Den Kern frei gepult

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 20. März 2009. Beinahe keine Requisiten: Drei Plastikbecher, eine Flasche, ein Taschentuch, mehr nicht. Nur Männer spielen. Die Zuschauer sitzen ringsum auf der zweistöckigen Galerie und blicken auf die Bühne wie in einen Abgrund. Der Anspielungen auf die Aufführungspraxis des elisabethanischen Theaters zu Zeiten Shakespeares sind es einige bei diesem Othello.

Die Regisseurin Simone Blattner hat die Tragödie ordentlich gestutzt, das Personal auf die wichtigsten Figuren reduziert. Und der Architekt und Künstler Alain Rappaport hat ihr wieder einmal einen tollkühnen Bühnenraum geschaffen. Auf der Hinterbühne sinkt die Spielfläche in den Bühnenboden: Vier Ebenen auf unterschiedlichem Höhenniveau, jeweils über Treppenstufen miteinander verbunden, arrangieren sich zum Spielkasten. Grauer Teppichboden liegt aus.

Wuchtig vulgär vergröbert

Doch bevor die Zuschauer Platz nehmen dürfen, erleben sie die erste Viertelstunde ein komprimiertes Venedig-Vorspiel im Stehen, wie einst das gemeine Volk im Globe Theatre. Als erstes wütet Jago herein und poltert seinen Hass auf den "Neger" Othello heraus, der ihn um Ruhm und sonst was bringt. In der wuchtigen Übersetzung von Horst Laube, mit viel vulgärem Vokabular vergröbert, flucht er sich die kranke Seele aus dem Leib. Aljoscha Stadelmann spielt ihn als angeschossenes Vieh, das wie wild losheult und auf Rache und Vernichtung sinnt. Seine Leopardenmütze im Stil des kongolesischen Diktators Mobutu weist ihn als Unmenschen aus.

Rodrigo, der zittrig in Desdemona Verliebte, kommt ihm als Gehilfe gerade recht. Rainer Frank spielt ihn als verklemmt verzärteltes Bübchen, das alles machen würde und auch macht, um die Liebe zu erzwingen. Nachdem auch die frisch Vermählten - Othello und Desdemona - sich vorgestellt haben, die Vorgeschichte kurz skizziert ist, begeben sich die Zuschauer in verschiedene Sektionen, an allen vier Seiten der Bühne, auf ihre Plätze.

Helles Licht beleuchtet die Spielfläche, auf der Jago seinen Feldherrn Othello mit dem Verdacht der Untreue seiner Gattin infiziert wie mit einer unheilbaren Krankheit. Joachim Nimtz spielt Othello als liebenswert tumben, sich selbst misstrauenden Mann mit blitzenden Ringen an den "Schoko-Öhrchen", der von seiner, ihn so rufenden, Frau ganz hingerissen ist. Bei seinem ersten Auftritt schmiert er sich kurz und zackig etwas dunkle Farbe ins Gesicht, reibt sich dann die Hände - fertig ist der Mohr.

Bert Tischendorf verkörpert Desdemona als zart androgynes Wesen mit Transencharme. Auch Rainer Frank übernimmt eine Frauenrolle; er spielt nicht nur Rodrigo, sondern auch Emilia, Jagos Weib. In ihrer männerballetthaften Überdrehtheit gerät sie ihm allerdings zur Parodie.

Ergreifende Brutalität

Zügig schreitet der Abend voran. Derb und laut bahnt sich die Katastrophe ihren Weg, immer mal wieder von kleinen Gags aufgehalten. Da pfeift dann Jago die Melodie zu "Zehn kleine Negerlein" oder Othello mampft eine Banane.

Stark ist die Aufführung immer dann, wenn sie mit ergreifender Brutalität auftrumpft. So sehen die Morde bei Blattner auch wie Morde aus. Während Shakespeare das gern mit einem Halbsatz und einem Stoß erledigt, windet sich Cassio (Patrick Heyn) unter der würgenden Armbeuge Jagos im Todesk(r)ampf wie ein zappelnder Fisch, so dass man gar nicht hinsehen möchte. Dasselbe gilt später für den Mord an Emilia, sie wird ebenfalls von Jago erwürgt. Und ein kollektives Oh-Au schreckt durch die Reihen, als Jago Rodrigo mit einem krachenden Geräusch den Hals umdreht.

In ihrer ganz musikfreien Inszenierung gelingen Blattner einprägsame Momente. Der Zuschauer kann die Erschütterung Desdemonas am eigenen Leib spüren, wenn sie, ob der Vorwürfe des Ehebruchs wütend wie ein getroffener Stier an die Seitenwände donnert. Und mucksmäuschenstill ist es im Saal, wenn Othello seine Geliebte mit beinahe zärtlicher Lust ermordet. Eine stille Tat, die aus einer Umarmung in ein Ersticken sinkt. Ganz weich das Gesicht des Mannes, als er im Schneidersitz vor der toten Desdemona hockt wie vor einem Altar.

Jago hat sich derweil unters Volk gemischt, beobachtet alles von der Galerie. Als es vorbei ist, tritt er wieder hinzu. Black. Den Schluss, in dem Othello seines Irrtums gewahr wird und sich selbst umbringt, zeigt Blattner nicht. Sie konzentriert den Stoff vielmehr, pult seinen Kern heraus. Und was sie dabei zutage fördert, kann sich sehen lassen.

 

Othello
von William Shakespeare, nach einer Übersetzung von Horst Laube
Regie: Simone Blattner, Bühne: Alain Rappaport, Kostüme: Sabin Fleck.
Mit: Rainer Frank, Patrick Heyn, Joachim Nimtz, Aljoscha Stadelmann, Bert Tischendorf.

www.schauspielfrankfurt.de


Simone Blattners Arbeit beobachtete nachtkritik.de zuletzt im Dezember 2008. Ebenfalls in Frankfurt am Main inszenierte sie Ödön von Horváths Kasimir und Karoline.

 

Kritikenrundschau

Simone Blattner versuche in ihrer "Othello"-Inszenierung "eine Anmutung der Prinzipien (...) des englischen Renaissancetheaters zu erzeugen", schreibt Michael Hierholzer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.3.2009). Allerdings schicke die Regisseurin das Stück "in eine Theatergegenwart, die mit dem hohen Ton nichts anfangen kann und im Licht des Feminismus Männer (...) als triebgesteuerte Machttiere kenntlich macht". Aljoscha Stadelmann sei für Jago die "Idealbesetzung", die anderen Schauspieler wirkten blass neben ihm, nicht zuletzt, weil Blattner die anderen Figuren ganz als Jagos Geschöpfe interpretiere. Allein "die von Männern gespielten Frauen tragen das göttliche Licht des Guten in sich", und Bert Tischendorf als Desdemona gelinge "das Unwahrscheinliche", dass der Besucher nach einer Weile das Geschlecht des Schauspielers vergesse. "Theater als Kunst der Entdifferenzierung": Blattner lege sich auf eine Lesart fest, "die vom Text nicht unbedingt gedeckt" sei: "Jago hasst Othello, weil er anders ist. Er dichtet dem schwarzen Feldherrn (...) eine immense Potenz an." Das Eifersuchtsdrama und die Entwicklung der Figuren gerieten "bei so viel Schwarzweißmalerei, bei einer so eindeutigen Fixierung auf das Schwein im Mann (...) allerdings in den Hintergrund".

Die elisabethanisch anmutende Theater-auf-dem-Theater-Bühne findet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (23.3.2009) "an sich schon spektakulär". Die "extragrobe Sprache" überzeugt sie "nicht immer, steht aber immer in spannendem Kontrast zur Ruhe der Aufführung". Mitspielen dürfe in dieser "rigoros zusammengestrichenen" und "durchweg vorzüglichen" Besetzung nur noch die für Jagos Intrige Unabdingbaren. Dass es nur Männer sind, sei "eine reizvolle Nebensache" und Tischendorfs Desdemona "nach Sekunden selbstverständlich, ihre Schönheit kein Tuntenspaß". Zudem sei die Nähe zwischen den Liebenden "durch das Gleichgewicht von Stimme, Kraft und Knochenbau noch größer". Diese Bühnen-Menschen seien "nicht kompliziert, sie haben keine Hintergedanken, von denen wir nichts wissen". Auch die Regisseurin, "will man meinen, hat keine Hintergedanken". Das wirke im Endeffekt "nicht banal, sondern konzentriert". Wie Stadelmann Nimtz in die Eifersucht treibt, zeige "den Bösen als Profi (...), nicht den Eifersüchtigen als Simpel." Das einzig Abgedroschene sei "die oft gesehene Geschichte mit der Farbe", die sich Nimtz selbst ins Gesicht schmiert: "dass Othello irgendwie doch sich selbst zum Außenseiter und später zum Affen macht".

 

 
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