Gekrabbel auf dem Knochenberg

von Petra Hallmayer

München, 18. März 2009. "Hört das denn niemals auf?", fragt Pyrrhus zu Beginn. Der Krieg ist aus, aber in dem Massaker beim Fall Trojas haben die Sieger blutberauscht die Saat des Hasses ausgestreut. Wie könnte auf diesem Boden wirklich Frieden herrschen? Statt des Scherbenmeers in Luk Percevals  Schaubühnen-Inszenierung türmen sich auf der Bühne des Cuvilliés Theaters die Gebeine der Toten.

Pyrrhus ist des Metzelns müde. Doch sein Plädoyer für das Vergessen ist nicht ganz uneigennützig. Er begehrt seine Kriegsbeute Andromache, die mit ihrem Sohn an seinem Hof lebt. Das Kind muss weg, fordern die Griechen, die in ihm den Keim der Rache fürchten, und liefern damit dem König ein Mittel, seine Gefangene zu erpressen. Die Vergangenheit verschattet die Gegenwart. In die verhängnisvolle Liebeskette, die Jean Racine in "Andromache" knüpft, ist die Geschichte eingeschrieben: Achills Sohn Pyrrhus liebt Hektors Witwe Andromache, die den toten Helden und ihren Sohn als seinen Stellvertreter liebt, Agamemnons Sohn Orest liebt Helenas Tochter Hermione, die nur Augen für Pyrrhus hat.

Keiner kriegt, was er haben will, obgleich sie alle mit den perfidesten Tricks darum kämpfen. Pyrrhus nötigt Andromache zur Heirat, die nur so das Leben ihres Kindes retten kann, Hermione benutzt Orest, den sie in ihrer Eifersucht zum Mord anstachelt. In Racines Tragödien, erklärte Jean Giraudoux, herrschen "die Gesetze des Dschungels". Die Liebe wird zur Besitzgier, schlägt, wenn sich das Objekt entzieht, in Vernichtungswut um. Die Figuren sind maßlos ihrem Verlangen und ihrem Egozentrismus.

Irrlicht im Labyrinth der Täuschungen
Hans-Ulrich Beckers unaufgeregte Inszenierung rutscht nie in Peinlichkeiten ab, aber sie traut sich auch nicht, sich auf die Verstörungen der Tragödie wirklich einzulassen. Sie schreckt vor der Heftigkeit der Affekte zurück und minimalisiert sie immer wieder zu harmlosen alltagstauglichen Herzensdramen. Damit verwischt sie die Radikalität, mit der Racine die finsteren, selbstsüchtigen Anteile an dem, was wir Liebe nennen, vorführt, das ihr innewohnende sich mit den Machtstrukturen verbindende Destruktionspotential.

Die Vernunft, an die beständig appelliert wird, ist kein Instrument der Konfliktlösung und Ich-Erkenntnis, sondern nur ein Irrlicht im Labyrinth der Täuschungen. So wenig wie einander, kennen sich die Menschen selbst. Herrlich komisch windet sich Stefan Hunsteins Pyrrhus, wenn er kurzzeitig in die politisch erwünschte Heirat mit Hermione einwilligt und damit doch nur Andromache verletzen will. "Wer hat dir das befohlen?" fragt Hermione entsetzt, nachdem Orest ihren Mordauftrag erfüllt hat.

Die große Schönheit und Musikalität von Racines formal streng gemeißelter Sprache ist im Deutschen kaum nachzubilden. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Georg Holzer hat Becker eine alexandrinerfreie moderat modernisierte Fassung geschaffen, die auf der Übersetzung von Adolf Laun basiert. Doch gar so nebenbei dahinsprechen, wie das an manchen Stellen geschieht, hätte man sie nicht brauchen. Das macht die Tragödie klein.

Blut am Arm der Hermione
Die Ängstlichkeit der Regie spiegelt sich auch in den Unschärfen der Figurenzeichnung. Ulrike Arnolds Andromache gewinnt zu wenig Konturen. Marcus Calvins Orest bockt, schmollt und trotzt als ein tumber Teenie. Das ist im Ansatz richtig gedacht, aber viel zu eindimensional. Susanna Simon lässt als Hermione im rasanten Wechsel der sich widerstreitenden Emotionen aufblitzen, was sie kann, muss aber zwischendrein zu leichtgewichtig tändeln. So wirkt der in seiner Souveränität und Präsenz herausragende Stefan Hunstein oft allein gelassen.

Und so bestechend und einleuchtend das Bühnenbild zunächst scheint, tatsächlich wird es im Laufe des Abends zum dominanten Störfaktor. Der riesige Knochenberg schränkt die Schauspieler in ihrer Bewegungsfreiheit extrem ein. Permanent müssen sie über ihn krabbeln, ungeschickt auf ihm aus- und herumrutschen.

In den Schlussszenen legt die Inszenierung ihre Verhaltenheit ab. Da beschmiert sich Orest nackt bis auf die Turnhose mit Blut, befleckt leuchtend rot Hermiones  Brautkleid und kriecht von ihr vorwärts getreten heulend auf dem Boden. Doch erst wenn diese schließlich vom Blut auf ihren Armen kostend in den Selbstmord torkelt, gelingt noch ein kurzer berührender Moment und ahnt man, wieviel mehr möglich gewesen wäre, als wir zu sehen bekommen haben.


Andromache
von Jean Racine
Deutsche Fassung von Hans-Ulrich Becker und Georg Holzer nach der Übersetzung von Adolf Laun
Regie: Hans-Ulrich Becker, Bühne: Alexander Müller-Elmau, Kostüme: Gabriele Sterz, Musik: Viola Kramer.
Mit: Ulrike Arnold, Eva Schuckardt, Susanna Simon, Marcus Calvin, Stefan Hunstein, Helmut Stange.

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Kritikenrundschau

"Racines Figuren sind Gefühlsextremisten", erklärt Christoph Leibold in der Fazit-Sendung auf Deutschlandradio Kultur (18.3.). Sein Stück habe der Autor hingegen denkbar rational gestaltet: "kühl konstruiert, keine Emotion bleibt unausgesprochen, kein Gefühl geheim". Dieser "klaren Linie" folge auch Regisseur Hans-Ulrich Becker in seiner Inszenierung am Münchner Cuvilliés-Theater, wo ein riesiger Knochenberg ein "plakatives Sinnbild für eine Welt nach dem Krieg" abgibt. Dazu "gleißendes Licht – als sollte das Stück bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet werden. Doch wo es keine Geheimnisse gibt, lässt sich kaum Licht ins Dunkel bringen." Vielmehr trete "die Geheimnislosigkeit des Stücks noch deutlicher zu Tage". Und so würden Racines Deutlichkeiten bei Becker "oft überdeutlich, und damit letztlich uninteressant". Immerhin sorgten Ulrike Arnold und Stefan Hunstein "für intensive Momente" – "zwei tolle Schauspieler, aber kein voller Erfolg".

Christine Diller schreibt im Münchner Merkur (20.3.) von einer "nachdenklichen, unaufgeregten Inszenierung", in der Becker auch die Blessuren zeige, die sich die Figuren selbst zufügen – Pulsadern, Schläfen, Stirnen tragen die Spuren davon. Für diese "seelischen Krüppel" sei die Liebe ein Geschäft, bei der man das Objekt derselben "auf der Haben-Seite verbuchen" wolle. Doch nicht die Liebe, sondern "das ewige Taktieren, das vermeintliche Kalkül, die emotionale Kriegsführung" mache sie alle "zu Idioten – und Verlierern". "Am faszinierendsten und eindringlichsten" zeichne Hunstein einen solch "kaputten Menschen". "Wunderbar" aber auch Arnold. Zwischen ihren beiden Figuren sei die Möglichkeit einer "Amour fou" spürbar, doch spielten sie "genauso eindringlich" deren "schmerzhafte Unmöglichkeit". Leider brächten Susanna Simon und Marcus Calvin "ab und zu eine unpassende Albernheit in das pessimistische Stück, dem Sarkasmus und kalte Ironie weit besser stehen".

Becker habe hier "ebenso spielfreudig wie fußballbegeistert inszeniert", meint Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (20.3.). Er suche "sein Heil in geistigen Kurzpässen, um gegen einen Gegner von so drückender Überlegenheit wie Racine zu punkten". Die Inszenierung verschanze sich "in sicherer ironischer Halbdistanz hinter Versatzstücken". Von allem gebe es hier ein bisschen: "ein bisschen Komik, ein bisschen Horror, ein bisschen Moderne, ein bisschen Anti-Moderne". Aber all das führe nicht zu einer Form, sondern verhindere sie. "Auch von Racine gibt es nur ein bisschen", Becker und Dramaturg Georg Holzer hätten das Drama "skelettiert" und "die Alexandriner in eine geläufige Drehbuch-Prosa übersetzt". Und "obwohl eigentlich jeder Satz ein Elfmeter ist, wirken die Schauspieler unterfordert". Hunstein "schlenzt seinen pomadigen Pyrrhus routiniert vor sich her", Arnold trage "ein sibyllinisches Dauerlächeln im Gesicht". "Schmerzhaft nahe" seien einem nur die auf ein altes Paar reduzierten Nebenfiguren gegangen.

 

 

 
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