Tonlagen des Wartens

von Ulrike Gondorf

Düsseldorf, 12. März 2009. "In die Mitte des Himmels" schickt der chinesische Autor Duo Duo das Publikum, und das ist zunächst einmal ganz wörtlich zu nehmen. An den Türen zur neuen Studiobühne des Düsseldorfer Schauspielhauses stehen freundlich lächelnde Stewardessen im rotem Kostüm, die Sitze sind mit blauen Fleecedecken belegt, auf den Bildschirmen über den Köpfen laufen Werbespots der Airline und unter den Füßen vibriert der Boden vom Dröhnen der Motoren. Wir sind alle an Bord, und das Drama wird sich mitten unter uns abspielen. Ein paar Stühle sind nämlich noch leer zu Beginn.

Darauf werden Leute Platz nehmen, die uns ganz vertraut erscheinen, obwohl sie im entfernten Beijing in den Flieger steigen. Eine Frau, die in der Werbebranche arbeitet und gar nicht mehr herausfindet aus ihren verlogenen Klischees, ein Geschäftsmann, der unaufhörlich mit dem Handy telefoniert, ein in Hassliebe aneinander gekettetes Paar, das sich immer tiefer in seine Streitereien verbeißt. Sie alle wollen nach New York. Oder doch nicht? Will die Frau den Freund wirklich wieder sehen, der dort auf sie wartet? Will der Mann zu seiner Familie zurück, obwohl er immer noch mit der "anderen" telefoniert, die er gerade verlassen hat? Und das heillose Paar will ohnehin nicht an einen anderen Ort, sondern in eine andere Zeit, die vor allen Zerwürfnissen lag.

Fall ins Bodenlose

Folgerichtig lässt Duo Duo das Flugzeug gar nicht abheben. Erklärungen dafür gibt es nicht, dafür etwas zu essen und eine Decke zum Schlafen. Die Passagiere toben und kämpfen, als ob es um ihr Leben ginge. Und genau das tut es auch. Denn in dem Augenblick, in dem die randvoll ausgefüllte Routine des Alltags von der Leere des Wartens abgelöst wird, fallen sie ins Bodenlose, stürzen wehrlos in das brodelnde Chaos oder in das Vakuum, das sie lähmt.

Der Autor Duo Duo, geboren 1951, hat sich vor allem als Lyriker einen Namen gemacht. Er war Augenzeuge der Gewalt gegen die Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz 1989 und hat danach 15 Jahre im Exil in Europa gelebt. 2004 ist er nach China zurückgekehrt und lehrt heute an einer Universität. Die poetische Kraft des Lyrikers prägt auch weite Strecken dieses Stücks. Wenn es um die Visionen, Ängste und Sehnsüchte der Figuren geht, findet Duo starke, eindringliche und überraschende Bilder, die in ihrer Fremdheit faszinierend und doch intensiv nachzuempfinden sind. Schwebend bewegt sich das Stück zwischen Farce, Parabel und surrealem Traumspiel.

Chöre, Tai Chi und Slapstick

Quer zu allen stilistischen Festlegungen steht auch die Inszenierung von Cao Kefei. Die Regisseurin arbeitet in Deutschland und in China und setzt sich besonders dafür ein, aktuelle Dramatik des einen in dem jeweils anderen Land vorzustellen. Sie hat auch selbst Theaterstücke übersetzt, unter anderem von Thomas Bernhard, den sie trotz der Schwierigkeiten mit der Zensur in ihrem Heimatland aufführen konnte. Caos Inszenierung spielt mit vielen Mitteln und Möglichkeiten: chorisches Sprechen steht neben Videotechnologie, Tai Chi neben Slapstick. So findet sie für die vielen unterschiedlichen Tonlagen des Textes überzeugende Umsetzungen. Die Darsteller – alle Mitglieder des Düsseldorfer Ensembles – wagen sich sensibel und engagiert vor in die "Mitte des Himmels", in die Regionen zwischen Traum und Wirklichkeit, in denen es keinen festen Boden unter den Füßen mehr gibt.

"In die Mitte des Himmels" macht Lust, die Gegenwartsdramatik aus China, die hierzulande ein völlig unbekanntes Terrain darstellt, näher kennen zu lernen. Der Abend spricht dafür, dass ein vitales, körperbetontes und dabei auch sprachmächtiges Theater zu entdecken sein könnte, das sich aus vielfältigen Quellen speist. Im neuen Düsseldorfer Theaterhaus central gibt es jetzt drei Tage lang Gelegenheit, mit Lesungen, Autorengesprächen, Performances und Filmen die chinesische Theaterszene zu erkunden.

 

In die Mitte des Himmels (UA)
von Duo Duo
Regie: Cao Kefei, Bühne: Wang Guofeng, Kostüme: Sabine Thoss, Video/Musik: Michael Deeg. Mit: Lisa Arnold, Michael Deeg, Matthias Fuhrmeister, Esther Hausmann, Kathleen Morgeneyer, Christoph Müller und Xenia Snagowski.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

 

Kritikenrundschau

Nicht wirklich überzeugt zeigt sich das westlich geprägte Auge von Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (14.3.), der schon den zugrunde liegenden Text des 1951 geborenen Lyrikers Duo Duo eher konfus als konfuzianisch findet und bei aller grundsätzlichen Wehmut, die ihn aus dem Stück mitunter anweht, doch so etwas wie Haltung vermisst. Die Uraufführung der "viel gelobten Chinesin Cao Kefei, die einst am Zürcher Schauspiel lernte" zeichnet sich für Boenisch dann aber hauptsächlich durch "deutsche Regiebiederkeit" heraus. Statt "fernöstlicher Leichtigkeit" sieht Boenisch "polternde Schauspieler, die neben den Zuschauern tönend Platz nehmen". Einer der ersten Sätze heiße: "Ich suche meine Erinnerungen", aber Boenisch hört "keine Poesie, keine Traurigkeit, keine Einfühlung". Stattdessen wird sich aus seiner Sicht "mit einfältigem Aktionismus" des Textes entledigt: "mit zwei lebensgroßen Jahres-Ochsen, roten Fähnchen fürs Volksliedgut, einem peinlichen Tai-Chi-Tänzchen, verschmatzter Nudelsuppe". Boenisch fragt sich auch, wo diese Klischees eigentlich herkommen, "aus dem Stück nämlich nicht, jedenfalls nicht so lieblos."

 

 
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