Allmählich funkelt die Psychostätte

von Georg Petermichl

Wien, 5. März 2009. Peter und Katharina Egerman müssen untergehen. Niemand könnte den so ausgeklügelten wie destruktiven Totentanz, den sie in Ingmar Bergmans "Aus dem Leben der Marionetten" (1980) aufführen, aufrechterhalten. Die hochspezialisierte Hassliebe dieser beiden Vertreter des gehobenen Mittelstands hat Bergman in seinem einzigen deutschen TV-Spielfilm in enge, starre Ausschnitte gepresst. Samt ihrem Umfeld scheuern sie als blank polierte Monolithen gegeneinander und starren sich entgegen, wie hinter dickem Sicherheitsglas. Als ehrlichen Gefühlsausdruck haben sie sich ausschließlich Herablassung oder Hysterie zu bieten.

Ingmar Bergman hielt eben nichts von popkulturellen Selbstverwirklichungsstrategien und schwor stattdessen auf die Ästhetik des Unverrückbaren, auf das Pathologische in den menschlichen Beziehungen. Dankbarerweise muss heute weder Theater noch Film so schwer verdaulich und langatmig sein. Eine etwas irregeleitete "Bergman light"-Version hat nun Regisseur Philip Tiedemann als österreichische Erstaufführung in die Wiener Josefstadt gepflanzt.

Im Vorfeld einer Farce?

Peter Egerman (Bernhard Schir) wird eine Prostituierte im Bordell ermorden und sich an ihr vergehen: Soviel ist bereits aus der ersten Szene unter einem Techno-Soundteppich und in Strobo-Lichteffekten zu lesen. Die Drehbühne kreist dabei manisch und enthüllt die Schauplätze der Mordgenese mit ihren Wandschränken in Teak- und Milchglaskombinationen. In dieser Landschaft einer tristen Wohnglückseligkeit (Bühne: Etienne Pluss) versucht das Stück daraufhin, den Hergang der Bluttat nachzuzeichnen.

Wenig später – chronologisch heißt das: einige Zeit davor – wirbelt Peter in die Praxis des befreundeten Psychiaters Mogens Jensen (Alexander Strobele), hat gerade seinen Badmintonschläger an die Garderobe gehängt, putzt fickrig seine Brillen und spricht verstohlen von der romantischen Qualität der häuslichen Gewalt in seinem Heim. "Ich krieg eins auf die Rübe. Hurra! Also berühren wir uns."

Ein Rätsel bleibt, wie man diesem tollpatschigen Bobo auch nur die Vorformen von Brutalität zugestehen könnte. Zudem hat Strobele seinen Professor Jensen als steifen, bockstarrigen Lebemenschen angelegt. Der Ermittlungsbeamte (Peter Moucka) am Rande dieses Geschehens ist unerwartbarerweise mit einem Spazierstock ausgestattet. Man wähnt sich im Vorfeld einer Farce. Der Anfang der Inszenierung Tiedemanns scheitert somit völlig in seiner Glaubwürdigkeit.

Berechnende Frauen …

Peter Egerman jedenfalls hat Träume, in denen er sich seiner Katharina bestialisch entledigt. Der Psychiater schickt ihn weg, damit er seine Chancen bei Katharina (Maria Köstlinger) ausloten kann. Peters Mutter Cordelia (Marianne Nentwich) gibt zwischenzeitlich einen Herkunftsbericht über ihren Sohn an den Ermittlungsbeamten. Und mit diesen beiden berechnenden Frauengestalten beginnt allmählich die Psychostätte zu funkeln: Cordelia schlägt mit den Waffen eines lamentierenden Muttergeschöpfs zu und kann so ihre Spitzen gegenüber der Schwiegertochter auch dem Ermittlungsbeamten unterjubeln.

Katharina wiederum weiß um ihre körperlichen Reize und schafft es in ihrem Singsang spielerisch, ihr Umfeld um den Finger zu wickeln oder vor den Kopf zu stoßen. Nur an Peters eingelebter, feierlich vorgetragener Lethargie prallen diese Versuche ab. Die beiden sind allerdings genauso unfähig, die ebenso vehementen Liebesversuche des anderen zuzulassen.

… und ein zerbröselnder Mann

Tiedemann schafft es, die Energie kontinuierlich zu steigern, führt Sylvester Groth als großartigen Tim, Katharinas schwulen Arbeitskollegen, ein. Als eifersüchtiger Intrigant stellt er Peter seinem Opfer, der Prostituierten Ka (Silvia Meisterle), vor. Mit seinen Worten lässt sich auch Bergmans Grundthematik in diesem Stück – das Auseinanderklaffen von Körper und Seele im Lebensvollzug – verorten: "Mich lenken Kräfte, gegen die ich machtlos bin. Geheime Kräfte. Wie die heißen? Ich weiß es nicht."

Langsam wird Peter an der latent hartherzigen, überindividualisierten Umwelt zerbröseln. "Alle Wege sind versperrt!" und "Ich bin müde" wird er wiederholt in einen dafür völlig indifferenten Raum murmeln, bis das Bordell nach Außen verschlossen ist, ihn Ka grundlegend missversteht und mit ihm schlafen möchte.

Tiedemann hat so aus dem spiegelglatten Höllenritt ein Entwicklungsdrama gemacht, Bergmans Existenzialisten in alltagsverwandte Spießer umgeformt. Dieser Ansatz ist begrüßenswert, und doch verliert Bergmans Text in dieser Inszenierung seine zwingende Glaubwürdigkeit. Das Premierenpublikum reagierte mit verhaltenem Applaus.

Aus dem Leben der Marionetten
von Ingmar Bergman
Regie: Philip Tiedemann, Bühnenbild: Etienne Pluss, Kostüme: Stephan von Wedel, Musik: Ole Schmidt.
Mit: Bernhard Schir, Maria Köstlinger, Alexander Strobele, Marianne Nentwich, Sylvester Groth, Elfriede Schüsseleder, Peter Scholz, Silvia Meisterle, Hans Wolfgang Pemmer, Peter Moucka.

www.josefstadt.org

 

An Ingmar Bergman versuchten sich in jüngerer Zeit auch Luk Perceval mit
Nach der Probe (Schauspiel Hannover) und Philipp Preuss mit Persona (Deutsches Theater Berlin).

 

Kritikenrundschau

Philip Tiedemann inszeniere Ingmar Bergmans "Aus dem Leben der Marionetten" am Wiener Theater in der Josefstadt betont sachlich, "kühler noch, als es die Vorlage ohnedies vermuten lässt", schreibt Ronald Pohl im Standard (7.3.). Hauptdarsteller Bernhard Schir gebe "die bürgerliche Ausgabe einer Brecht-Figur: Er spielt eine Unruhe, die tief in ihm drinnensitzt", aber, "da alles bloß 'nachgespielt' wird, niemals ganz von ihm Besitz ergreifen" dürfe. Der "TV-geeichte" Schir sei "in einer emphatischeren Darstellungsweise vielleicht eine gute Wahl gewesen". Tiedemann arbeite sich "unverdrossen ab an der Übersetzung der großen Kälte, die 1980 – mindestens in Bergmans Gemüt! – geherrscht haben muss". Leider habe er "weniger auf die Synchronisation der Stimmlagen Wert gelegt als auf die Illustration einer Wehmut, die alle ohne Unterschied erfasst".

"110 Minuten lang quälen einander und das Publikum eine Handvoll aufgeklärter Schweden mit Sinnverlust", so Norbert Mayer in der Presse (7.3.). "Trotz engagierter Leistungen" sei Tiedemans Inszenierung "nur ein Abglanz des Originals geworden, eine Spießerfassung über das Auszucken eines Biedermannes". Auf der "aparten Drehbühne (Etienne Pluss schwelgt in spiegelnden Flächen)" nehme sich "die Untat wie der Teaser eines alten Fernsehspiels aus. Dann folgen aber noch 100 Minuten Aufarbeitung". Köstlinger und Schir leisteten "in der Krise tolle Überzeugungsarbeit", der Rest bleibe "psychologisierende Staffage", "Projektionsfläche dafür, dass die Eheleute unglücklich sind". "Bonjour tristesse! Warum eigentlich? Das wird im putzigen Bühnenkarussell der Josefstadt nicht ganz klar." Am Ende dunste Schirs Egerman in der Zelle und sehe dabei "aus wie das Opfer – wie der Besucher eines schwedischen Problemfilms, der mit finnischen Untertiteln in einem Kino in der Josefstadt läuft".

Für Hans Haider von der Wiener Zeitung (7.3.) hängt das "lähmende Übel" der "Enttabuisierungsjahre" heute an Bergmans "fein und lebensklug orchestriertem Text wie Blei: der Drang, sich dem Partner ohne Unterlass zu erklären". Dass die Leiden des Protagonisten in der verpassten Loslösung von der Mutter wurzelten, werde einsichtig, bleibe aber Klischee. Allein der Außenseiter rede unverstellt über seine Ängste: "Wenn Sylvester Groth als Tim trocken seine Lebensbeichte aufsagt, bricht wohltuend die Kälte, mit der Philip Tiedemanns Regie jeder Sentimentalität vorbauen will. Eine folgenschwere Unterkühlung! Trotz aller Keulenschläge verbaler Zimmerschlachten langweilt sich das Publikum wie vor einem unterbesetzten Aquarium." In dem "superdesignten Interieur" von Etienne Pluss verlören die Figuren ihr Gewicht – Tücken, gegen die keiner kraftvoller kämpfe als Schir: "In Schwebe gehalten zwischen Psycherl und Berserker, aber vom Absturz bedroht, liest er wie ein Höllenfürst angestrahlt den Brief vor, in dem er sein Innerstes zuäußerst kehrt." Fazit bleibt trotzdem: "Ein Abend zum Durchsitzen".

Für Martin Lhotzky bleibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.3.) vor allem "die Frage, warum dieser Bergman-Stoff auf die Bühne soll. Gegenüber dem möglichen banalen Zugang – Mutterkomplex! Latente Homosexualität! – erscheinen Ibsens Dramen geradezu geheimnisvoll und erschreckend interessant." Zwar lobt er Schirs "bubenhaften Charme", der den "ewigen Kindskopf, das Muttersöhnchen, den geilen Bock, den Mörder" vereinen könne, sein Fazit des Abends aber lautet: "gut genug fürs Autorenkino, zu schlecht fürs Theater".

 
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