Das Raunen des Künstler-Ichs

von Hartmut Krug

Wroclaw, 5. April 2009. In langer Busprozession fährt die europäische Theatergemeinde, vorbei an unzähligen, weitläufigen Discounter-Landschaften und einem Container, in dem die polnische Big-Brother-Version produziert wird, hinaus zur ersten Präsentation des neuen Werkes von Krystian Lupa. In einem schicken Fernsehstudio zeigt der diesjährige Gewinner des Europäischen Theaterpreises mit der Uraufführung des ersten Teils seiner "Persona"-Trilogie nicht etwa eine direkte Bergman-Variation, sondern er macht sich einmal mehr auf die Suche nach dem eigenen Ich des Menschen.

Wie schon in Lupas neunstündiger Auseinandersetzung mit Warhol in "Factory 2", die ebenfalls während des Festivals, das die Preisverleihung in Wrocław begleitet, zu sehen war, meint dies eine Suche nach der inneren Situation des Künstlers und stellt, im diesjährigen Grotowski-Jahr, eine sehr deutliche Selbstreflektion des Regisseurs Krystian Lupa dar. Bevor der erste Teil von "Persona" Marylin Monroe auf der Suche nach dem wahren Bild von sich selbst zeigt (die beiden weiteren sollen sich mit Gurdjieff und Simone Weil beschäftigen), spricht erst einmal der Meister zum angereisten Theatervolk.

Hollywoodeskes Kleinmädchen-Suchtum
Noch nicht fertig sei das Werk, sondern noch sehr "in progress", weshalb manches improvisiert bleiben werde. Gemeint ist damit, auch wenn Lupa verspricht, nicht einzugreifen (was er aber doch tut): Ihr könnt jetzt dem Künstler bei der Arbeit an seinem Werk und zugleich an der Verfertigung seines Bildes zusehen.

Auf der Bühne wird eine Marylin gezeigt, die sich in ein leeres Filmstudio zurückgezogen hat. In einer Art riesiger, kunstvoll vollgerümpelter Abstellkammer hat sie sich auf zusammengestellten Tischen eine Schlaflandschaft geschaffen. In einem halblangen, den fast nackten Körper ausstellenden Pullover spricht nun Sandra Korzeniak als Marylin-Kopie die verschwurbelten, oft unfreiwillig komischen, philosophischen Kitsch-Texte, die Lupa ihr in den Mund gelegt hat. Wer bin ich, lebe ich überhaupt, welche Bilder macht man sich von mir, welches will ich, liebe ich, wenn ja, wie und warum – das sind die grundsätzlich ja nicht falschen Fragen.

Doch wie das gehaucht und geatmet, gezirpt und gesingsangt wird, wie die Schauspielerin sich auf ein hollywoodeskes Kleinmädchen-Suchtum herunterdimmt, wie sie Bedeutung inhaliert, um sie wieder heftig auszuatmen, wie sie raucht und trinkt, sich arrangiert und drapiert, das alles ist von einer so absichtsvollen und zugleich bedeutsamen Künstlichkeit, dass man peinlich berührt ist.

Tief ernstes Schmierentheater
Kein Rhythmus, kein Tempo, nur immer tiefere Bedeutsamkeit – was Grotowski angerichtet hat, führt bei Lupa nicht mehr zu sensiblem psychologisch-realistischen Spiel, sondern direkt zu Uropas gruseligstem Schmierentheater. Man glaubt es lange nicht und hofft anfangs, alles sei statt selbstreferentiell selbstreflexiv oder ironisch gemeint, doch hier ist alles existentiell tief ernst gedacht. So rutscht das Publikum auf den wackeligen, engen Sitzen unruhig hin und her. Selten habe ich während einer Theateraufführung eine so intensive SMS-Produktion im Publikum erlebt...

Während Marylin über ihre Existenz nachdenkt, schaut sie in den Spiegel und ins Publikum, startet mit der Fernbedienung eine Kamera, worauf gelegentlich hinter ihr auf der Bühnenrückwand ihr Livebild erscheint. Klar, es geht um die Fragen, welches Bild es von Marylin geben kann, für sie selbst, für die anderen, und mit welchen Methoden man einen anderen Menschen erkennen kann. Wer sich ein Bild von einem Menschen macht, bringt diesen zugleich auch um.

Marylin, die künstliche Kreation

Marylin Monroe, die künstliche Kreation, war stets in der Vorstellungs-Gewalt von anderen. Lupa zeigt ihre scheiternden Versuche, sich selbst zu erfinden und aus der (Vorstellungs-)Welt der anderen zu entkommen. Zunächst wird sie von ihrer Schauspiellehrerin Paula (Strasberg) einerseits als Ikone beschworen, die wichtiger als Jesus sei, und andererseits in die Rolle der Gruschenka für die Verfilmung von Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" getrieben, weil sie beim Annehmen dieser Rolle sich selbst in der Verwandlung erkennen könne.

Dann arrangiert ein Fotograf, der direkt aus "Blow up" entsprungen scheint, sie in einem passiven Liebesspiel, bei dem sie in einem angeblichen Kleid von Jean Harlow als weißgeschminkte Leiche erscheint, bis sie sich für einen Psychiater (auch er eine filmische Klischeefigur) in einem roten Kleid präsentiert. Zwischendurch bringt sie einen Assistenten dazu, für sie ihr Traumbild zu verkörpern: er radelt vor dem Sexualakt nackt auf dem Fahrrad um sie herum.

Heftig misslungene Theaterfeier
Wenn Marylin schließlich auf dem Set in einer Dostojewski-Szene in dem Kleid erscheint, das sie bei der Amtseinführung von Kennedy trug, ist sie bei sich, aber im falschen Bild. Also zieht ihr die Schauspiellehrerin das Kleid aus, macht sie nackt im doppelten Sinn, und Marylin wird wie ein Opfer auf den weiß ausgeschlagenen Tisch gelegt. Dann geht sie in Flammen auf, stirbt also als Individuum in einer Rolle.

Krystian Lupa, den ich mit seinen kunstvollen Thomas-Bernhard-Inszenierungen in den 90er Jahren bewundert habe, scheitert mit dieser Inszenierung auch an seinem romantischen Künstlerbild.

Die Inszenierung war der Schlusspunkt eines heftig misslungenen Festivals, mit katastrophaler Organisation und einem Programm, das neben dem Europäischen Theaterpreis-Träger Krystian Lupa groteskerweise gleich fünf Regievertreter des internationalen Festival-Zirkus als 11. Preisträger für "Neue Theatrale Realitäten" auszeichnete – und der Versuch, ein altes, fast totes Theater zu feiern. Es war ein Trauerspiel.


Persona. Marilyn
von Krystian Lupa
Uraufführung im Rahmen der Vergabe der 13. Europäischen Theaterpreise in Wrocław
Regie und Bühne: Krystian Lupa, Musik: Pawel Szymanski, Kostüme: Piotr Skiba, Dramaturgie: Marcin Zawada, Video: Jan Przyluski.
Mit: Sandra Korzenial, Katarzyna Figura, Piotr Skiba, Waldyslaw Kowalski, Marcin Bosak u.a.

www.premio-europa.org
www.rokgrotowskiego.pl

 

Mehr zum Theater in Polen? Lesen Sie den Bericht vom "Dialog"-Festival in Wrocław (Oktober 2007) oder unseren letzten Theaterbrief aus Polen über den Kampf ums Theater in Jelenia Góra (Februar 2009).

 

Kritikenrundschau

Im Berliner Tagesspiegel berichtet Christine Wahl von dem einzigen kleinen Skandal in Breslau: den löste eine Performance des spanischen Theatermachers Rodrigo García aus, der sich mit vier Kollegen den "kleinen" Preis für "Neue Theaterrealitäten" teilte. Keine Proteste lösten die "wohlkalkulierten Schockeffekt(e) am Menschen" aus: "Einer jungen Frau wird auf offener Bühne eine Glatze geschoren, während sich zwei Kollegen mit sichtlicher Hektik bereits die Genitalien kopulationsbereit rubbeln, bevor sie notgeil – und ziemlich ausdauernd – übereinander herfallen." Als indes ein Performer immer wieder zwei Hamster in ein Aquarium warf und "man den panischen Nichtschwimmern minutenlang beim Existenzkampf zusehen" musste, stürmte eine Kritikerin auf die Bühne, kanzelte den Performer ab und verließ türenknallend die Aufführung. Und dann diese Sache mit den Hummern ... (siehe dazu einen Kommentar aus der Berliner Zeitung vom 7. April).
Der Skandal um García sei allerdings, berichtet Christine Wahl weiter, komplett aus "dieser polnischen Festivalwoche" heraus gefallen. Die Kunst sei in Breslau "tendenziell eine kontemplativ-innerliche Angelegenheit" gewesen. So provoziere etwa Hauptpreisträger Krystian Lupa – "dem seine Landsleute schon Ovationen entgegenbringen, wenn er nur durchs Foyer schreitet" - eher "durch den aufreizenden Rückzug ins fein ziselierte Schauspiel". Lupa gründele in dem, "was man gemeinhin die allzumenschliche Essenz nennt": Selbst Werner Schwabs "Präsidentinnen" könne er inszenieren, als handele es sich um Tschechows "Drei Schwestern". Seine großen Romanadaptionen – Bulgakows "Meister und Margarita" oder Dostojewskis "Brüder Karamasow" – erreichten "durchschnittliche Arbeitstaglänge". Bei den Preisen für die "neuen Theaterrealitäten" – für García, den Ungarn Arpad Schilling, Guy Cassiers, Francois Tanguy und seinem Théâtre du Radeau sowie Pippo Delbono sei – sei das Neue dann allerdings "ziemlich abgehangen daher" gekommen.

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