Ein Ringkampf des Fleisches

von Simone Kaempf

Hamburg, 7. März 2009. Das Licht ist Schlafzimmer-verdunkelt. Die vielen Betten sind zerwühlt. Zigarettenenden glühen in der Dunkelheit auf. Die Zigarette danach, mit der dieser Thalheimer-Abend beginnt, ist im Sinne des Liebesreigens und Wechsels von einem Geschlechtspartner zum nächsten die Zigarette davor. Wenn es jetzt los geht, ist die Stimmung bereits erhitzt, und die Dirne und der Soldat vorne an der Rampe kommen so schnell zur Sache, dass gleich die erste Szene eher einer Vergewaltigung gleicht.

Weitere werden folgen. Denn hier dreht sich kein Liebeskarussell, dies ist ein Kampfplatz. Schon wie die zehn Schauspieler im Bühnendunkel provokant nach vorne schlendern, eine rauchen und sich nach hinten verziehen, tanken sie Anspannung, als würde es jetzt nur in die nächste Runde gehen. Aber es ist kein Ringkampf der Gefühle, sondern einer des Fleisches: ein ständiges Begrapschen und Betatschen, Hände greifen unter Röcke, Schenkel werden auseinander gebogen.

Die Schamlosigkeit der Männer
Der junge Herr in der dritten der zehn Szenen, die nahtlos an der Rampe hintereinander weg spielen, hat die Hand von Anfang an in der Hose. Der junge Ehemann umarmt hart die junge Frau, die immerzu schützend die Arme hochhält. Oder der Dichter: nimmt die Schauspielerin im Würgegriff an der Gurgel und geht dann nahtlos in die Missionarsstellung über. Oben und unten sind klar verteilt. Gestrichen ist in diesen Szenen allerdings die soziale Hierarchie, die bei Schnitzler die Schamlosigkeit der Männer und die sexuelle Unterwürfigkeit der Frauen erst möglich machte.

So pflaumenweich charmierend man sich im Original voreinander verstellt, so aggressiv stehen die Figuren bei Thalheimer unter Druck, hurtig über den nächsten herzufallen. Genießerisch kann man das nicht nennen, viel Zeit lässt Thalheimer den Schauspielern nicht, um speziellere Obsessionen darzustellen. Die Gefühlskurven, die blitzschnell zwischen spröder Abwendung und gieriger Anhänglichkeit schwanken können, sind zwischen den Geschlechtern kaum noch zu unterscheiden, selbst die Rohheit und Brutalität, mit der man sich bedrängt, macht zwischen Mann und Frau kaum noch einen Unterschied.

Dem Prinzip des Reigens folgt Thalheimer nur halbherzig. Der Täter der einen Szene ist bei ihm nicht zwangsläufig Opfer der nächsten. Es gibt nur roh ausgestellte Härte. Wie existenziell Thalheimer das meint, erklärt er im Programmheft: dass sich Menschen begegnen, die sich eigentlich hassen, dass jeder im Stück austauschbar ist und die Menschen so also miteinander umgehen.

Der öffentliche Beischlaf
Groteske Wirkung erzielt der Abend allerdings nicht mit Klippklapp-Mechanik, sondern mit deftigen Beischlaf-Szenen. Wo Schnitzler gestrichelte Linien stehen lässt, rattern jetzt die Ärsche der Männer auf und ab. Beiderseitige Schreie feuern den Höhepunkt an, den die Frauen gleichgültig auch mal von Lachanfällen geschüttelt ertragen. Der öffentlich gemachte Beischlaf, der vor hundert Jahren noch Zündstoff war, lässt sich hier nur noch als lächerliches Klischee und ironische Selbstdekonstruktion der heutigen Machos und süßen Mädels belachen, macht den Abend aber auch eindimensional. Trotz des Tempos, das vorgelegt wird, tritt die zweite Hälfte des 90-minütigen Abends immer mehr auf der Stelle, wenn sich das Muster der Begegnungen wiederholt.

Mit dem "Reigen" verabschiedet sich Michael Thalheimer vom Hamburger Thalia-Theater. Aber eine starke ästhetische Setzung wie in "Liliom" oder "Lulu" schafft dieser letzte Abend bei weitem nicht. Das Bühnenbild von Olaf Altmann ist im Grunde unnötig. Zehn Einzelbetten, die auf der Bühne stehen, signalisieren, dass es hier nur um das eine geht. Für das Spiel selbst werden sie garnicht gebraucht. Das stemmen die zehn Schauspieler vorne allein an der Rampe, und an ihnen liegt es nicht, dass der Abend einen schal zurücklässt.

Am Ende echter Trennungsschmerz
Markus Graf gibt als Soldat einen pressiert aggressiven Ton als Gesamt-Stimmungspegel vor. Maren Eggert in Lederhose und mit schwarzer Pagenkopf-Frisur ist die Karikatur einer Domina, die züchtig bleiben muss, und deren spröde Kälte nach dem Beischlaf erst richtig auflebt. Katrin Wichmann spielt ein munter plapperndes und Sahne-schleckendes Mädchen, mehr naiv als leicht. Felix Knopp als Dichter zeigt das ganze Terrain zwischen debil und deformiert verschlagen - so hat man auch ihn noch nicht gesehen.

Weniger der Regisseur geht hier ins Extrem als die Schauspieler, als müssten sie zeigen, was sie noch drauf haben. Eine wirklich glaubhaft zeitgenössische Karikatur, über die Kunstfigur hinaus, gelingt am Ende allerdings doch nur Norman Hacker, er spielt einen schmierigen Wiener von heute, eitel, selbstgefällig, wenig wählerisch, was die Frauen betrifft, alle Schuld auf den Alkohol schiebend, dass er bei der Dirne gelandet ist.

Und so macht das Hamburger Publikum, was es in dieser letzten Spielzeit schon oft getan hat: es beklatscht seine Schauspieler, die ihm so sehr ans Herz gewachsen sind, mit echtem Trennungs-Schmerz.
Reigen
von Arthur Schnitzler
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Michaela Barth, Musik: Bert Wrede. Mit: Anna Steffens, Markus Graf, Olivia Gräser, Andreas Döhler, Maren Eggert, Peter Moltzen, Katrin Wichmann, Felix Knopp, Paula Dombrowski, Norman Hacker.

www.thalia-theater.de


Mehr lesen? In Berlin inszenierte Michael Thalheimer im August 2009 im Ausweich-Theaterzelt des wegen Sanierung geschlossenen Berliner Deutschen Theaters Shakespeares Was ihr wollt. Am Hamburger Thalia Theater entstand im Frühjahr 2008 seine Inszenierung von Shakespeares Hamlet.

 

Kritikenrundschau

Peter Kümmel erzählt in der Zeit (12.3.), wie er nach der Premiere in der U-Bahn fünf Jungs von 16 bis 18 Jahren trifft, die sich anbrüllen: "Hey, Digga, heute schon gefickt?" – "Nö, nachher! Wandsbek, Digga, da werden wir ficken!" Die Jungs steigen aus, "der Waggon zittert nach, man fürchtet um alle, die ihnen in die Quere kommen könnten." Vielleicht habe "Thalheimer doch eine Wahrheit erfasst. Vielleicht muss man Reigen heute so inszenieren – nämlich blind für den Unterschied zwischen Liebe und Hass." Vielleicht. In diesem Stück der "schamvollen Verräter und der gesenkten Stimmen" werde, wenn Thalheimer es inszeniert, "immerzu geschrien". Die Szenenfolge findet im Einheitslicht einer dunklen Fabrik statt, "worin Arbeiter der Liebe Sonderschichten schieben". Und aus dem kühlen Rhythmus der Begierde bei Schnitzler "– dem Lang-kurz-lang von Erwartung, Befriedigung und Ernüchterung – wird bei Thalheimer das kolbenstampfende Rein-Raus purer Mechanik." Der Thalheimer-Blick ebne die Statusunterschiede gründlicher ein, als die Lust es könnte, und "zwischen den Szenen, wenn der Geliebte weg ist, brabbeln diejenigen, die allein auf der Bühne bleiben, grimmig vor sich hin wie Opfer, über die etwas hereingebrochen ist." Dieser Hang zur Wut gebe dem Hamburger Reigen tatsächlich "etwas, nun ja, Modernes".

Wirkungsvoll abschnurrende Slapsticknummern, viel Bühnensex und großes schauspielerisches Können protokolliert Jenny Hoch auf Spiegel-Online (8.3.). Für die Kritikerin stellt Michael Thalheimers Inszenierung von Schnitzlers "Reigen" am Hamburger Thalia-Theater "die Sinnlosigkeit der ichbezogenen Triebabfuhr" mit gebotener Grellheit heraus und zeigt "den erbärmlichen Kampf des Menschen um ein Quentchen Lustgefühl". Doch so luzide sie Thalheimers Diagnose auch findet, die er "mit seinem feinnervigen Regiestethoskop der heutigen Gesellschaft" ablauschte, auf der Bühne wirken die Figuren der Inszenierung trotzdem seltsam blutleer auf sie: "Denn wo bei Schnitzler zwischen all den immer wiederkehrenden Phrasen ('Hast du mich denn lieb?') und dem emotional aufgeladenen Geplänkel immerhin noch tiefe Verzweiflung und Sehnsucht hervorblitzten, sind die Figuren bei Thalheimer längst über diesen Zustand hinaus. Sie sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihre Mitmenschen höchstens als Spiegel benötigen, nicht als echte Gegenüber. Sie sind nicht nur post-koital, sondern auch post-emotional."

"Auf der Vorderbühne wird gestammelt und gerammelt, dass es eine Freude ist", beginnt Stefan Grund seine Kritik in der Welt (9.3.), für ihn eine "runde Inszenierung". Thalheimer führe "die Beiwohnungen samt der sie ausübenden Bürger in ihrer ganzen Erbärmlichkeit vor Augen", wobei es "keineswegs vor nackten Akteuren" wimmele. Das "eine große Bild des Abends" sei das Karussell aus neun hölzernen Betten, vor denen der Sex stattfinde. In die Betten hinein schlichen sich bloß die jeweils "enttäuschten, abgelegten Sexpartner bei ihrem Abgang". Nach dem Trost der "wahren Liebe" sehnten sich hier alle, auch wenn keiner mehr an sie glaube: "Er bildet den nicht immer gleich gut sichtbaren Sehnsuchts-Gegenpol dieser Aufführung", "am schönsten ins Spiel" gebracht von Katrin Wichmann, die "uns die Suche mitempfinden" lasse. Während man bei ihr sehen könne, "wie sie Schrammen in der Seele mit Salbe aus Gemüt verarztet und kosmetisch zuschmiert", kämen nur einige andere "über das Klischee hinaus, das im Buch geschrieben steht".

In Schnitzlers Stück sieht Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.3.) "lauter kopulierende Leerstellen, die zusammen nicht kommen können" und nur zusammen sind, "wenn sie reden. Ihr Sprechakt ist der eigentliche Akt". Deshalb sei der Sexualakt vom Dramatiker "logischerweise gestrichen", "nicht aus Gründen der Dezenz. Sondern aus Gründen der Wahrheit": Schnitzlers Gedankenstriche zeigten die "Unfähigkeit zum wahren Vollzug" an, "Schnitzlers Menschen: Bauch an Bauch unvereint. Vereint nur Kopf an Kopf. Paare in Gedanken." Bei Thalheimer erlebe man "statt Gedankenstrichen: gestrichene Gedanken". Den Akt, den der Dramatiker verberge, zeige er zehnmal, wobei seine "verklemmten Sexualhelden" "seltsamerweise" ihre Unterwäsche anbehielten. Ihre Sprechakte seien "nur mehr gurgelndes Geschrei, ihre Sexualakte vergewaltigendes Gewürge". Die Liebe, "die bei Schnitzler leise melancholisch stirbt", werde hier lauthals ermordet und zerquetscht. Was die Inszenierung "reaktionär herauf" beschwöre: "den Sex als Schmutz, den Mann als Schwein, die Frau als Opfer, die Lust als Gewalt". Thalheimer sei der "Regie-Pfaffe" im "kleinbürgerlichen Schauer-Beichtstuhl", der mit "einem dauernden 'Ego non absolvo, ihr Drecksäue!' die Szene fluchend segnet". Bis auf "das leuchtend lebende Süße Mädel" Wichmanns seien die Schauspieler "karikaturhaft leblose Krampfhähne und -hennen".

Die Mischung von Thalheimers Regie und Schnitzlers "Reigen" hält Susann Oberacker von der Hamburger Morgenpost (9.3.) für potentiell explosiv, leider verpuffe sie allerdings in Eindimensionalität. Zehn Mal Sex "nach dem immer gleichen Prinzip: Sie wippt unten, er rammelt oben". Roh gehe man dabei miteinander um und mache sich lächerlich. "Thalheimer zeigt armselige Menschen, die gefühlsmäßig so heruntergekommen sind, dass sie sich anbrüllen und vergewaltigen, in der Hoffnung noch irgendetwas zu spüren. Das trifft uns." Genauso wie die Schauspieler, von denen Oberacker Wichmann, Maren Eggert und Norman Hacker besonders hervorhebt. "Was sich am Ende leerläuft, ist die ewige Wiederkehr des Gleichen. Und so hat der Abend schließlich mehr Unterhaltungswert, als dass er einen wirklich packt".

Für Klaus Witzeling (Hamburger Abendblatt, 9.3.) liefert Thalheimer "eine weitere tragikomische Versuchsanordnung für die alle seine Inszenierungen antreibende These: Die fatale Kehrseite besessener Selbstverwirklichung ist zunehmende Gefühlsverarmung und seelische Verwahrlosung." Und wieder erweise er sich "als souveräner Stratege radikaler Stück-Verdichtung, bewahrt der raschen Szenenfolge gewohnte Leichtigkeit, ohne je oberflächlich zu werden". Ihr "wahres Gesicht" zeigten die Figuren zwischen den Szenen: "Allein gelassen, schimpfen sie lautlos in den Spiegel", ziehen "angeekelte, wütende, todmüde Fratzen". Der "Menschenkenner und messerscharf sezierende Stilistiker" Thalheimer konzentriere sich auf Schnitzlers "brillante Dialoge". Wenn er hingegen kopulieren lasse, bediene er "keineswegs den Voyeurismus", sondern spiegele "im 'Verkehr' dieser Frauen und Männer den sozialen Umgang der Menschen miteinander". Der Regisseur treibe dem Text wie gewohnt "alle psychologisierenden Kammerspieltöne aus, um die Figuren desto präziser und schärfer zu fassen". Und könne dabei "auf großartige Schauspieler zählen".

"Das große Rätsel der Triebe, hier ist es degradiert zur Mechanik" konstatiert Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (10.3.). "Doch manche stumpfe Mechanik muss man nur lange genug betreiben, damit ihr Witz in Bewegung kommt." So geschehe es hier. Denn Thalheimers "langjähriges Bühnenthema, der emotional behinderte Mensch, der im Unvermögen, seine Gefühle auszudrücken, zu unbeherrschten Taten neigt" wirke diesmal "erstaunlich befreit von Melancholie und Trauer". In einem "geradezu unbeschwerten Ton" erzähle er "vom menschlichen Gefühlselend als amüsantem Getriebe". Die "Qual der Verkrampfung und Verstellung, die Thalheimers Protagonisten sonst entstellt" ist hier "einer geölten Komödie gewichen, die arme Sünderlein ihre Würde als frisierte Oldtimer einer Moral finden lässt, welche längst keine gesellschaftliche Zulassung mehr hat". Und so sei dies "die vielleicht optimistischste und wohlgelaunteste Inszenierung, die Thalheimer je gemacht hat". Letztlich könne sie nämlich nur als "tapferes Bekenntnis zur Lebensfreude gelesen werden". "Ob das auch ein Motorenwechsel im Modell M.T. gewesen sein sollte?"

 

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