Wenn in mir alles auseinanderfällt

von Peter Schneeberger

Wien, 6. März 2009. Der gestrigen Premiere von Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens" am Wiener Burgtheater liegt ein Missverständnis zugrunde: Dass das Stück, uraufgeführt 1976 in Stuttgart, ein Porträt der Gesellschaft der 70er-Jahre sei. Die Akribie, mit der Kostümbildnerin Annabelle Witt gearbeitet hat, ist entwaffnend: Sie hat das Ensemble von Kopf bis Fuß derart treffend in Menschen von einst verwandelt, dass die Schauspieler selbst für notorische Burgtheaterbesucher nur noch an ihren Stimmen wieder zu erkennen sind.

Doch so viel Vergnügen die Camouflage auch bereitet, so unfair ist die Entschiedenheit, mit der die Kostümbildnerin den Text von Botho Strauß zurück in die Vergangenheit bugsiert. Denn die Neurosen und Idiosynkrasien, an denen die Figuren so hilflos leiden, sind nicht altmodisch, sondern längst selbstverständlich geworden: spätestens mit den "Desperate Housewifes" ist die Psychose auch in der Fernseh-Primetime angekommen.

Panoptikum der kleinen Psychosen

Das Saallicht geht aus, auf der Bühne öffnet sich eine kleine Blende für die erste Szene: "Woran erkennen Sie mich eigentlich?", fragt die Schauspielerin Regina Fritsch (Susanne) und findet keine Antwort. "Wie kommt es, dass Sie mich, mich Ununterscheidbare, von Mal zu Mal wieder finden, ohne sich zu irren? Wenn ich in den Spiegel sehe, so finde ich nichts, was nicht auch in tausend anderen Gesichtern zu finden ist." So wird es allen Figuren gehen: Auf der Suche nach sich selbst, steuern sie bloß ins Nichts.

Dies tun sie freilich theaterwirksam: Botho Strauß hat ein breites Panoptikum ebenso trister wie komischer Figuren zusammengestellt, und dem Team rund um Regisseur Stefan Bachmann ist tatsächlich das kleine Meisterwerk gelungen, jede der 16 Figur treffend zu charakterisieren. Konsequent spült Alexandra Henkel (Ruth) ihren Ehefrust mit jeder Menge Whisky hinunter. Roland Kochs (Franz) kleinbürgerliche Verklemmtheit raubt jedem Menschen in seiner Umgebung den Atem, und Michael Masula (Wärter) stellt ganz ohne viele Worte klar: Er ist der Welt längst abhanden gekommen.

Der Zusammenhang von Kunst und Leben

Dabei passiert in dem Stück nicht sonderlich viel. Ärzte, Maler, Schriftsteller, Schauspieler, Drogisten und Drucker treffen einander auf einer etwas provinziellen Vernissage mit dem bedeutungsreichen Titel "Kapitalistischer Realismus". Etwas Bewegung kommt ins Geschehen, als die Ausstellung verboten werden soll. Dabei interessieren sich die handzahmen Kunstfreunde ohnedies herzlich wenig für die Schau, sondern viel eher für ihre eigenen Befindlichkeiten. "Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst", zitiert das Programmheft einen Orakelspruch Johann Wolfgang von Goethes herbei – schließlich schlägt Strauß genau dieses große Thema an, wenn er einen Kunstverein als Schauplatz wählt.

Doch bleibt das Drama im Grunde eine Antwort auf die Frage schuldig, was es genau mit dem Zusammenhang von Kunst und Leben auf sich hat: In der "Trilogie" geht es nicht um Kunst, sondern um Künstlichkeit.

Bachmann macht das einzig Richtige: Er hängt erst gar keine Bilder auf. Die Figuren flanieren, stolpern und kriechen auf allen Vieren durch leere Ausstellungsräume. Symbolträchtig setzt Bachmann die Drehbühne des Bühnenbildners Hugo Gretler ein: Es ist stets dieselbe weiße Designercouch zu sehen. Alles bewegt, aber nichts verändert sich, hier verlieren die Menschen bereits wegen Kleinigkeiten den Verstand.

Dicht gedrängt und falsch verbunden

Daniel Jesch (Answald) reißt sich einen kratzigen Rollkragenpullover vom Leib; Michael Masula sucht schreiend seinen Wärterstuhl; und Jörg Ratjen (Felix) leidet unter Heuschnupfen: "Ich brauche nur Getreide auf einem Bild zu sehen, schon geht's los", sagt er und kämpft mit Nasenjucken.

Die "Trilogie des Wiedersehens" ist auch konservative Zivilisationskritik: "Unser Land hier, das ist einfach kein fruchtbarer Boden für die großen Gefühle. Wir leben hier viel zu nervös und dicht gedrängt", sagt Johanna, die sich vor Verzweiflung sogar einen Schwangerschaftsbauch aus Verpackungsmaterial unter die Bluse schiebt. Strauß läßt gleich mehrere Pärchen aufmarschieren – doch alle kennen die Liebe nur vom Hörensagen. Was immer die Figuren einander zu sagen versuchen: falsch verbunden sind sie stets.

Nach der Pause gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle: Erschöpft von den ewigen Kämpfen gegen sich selbst lungern die einsamen Kunstmenschen am Designersofa herum. Sie haben so einiges probiert: sich nackt ausgezogen, sich angeflegelt und verstohlen berührt. Doch nun ist Schluss. "Ich habe keine Kraft mehr", gesteht Susanne. "Wenn aber doch in mir alles auseinanderfällt!", ruft Martin. Dietmar König (Richard) deutet auf eine Skulptur lebender Leichen und sagt bedeutungsschwer: "Diese Abteilung nennt sich 'Eingebildete Realität'".


Trilogie des Wiedersehens
von Botho Strauß
Inszenierung: Stefan Bachmann, Bühne: Hugo Gretler, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Felix Huber. Mit: Regina Fritsch, Markus Hering, Roland Koch, Daniel Jesch, Sabine Haupt, Juergen Maurer, Alexandra Henkel, Melanie Kretschmann, Jörg Ratjen, Katharina Lorenz. Dietmar König, Adam Oest, Barbara Petrisch, Michael Masula.

www.burgtheater.at


Mehr lesen? Im September 2008 zeigte Stefan Bachmann am Berliner Maxim Gorki Theater eine szenische Etüde nach Thomas Manns Roman Der Zauberberg. An Botho Strauß versuchte sich im Juni 2008 auch Barbara Frey am Deutschen Theater in Berlin, wo sie Groß und Klein inszenierte.

Kritikenrundschau

"Nur im Sprechakt, im Sicherklären, -erläutern, -analysieren, im rhetorischen Seelenaufreißen" seien die "Entzweiten, beziehungslos Beziehungssüchtigen" aus Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens", die Stefan Bachmann in Wien inszeniert, zusammen, schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (9.3.2009). Im Burgtheater tummelten sich eine "lustig in die lächerlich grelle Ledermantel-, Schlaghosen-, Stiefel-, Minirock- und Langhaarmode der siebziger Jahre gekleidete Boulevardgespenstergesellschaft", "lauter Hinterweltler, einer Pappkameradenbeziehungskiste von vorgestern entpurzelt". Während Strauß sie "aneinander vorbei wehen und tanzen und schweben" lasse, hockten sie hier "bräsig aufeinander". Jede Intimität werde sofort öffentlich, jedes geheime Begehren zur Sache aller. "Die Sprachen ihrer Liebe, ihrer Sehnsüchte, (...) ihrer Verzweiflung an Zeit und Welt ist ihnen, wenn nicht ganz gestrichen, so doch ganz auf Oberfläche, auf Plapperstrich gebürstet". Die Schauspieler sind für Stadelmaier "bis auf die verzweiflungsflirrende Susanne der Regina Fritsch karikaturenhafte Glanzhähne und -hennen".


Helmut Schödel
muss in der Süddeutschen Zeitung (9.3.2009) einiges über das Stück, dessen Entstehungszeit, die vormaligen Darstellerinnen der Susanne sagen, um seinen Lesern klarzumachen, "welche Pleite" Bachmanns "Trilogie"-Version ist. Susanne scheint ihm "höchst witzlos und dröge in ihr Elend versunken, was ziemlich unerklärlich ist". Die "ganzen Vernissagevisagen" wirken auf ihn "wie Darstellungselefanten aus einem Künstlerheim in Tetschen-Bodenbach", und das bei diesen Schauspielern! Ihm fehlt bei den Figuren "ein ausgewogenes Verhältnis von Ernst und Komik" und vor allem Virtuosität. Man könne sich natürlich "von diesen Kunstvereinslemuren distanzieren", das aber erledige das Stück "auf eine kompliziertere und sehr einfühlsame Weise" schon selber. Jedenfalls müssten "die Mittel der Kritik dem kritisierten Kunstwerk angemessen sein", wohingegen diese Inszenierung eine "fast schon pubertäre Attacke" mit sauertöpfischen Argumenten sei, "drei Stunden bleierne Langeweile".

Ganz anders sieht das Margarethe Affenzeller vom Standard (9.3.2009): Bachmann unternehme hier "einen Ehrenrettungsversuch, der über die endenwollende Dringlichkeit dieses Palaver-Stücks mit Kurzweile hinwegtröstet". Er verarzte das "vom immergleichen und zu nichts als seinem eigenen Kunstgeschwätz zurückführende Stück mit einer präzisen Dramaturgie und großer Hingabe an seine totale Oberfläche" und unterstreiche "den fotografischen Blick des Autors", erzeuge z.B. Standbilder, "die allein durch ihre Dauer Komik erlangen". Indem er die Kunstschickera in den 70er-Jahren belasse, behandele er sie selbst "als Museumsstück" – "Ein Transfer ins Heute wäre bei diesem ganz dem Manierismus der Siebziger verhafteten Werk ohnehin vergebene Liebesmüh." So seien es u.a. die "Schauwerte in puncto Retroschick", die die dreistündige Inszenierung trügen.


Man schaue auf diese Bühne, "als ob man durch die Blende einer riesigen Kamera blickte", schildert Norbert Mayer von der Presse (9.3.2009) das Setting. Dazu knacke und surre es gleichfalls wie beim Fotografieren – Bühnenbildner Hugo Gretler lasse den Zuschauer "ins Innere einer Maschine sehen". Bachmann habe das Strauß-Ensemble "mit sanfter Ironie angepackt" und wisse "wahrscheinlich genau, dass alle Beteiligten (...) zu der vom Dichter kritisierten Society gehörten". Zwar zieht sich der dreistündige Abend auch für Mayer etwas, doch wird er "entschädigt durch ein Grundgefühl, das man mit engagierter Einfalt beschreiben könnte". Bachmann stehe ein "exzellentes Ensemble zur Verfügung": Hervorragend Markus Herings "brütend unterspielter" Moritz und Regina Fritschs übertrieben skurrile Susanne, zwischen den beiden gar "zauberhafte Momente". Und auch sonst: "köstliche Charakterrollen". Allerdings habe die Inszenierung bestimmte "Akte der Befreiung" (Situationskomik) "nötig, denn die konstruierten Bilder, die Varianten des Gleichen führen auch zur Ermüdung".


Die Hauptrollen spielten in diesem "Stück Konstümtheater" die Klamotten, Perücken und Schnurrbärte, meint Stephan Hilpold in der Frankfurter Rundschau (11.3.2009) – was aber "durchaus nicht negativ zu verstehen" sei. "Mit leisem Spott" träten Bachmann und seine "tollen Schauspieler" ihre Zeitreise zurück in die siebziger Jahre an, "nicht um die Gesellschaftskritik von damals für heute aufzubereiten, sondern um lustvoll das Panorama einer Zeit zu zeichnen". Entstanden sei dabei eine "subtile Boulevardkomödie". Möglich werde dieses "Theater-Kleinod" durch die Darsteller, die sich "in ihre Kostüme hineinverwandeln und dabei selbst für regelmäßige Burgtheatergeher kaum erkennbar sind". Roland Koch würde Hilpold für seine Rolle des Franz am liebsten "sofort mit dem Preis des besten Nebendarstellers des Jahres" ausgezeichnet sehen. "Nur das Zentrum des Stücks, die krisengeschüttelte Susanne der Regina Fritsch gleitet Bachmann aus den Fingern."

 

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