für Erotik, für Atem-Crescendi, stockend schaudernde Zärtlichkeit. Wie Koch plötzlich von der von ihm halbentblößten Droste zurückschwankt, sie Kleid-über-Kopf stehen lässt und kurz vorm Verführungsziel wie panisch umkehrt. Wie er dann zittrig der Merteuil berichtet und partout nicht mehr richtig in sein Selbstbild des coolen Herzensbrechers zurückzufinden vermag. Die Hasenkostüme werden Stück für Stück abgelegt, die Monster mutieren zu Menschen – die für ihr Fühlen doch zu feige bleiben.

Merteuil will lieber die Macht behalten als das Risiko der erneuten Verletzung auf sich zu nehmen. Valmont gehorcht ihr, verlässt die Tourvel, kann sich aber nur von ihr losreißen, indem er die großen schwarzen Türen zwischen ihnen zuschiebt. Am Schluss ruft das fatale Paar noch einmal gegeneinander den Krieg aus und tritt als vampiristisches Brautpaar in vertauschten Rollen auf, Merteuil im Anzug, Valmont im weißen Brautkleid. Zwei Untote, prototypische Wiedergänger im ewigen Geschlechterkampf, Raubtiere in Menschengestalt. Aus ihren Mündern trieft Blut, das Herz scheint ausgerissen. Und vom Schnürboden fällt auch keins herab.

 

Gefährliche Liebschaften
nach dem Roman von Pierre-Ambroise-Francois Choderlos de Laclos,
"Quartett" von Heiner Müller und "Gefährliche Liebschaften" von Christopher Hampton
Inszenierung: Karin Henkel, Bühne: Stefan Mayer, Kostüme: Klaus Bruns, Musik: Tobias Vethake.
Mit: Constanze Becker, Wolfram Koch, Meike Droste, Heidi Ecks, Angelika Richter.

www.deutschestheater.de

Mehr lesen? Im September 2008 eröffnete die 1970 in Köln geborene Regisseurin Karin Henkel, die 1993 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden ihr Regiedebüt mit Coline Serreaus Hase Hase gab, die Spielzeit im Düsseldorfer Schauspielhaus mit Der Fall der Götter, das auf der Grundlage des Drehbuchs zu von Lucino Viscontis Film Die Verdammten entstand.

 

Kritikenrundschau

Mit unmissverständlichem Sarkasmus reagiert Matthias Heine von der Welt (2.3.) auf Karin Henkels Aufführung der "Gefährlichen Liebschaften" zur Wiedereröffnung des Deutschen Theaters in Berlin: die Inszenierung mache einen "überwältigend langohrigen Gesamteindruck", mit "großer interpretatorischer Hellsichtigkeit" reiße Karin Henkel "den zwei Adeligen die Menschenmaske vom Gesicht" und lasse "deren grausame Häschennatur zum Vorschein kommen". Man frage sich nur, "wieso die tiefwühlende Dramaturgie (…) nicht auch noch Hermann Löns herbeizitiert" habe, "um zu untermauern wie sehr die Grausamkeit des Patriarchats an der Gleichberechtigung der Geschlechter genagt hat". Da dem "naiven Briten" Christopher Hampton in seinem Stück die "Hasizität" von Valmont und Merteuil "völlig entgangen" sei, werde auch die Bearbeitung des Stoffes von "Heiner Mümmler" herangezogen. Inszenierung und Ausstattung hielten "mühelos das Niveau der Textauslegung", indem es beispielsweise "endlich, endlich mal wieder Darsteller" gebe, "die ihre Texte hinter Tischen sitzend vom Blatt rezitieren, als wären sie bei der allerersten Leseprobe".

Alle drei Versionen der "Gefährlichen Liebschaften" – "die amoralische Entlarvung einer amoralischen vorrevolutionären Gesellschaft durch Choderlos; die (…) ahistorische Geschichtskörperzergliederung Heiner Müllers und die Boulevardisierung der Bösen durch Hampton" – seien: "intelligent", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.3.). Die Inszenierung von Karin Henkel ("unter den verstandesfeindlichen deutschen Regisseuren wohl die plumpeste Kraft") aber sei eine "unsägliche Dummheit", sei "grenzdebiles Hasentheater im Rammelbammel-Brüllstil" und eine "tierische Schauspielerqualitätsverschwendung sondergleichen". Drei Botschaften vermittle der Abend: "Erstens: Liebe ist tierisch. Zweitens: Sex ist Rammelei. Drittens: Theater ist dumm. Um aber zu solch spießiger Erleuchtung zu kommen, hätte das Haus ruhig noch weitere zehn Monate geschlossen bleiben können."

Man erlebe im Deutschen Theater "einen gespielten, altmodischen Häschenwitz", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (2.3.) und "windet sich vor Scham in den neuen, deutlich bequemeren Sitzen". In Karin Henkels Inszenierung liege "ein Totalschaden vor, ein peinliches, groteskes Missverständnis." "Trotz aller Rammelei und Stöhnerei, oder vielleicht genau deshalb: Die Inszenierung ist verklemmt. Schlimmeres kann den 'Gefährlichen Liebschaften' nicht passieren. Keine Liebe, keine Gefahr. Kein Intellekt." Constanze Becker und Wolfram Koch seien "gefangen in einem Konzept, ohne die geringste Idee, was sie da spielen sollen". Und Schaper meint: "Interimsintendant Oliver Reese hätte diese entbehrlichen 'Liebschaften' absagen müssen. Und wenn er den Mumm nicht hatte, warum haben sich die Schauspieler nicht gewehrt gegen eine derart frauenfeindliche, lustfeindliche, geistfeindliche, theaterdumme Veranstaltung?"

Karin Henkel habe die "Gefährlichen Liebschaften" "im Banalitätenkitsch regelrecht versenkt", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (2.3.). Für sie werde die Dreiecksstory der Vorlage "zum Demonstrationsbeispiel einer Menschwerdung durch die Wunderkräfte der Liebe." Fad und albern wirke das, "weil es irritierender- und überflüssigerweise einer plumpen Logik gehorcht: Je mehr Valmont und Merteuil mit der wahren, echten, großen Liebe in Berührung kommen, desto weniger sind sie Hasentiere. Sie legen die Kostüme ab und stehen als Menschen auf der Bühne. Herrje, das ist dann leider doch arg simpel: Hasi, nur die Liebe zählt."

Anders Katrin Bettina Müller im lokalen Kulturteil der taz (3.3.). Sie sah, wie es schon in der Unterzeile heißt, "eine sehr schnörkellose und stringente Inszenierung, frei von erwartbar frivolem Spiel". Die Hasenkostüme trieben Valmont und Merteuil, diesen "boshaften Figuren" "alle Raffinesse" aus. Karin Henkels Blick auf das Stück gehe über die "Entzündung des Eros an der Sprache" ebenso hinweg wie über die "Theaterhaftigkeit der Inszenierung des eigenen Lebens" und gestehe – woran sich die Ablehnung durch das Publikum vermutlich entzünde – "den beiden Libertins" nichts "von der politischen Widerständigkeit der Libertinage zu, die den vorrevolutionären Briefroman von Choderlos de Laclos aus dem 18. Jahrhundert für spätere Bearbeitungen von Heiner Müller oder den Filmregisseur Stephen Frears so interessant machte". Statt dessen beschäftige sich Henkel in einer Atmosphäre der Probe oder Gerichtsbarkeit ganz unbeschönigt mit"Gewalt, Missbrauch, Verrat und Erniedrigung". Mit Ausnahme des Endes, an dem sich der "Wettbewerb in Gefühlskälte" als "Lehrstück" enttarne, sei der Verlauf der Geschichte daher allerdings recht "überraschungslos".

Eva Behrendt in der Frankfurter Rundschau (3.3.) indessen bleibt einigermaßen unbeteiligt. Karin Henkel erzähle den "Machtkampf als Evolutionsgeschichte des Paars vom Sündenfallkalauer bis zum Geschlechtertausch für Fortgeschrittene". Nach zwei Stunden habe sie dieses Ziel "hechelnd" erreicht: "Die angeschossenen Kriegsparteien gehen über die Leiche der Tourvel ab, um als geschlechtsumgewandeltes Brautpaar wieder aufzuerstehen. Ob das die Lösung der Zukunft ist?"

 

 
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