Inszenierung der Macht

von Elena Philipp

Berlin, 8. April 2009. 8:30 Uhr. Hauptversammlung. Mehr als 6.000 Aktionäre, 20 Aufsichtsräte, 6 Vorstände. Die Menschen, die auf der heute stattfindenden Hauptversammlung das Unternehmen Daimler verkörpern. Darunter auch 200 Theaterbesucher: Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll ermöglicht ihnen den Zugang zu einer Inszenierung, die nur Miteignern des Unternehmens möglich ist. Erleben, nicht nachspielen, das ist das Motto von Rimini Protokoll. Ein Stück inszenierter Wirklichkeit mit dem Blick eines Theatergängers betrachten. Alltags-Theatralität.

Die "Inszenierung der Macht" (Rimini Protokoll) betritt man durch einen tiefgaragenartigen, bläulich ausgeleuchteten Gang. Eine Sicherheitskontrolle, vergleichbar mit der am Flughafen, schneidet gefühlt die Verbindung zur Außenwelt ab: Nun befindet man sich in einem abgeschlossenen Bereich, einem Theaterbau ähnlich – auf einer "Totalbühne" (Rimini Protokoll). Im Showroom glitzern die Karossen, drum herum frühstücken die Kleinaktionäre, bis das Programm im Saal beginnt. Anzugträger, ältere Ehepaare, Hostessen im Konzern-Blau-Weiß. An verschiedenen Stationen dieser sozialen Installation kann man Textbausteine abrufen: "Könnten Sie mir das neue Hybrid-Auto vorstellen?", "Seit wann veröffentlicht Daimler einen Nachhaltigkeitsbericht?".

Logo in Schräglage

Die Darsteller haben ihre Rolle als Autoverkäufer oder Hostess mal besser, mal schlechter drauf. Die Aktion im Foyer ist nicht leicht zu überschauen, Scheinwerfer blenden, verwirrende Treppenkonstruktionen leiten in den Saal. Auf der Bühne setzen sich Vorstand und Aufsichtsrat, alphabetisch hinter Pulten aufgereiht. Darunter eine einzige Frau. Das Bühnenbild: Auf Bildschirmwirksamkeit getrimmt, weiße Kanten leuchten auf den Monitoren daimlerblau. Passend, dass die Redner in Nahaufnahme auf die weiße Fläche projiziert werden. Zwei horizontale Linien, die sich annähern, als Gestaltungselement; sie bringen das Logo des durch Chrysler-Kauf und Finanzkrise angeschlagenen Konzerns durch eine optische Täuschung visuell in Schräglage. Rechts ein weiteres, abgespaltenes Stück der weißen Bühnenrückwand. Lars Labryga, Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), von Rimini Protokoll als Experte gecastet, erkennt "den zerbrochenen Traum einer Rendite von 10%". Bühnenbildanalyse durch einen Redner – Rimini Protokoll hat den Blick der mitspielenden Experten geprägt.


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Zetsche hat gesprochen

aus den Agenturen und den Nachrichtenseiten.

Berlin, 8. April 2009. 12:05 Uhr. Als Reaktion auf die dramatische Wirtschaftskrise, so Daimler Vorstandschef Dieter Zetsche in seinem Bericht vor der Hauptversammlung, verlangt der Konzern herbe Lohneinbußen von den Beschäftigten. In diesem Jahr sollen allein bei den Personalkosten in Deutschland rund zwei Milliarden Euro gespart werden. Selbstverständlich gingen auch die Bezüge der Manager zurück. Allein der Vorstandsvorsitzende, also Zetsche selber, verdiene in diesem Jahr 47 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Verhandlungen mit dem Betriebsrat über das Bündel von Sparmaßnahmen sollen Ende April abgeschlossen sein. Um die Bilanz zu entlasten, soll außerdem die Zahl der auf Halde produzierten Fahrzeuge nach und nach zurückgefahren werden. Wenn sich die Lage allerdings nicht bessere, seien "im äußersten Fall" auch Entlassungen nicht ausgeschlossen. Eine Ankündigung, die naturgemäß der Börse gefällt. Am Ende des Börsentages hat der Kurs von Daimler fast acht Prozent gewonnen.

Mitarbeiter von Daimler hatten vor Beginn der Hauptversammlung in Berlin für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstriert. Mit Sammelbechern und Masken, die Vorstandschef Zetsche darstellen sollten, protestierten sie gegen den rigiden Sparkurs des Autobauers.

 

Zugang ist alles

von Elena Philipp

15:55 Uhr. Weit im Voraus haben Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel mit ihrem Team Daimler-Aktionäre gebeten, kurzzeitig eine ihrer Aktien an das Kollektiv zu verkaufen oder Stimmrechte zu übertragen, so dass ein Theatergänger ihren Platz in der Hauptversammlung einnehmen kann. Einladungen wurden überschrieben, Gastkarten beantragt – unter Beobachtung der Konzernabteilung Investor Relations, die das Event im ICC Berlin organisiert. Aus unterrichteten Kreisen verlautet, dass Daimler-Vertreter mit einem Grüppchen Anwälte im Schlepptau zum Treffen aufmarschierten, um dann zu erfahren, dass Rimini Protokoll plante – nichts zu tun.

Experten in Nischen

Zugang ist alles, das ist der Ansatz des voraussichtlich 16 Stunden dauernden Theaterprojektes. Einmal die Rolle eines Aktionärs einnehmen, die Willensbildung verfolgen, sich eine Meinung bilden und zum Schluss – Höhepunkt der Inszenierung – mit über die Entlastung des Vorstandes abstimmen. Wirtschaft live. Mit Begleitprogramm: Rimini Protokoll haben zur Hauptversammlung ein umfangreiches Programmheft veröffentlicht, in dem unterschiedliche Expertenstimmen zur Veranstaltung gesammelt sind. Am Nachmittag finden Nischengespräche mit einigen dieser Experten statt. Per Handy kann man sich Texte einspielen lassen ("Operndramatug Carsten Jenß über Unternehmensberater im Freischütz") oder den Hauptversammlungs-Soundtrack ("Nie sollst Du mich befragen..." aus Richard Wagners Lohengrin, empfohlen von Lars Labryga) sowie Theateratmosphäre – Pfiffe, Applaus, Anfeuern und Rumpöbeln – anwählen.

Querulant im Saal

Das Zuspielen von Atmo ist nicht nötig, denn es ist ein Querulant im Publikum. Zwischenrufe, Buh-Rufe und Applaus liefert er von der Eröffnung der Hauptversammlung durch Aufsichtsratvorsitzenden Manfred Bischoff über die Bilanzrede von Vorstandsvorsitzendem Dieter Zetsche bis zu den ersten Redebeiträgen in der Generaldebatte. Die Generalaussprache, das sich über Stunden hinziehende Frage-Antwort-Spiel, dient der Meinungsbildung der Aktionäre, deren Standesvertreter kritisch nachfragen können und dies – mit großer Detailkenntnis über "ihr" Unternehmen – auch tun: "Wurde hier Bilanzkosmetik betrieben?". Der Störenfried, dessen Rauswurf von den Aktionären irgendwann mit "Raus, raus"-Sprechchören gefordert worden war, ist mittlerweile fort, die Hauptversammlung schreitet nach Tagesordnung voran.

Rüstungsgegner Die Unternehmensvertreter agieren souverän und professionell – dramatische Emotionen müssen sie sich in ihrer Rolle versagen. Impulskontrolle lautet die Regieanweisung, auch wenn kritische Fragen zu den Rüstungsaktivitäten von Daimler gestellt werden. Möglichst glatt soll die aufwändige Inszenierung verlaufen. Und dann bricht unversehens die Grenze zwischen Theater und Realität ein: Zu Beginn der HV war der verstorbenen Konzernangehörigen und der Toten des Amoklaufes von Winnenden gedacht worden. Redner Jürgen Grässlin, aktiver Rüstungsgegner, reicht Stunden später während der Generaldebatte die Anregung der Rimini-Zuschauer weiter, doch auch der Opfer von Daimlers Rüstungsprodukten zu gedenken. Schweigen im Saal. Die Zuschauer sind zu Akteuren geworden. Wirklichkeit ist theatral – und Theater kann manchmal wirklich werden.

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HV-Ticker

von Elena Philipp

19:35 Uhr. +++ Rimini Protokolls Inszenierungen schaffen ein Theatralitätskontinuum: Vom In-Szene-Setzen ihrer Experten des Alltags in einem Theaterstück wie "Wallenstein" hin zu einem minimalen Eingriff, einer rein diskursiven Rahmung der Alltagsrealität in "Hauptversammlung" – dazwischen bewegt sich (ihr) Theater +++

+++ Jeder schafft sich bei der HV sein eigenes Theatererlebnis – und jede Zuschauerin, jeder Zuschauer ist aufgerufen, einen eigenen Theaterbegriff zu definieren, der sich im Rimini'schen Kontinuum verortet +++

+++ Die Redner bei der Generaldebatte: sachlich, launig, analytisch, ironisch, agitatorisch, kabarettistisch, pädagogisch, schüchtern... Bunt sind die Schauspielstile +++

+++ Stefan Kaegi von Rimini Protokoll, fühlt sich an bestimmte Chorwerke erinnert: der repetitive Ablauf, die Ermüdungserscheinungen +++

+++ In die Rolle investierter Anteil der eigenen Persönlichkeit bei den Unternehmensvertretern: minimal. In das Aufrechterhalten der "Professionalität" ( = bruchlose Fassade bei Zwischenrufen, persönlichen Angriffen etc.) investierte Energie: maximal +++

+++ Improvisation: Keine allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (Grund: Text der Vorstandsantworten wird juristisch abgeklopft, Abweichungen empfehlen sich daher nicht), aber es gibt die Aufgabenstellung, jegliche Aussage positiv zu formulierten +++

+++ Vor dem ICC: Theatrale Protestformen. Die Greenpeace Jugend fordert mit Sprechchören und Gesang "Kriegen Sie endlich die Kurve, Herr Zetsche!" – weniger schwere Luxusautos, weniger CO2. Daimler-Kollegen mit Zetsche-Masken protestieren gegen Lohneinbußen und Entlassungsdrohungen (2 Mrd. Euro will Daimler im Personalbereich einsparen) +++

+++ Wird das Theater in einer immer ausdifferenzierteren Lebenswelt mehr und mehr zu einem Instrument der Wirklichkeitsvermittlung? "Ich war vorher noch nie auf einer Hauptversammlung." +++

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Es ist zu überlegen, einen Kulturprüfer zu bestellen

von Elena Philipp

23:38 Uhr. Trouvaille I: Die Inszenierung von Hauptversammlungen setzt Theatermittel ein (Bühne, Dekoration, Licht etc.). "Diese Auftritte sind aber ein Zerrspiegel von Kunst. Unter der theatralen Oberfläche verstecken sich Ziele, die sich von denen der Theaterkunst maßgeblich unterscheiden. Eine künstlerische Theaterästhetik zeigt nämlich gerne widersprüchliche Situationen und weniger selbstsichere, gar schwankende und offensichtlich unsichere Protagonisten, um Interpretationsmöglichkeiten zu eröffnen. Hier wird nicht eingelullt, indem keine Personen gezeigt werden, die vermeintlich zielsicher und bestimmt 'Kostenbremsen getreten' haben und sich wieder sicher auf der 'Überholspur' befinden. Vielmehr wird vermittelt, dass es solche einfachen Lösungen kaum gibt[.]" schreibt Dr. Brigitte Biehl-Missal in ihrer theaterwissenschaftlichen Dissertation zum Thema "Business is Showbusiness" (zitiert nach Programmbuch zu "Hauptversammlung", Seite 90) +++

+++ Wirtschaftschoreographie I: Bei Aufruf zur Abstimmung marschieren die Hostessen in Saal 1 ein, eine Parade der wippenden Pferdeschwänze, jede eine Wahlurne in der Hand, den Einwurfschlitz bis zum die Abstimmung eröffnenden Gong zur Abwehr verirrter Stimmkarten schützend mit der Hand bedeckend. Beim die Abstimmung beendenden Gong läuft der Auftritt rückwärts ab.

+++ Kunst und Wirtschaft: "Und bitte drehen Sie keine rhetorischen Pirouetten."

+++ Bemerkung zur Cultural Governance: Rimini Protokoll handelt interessegeleitet. Neugier und Recherchelust ist als Interesse zu begrüßen, doch die Absicht, Zugang zur HV zu schaffen, wurde nur bedingt verwirklicht. Der angebotene Zugang zu einer Inszenierung der Macht bleibt exklusiv – es werden nur wenige Ausgewählte erreicht. Ob der Ansatz der Theatergruppe nachhaltig wirkt, ist fraglich. Es ist zu überlegen, einen Kulturprüfer zu bestellen, der die sinnvolle Verwendung der öffentlichen Gelder u.a. des Regierenden Bürgermeisters von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten überprüft. +++

+++ Wirtschaftschoreographie II: In der Pause vor der Ergebnisverkündung gruppieren sich die Herren Vorstände und Aufsichtsräte in lockeren Grüppchen, Hände in den Hosentaschen, männerbündisches Schulterklopfen, ein Plausch, der die Nervosität maskiert. +++

+++ Staatsratssitzung (Podium) und Nockherberg (Plenum) +++ Sozialistische Ergebnisse trotz harscher Kritik an den Vorstandsbezügen: Entlastung des Vorstandes mit 99,23 %, Entlastung des Aufsichtsrates mit 99,19 % +++

+++ "Meine Damen und Herren, unsere Tagesordnung ist hiermit abgewickelt." +++

 

P.S.

9. April 2009, 00:04 Uhr. +++ Die Daimler-Hauptversammlung ist nicht politisch. Es findet letztlich keine demokratische Willensbildung statt, sondern das Ergebnis (das Wunschergebnis des Vorstandes) steht im Vorhinein fest. Die Aktionäre sind kaum organisiert, anders als Parteien oder Bürgerinitiativen (die Daimler AG ist ein bis auf die Anteile Abu Dhabis und Kuwaits vorwiegend in Streubesitz befindliches Aktienunternehmen, Kleinaktionäre dominieren). Die Hauptversammlung ist korporatistisch im Sinne der Konstituierung eines Unternehmenskörpers. +++

+++ "Hauptversammlung" ist nicht politisch, da keine inhaltliche Meinungsbildung stattfindet. "Hauptversammlung" ist pädagogisch: Eine Bildungsmaßnahme. +++



Hauptversammlung
Regie: Abteilung Investors Relations, Daimler AG, und Rimini Protokoll. Mit dem Vorstand, dem Aufsichtsrat und Aktionären der Daimler AG, mit Journalisten, Back-Office-Mitarbeitern, Hostessen, Garderobieren, Security, dem Theaterpublikum u.v.m.

www.hebbel-am-ufer.de
www.rimini-protokoll.de


Mehr von Rimini Protokoll? Im März 2009 brachte Stefan Kaegi für Radio Muezzin vier Kairoer Gebetsausrufer auf die Bühne des HAU in Berlin. Im Dezember 2008 befasste sich dortselbst die Doku-Performance Black Tie mit Schicksals- und Identitätsfragen von Adoptierten.

 

Kritikenrundschau

Für eine "gelungene feindliche Übernahme" hält Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (9.5.) Rimini Protokolls Projekt, die Daimler-Hauptversammlung zum Theater zu erklären. "Geradezu rührend ist es, wie sich der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Bischoff in seiner Begrüßungsrede dieser Rimini-Zweckentfremdung zu entziehen versucht: 'Das ist kein Theater und kein Schauspiel!', ruft er ins Auditorium." Der Hauptdarsteller, Dieter Zetsche, setzt mühsam seine Betonungen, baut unmotivierte Pausen und kleine Witzchen ein. "Manchmal, wenn er eine schlechte Nachricht zu verkünden hat, und das hat er an diesem Tag öfter, schaut er mit sympathischem Pudelblick nach links oben, als säße dort ein gütiger Gott oder wenigstens ein großzügiger Großaktionär" - das Gegenteil eines virtuosen Charakterdarstellers oder abgründigen Tragöden. Einblicke würden gewährt in eine "unglaublich dröge Funktionsmechanik samt endlosen Fragen der Anteilseigener und möglichst formelhaften Antworten des Vorstands- wie des Aufsichtsratsvorsitzenden". Fazit: "In der Hauptversammlung einer großen Aktiengesellschaft ist der Kapitalismus so trist, grau und freudlos, dass er sich zumindest unter ästhetischen Gesichtspunkten wie der verblichene Sozialismus anfühlt."

Auf Deutschlandradio Kultur (8.4.) fragt Eberhard Spreng, ob die Behauptung von Rimini Protokoll, die Daimler-Hauptversammlung sei Theater, "für die feindliche Übernahme der Wirklichkeit durch die Kunst" reiche. "Oder rächt sich die Realität dafür, von Rimini in Theater umfunktioniert zu werden damit, dass sie das Theater im großen Nichts der Erscheinungen auflöst?" Die Stars dieses Tages seien "eindeutig die kritischen AktionärInnen". Trotzdem gingen mit mehr als 90 Prozent Mehrheit alle Vorschläge des Vorstandes durch: "Rimini hat die Wirklichkeit als Theater-Parasit überwuchern wollen, aber die Realität behält die Vormachtstellung, weshalb Riminis 'Hauptversammlung' ein spannender Kurs in Aktienrecht war, aber wohl kaum Theater."

In der taz (11.4.) hat Andreas Fanizadeh sich der Veranstaltung ganzseitig auf dem Weg der Reportage genähert, und im Zuge dessen Stimmen und Stimmungen gesammelt. "Am Nachmittag stehen in Halle 15.1 zwischen neuen Sprinter- und Truckmodellen kleine debattierende Zirkel. Daimler-Kritiker wie Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kapitaleigner erklären den Rimini-Projekt-Gängern, was sie drinnen nicht loswerden konnten. Die Theaterwissenschaftlerin Brigitte Biel-Missal erläutert den Inszenierungsstil. Nach Stunden anonymisierter Teilhabe an der Hauptversammlung besteht Gesprächsbedarf. Ein etwas älterer Rimini-Teilnehmer spricht von "repressiver Toleranz": Die Kleinaktionäre dürften zwar auftreten, ihre Beiträge blieben aber folgenlos. Eine Künstlerin sagt, mit Demokratie habe das nichts zu tun. Aber, soll ein Anteilseigner von einer Aktie im Wert von 22 Euro etwa gleich viel zu sagen haben, wie die Halter eines Aktienpakets von über 20 Milliarden?"

"Die Hauptversammlung ist ein Ort für Platzhirsche und Auffälligkeitsfanatiker", glossiert Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (11.4.). "Da kommt ein 'Theater-Projekt', das selbst nichts aufführt, von dem aber jeder bald weiß, gerade recht. Als Jürgen Grässlin endlich ans Mikrofon gelassen wird und seine Anklage gegen die Verstrickung Daimlers in die Rüstungsindustrie verkündet, nutzt er die Gunst der Stunde und bezeichnet sich auch als Sprecher des 'Rimini Theaters'. Man solle sich politischer Agitation enthalten, dröhnt es vom Podium, doch wird sich der kritische Aktionär noch mehrfach melden. Stundenlang geht das so weiter, egal, ob das nun jemand Theater nennt oder nicht.

"Je später der Nachmittag, desto schräger die Beiträge", resümiert Eva Behrendt in der Frankfurter Rundschau (9.4.) "Ein vor Aufregung zitternder Mann fleht Zetsche an, ihn mit der Entwicklung eines revolutionären Freikolbenmotors zu betrauen. Bei aller komischen Rührung, die sich im Zuschauerraum breit macht: Ist das Theater? Was hat die Betrachtung der HV als Inszenierung gebracht - und können nicht auch Theaterlaien Sein von Schein unterscheiden? Als BWL-Laie ohne Aktien habe ich jedenfalls meine Interessen als Zuschauer voll vertreten können, viel gelernt und mich blendend unterhalten. Mit Aktien wäre es mir vielleicht wie der Anlegerin gegangen, deren Altersvorsorge sich drastisch reduziert hat. Ihr wütendes Statement: 'Das ist vielleicht ein Affenzirkus!'"

 

 
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