Liebe im schneeleeren Raum

von Regine Müller

Düsseldorf, 18. April 2009. Weiß, sehr weiß ist die Bühne. Weiß wie die Unschuld, wie frisch gefallener Schnee oder wie ein leeres Blatt Papier. Eine einzige riesige Projektionsfläche, die nur belebt wird von einem in der ganzen Bühnenbreite vom Schnürboden herab fallenden Seidentuch, das in alle Richtungen weht und sich bläht im sanften Lufthauch.

Schillers bürgerliches Trauerspiel von der Unmöglichkeit der Liebe zwischen der Bürgerstochter und dem adeligen Sohn spielt bei Andreas Kriegenburg in einem Raum, der abstrakter nicht sein könnte. Er sperrt so die Markierungen der Standesgrenzen, den aristokratischen Glanz und die miefige Enge und damit die politische Dimension des Dramas von vorneherein ganz aus. Leicht und elegant ist dieser Raum, fast wirkt er sommerlich heiter, wäre da nicht das kühle Licht (Jean-Mario Bessière), das selbst in den Szenen innigster Turtelei nicht recht froh werden lässt.

Zappeln an unsichtbaren Zwangsfäden

Kriegenburg riskiert, sich allein auf die verfahrene Liebesgeschichte und auf Schillers Pathos getränkte, hochfahrende Sprache zu verlassen und übersetzt die brutal schlichte Logik der Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts in ein zeitlos gegenwärtiges, subtil ausdifferenziertes Labyrinth von Hierarchien und Abhängigkeiten. Psychologische Tiefe, Entwicklungsmöglichkeiten oder gar Geheimnisse gesteht er seinen Figuren kaum zu, sie zappeln vielmehr hilflos in unsichtbaren, doch ehernen Zwängen und fahrigen Wiederholungsgesten.

Drastischen Charakterisierungen und moralischen Eindeutigkeiten ist damit – durchaus im Sinne Schillers – der Weg verbaut. Der intrigante Sekretär Wurm, sonst gern der fiese Schmierlappen vom Dienst, kommt als ungleiches Zwillingspaar (Daniel Graf, Thiemo Schwarz) auf die Bühne, das verblüffend synchron spricht und sich gegenseitig unablässig den korrekten Sitz des grau-bräunlichen Anzugs kontrolliert. Traurig und beinahe harmlos sagt das Duo mechanisch seine Sätze auf und taugt in der seltsamen Aufspaltung kaum zum Bösewicht. Eher schon Matthias Leja als Präsident Walter, dessen Machtlust und Karrierewut jedoch niemals zur aggressiven Raserei wird, sondern bloß geschäftstüchtig blasiert wirkt, fast beiläufig. Ein Top-Manager und Strippenzieher von heute.

Eifer verpufft, Verbitterung erstickt

Götz Schulte als Miller hat es in dieser Konstellation nicht leicht, von Moral zu reden, seine Ereiferungen müssen ebenso sinnlos verpuffen wie seine verzweifelten Versuche, Luise festzuhalten. Und doch gibt Schulte Miller nicht als unterlegenen Kleinbürger, sondern durchaus als ernsthaften Gegner des Präsidenten, der ein anderes Lebensmodell gewählt hat und seine moralische Überlegenheit selbstbewusst vorträgt.

Xenia Snagowkskis Lady Milford ist eine sirenenhafte Erscheinung, die im Leben zu kurz gekommen ist und sich damit in ohmächtiger Verzweiflung nicht abfinden will. Ihr Verzicht wächst nicht aus geläuterter Reife, sondern aus erstickter Verbitterung. Katrin Röver als Hofmarschall von Kalb ist eine Fehlbesetzung und bleibt mit steifen Schritten und manieriertem Stimmeinsatz die geplante Komik schuldig.

Zerbrechlich und allzu naiv

Das Liebespaar ist sehr jung: Daniel Christensen hat alles Zeug zum Sturm-und-Drang-Helden und tänzelt virtuos zwischen heutiger Flapsigkeit und glaubwürdig intoniertem hohem Ton. Janina Sachau als Luise trägt ein weißes duftiges Mädchen-Hängerchen und läuft gern mit träumerisch ausgebreiteten Armen umher. Vor allem zerbrechlich und allzu naiv wirkt diese Luise, ein Leichtgewicht neben Christensens Differenzierungsmöglichkeiten.

Kriegenburgs analytische Distanz zum Drama wird noch verstärkt durch Ingo Schröders beinahe pausenlos erklingende, nervtötend sanft grundierende Musik, die abwechselnd mit E-Bass und einer Balalaika eine Art Lounge-Atmosphäre erzeugt und sich wie Mehltau über das Geschehen legt.

Trotz aller Präzision und Dichte, trotz brillanter Einfälle und einleuchtender Bilder bleibt der Abend so in der Summe zwar nobel, doch seltsam fad. Denn mit dem Verzicht aufs Politische hat Kriegenburg auch einen guten Teil von Schillers Fallhöhe kassiert.


Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Marion Münch, Musik: Ingo Schröder, Licht: Jean-Mario Bessière. Mit: Daniel Christensen, Daniel Graf, Matthias Leja, Katrin Röver, Janina Sachau, Thiemo Schwarz, Götz Schulte, Xenia Snagowski.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr zu Schillers Sturm-und-Drang-Drama? Claudia Bauer inszenierte Kabale und Liebe im März 2009 in Stuttgart, Falk Richter im Dezember 2008 an der Berliner Schaubühne.

 

Kritikenrundschau

Kriegenburg sei ein "versierter Hund", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (20.4.2009), aber auch ein Wirkungsmechaniker. "Gerade wenn man Kriegenburgs Stil noch nicht kennt, wie in Düsseldorf, ist die Bereitschaft groß, seiner Art von Emotionalität und Körpermackenkomik zu erliegen (auch: aufzuliegen), während der geübte Kriegenburg-Gucker durchaus die Mechanik dahinter, auch das Synthetische dieser Inszenierung erkennt, um nicht zu sagen: durchschaut." Ausgestanzt wie Thalheimer-Figuren bewegen sich die Figuren im schneeweißen Raum, "jeder eine fertige Behauptung aus sich selbst heraus". Die Grenze zwischen Poesie und Kitsch sei nicht immer klar auszumachen an diesem Abend, "der mit seinen Vorhang-, Wind- und Schattenspielen sanft einzuwickeln versucht". Alle politische Brisanz sei einfach weggepustet, "da macht es sich Kriegenburg leicht", im Herzen der Aufführung bleibe: die Liebe. Fazit: "Am Ende kriegen sie einen doch, die Pathos-Poeten Schiller und Kriegenburg: Ihrer Liebe entgeht man nicht."

"Andreas Kriegenburg macht aus Schillers bürgerlichem Trauerspiel einen spielerisch leichten Liebesreigen", lautet die Unterzeile von Marion Meyers Kritik in der Westdeutschen Zeitung (20.4.2009). Ein Gesamtkonzept kristallisiere sich nicht wirklich heraus, relativiert der Text. Dank der gelungenen Darsteller werde aber doch ein sehenswerter Theaterabend daraus. Das Ereignis des Abends sei eigentlich das Bühnenbild. "Die wandelbare Bühne weckt Assoziationen, gibt der Inszenierung eine spielerische Leichtigkeit und nimmt dem bürgerlichen Trauerspiel etwas von der Tragik." Trotz der traumhaften Kulisse müssen sich die beiden Liebenden Ferdinand und Luise mit der harten Realität auseinandersetzen, unterschiedlichen Schichten anzugehören. Mal agieren die Figuren wie im Spiegel, mal führen sie ein Eigenleben: Diese Idee, die "Angst vor der Individualität" und der "Eigenverantwortung" versinnbildlichen soll, wie es Kriegenburg im Programmheft erklärt, scheine aber doch etwas verkopft.

"Einen Schiller, der schillert, aber richtig", sah Petra Kuiper für die Neue Ruhr Zeitung (20.4.2009). "Es groovt und rockt, wehen die Vorhänge im Wind von Ventilatoren, entsteht einfach so ein Fürstenhof, ohne Spiel und Sprache die Schau zu stehlen." Alles forme sich aus dem weißen Stoff, "Wände, Tische, Stühle." Inhaltlich konzentriere sich Kriegenburg auf die Liebesgeschichte, die er "gut, melancholisch, tragisch, wunderschön" erzähle. "Schwamm über Merkwürdiges wie das sächsische Puppenspiel, vergessen manch markerschütternder Stimmeinsatz, der befürchten ließ, die Vorstellung nebenan könnte gestört werden." 

 

 
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