Urlaub vom unterdrückerischen Selbst

von Elena Philipp

Berlin, 23. März 2009. Ich bin Mieke. Du bist Mieke. Alle, alle sind wir Mieke. Zumindest eine Spielfilmlänge üben wir Zuschauer uns in das Innenleben der Kunstfigur Mieke Matzke ein, die von der realen Mieke Matzke und vier weiteren Performern im HAU 3 vor- und hergestellt wird. Wie stets beim Performancekollektiv She She Pop – diskursgestählten Absolventinnen und Absolventen des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft – sind die Zuschauer Versuchsteilnehmer und Mitspieler.

Mit dicken Kindergarten-Eddings malen wir uns eine Mieke-Maske, hinter der wir uns verstecken und ungesehen die anderen Miekes beobachten können. Wir durchlaufen das Spiegelstadium, in dem wir jubilatorisch begreifen, dass das Bild vor uns oder vielmehr: dieser Körper mit Maske alle von uns gewünschten Bewegungen ausführt, also Ich sein muss. Unser subjektives wie soziales Selbst für diesen Abend ist ins Leben gerufen, Lob sei Lacan.

Danach teilen wir uns in Gruppen und unterziehen uns in einem der fünf auf der Bühne platzierten Zeltpavillons der ersten Lehreinheit. Wir lernen Miekes Leidenschaft kennen: Sie studiert morgens die Zeitungen und memoriert die wichtigsten Inhalte, um auf alle Fragen des Tages vorbereitet zu sein. Ihren Seelenhaushalt hat sie wie ein Klassenzimmer mit Hockern und Pulten aus Kartons eingerichtet, und am liebsten lässt sich sich von sich selbst abfragen: "Wer hat die Kolumne auf Seite 13 verfasst? Ja, Mieke in der zweitletzten Reihe?"

Essensreste für Mikroben

Wir Miekes sind nicht schlecht; schnell haben wir begriffen, dass im Spiel bleibt, wer den Kommandos folgt. "Melden, dem Impuls nachgeben, vielleicht noch mit den Fingern schnipsen!" Im eifrigsten Moment wird der Vorhang zwischen den Zelten aufgezogen und wir erblicken uns in Gestalt einer anderen Gruppe von Miekes, wie wir Streber uns dem Spielleiter entgegen recken. Identität ist auch Konditionierung, und die funktioniert hier reibungslos und widerspruchsfrei. Alle spielen mit, keiner schert wirklich aus – allenfalls ein stiller Unmut oder eine kleine Aktionsverweigerung –, und fröhlich melden wir uns, wenn es der jeweilige Spielleiter verlangt. "Mieke will alles richtig machen", und wir mit ihr.

Was oder vielmehr wen haben wir bei She She Pop internalisiert? Die Mieke des Abends ist neurotisch, einsam und äußerst fragmentarisch. Sie ist ein loses Bündel von Merkmalen, eine Sammlung verträumter Verrichtungen, liebenswerter Marotten und trauriger Rituale: Gern verzehrt sie abends allein zwei Portionen liebevoll gekochten Abendessens und fokussiert dabei ihren Blick auf die graue Raufasertapete. Ihre Hoffnung hängt an den kleinen Tierchen in ihrer Wohnung, denen sie großmütig Essensreste zum Verzehr überlässt. Manchmal wird Mieke wütend auf ihre mikrobischen Mitbewohner, die ihr herzlich wenig Dankbarkeit entgegen bringen. Aber vielleicht, hofft Mieke, ist ja auch sie für ein größeres Wesen nur ein kleines Tierchen; wenn sie es ihren Silberfischchen gleich täte und es sich einfach auf ihrem Küchenboden zwischen den Essensresten bequem machte – vielleicht kümmerte sich dieses größere Wesen genau so hingebungsvoll um ihre Bedürfnisse wie sie sich um die ihrer Gefährten?

Mieke-Marionetten, kappt eure Fäden!

Ein "Asyl jenseits der repressiven Welt der eigenen Identität" verspricht der Programmtext, Entlastung von der anstrengenden Beschäftigung mit dem Selbst, das unser "eigentliches Kapital" ist – natürlich nur, "wenn es prägnant genug herausgearbeitet wurde". Die letzte Gesangsnummer bringt Miekes und unser aller Misere auf den Punkt: "Wir kennen unsere Geschichten, wissen aber nicht, wie sie zusammenhängen." Identität braucht einen roten Faden; Mieke hingegen hat sich in ihrer Geschichte verstrickt: Sind die Bilder im Kopf nun Urlaubsfotos oder Wunschvorstellungen?

Für dieses und andere Probleme hat Mieke, die Kopfgeburt von der Psychologencouch, eine originelle Verdrängungsstrategie entwickelt: Traumreise plus Schmerzreize. Ein paar "Waschenklemmer", wie es Nir de Volff nennt, ins Gesicht gezwickt, Augen zu und sich die Wiese voller Iris und Lilien vorstellen, die hinter dem Traumhaus wogt. Wir regredieren fröhlich mit. "Mieke" wird für uns eine imaginäre Gefährtin, wie sie vor allem drei- bis siebenjährige Kinder entwickeln, um das Verhältnis von Selbst und Welt auszutesten.

Das ist eine schöne Idee von She She Pop, und sicher hat es der Gruppe viel Vergnügen bereitet, "Mieke" mit skurrilen Eigenheiten auszustatten. Für die Zuschauer blieb in der komplett ausfabulierten und ausstaffierten Welt leider nur noch die Rolle der Mieke-Marionette, welche unhinterfragt die ihr zugeteilten Aufgaben verrichtet. Die Mieke hier in ihrem inneren Schreibzimmer wünscht sich ein Publikum, das die Performance kapert und selbst Phantasie entfaltet – ein bisschen She She Pop sind wir doch schließlich alle.

 

Die Welt, in der wir leben
von She She Pop und Nir de Volff
Regie: She She Pop, Bühne: Malve Lippmann und SSP, Kostüm: Pieter Bax und Lea Søvsø. Mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Lisa Lucassen, Mieke Matzke und Nir de Volff.

www.hebbel-am-ufer.de
www.sheshepop.de

 

Mehr zu She She Pop lesen Sie in den Nachtkritiken und Kritikenrundschauen und LeserInnenbeiträgen zu Familienalbum, das im März 2008 im HAU Berlin herauskam und zur Relevanzshow ebendort im Juni 2007.

 

Kritikenrundschau

"Immer ich. Wie langweilig. Man will doch mal ein anderer sein, sich dem neoliberalen Befehl "Sei du selbst!" mit der Gewissensverve eines Kriegsdienstverweigerers an der Individualismusfront entziehen", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (25.3.) In der jüngsten Performance des Performance-Kollektivs She She Pop sei man mit dieser "Ausreisesehnsucht aus dem eigenen Körper" vermeintlich "passend aufgehoben". Sie verspreche eine "Neugeburt, und vielleicht beginnt sie deshalb auch wie ein Kindergeburtstag". "Doch so lustig-putzig das alles ist, der Abend, der in seinem Mitmach-Furor ziemlich lang wird, kommt über einen She-She-Pop-Insiderwitz nicht hinaus."

 

 
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