Spiel über Bande draußen im Weltall

von Peter Hartwig

Hamburg, 16. Juni 2007. Statistiker wissen, dass ein Angler zehn Mal seinen Haken ins Wasser werfen muss, um einen Fisch an der Angel zu haben.
Als Finale seiner Autorentheatertage präsentierte das Thalia Theater Hamburg vier Werkstattinszenierungen von noch unaufgeführten Stücken.

Felicitas Brucker inszenierte "Sex" von Justine del Corte, Simone Blattner "Entwurzelt" von Dorothee Brix, Andreas Kriegenburg "Hinter Augen" von Catherine Aigner und am Schluss des Abends war "Die ganzen Wahrheiten" von Sathyan Ramesh in der Inszenierung von Stephan Kimmig zu sehen. Die auffälligste Eigenschaft aller vier Werke war ihre Ähnlichkeit. Kaum hatte man sich nach den kurzen Umbaupausen wieder hingesetzt, erschienen Figuren auf der Bühne, die auch im vorigen Stück hätten mitmischen können. Oder im nächsten.

Dramatiker melden: Gegenwart schlimm

Die Frau Mitte vierzig, die in "Sex" einen jungen Mann mit nach Hause nimmt, redet vom Tod, genau wie Lara, die Kindsmörderin in "Entwurzelt", sich von Tom beschlafen lässt, nur um nicht an das tote Kind in ihrer Wohnung denken zu müssen. Manja "bläst" Ben "einen" (so tönte es den Abend lang von der Bühne) in "Hinter Augen", und in "Die ganzen Wahrheiten" besorgt es Annika dem Leopold auf gleiche Weise.

Ob die verschiedenen Paarszenen in "Sex", die Kindsmörderinnengeschichte in "Entwurzelt", das 'Unsere-Familie-ist-so-frustig'-Stück "Hinter Augen" oder das 'Jetzt-sagen-wir-mal-alles'-Drama "Die ganzen Wahrheiten" – die vier Autorinnen und Autoren sind sich über den Zustand der Gegenwart sehr einig. Die Gegenwart ist schlimm, die eine Hälfte der Menschen verzweifelt und die andere Hälfte traurig.

Doch einig sind sich die Dramatiker nicht allein über den Inhalt ihrer Stücke, sondern auch über die Form der Darstellung. Selbst wenn man einschränken muss, dass es sich um in nur zwei Wochen erarbeitete Inszenierungen handelt, ähnelten sich Szenen und Dialoge doch verblüffend. Spricht Lara, die Kindsmörderin, mit ihrer Freundin Katrin über ihr gutes Verhältnis zu Tom, dem Ex-Freund von Katrin, dann laufen die Worte über eine Bande weit, weit draußen im Weltall. Nebeneinander stehen, nach vorne sprechen und sich bloß nicht anschauen, war die Devise, so was tun moderne Menschen nicht, und sie zeigen auch nie eine Reaktion, wenn der Partner ihnen etwas sagt.

Avancierte Technik des Luftrauslassens

Am stärksten jedoch nervte der in allen vier Stücken eingesetzte Gedankenblasen-Monolog. Wie im Comic die Gedanken der Helden in besonders gestrichelten Blasen über ihren Köpfen gezeichnet wird, redeten an diesem Abend fast sämtliche Figuren das, was sie dachten, einfach mitten im Dialog vor sich hin. Irgendwas ist schief gelaufen in den Schreibseminaren, müsste es sich doch längst herum gesprochen haben, dass diese Technik aus jeder Szene schlagartig die Luft raus lässt, jede Spannung, jedes Geheimnis auflöst.

Gab es gar keine Suppe am Haar an diesem Abend? Doch. Denn immerhin begaben sich die gezeigten neuen Stücke ernsthaft auf die Suche nach der Gegenwart. Dass sie dabei in lyrischen Arabesken wie "Sex" oder im Informationsgehalt bestenfalls einer Zeitungsmeldung stecken blieben wie "Entwurzelt", diskreditiert nicht den Versuch, Authentizität herzustellen. Nur eines wurde dabei auch deutlich: Die Form, in der das so genannte 'Soziale' wieder auf die Bühne kommen kann, ohne in überlebten Realismus oder kruden Naturalismus zurück zu fallen, diese Form ist noch nicht gefunden.

Preisgewinner

Den sympathischsten Eindruck hinterließ Catherine Aigners Stück "Hinter Augen", trotz der Hauptfigur des Krieg spielenden Großvaters, der direkt aus der trivial-symbolistischen Mottenkiste der gewesenen polnischen Avantgarde entsprungen schien, aber leider keinerlei Sinn machte. Am Ende gewann Aigner dafür den mit 10.000 Euro dotierten Autorenpreis der "Thalia Freunde". Die Begründung der aus Barbara Mundel, Intendantin des Theaters Freiburg, Wolfgang Höbel, Kulturredakteur beim "Spiegel" und John von Düffel, Dramaturg am Thalia Theater, bestehenden Jury – "gewisser Mut zur Banalität", "eine Art moderne Klimbim-Familie", die "auch unser Mitgefühl erregt" – bestätigte allerdings den Eindruck, dass der leicht fußlahmen Papierform des Werkes hauptsächlich die geschickte Inszenierung von Andreas Kriegenburg eine wirksame Gehhilfe verliehen hatte.

Obwohl das Publikum deutlich amüsierwilliger ins Theater gekommen war, als Autorinnen und Autoren bereit waren zu schreiben – die Zuschauer genossen den Abend sichtlich. Und wählten für den ebenfalls von den Freunden des Thalia gestifteten, mit 5.000 Euro ausgestatteten Publikumspreis spät in der Nacht noch das Stück "Die ganzen Wahrheiten" von Sathyan Ramesh aus.

Ob sich allerdings die 'vollständige' Inszenierung auch nur eines der vorgestellten Werke lohnt, bleibt nach diesem Abend fraglich. Meine Vermutung geht eher dahin, das der statistische Angler noch ein paar Würfe machen muss, bis wirklich ein Fisch am Haken hängt.

 

Mehr lange Autorennächte? Die Nachfolge-Editionen fanden 20092008 am Hamburger Thalia Theater und ab 2010 am Deutschen Theater zu Berlin statt.

 

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