Sehnsucht nach dem Untergang

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 6. März 2009. "mal sehen, ob die wälder wieder brennen, (…) mal sehen, ob gebäudeteile auf uns zukommen, (…) mal sehen, ob sich autos überschlagen." Die Kinderstimme vom Band erwartet die üblichen Schreckensbilder. Auf den sieben Bildschirmen allerdings lodert weder ein zerstörerisches Buschfeuer noch brandet eine tödliche Flutwelle, von apokalyptischen Untergangsszenarien keine Spur. Hier gibt es nur den faden Alltag zu beobachten. Und etwas Nieselregen, der strapaziert aber allenfalls die Nerven.

Für seine Inszenierung von Kathrin Rögglas "worst case" hat Hermann Schmidt-Rahmer auch noch einen Nebenschauplatz eingerichtet. Eine Kamera filmt das Geschehen auf der großen Straße neben dem Dortmunder Schauspiel-Eingang, live übertragen wird es auf die Bühne im Studio. Der Vermengung von Fiktion und Wirklichkeit, von medial interpretierten und real erlebten Katastrophen gibt der Regisseur so ein anschauliches Format. Siebenfach flimmert das (wahrscheinlich) echte Bild über die Mattscheiben, während davor über Killerviren, Atomunfälle, Waldsterben und überflutete Städte spekuliert wird.

Piepsstimme und Pädagogen-Singsang

Günther K. Harder als "der Viereckige" kommentiert die Live-Aufnahmen mit weit aufgerissenen Augen und verschwörerischer Stimme, schließlich geht er davon aus, dass es sich hier um die Panikeinkäufe vor der großen Katastrophe handle, auch wenn er sich die ein wenig anders vorgestellt hätte. Wohl ein wenig spektakulärer. Die anderen "Zuseher", wie Röggla sie nennt, nehmen auf den Sesseln und Sofas vor den Fernsehern Platz, beste Katastrophen-Sicht aus erster Reihe, wenn sie schon nicht realiter dabei sein können.

Bizarre Erscheinungen sind es allesamt: Jakob Schneider sinniert als gewichtige "Expertin" im blauen Kleid und mit osteuropäischem Akzent über eine Notlandung der Boeing 747. "Piepsstimme" Matthias Heße gibt seinem Namen alle Ehre und wirft zickig immer wieder die blonden Locken seiner Perücke zurück. "Der Beflissene" spricht bei Andreas Vögler Ruhrpott und stellt mit westfälischer Gelassenheit den Flucht- und Rettungsplan vor. Später wird er als "Elternbeiratsvorsitzende" im Pädagogen-Singsang die Bildungsfahne hochhalten und Elternängste diagnostizieren.

Niemand normal am Abgrund

Die Schauspieler schlüpfen in der Inszenierung sichtbar in ihre Rollen, vor jedem Bild werden sie extra vorgestellt, die Kleider werden meist auf der Bühne getauscht. Schmidt-Rahmer verstärkt das von der Autorin durchaus schon komisch angelegte Personal zu einem skurrilen Figurenkabinett von munter agierenden Klischees und personifizierten Übersprungshandlungen im Angesicht des nahenden Unheils.

Das gelungene komödiantische Spiel gibt der Inszenierung Drive, lässt gelegentlich aber die Abgründigkeit in der im Text vielfach beschworenen Normalität vermissen. Von Normalität kann auf der Bühne keine Rede sein. Selbst der per Video übertragene Alltag der Straße wird von Inszeniertem durchkreuzt, wenn die Schauspieler in ihren Kostümen durchs Bild laufen. Schmidt-Rahmer und Ausstatterin Michaela Springer, die Möbel und Kostüme überwiegend aus den 70er Jahren gewählt hat, legen mehr Wert auf die Fiktion und das Bild. Eben auf das Spektakuläre.

Ich-Fähnchen für Kassandra

So stirbt Matthias Heße als telefonierende, aufs Zuhören abonnierte, "Kassandrasekretärin" tatsächlich einen röchelnden Bühnentod im Trockeneis-Rauch. Die Autorin hingegen lässt Katastrophen nur erzählen, und zwar in der indirekten Rede. Von sich selbst sprechen die Figuren ausschließlich in der dritten Person. "Ich werde ihr doch nicht sagen, dass es jetzt aus sei, dass sie jeden moment keine luft mehr bekommen werde, weil gleich keine luft mehr um sie sei", heißt es im Text. "Ich" ist in diesem Fall nicht die erstickende Sekretärin, sondern Kassandra am anderen Ende der Telefonleitung, auch als das "Ich" betitelt. Das sitzt als Puppe mit auf der Bühne, wird immer mal wieder von den Schauspielern angesprochen – auch als "Kathrin" – und hat sogar seinen eigenen Fan. Jakob Schneider verteilt kleine Ich-Fähnchen im Publikum, um die vermeintliche Seherin Kassandra ordentlich anzufeuern, will er doch endlich eine neue Untergangsprophezeiung hören.

Eltern, Lehrer, Experten, Radiomoderatoren, sie alle wollen ein Worst-case-Szenario sehen. Für die Flucht sind sie hier schließlich bestens präpariert, etliche Richtungspfeile kleben auf dem Bühnenboden. Aber jeder ist in seiner wenig alltagstauglichen Rolle, die eine spezifische Sicht auf die Welt und ihre Katastrophen vorgibt, gefangen. Hier gibt es kein Entkommen. Von der Bühne ab geht es nur Walzer tanzend. Normal ist in dieser Welt eben niemand.


worst case
von Kathrin Röggla

Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Ausstattung: Michaela Springer. Mit: Günther K. Harder, Matthias Heße, Jakob Schneider, Andreas Vögler. Stimmen: Hermann Schmidt-Rahmer, Moritz Schmidt-Rahmer.

www.theaterdo.de


Mehr zu Kathrin Röggla? Im Oktober 2008 wurde "worst case" in Freiburg uraufgeführt, und im Mai 2008 lief ihre publikumsberatung in Zürich. Außerdem schrieb Röggla für die Mülheim-Seite von nachtkritik.de über Mainstream-orientiertes Tütentheater.


Kritikenrundschau

Ein Schauspielerstück! freut sich Andreas Schröter in den Ruhr Nachrichten (online am 7.3.2009), der das abgründige Treiben in und außerhalb des Dortmunder Theaters, zum Beispiel auf dem Hitropwall. Zwar ist für Schröter die Handlung  dieser "äußerst humorvollen Groteske" nicht in Gänze nachvollziehbar, was seiner Beschreibung zufolge an Rögglas Kunstsprache ebenso wie an der Rasanz der Inszenierung liegt. Seinem Vergnügen an dieser Azufführung tut das nicht den geringsten Abbruch: was aus seiner Sicht aber auch zu einem Großteil auf das Konto der Schauspieler geht, die die Entfaltungsmöglichkeiten, die ihnen die beschworenen Szenarien bieten auf das Schönste nutzen.

Rögglas Stück "worst case" baue "fünf skurrile Sequenzen auf – den Sehgewohnheiten der MTV-Generation gemäß", schreibt Nadine Albach in der Westfälischen Rundschau (9.3.2009). Und diese Sequenzen seien "zugleich herrlich absurd, ja grotesk und loten auf sehr eigenwillige Art Facetten des Phänomens Katastrophe aus." Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer verstehe es "großartig, die im Text angelegte Absurdität zu verstärken. Er findet mit den Kamerasequenzen eine Übersetzung für die Divergenz von medialer Interpretation und Wirklichkeit, verstärkt die Künstlichkeit durch Rollenwechsel on stage und kitzelt aus den Schauspielern ihren ureigensten Witz". Und die Darsteller meisterten auch "Rögglas Vorliebe für sprachliche Experimente (…): Konjunktiv, indirekte Rede und Ich-Verwechslung bestimmen das Stück. Eine Festlegung, die zugleich die Konzentration aller Beteiligten fordert und beim Zuschauer für kalkulierte Überforderung sorgt."

 

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