Mit dem Sterben hat es noch Zeit

von Michael Laages

Wien, 20. März 2009. Der "Faust"-Traum soll sich in Afrika erfüllen, jener Moment des letzten Glücks, in dem sich mit Goethe sagen ließe: "Du bist so schön!", soll die Eröffnung eines Festspielhauses sein. Im Modell, das Christoph Schlingensief gegen Ende von "Mea Culpa" auf die Bühne des Wiener Burgtheaters wuchtet, ähnelt das "Heart of Africa"-Bühnenhaus zwar noch dem auf dem Grünen Hügel von Bayreuth – doch mit der Zeit soll es selber Maßstab werden für den Austausch zwischen den Kulturen. Und eines Tages würden die Festspielbesucher in Bayreuth sagen: "Kuck mal, das sieht ja aus wie das in Afrika!"

Wider den Jammer-Kitsch

"Mea Culpa" ist – das sei vorweg mit allem verfügbaren Ernst gesagt – ein ebenso erstaunlicher wie berührender Theaterabend. Erstaunlich, weil er zwar abendfüllend mit dem Wissen um Schlingensiefs lebensbedrohliche Krebserkrankung umgeht, zugleich aber in Jammer-Kitsch nur dann verfällt, wenn der Regisseur genau diesen zeigen und sich vehement gegen ihn zur Wehr setzen will; berührend ist "Mea Culpa" vor allem durch das Maß an Ehrlichkeit, das den Abend durchzieht – nicht nur dann, wenn Schlingensief selbst im zweiten Teil auf die Bühne tritt, Filme von seinem Ausflug ans Opernhaus im brasilianisch-amazonischen Manaus zeigt, um danach unter der Leselampe gemeinsam mit den Schauspielerinnen Irm Hermann und Margit Carstensen Briefe von Menschen vorzulesen, die sich vorbereiten auf das Sterben.

Und dabei eben nicht verstummen – weshalb auch Joachim Meyerhoff, Schlingensiefs "alter ego" auf der Bühne, als er von einer alten Sängerin unendlich anrührend eine Wagner-Arie vorgesungen bekommt, abwiegelt: Noch nicht, bitte noch nicht – es sei ja wunderschön gewesen, aber er habe doch noch so viel zu tun hier unten.

Welt-Wunde Wagner im Wellness-Hotel

Es fällt nicht eben leicht, bei der immensen Bewegung und Berührung dieser zweieinhalb Stunden bei den schlichteren Fakten zu bleiben – also: "Mea Culpa" ist (die Genrebezeichnung "ReadyMadeOper" sagt es) ein Spiel mit fertigen Versatzstücken, mit sehr viel Wagner, weshalb auch das Viva Musica Festival Orchester aus Bratislava, der Chor der Universität Wien und der mit Wagner-Arien und anderen vorgegeben Partikeln weiter komponierende Arno Waschk einen großen Teil der Wirkung dieses Puzzles erzielen. Ausgehend von der Welt-Wunde, die im "Parsifal" geheilt werden soll, führt uns Schlingensief im ersten Teil in ein einigermaßen albernes Wellness-Kurhotel, wo Margit Carstensen die Chefin und Irm Hermann die Haus-Duse gibt, Joachim Meyerhoff einen potenziellen Patienten und Fritzi Haberlandt seine Lebensgefährtin, die wir uns durchaus auch als junge Freundin (und mittlerweile Nachlassverwalterin) des verstorbenen Malers Jörg Immendorff vorstellen dürfen, dessen tödliche ALS-Krankheit ein wesentliches Motiv in Schlingensiefs "Kunst und Gemüse" 2004 an der Volksbühne gewesen war.

Wie oft hat Christoph Schlingensief die Krankheit beschworen! "Mea Culpa" – stimmt das vielleicht wirklich? Wird krank, wer zu viel von Krankheiten redet? Schlingensief spricht natürlich auch an diesem Abend von der Notwendigkeit, sich offensiv hinein zu begeben in den Krebs, ihn sozusagen von innen her aufzufressen. "So ein Blödsinn!" sagt Meyerhoff dazu, Schlingensiefs Bühnen-Ich, und klettert wieder aus der Krebszelle aus Pappmaché heraus.

Diesseits und jenseits der Grenze

"Ein Blick aus dem Jenseits ins Hier" ist der erste Teil überschrieben; er endet damit, dass Meyerhoff als Schlingensief Wagner inszeniert. "Jenseits der Grenze" spielt der zweite, der unübersichtlichere Teil – Wagners Kundry tritt auf, hat aber prompt alles verpatzt: falsche Zeit, falscher Ton. Und Mira Partecke stürzt sich aus der Rolle in eine schreiende Selbstbezichtigung – sie (das heisst: der Autor) habe schon immer alles falsch gemacht, vor allem als Künstler niemals das wirklich Richtige und Wichtige getan, niemals auch vermitteln können, dass doch alles immer ganz ernst gemeint gewesen sei – nun aber sei es fast zu spät: sagt die Schauspielerin und simuliert einen Selbstmord.

Überhaupt sind es die Frauen, denen Schlingensief immer wieder die verzweifelteren Passagen über das eigene Scheitern (und generell wohl das Scheitern der Männer) in den Mund legt. "Exzess" verspricht der zweite Teil, alles, was "Jenseits der Grenze" denkbar sei, aber die "Dionysische Barbarei", mit Nietzsche beschworen, hält sich in Grenzen – um sich dann allerdings umso schöner im Traum vom Festspielhaus zu realisieren. Von da aus wirft Schlingensief noch einen "Blick ins Jenseits", wo der Bühnen-Schlingensief dem toten Vater begegnet, der sich schon so freut darauf, bald wieder mit ihm zusammen zu sein. Aber wie gesagt: So weit ist es noch nicht. Und Sohnemann setzt Papa vor die Jenseits-Tür.

Zum Heulen schön

Vieles an diesem Abend ist so liebenswert uneitel, dass der Wüterich, der Rabauke, der Kaputtmacher Schlingensief fast in Vergessenheit gerät. Schmerzenswerk sieht beinahe aus wie Alterswerk: milde, mit "Ave Maria" garniert. Aber auch das wird ihm niemand ernstlich vorwerfen mögen. "Mea Culpa" ist ein Abend der Innenansichten, ein Panoptikum der Reflexion über einen unauflösbar schrecklichen Prozess: das Leben eben.

Es gibt alles, was es immer gab bei diesem Unikat des Theaters, viel naives Laienspiel und liebenswerte Unbeholfenheiten ereignen sich neben aller aufgeplusterten Ambition. Die Mischung ist einzigartig, das Personal beglückend. Janina Audick hat in die "Burg" eine Burg gebaut, mit vielen Spiel-Nischen und Raum für Film-Projektion; Aino Laberenz hat herrlich tief in die Kisten mit den bunten Fummeln drin gegriffen. Und wie für den Film-Titan Robert Altman treten einige der bedeutenderen Burg-Mimen Schlingensief zur Seite, auch wenn nur ein Röllchen dabei heraus springt. Sie wissen ja, für wen sie es tun.

 

Mea Culpa
ReadyMadeOper von Christoph Schlingensief
Regie und musikalische Leitung: Christoph Schlingensief, Komposition: Arno Waschk, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Aino Laberenz.
Mit: Viva Musica Festival Orchester Bratislava, Chor der Universität Wien, Margit Carstensen, Fritzi Haberlandt, Irm Hermann, Joachim Meyerhoff, Mira Partecke, Hermann Scheidleder, Christoph Schlingensief, Arno Waschk und sehr viele anderen.

www.burgtheater.at

 

Zuletzt berichteten wir über Christoph Schlingensiefs Der Zwischenstand der Dinge im Berliner Maxim Gorki Theater im November 2008 und der zum Berliner Theatertreffen 2009 eingeladenen Aufführung Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir bei der Ruhrtriennale im September 2008.

 

Kritikenrundschau

"Das Unvollkommene, hier wird’s Ereignis", ruft Ulrich Weinzierl in der Welt (23.3.) aus, und: "schön ist hässlich, hässlich schön". Die Uraufführung von Schlingensiefs "Mea Culpa" am Wiener Burgtheater nämlich rechtfertige sich durch sich selbst und schaffe ihre eigenen Gesetze: "Mit herkömmlicher Bühnenpraxis hatte und hat jene des Christoph Schlingensief stets so viel zu tun wie die blutigen Orgien-Mysterienspiele von Hermann Nitsch: fast gar nichts, nicht mehr als ein Froschkonzert mit Belcanto." Joseph Beuys sei wohl "der ästhetische Pate des Abends. Denn der entspricht bis ins Detail den Anforderungen der von Beuys propagierten 'sozialen Skulptur' (…). Der bedenkenlos plündernde Gesamtkunstwerker Schlingensief inszeniert nicht Bühnenfiguren, sondern uns, die Zuschauer und deren Gefühle."

"Mea Culpa" sei "der abschließende, heiter zuversichtliche Teil" von Schlingensiefs "Krebs-Trilogie", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (23.3.): "ein Blick zurück in heiligem Zorn, aber vor allem auch nach vorn." Mit frappierender Leichtigkeit durchlaufe diese Inszenierung "die verschiedensten Angst- und Seinszustände, Diesseits- und Jenseits-Hoffnungen wie in einem unruhigen Traum". Es sei "ein grundehrlicher, zutiefst existentieller Abend, und weil man das bis in die letzte Faser spürt, berührt er einen sehr. Wer jetzt wieder ächzt, hier sei ein unbotmäßiger Narzisst am Werk, der sein Leben ausschlachtet und zur Kunst stilisiert, sperrt sich gegen die Teilhabe, die Schlingensief uns gewährt. Es gibt nicht viele Theaterabende, die so ganzheitlich, so überzeugend authentisch – und dazu auch noch so multimedial ausgefeilt – an die wirklich letzten Dinge rühren."

Vermutlich sei Schlingensief, so sieht es Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen (23.3.), "nie authentischer als hier" gewesen. Er betone diesmal nachdrücklich, "dass er schon immer alles ernst gemeint hat. Vielleicht treibt ihn ja die große Angst um, für einen Blender gehalten zu werden." Schlingensief aber sei "kein Scharlatan, sondern ein großer Selbstdarsteller, dem immer wieder die Gelegenheit gegeben wird, einen Seelenstrip hinzulegen". Schlingensief und "seinen Jüngern" tue das gut, "also kann es nicht völlig schlecht sein".

In der Frankfurter Rundschau (23.3.) schreibt Peter Michalzik: "Schlingensief stellt sein Innerstes so deutlich aus, dass es wie eine Passionsfrucht inmitten der meist finsteren Bühne schwebt, tropfend vom roten Saft des bitter Erfahrenen, zu praller Reife gebracht von der dunklen Sonne des Durchlebten. Entweder leiden wir an diesem Abend mit, oder wir erleben nichts. Schlingensief macht es uns nicht schwer. Denn alles und jedes, was unsere Welt um den Krebs und die Todeserfahrung herum gebaut hat, alles was sie tut, um die mysteriöse Krankheit und den Tod zu bewältigen und zu verdrängen, wird von Schlingensief zunächst durch den Kakao gezogen, einschließlich seiner selbst und seiner Aufführung. So befreit er uns, um uns mit ins dunkle Nichts zu nehmen." "Mea Culpa" sei "eine reife Arbeit, elegisch, parodistisch, exhibitionistisch. Die Haltung aber ist heiter." Und "im Erschaffen eines gelassen strömenden Flusses für die sprudelnde Ideenfülle" habe "die Schlingensief-Mannschaft Meisterschaft entwickelt, da macht denen niemand etwas vor."

"Wäre nicht (…) die Hagiografie, also die Heiligengeschichtsschreibung, dem Charismatiker Schlingensief angemessener als eine Rezension?", fragt Eva Behrendt in der tageszeitung (23.3.). Allerdings sei "Schlingensief kein reiner, sondern eher ein schmutziger oder komischer Heiliger, der darauf beharrt, dass kein prüfender Gott, sondern er selbst seinen Krebs zu verantworten hat." Eva Behrendt rezensiert dann doch noch: Die "kabarettistischen Bravourstückchen" etwa, "die die Krebstherapie liebevoll auf die Schippe nehmen", würden von Schlingensief "in der ganz großen Oper zwischen Hochkultur und Trash" aufgehoben. Der "trotz der Verschachtelung auf vielen Ebenen erstaunlich klare Musik- und Bilderreigen" greife "Elemente aus früheren Werken auf" und sehe doch "neu und anders aus".

Schlingensief, dieser "legitime Wagner-Erbe", setze "den Kunstbezirk unter Druck", indem er "seine Krebserkrankung zum Thema einer Oper erhebt, die er obendrein auf der größten deutschsprachigen Schauspielbühne zur Uraufführung bringt", meint Ronald Pohl im Standard (23.3.): "Eine wunderbare Einrichtung wie das Burgtheater muss unter verschwenderischer Aufbietung ihrer Kunstmittel mit der ganzen 'Wahrheit' über uns Menschen herausrücken." Es berühre "eine kindliche Dimension in Schlingensiefs Werk, dass er die Aspekte der Lebenswelt mit denjenigen der Kunst so bedenkenlos kurzschließt wie kein anderer." Und in "gar nicht so wenigen Augenblicken" bildeten in "Mea Culpa" "Realitätssinn und Kunstgläubigkeit, aber auch Selbstbezogenheit und Sozial-Engagement eine szenisch zupackende Einheit".

Als "zugänglichste Arbeit der jüngsten Zeit" beschreibt Almuth Spiegler in der Wiener Tageszeitung Die Presse (online 21.3. 18.19 Uhr) diesen Abend, der sie einerseits zu Tränen gerührt" aber auch zum Lachen gebracht hat. Sie ist beeindruckt, wie Schlingensief diese Arbeit, die ihrer Genrebezeichnung "ReadyMadeOper" alle Ehre macht, aus "Dutzenden musikalischen, literarischen, philosophischen und popkulturellen Versatzstücken lustvoll zusammengeklaut und komponiert hat. "Ein Volksstück ohne Moral", schreibt Spiegler, das aus ihrer Sicht "faszinierend das schafft, was Schlingensief so einzigartig macht: die Durchdringung der Genres und die Auflösung der Grenzen zwischen Spiel und Realität. Film, bildende Kunst, Theater, soziales Engagement, Alltag fließt hier zusammen, in eine publikumsgerecht übersetzte Lebenszusammenfassung eines kulturell euphorisierten Zeitgenossen." Am Ende werde es immer melodramatischer. Zum Beispiel "wenn Christoph seinen verstorbenen Papa trifft, ihn aber wieder zurück auf die Wolke schickt."

Aus Sicht von Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (22.3.) ist diese "Opern-Farce" mit Musicaleinschlägen als "Morgendämmerung der Schlingensief'schen Hausgötter" nicht ganz so berührend ausgefallen, wie "Die Kirche der Angst", ein Befund, der den Kritiker auch in den eigenen voyeuristischen Abgrund blicken läßt: "Es fällt schwer zuzugeben, dass die befreiende Farce weniger berührt als die drohende Tragödie", schreibt er, um dann angesichts der Fülle von Ready-Mades, aus denen der Abend gesampelt ist, eine gewisse Ratlosigkeit zu Protokoll zu geben: "Es lässt sich gar nicht sagen, was der Komponist Arno Waschk alles zusammenrührt und sampelt, von 'Parsifal' bis Roy Orbison und wummernden Horrorfilmklängen. Darsteller wuseln über die Drehbühne, Filmprojektionen flimmern wie Trockengewitter über Mensch und Material." Und doch sei es ein "beherrschtes Chaos", meint Schaper. "Die Duisburger Grenzerfahrung kann man nicht wiederholen. Es war eine einmalige, erschütternde, erhebende künstlerische Heldentat, und es gab damals Kritiker, die sich weigerten, darüber zu schreiben, weil es zu intim gewesen sei. (...) Und doch soll Schlingensiefs Krebs-Requiem am 1. Mai das Berliner Theatertreffen eröffnen – kaum vorstellbar. Denn die Zeit ist, gottlob, darüber hinweggegangen. Christoph Schlingensief geht es besser."

"Aus allen Szenen schreit eine Erlösungshoffnung, die Schlingensief jedes Mal zum Scheitern bringt", schreibt Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 23.3.).  Dass dieses "höchst autoreflexive Beicht- und Offenbarungstheater weder in Selbstmitleid noch in Selbstanklage kippt", liege an Schlingensiefs unbarmherziger Konsequenz: "Er nimmt seine private Krankengeschichte so unerbittlich persönlich, bis sie allgemeinen, nicht nur voyeuristischen Charakter hat." Das Authentische verflüssige sich "nach den Regeln von Alp und Traum mit dem Phantasierten, die Musik mit dem Bild, die Figuren mit Fiktionen. Wir sehen nicht mehr durch - das war bei Schlingensief schon immer der Anfang aller Kunsterfahrung."

Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (22.3.), ist Eleonore Büning nach Wien gefahren. "Der Patient ist nicht mehr depressiv. Es geht ihm besser, er kann wieder austeilen," stellt sie erst mal fest, um dann freudig Schlingensiefs "herrliche neue Klamotte" ins Visier zu nehmen, "eine Art Kompott aus Fremdtexten, Lieblingsmusiken und Improvisation, ein stark ironiegepfeffertes, mit erstklassigen Schauspielerkräften garniertes Opern- und Operettenpüree, darin unter anderem Bayreuth gründlich verhauen und anerkannt wird als die Wurzel allen Übels und gleich auch noch ein paar widerlich sarkastische Kritiker mit in die Sauce hineingeraten." Schlingensief sei also wieder ganz der Alte, "total selbstreferentiell und auf der Höhe seines Ich. Wie schön! Alle Anwesenden im Theater freuen sich sehr." Und auch dies möchte die Kritikerin klarstellen: "Krebs hat ja nicht nur Schlingensief, das haben viele andere Menschen auch (sogar Zeitungsmenschen). Schlingensief wird sterben, daran oder an etwas anderem, früher oder später, mit oder ohne Gott." Diese Erfahrung könne man beim besten Willen nicht exklusiv nennen.

 
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