Tanzen bis in den Tod

von Anne Peter

Berlin, 8. April 2009. "Baal frißt! Baal tanzt! Baal verklärt sich!", wollte Brecht sein Debütstück zu Anfang nennen. Dann ließ er den Titel aber doch auf den einen dämonischen Namen zusammenschnurren: Baal. Was völlig ausreicht, sind das Fressen und Tanzen doch in dem dunklen Assoziationspfuhl enthalten, den dieser Name eröffnet. In der Inszenierung von Christoph Mehler in den Kammerspielen des Deutschen Theaters werden die Worte "frißt" und "tanzt" nun wechselweise in Weiß oben an die schwarze Rückwand projiziert. Das ist nicht gerade von Nöten, denn davor, auf einem nackten Rohholz-Podest, einer Bühne auf der Bühne, spielt sich in etwa das ab, was diese Wörter metaphorisch umfassen. Baal frisst, Baal tanzt – Baal ist Leib.

Und dieser Leib ist Mirco Kreibich. Es ist schon die zweite große Hauptrolle für den 1983 geborenen Schauspieler, der 2006 direkt nach dem Ernst-Busch-Studium ans DT engagiert wurde (und den man sich, bevor er nächste Saison an Joachim Lux' Thalia Theater nach Hamburg wechselt, in jedem Fall noch einmal anschauen sollte). Nach Camus' Schauspieler-Cäsar "Caligula" in der kleinen Box-Spielstätte (Regie: Jette Steckel) verkörpert er nun Brechts großen "Sichausleber" und "Andreausleber", wie dieser ihn im Arbeitsjournal nannte.

Weiche Knie, biegsamer Rumpf, schlurfender Gang

Wieder ist es ein exzessives Spiel, bei dem allein schon der immense körperliche Einsatz beeindrucken kann. Sechs Jahre Ballettausbildung hat Kreibich vor der Schauspielschule absolviert, seine Agentur-Vita zählt als Sportarten außerdem noch Reiten, Inlineskating, Capoeira, Eiskunstlaufen auf Wettbewerbs-Niveau sowie ein Stunt-Reitkurs-Zertifikat auf. Und das alles kommt ihm hier, wie schon bei "Caligula", zugute.

Kreibich tanzt seinen Baal, gibt ihm unentwegt weiche Knie, einen biegsamen Rumpf und einen schlurfenden Gang. Ein elastisches Taumeln, das jederzeit in einen Sprung umschlagen kann. Aus dem Stand schnellt er aufs Podest oder springt, federt, stürzt wieder herunter. Er frisst ein echtes Hähnchen, schiebt Schnalz- und Schnieflaute zwischen die Worte. Der Kopf schlägt auf Holz, das T-Shirt tränkt sich. Gliederhochspannung, Muskelüberdruck, Stirnfransenschwung, Schweiß, ganze zwei Stunden lang. Wir sehen einem Körper beim rücksichtslosen Sich-Verbrauchen zu.

Zwischendurch gibt es immer wieder Ruhepausen bzw. -posen, in denen Kreibich die Arme gen Himmel reckt und die Hände sehnsüchtig hinauffingern lässt. Es ist die Geste für jenes zentrale Bild im Brecht-Text: der Himmel, expressionistisch eingefärbt, violett, gelb oder aprikosenfahl. Mehler malt das nicht mit Lichteffekten aus, sondern setzt allein auf die Kraft der poetisch überladenen Worte.

Viele geleerte Flaschen

So kommt die Inszenierung nahezu ohne Requisiten aus. Überkreuzte Hände markieren die Gefängniszelle, der Gehstock die Mutter. Lediglich an Flaschen und entsprechendem Inhalt, den dieser Baal en masse in sich hineinschüttet, mangelt es nicht. Wer nicht dran ist, sitzt um die Spielfläche herum, auf der Kreibich sein formidables Wüten betreibt. Bleibt die Frage: Was treibt ihn nur dabei an? Mal scheint ihn der Alkoholismus in den Krampf zu drängen. Mal muss ein Gedicht hervorgepresst werden, Geburt der Lyrik aus dem Exzess.

Woher rührt Baals Außenseitertum? Die Gesellschaft, gegen die er etwaig tobt, bleibt gänzlich unkonkret. Da applaudieren ihm zu Beginn ein paar bigotte Gönner, da will ihn der Kabarett-Chef auf die Bühne zwingen, da prescht bisweilen eine Figur im gehüpften Stechschritt nach vorn an die Rampe und verkündet Baal bayerlnd-frohlockend seine Kündigung oder Verhaftung. Doch wo diese Karikaturen zu verorten wären, das bleibt eine Leerstelle. Kein Anknüpfungspunkt zum Jetzt, bloß mal ein ungerichtetes Frotzeln in Richtung Zuschauer, "diese überflüssigen Menschlein".

Extrem-Narziss und One-Man-Show

Ein Irgendwie-Extrem-Narziss von heute? Ein heutiger Hedonist? Sind wir Baal? Aber das legt die Inszenierung nicht nahe, sie legt uns Baal nicht nahe. Der bleibt uns seltsam gleichgültig. Und so wohnt man einer merkwürdigen und mit der Zeit auch zäh werdenden One-Man-Show bei, deren einziges Konzept Radikal-Körperlichkeit zu sein scheint. Und die anderen Spieler?

Die Damen kommen über die Verbrauchswaren-Anlage von Brecht kaum hinaus. Alwara Höfels, die Kreibich in "Caligula" noch so schön flapsig bis liebesleidend die Stirn geboten hat, driftet hier nun in dämliches Dauerkichern oder gar peinliche Heulorgien ab. Und Franz Konstantin Beil sagt seine Eckart-Sätze gleichgültig bis unverstanden auf. Nur Michael Schweighöfer (u.a. als Mutter Baal) und Mathis Reinhardt haben neben Kreibich Sehenswertes beizusteuern. Eine Hundertpro-Performance im Dauerleerlauf – eigentlich pure Energieverschwendung.


Baal
von Bertolt Brecht
Regie: Christoph Mehler, Bühne: Nehle Balkhausen, Kostüme: Julia Kurzweg. Mit: Alwara Höfels, Theresa Henning, Isabel Schosnig, Franz Konstantin Beil, Mirco Kreibich, Mathis Reinhardt, Michael Schweighöfer.

www.deutschestheater.de

 

Mehr zu Christoph Mehler? Wir berichteten über Dantons Tod, den er mit Ernst-Busch-Schauspielstudenten im November 2007 in der Box des DT Berlin inszeniert hat. In Nürnberg brachte er im April 2008 Polle Wilberts Am Tag der jungen Talente zur Uraufführung.

 

Kritikenrundschau

Rein sportlich gesehen sei der Abend sensationell, schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (11.4.2009) Denn der junge "Energiesprudelschauspieler" Mirco Kreibich in der Titelrolle liefere in zwei Stunden vermutlich ungedopt körperliche Höchstleistungen ab, als gelte es, das "Leibvorspieltum" neu zu erfinden. Mehr ist dann aber aus Pilz' Sicht auch nicht. Denn Regisseur Christoph Mehler setze das Wüten in einen gesellschaftsfreien Raum. Bei Brecht rebelliere Baal gegen die hohl gewordenen Konventionen eines bürgerlichen Lebens. Bei Mehler sei Baal vom Schicksal geschlagen, werde von einem dubiosen "Über-Etwas" getrieben, und damit alles Politische ins Numinose verklärt. Vielleicht aber sei der ZUgang gerade darin heutig: Denn für Pilz gehört es "offenbar zum Kennzeichen unserer Gegenwart, dass sie auf politische oder wirtschaftliche Missstände immer reagiert, als seien sie Schicksalsschläge einer unergründlichen Macht."

Auch für Peter Hans Göpfert wird im rbb-Kulturradio (11.4.2009) keine eigentliche Sicht auf Brechts Frühwerk erkennbar. Bereits das Genialische der Dichter-Titelfigur bleibt für ihn "reine Behauptung". Zwar habe bereits Brecht selbst gewarnt, dem Stück fehle Weisheit und Baal einen Dreh aus seinem anarchischen Bürgerhass geben wollen, indem er gesagt habe: "er ist asozial, aber in einer asozialen Gesellschaft". Diese Gesellschaft werde jedoch in dieser Inszenierung als solche gar nicht dingfest gemacht. Alle führten sich irgendwie auf oder vor. "Jeder so gut er eben kann."

 
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