Der Prophet im Breitwandformat: imposant

von Georg Kasch 

Oberammergau, 15. Juni 2007. "Krieg!" dröhnt es einstimmig aus hunderten Mündern, "Krieg! Krieg! Krieg!" braust es wie ein Orkan von der Oberammergauer Passionstheaterbühne. Dazu stampfen die Speere auf den Boden, recken sich unzählige Fäuste in die Luft. Das sitzt, geht in Mark und Bein, hat etwas ebenso Ungeheuerliches wie Unwiderstehliches.

Gegen diese Gewalt, diese aufgebrachte Menschenmasse ist eine einzelne Stimme wie die des Jeremias chancenlos: Vergeblich schleudert er ihnen seine Friedensmahnungen entgegen. Dann wieder ziehen Schafe und Ziegen mit ihren Hirten über die Bühne, wird der Einzug der ägyptischen Prinzessin mit Kamelen und prunkvollem Gefolge zelebriert, steigen beim Angriff auf Jerusalem Feuersäulen auf, entfaltet die Musik einen Kinosound aus spätromantischer Harmonik und archaischer Rhythmik – ein Bilder- und Klangbogen zwischen Krippenspiel und großer Oper.

Laientheater in Cinemascope
Oberammergau ist das vielleicht bemerkenswerteste Dorf der Theatergeschichte. Seit es 1633 das Wüten der Pest überstand, führen seine Bewohner etwa alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Jesu auf. So wurde Oberammergau zum Synonym für Jahrhunderte alte Laientheatertradition, für Archaik und Massen auf der Bühne. Das Passionstheater ist auch heute noch Cecil B. De Mille in Cinemascope: eine breit sich erstreckende Freilichtbühne mit gemauerter Kulissenfront, auf der sich hunderte Darsteller in langen Leinengewändern oder farbenfrohen Festgewändern bewegen. Alle Mitwirkenden müssen in dem 5300-Einwohner-Dorf geboren sein.

Seit den Passionsspielen 1990 leitet Christian Stückl, mittlerweile Intendant des Münchner Volkstheaters, die Inszenierungen. Längst gilt er als Mann für Großarrangements und zeichnet unter anderem für die gegenwärtige Salzburger "Jedermann"-Inszenierung verantwortlich. Vor zwei Jahren ließ Stückl die alte Tradition der "Kreuzschule" wieder aufleben, Zwischenspiele mit alttestamentarischer Thematik, die ebenfalls auf der großen Freilichtbühne vor dem überdachten, etwa 4700 Menschen fassenden Auditorium stattfinden.

Alttestamentarische Zwischenspiele
Nach "König David" im Jahr 2005 wählte er nun Stefan Zweigs "Jeremias". Diese "dramatische Dichtung" ist stark von Zweigs Erlebnissen während des Ersten Weltkriegs geprägt, ein Anti-Kriegs-Drama, das sich zu einer Frage nach jüdischer Identität und jüdischem Glauben entwickelt. Am Ende muss Israel das zerstörte Jerusalem verlassen, die Diaspora beginnt. In Zweigs Augen keine Tragödie, sondern der Beginn einer "weltbürgerlichen allmenschlichen Berufung", die den kriegerischen nationalen Bewegungen anderer Völker moralisch überlegen ist.

Zweig schrieb sein kaum aufführbares Mammutwerk 1915 bis 1917 "ohne Theaterambitionen" in einer rhythmischen, an die biblische Diktion angelehnten, wuchtig-archaischen Sprache. Es erfordert hervorragende Schauspieler ebenso wie Menschenmassen, es braucht Sensibilität für Nuancen wie die Wucht des Oratoriums. Diesen kaum zu vereinbarenden Anforderungen begegnet Stückl, indem er Zweigs Vorlage stark kondensiert und die Sprache entflechtet, eine alltagstaugliche Syntax herstellt, denen auch die Laiendarsteller gewachsen sind. Der Kantigkeit und Wucht der Vorlage entspricht er mit Volksmassen und Oberammergauer Typen mit ihrer dialektal gefärbten Sprache und ihrer Leidenschaft fürs Spiel.

Mit "Jeremias" in der Gegenwart angekommen
Stefan Hageneier hat vor den Bühnenbau eine die Vertikale noch betonende weiße Gerüstkonstruktion gestellt. Auf ihrem Tor prangt eine stilisierte Menora, der jüdische, siebenarmige Leuchter. Das wäre nicht besonders spektakulär, befänden wir uns nicht in Oberammergau, wo die wahlberechtigten Bürger über alles mitbestimmen können, was mit ihrem Theater in Zusammenhang steht. Im tiefsten Oberbayern, wo man im Publikum so manche Tracht und Soutane entdecken kann, ist Tradition ein heiß umkämpftes Gut. Da wird das Bauhaus-Gerüst zum Zeichen, dass auch das Oberammergauer Theater im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Genauso wie die Musik, die Markus Zwink komponiert hat und leitet. Müßig zu betonen, dass er wie Stückl und Hageneier gebürtiger Oberammergauer ist. Sein an der Spätromantik geschulter Orchesterklang aus dem gedeckelten Graben, seine Orffschen Riesenchöre überschreiten zuweilen das gewohnte tonale Maß. Dann entsteht ein Sog, eine unmittelbare Wirkung, von der das Bühnengeschehen enorm profitiert.

Den Szenen, in denen Jeremias gegen Kriegstreiberei und nationale Arroganz kämpft, in denen kompliziertere Sachverhalte zwischen Leben, Glauben und Tod verhandelt werden, fehlt diese Kraft. Zu wackelig ist die nur leicht verstärkte Akustik, zu übersteuert die Artikulation der Darsteller. Ein unaufgeregterer, getragener Ton hätte das Textverständnis wesentlich erleichtert. Doch die nächste Massenszene folgt bestimmt. Dass diese nicht Selbstzweck sind, sondern dramaturgisch sinnvoll, zeigt die letzte Szene. Sicher wäre es effektvoll gewesen, ein Schlusstableau zu inszenieren. Stückl aber folgt Zweig und lässt das geschlagene Volk zu verebbender Musik ausziehen. Es bleibt das leere, brennende Jerusalem, als Mahnung, Warnung – und Zeugnis einer beeindruckenden, überzeugend lebendigen Theatertradition.

Kritikenrundschau 

Im Münchner Merkur (18.6.2007) schreibt Christine Diller anerkennend, die "Jeremias"-Inszenierung von Christian Stückl sei ein "klarer, lichter, wirkungsvoll stilisierter´ Monumentalschinken´". Und ein prima Trainingslauf für das nächste Passionsspiel im Jahre 2010. Die Akteure konnten schon bei der Premiere lernen, gegen Regen, Wind und Vogelgezwitscher anzuspielen. Und sich im "antikisierenden, kolossal breiten Bühnengebäude" in "großen Gesten und absoluter Präsenz" üben. "Stückl ist ein Meister der Massenchoreographie und nutzt das Statische in ihr: Er malt Tableaux vivants, lebende Bilder von biblisch großen Szenen. Und trotzdem hat der kleine Ausschnitt immense Bedeutung darin." Mehr kann man sich von einem Passionsspielleiter ja gar nicht wünschen!

Die Frankfurter Rundschau (19.6.2007) bringt den gleichen Text von Christine Diller etwas gekürzt einen Tag später.

Wie? Theater ist nicht mehr wichtig? Eine Kunstform am Rande? In Oberammergau spaltet es die Gemeinde und die Leute harren bei nur 11 Grad im Schnürlregen drei Stunden lang aus, um Stefan Zweigs "dauerpathetischem" "Jeremias" zuzuschauen. Und das auch deshalb, um herauszubekommen, ob Open Air in der Nacht auch für die Passionsspiele geeignet sei. Also bitte. Dazu kam die schlechte Akkustik in "der riesigen Halle", weite Teile des Textes blieben unverständlich, und trotzdem waren vornehmlich die Massenszenen tief beeindruckend und der Auszug in die babylonische Knechtschaft "ein tief anrührender Moment, der völlig unaufdringlich, aber ebenso unabweisbar den Gedanken an die Schrecken des Holocaust heraufruft", schreibt Rolf May in der tz (18.6.2007).

Gabriella Lorenz meint und schreibt das in der az (18.6.2007), dass "die Aktualität der im 1. Weltkrieg entstandenen Anklage gegen Kriegstreiberei, Verblendung und Siegesgewissheit sich von selbst" aufdränge, trotz oder wegen Stückls beherzter "Verschlankung" des "gewaltigen Versepos" von Zweig. Der Regisseur zeige wieder, wie gut er "die Breitwandbühne im Griff hat" und die von Markus Zwink neu vertonten Klagelieder des Jeremias ergäben "ergreifende Momente der Besinnung".  

In der Süddeutschen Zeitung (19.6.2007) hingegen ist Oberammergau naturgemäß Chefsache, und Christopher Schmidt hat nicht nur zugeschaut, sondern auch mit dem "Naturburschenwunder" Stückl gesprochen und Lokalpolitisches recherchiert. Es war ja ein Streit um die Aufführungszeit entbrannt, in dessen Folge Passionsspielleiter Stückl mit Rücktritt gedroht hatte. Am Sonntag nach der Premiere von Jeremias haben sich zwei Drittel der Oberammergauer nun hinter ihn gestellt. Fortan darf von 14.30 bis 22.30 Uhr gespielt werden statt wie bisher von 9.30 bis 18.30 Uhr.) Wettermäßig war der Premieren-Ausflug für Schmidt ein echtes Abenteuer ("Sturmböen peitschten dunkle Wolken über den Himmel..."), und auch die Sache selbst lässt ihn nicht kalt: "Zweig will Würde, Stückl will Wirkung."  Und die habe er: Er "teilt die Menschenfluten, als wär´s Lehm in seiner Hand", sei "ein legitimer Nachfolger Max Reinhardts": "Stückl, dieser fröhliche Wüstengott im Hergottswinkel ist ein Neuerfinder des Monumentaldramas von leichtfüßigstem Gewicht.

Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.6.2007) ist etwas zurückhaltender, aber entziehen kann auch sie sich nicht. Nicht den Kamelen und auch nicht den Oberammergauern, die "im Feuer-, Fackel-, Nebelzauber ihres Regisseurs" ihre "Theaterpassion" beweisen. Wobei für sie die "eindrücklichsten Szenen den Abends" die "innigen Zwiesprachen" sind, die Jeremias mit König Zedekia hält: "Stückls vielbekicherter Casting-Blick erweist sich selbst als Prophezeiung. Martin Norz als Jeremias begeistert als schmächtiger Mann des Volkes, der mit der mächtigen Stimme Gottes spricht, im unaufhörlichen Widerspiel zwischen schwachem Körper und starkem Geist."

Kommentare 

Dr. Quenzel, 19.06.2007, 09:03: dieser artikel ist sehr ungenau, pauschal und trifft das enttscheidende dieser stückl-inszenierung gar nicht. leider. stattdessen das übliche identitätsgefasel und oberflächliches lobhudeln.

 Herbert, 19.06.2007, 09:41: und dieser Kommentar ist leider nicht mehr als das übliche und oberflächliche Schnauben des Bescheidwissers. Blöd.

 

 
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