Rückbindung an das Leben selbst

von Nina Peters

Montréal, Juni 2007. Es ist ein erstaunlicher Auftritt. Der frankokanadische Regisseur Robert Lepage kommt zu einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Festivals TransAmérique in Montréal auf die Bühne, und der Saal tobt. Viele junge Leute sitzen im Publikum, jubeln, lachen über die Witze Lepages, der gerne öffentlich spricht. Und sie stellen Fragen. Das Mikrofon macht die Runde, nach eineinhalb Stunden könnte es, scheint es, noch lange weitergehen.

"Natürlich glaube ich an die sozialistische Utopie", sagt der Theater-, Opern- und Filmregisseur, der Schauspieler und Autor irgendwann, "und ich setze das auch in meiner Arbeitsweise im Theater um." Eine provozierende These, gut gelaunt gesprochen und mindestens fragwürdig. Eines ist klar: Der kanadische Künstler ist ein Star im eigenen Land. Die Frankokanadier lieben ihr "Theatergenie", das mit "The Dragon’s Trilogy" 1985 international bekannt wurde.

1994 gründete Lepage seine Compagnie Ex Machina in Québec, seinem Lebens- und Arbeitssitz, von dem aus er durch die Welt tourt: Mit "The Seven Streams of the River Ota" (1994), Lepages Auseinandersetzung mit Hiroshima, etwa gastierte die Compagnie 1996 beim Festival Theater der Welt in Dresden. Seitdem weiß auch ein breiteres deutsches Publikum um die Bühnensprache des Robert Lepage.

Der Multi-Künstler

Québec ist die Heimat des 1957 geborenen Lepage. Und diese Szene auf dem Podium in Montréal wirft ein Licht zurück auf sein Werk: Lepage spricht, zwischen Französisch und Englisch wechselnd, über seine Arbeit, neben ihm seine Schauspieler, die aus Großbritannien kommen, Deutschland, Spanien oder Kanada. Lepage ist zweisprachig und lebt in einem Land, in dem das Französische zu einer Minderheit gehörte. Er nennt sich nicht Kanadier, sondern Québecois, das ist ein Unterschied.

Zur Biografie des Künstlers Lepage gehört seine Homosexualität, die ihn ebenfalls gelehrt hat, was es bedeutet, einer Minderheit anzugehören. Und der Umstand, dass er als Kind aufgrund einer Krankheit alle Haare verlor, gehört auch dazu. Ein ehemals stigmatisierter Außenseiter. Die Theaterfamilie, die Robert Lepage um sich schart, mag eine Antwort darauf sein. Ihre Mitglieder leben teilweise mit ihm im beschaulichen Quebéc oder in ihren eigenen Heimaten – Lepages Familie ist multi: multinational, multikulturell, und sie ist groß.

Überwindung der Schüchternheit

Robert Lepage nennt sich selbst einen schüchternen Mann. Seine Soli, die er neben den groß angelegten Ensembleproduktionen entwickelt, seien Übungen in der Überwindung dieser Schüchternheit. Wobei er auch seine Ein-Mann-Produktionen als Gemeinschaftsarbeiten bezeichnen würde. Die Techniker seien ebenso wichtig wie die Schauspieler, sagt Lepage bei dem Publikumsgespräch in Montréal. Schüchternheit, Selbstzweifel und deren Überwindung sind Motive, die Lepage auch inhaltlich beschäftigen: Im Hamlet-Solo etwa, das 1996 im Berliner Hebbel-Theater zu sehen war. Lepage spielte in "Elsinore" alle Rollen selbst, das Königspaar, den Hofstaat sowie Hamlet, den tatenlosen Selbstzweifler.

In "The Far Side of the Moon" (2000) erzählte Lepage die Konkurrenz der Amerikaner und Russen anhand eines Brüderpaars, dem selbstbewussten Draufgänger und dem liberalen, zaudernden Pessimisten. Lepage nannte die Brüder, denen er autobiografische Wurzeln gab, die beiden Seelen in seiner Brust. "The Anderson Project" schließlich, 2006 in Berlin zu sehen, war vielleicht deshalb die schönste, berührendste Arbeit von Lepage, weil sie seine persönlichste war: Die Figur des schwulen Künstlers, der im Schreiben Ausdruck und Ausbruch aus dem Alltag sowie Rückbindung an das Leben sucht, ist Lepage selbst.

Die Verwandlungsmaschinerie

"Lipsynch", Lepages neueste Produktion, kennt keinen Einzelprotagonisten, sondern neun Hauptdarsteller. Wie in einem Staffellauf gibt der Protagonist einer jeweiligen Szene den Stab an den Nächsten weiter. "Lipsynch" ist so etwas wie eine Kurzsoap. Ein Reigen von Schlaglichtern auf unterschiedliche Menschen, deren Leben alle miteinander zu tun haben. Man nennt Lepage einen Zauberer des Theaters, weil er in vielen seiner Produktionen mit biografischen Zusammenhängen überrascht, die durchaus Sinn stiften. Aber auch, weil seine Bühnenmaschinerie so verwandelbar ist.

Das Bühnenbild von "Lipsynch" ist ein Modul, das in der ersten Szene ein Flugzeug darstellt und später zum Zug wird, zum Wohnzimmer, zum Café. Im Grunde ist auch das Bühnenbild im Theater des Robert Lepage ein Protagonist: Es ist wandlungsfähig wie ein Schauspieler, im besten Fall sieht man nicht, wie es sein Gewand und seine Rollen wechselt. In "Lipsynch" zieht eine Mutter ihrem etwa siebenjährigen Jungen (gespielt von einem Kind) im Zugabteil eine Jacke an und plötzlich – wo kam dieser Schauspieler jetzt her? – ist das Kind ein Jugendlicher.

Die Einheit von Raum, Zeit und Handlung auf der Theaterbühne ist ein antikes Bemühen und künstlerisch ein Missverständnis. Zumindest interessiert sich Robert Lepage nicht dafür. Allerdings betreibt er die Überwindung dieses Missverständnisses mit allerhand technischem Aufwand, was so lange funktioniert wie es tatsächlich funktioniert. In Montréal fielen in "Lipsynch" ab und zu Bühnenteile herunter, und Umbaupausen dauerten bisweilen länger als die anschließende, kurze Szene im Café.

Suchen, Stottern, Verstummen

Die einzelnen Erzählstränge von "Lipsynch" aufzufädeln, würde zu weit führen. Die Idee war, ein Stück über die menschliche Stimme zu entwickeln. Drei der Protagonisten sind Künstler, Schauspieler, Sänger, die Stimme in unterschiedlichen Lebensstadien spielt eine Rolle. Eine Gehirnoperation demonstriert, wie einer Frau die Fähigkeit zu sprechen abhanden kommt. Auch gibt es einen "Dokumentarfilm" über eine bekannte Sängerin, inzwischen dement, die Worte sucht, stottert, verstummt. Lepage sucht poetische Bilder, Hörproben, medizinische Erklärungen und Erzählungen zum Thema. Eine Opernsängerin erlebt den Tod einer jungen Frau im Flugzeug und wird wenig später deren Baby adoptieren. Dieses Kind erhält Gesangsunterricht und wird später Filmregisseur. Eine Schauspielerin, eine Kanadierin, wird einen seiner Filme synchronisieren.

Es gibt zahlreiche Stellen in diesem Theaterprojekt, die die scheinbare Leichtigkeit, den Humor, die lebenstraurige Melancholie und den Schmerz der Erzählungen von Lepage bündeln. Die Kindheit, der Verlust der Kindheit sowie der Tod, sind Schlüsselthemen von Lepage. In den "Kindertotenliedern" (1998) lag der Schmerz bei den Eltern. In "Lipsynch" trauern die Kinder und versöhnen sich mit den toten Eltern: Eine Frau begibt sich auf die Suche nach der Stimme ihres toten Vaters. Es gibt Bilder von ihm, stumme Bilder auf Super-8-Film. Der Vater bei der Hochzeit, der Vater mit den beiden Töchtern an Weihnachten.

"Schau in die Kamera!"

Die Frau, eine Schauspielerin, lädt eine gehörlose Frau zu sich nach Hause. Den Kontakt hat eine Arbeitskollegin vermittelt, in deren Studio die Schauspielerin in der Szene zuvor einen Film synchronisiert hat. Die Schauspielerin und die Gehörlose sehen sich also diese Filme aus der Vergangenheit an. Und die Frau erfährt erstmals, was ihr Vater darin sagt. Ganz alltägliche Dinge wie, "Schau in die Kamera!" oder "Ich wünsche euch ein schönes Weihnachtsfest". Die Schauspielerin ist schockiert angesichts der Banalität. Später steht sie im Synchronstudio, sieht den Vater, spricht seinen Text – und findet seine Stimme wieder.

"Lipsynch" ist in Montréal offensichtlich noch nicht fertig geworden. Aber das ist Programm, denn Lepage arbeitet in-progress. Im englischen Newcastle hat er das fünfstündige Stück im Februar erstmals vorgestellt. Die Reaktionen des Publikums wurden bei der Weiterentwicklung von "Lipsynch" berücksichtigt. 2008 soll das Stück eine Dauer von neun Stunden haben. Beim Publikumsgespräch in Montréal verwirklicht Lepage derweil das, was er seine sozialistische Utopie nennt: Er sitzt, umgeben von seiner Theaterfamilie, beantwortet Fragen – und stiftet Gemeinschaft.

 

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