Erst im Kittchen, dann am Kreuz

von Daniela Barth

Hamburg, 18. April 2009. Der Zuschauersaal des Hamburger Schauspielhauses liegt in diffuses kalt-bläuliches Licht getaucht, das dem hereinströmenden Publikum seltsam starre, ja fast maskenhafte Gesichtszüge verleiht. Ein beeindruckender, weil derart vereinnahmender Lichteffekt (Licht: Kevin Sock), der sich in vergleichbaren Variationen – noch verstärkt durch die durchweg in Schwarzweiß kostümierten Protagonisten (Kostüme: Viva Schudt) – durch die gesamte Inszenierung von "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" zieht.

Hier sehen wir uns schon von Anfang an mit dem Plus dieser theatralen Adaption des sozialkritischen Romans von Hans Fallada in der Fassung des Regisseurs Daniel Wahl konfrontiert: Sie zeichnet sich durch eine erstaunlich konsequente Stilisierung von Ort und Typen aus. Entsprechend wirkungsvoll nimmt sich auch Viva Schudts erstes Bühnebild aus: Ein fast bis hoch zum Schnürboden reichendes Wabenkonstrukt aus hunderten Monitoren; Sinnbild für winzige neben- und übereinander gereihte Knastzellen, in denen Verbrecher ihre Strafe absitzen müssen. Stets beobachtet und bewacht vom Argus-Auge des Gesetzes, das hier über drei Stunden lang durch einen überdimensionierten Türspion das Auditorium fixiert. Das ist plakativ und verfehlt seine Wirkung nicht.

Resozialisierungs-Odyssee

Der 1934 erschienene Roman Falladas beschreibt die misslingende Resozialisierungs-Odyssee des Ex-Sträflings Willi Kufalt. Er begründet neben seinen Welterfolgen "Kleiner Mann – was nun?" oder "Der Trinker" den Ruhm des Schriftstellers, der selbst einige Jahre im Kittchen zubringen musste, als wirklichkeitsnaher Chronist seiner Zeit.

Dieser "neuen Sachlichkeit" fühlt sich Daniel Wahl offensichtlich verpflichtet. Der Schweizer, der am Hamburger Schauspielhaus auch als Schauspieler agiert, beschäftigt sich als Regisseur nämlich nicht zum ersten Mal mit dem Thema Strafvollzug. In Basel inszenierte er 2005 "Schällemätteli", ein Theaterprojekt, das in den Räumen der Basler Strafvollzugsanstalt Schällemätteli gezeigt wurde.

Aus dieser Milieukenntnis schöpft Wahl nun in vollen Zügen und knüpft damit teilweise an Falladas Absicht an: zu zeigen, "wie der heutige Strafvollzug und die heutige Gesellschaft den einmal Gestrauchelten zu immer neuen Verbrechen zwingt". Wobei er das Geschehen nicht ins Heute hinüberhievt, sondern wie die Vorlage in den Zwanziger Jahren der Weimarer Republik ansiedelt. Der aktuelle Fingerzeig ergibt sich ohnehin fast wie von selbst: Weltwirtschaftkrise, hohe Arbeitslosigkeit...

Inhuman, demoralisierend, zerstörerisch

Wahl lässt all seine Detailwissen über den Strafvollzug in die exzessive Darstellung des Gefängnisses einfließen, dessen inhumane, demoralisierende und damit zerstörerische Strukturen er aufzeigt. Seine Kenntnis birgt jedoch auch die Gefahr der Beschränkung, wie die drei Stunden und 15 Minuten der Inszenierung verdeutlichen. Wird dadurch doch ein guter Teil des Roman-Inhaltes getilgt: Der beschreibt einen Teufelskreis, dem Willi Kufalt (Renato Schuch als gar nicht einfältiger, sondern anfangs tatkräftiger Ex-Sträfling, der mehr und mehr hamletsche Züge annimmt) nicht entkommt. Nach seiner Entlassung kommt er in einem kirchlichen Fürsorgeheim für ehemalige Gefängnisinsassen unter, wo er Unterstützung für seine Rückkehr in die Gesellschaft zu finden hofft. Kufalt erfährt jedoch erneut nur Demütigung und willkürliche Unterdrückung. Man gewährt ihm keinen freien Ausgang, seine Arbeit wird schlecht bezahlt.

Die Typisierung der Kirchenmänner (Pastor: Tim Grobe, Seidenzopf: Jürgen Uter) grenzt stark an die Karikatur. Neben der Konzentration aufs Gefängnismilieu arbeitet Daniel Wahl sich hier fast schon beliebig an der Doppelmoral der Kirche ab. Da ist einerseits der kontinuierlich eingesetzte Knabenchor als Symbol der Unschuld. Andererseits platziert Wahl die Figur des durchgeknallten Ex-Gefangenen, der sich umbringt (Martin Wißner), als Christus am Kreuz.

Strafgefangen auf Lebenszeit

Kufalt ergreift immerhin die Chance, sich mit einigen Kumpanen mit einem Schreibbüro selbstständig zu machen, doch das Unternehmen scheitert. Nach einer kurzen bürgerlichen Karriere mitsamt Verlobung – dieser Part wird im zweiten Teil des Stückes leider nur traumsequenzhaft angerissen –, fällt er aufgrund von Misstrauen und Verdächtigungen seiner Mitbürger wieder ins Bodenlose: als "Handtaschenmarder" von Hamburg.

So verleiht er am Ende seiner Feststellung "Ich war ein Strafgefangener, ich bin ein Strafgefangener, ich werde immer ein Strafgefangener sein" selbst Gültigkeit. Nicht nur die Schuld der von Vorurteilen beherrschten Gesellschaft bringt ihn zurück ins Gefängnis. Schließlich wird Kufalt, der sich selbst als Pechvogel sieht, auch zum Rächer an dieser Gesellschaft.

Ob die Rückkehr ins Gefängnis, die letztlich nichts anderes als die Flucht vor der Verantwortung für das eigene Handeln ist, für Willi Kufalt tatsächlich eine Befreiung sein kann, wie es die Inszenierung nahelegt, ist zu bezweifeln. Wahls Deutungsrichtung, die die gesellschaftlichen Umstände als das zeigt, was ihn dorthin treibt, ist tendenziell sicher richtig. Aber dass er Kufalt anfangs als starken Charakter etabliert und dann doch in diesen Abgrund völliger Selbstaufgabe schlittern lässt, erscheint nicht schlüssig. Denn dass die erlittenen Kränkungen einen derartigen psychischen Druck aufzubauen imstande sind, zeigt die Inszenierung dann eben doch nicht.

 

Wer einmal aus dem Blechnapf frisst
nach dem Roman von Hans Fallada
Regie: Daniel Wahl, Bühne und Kostüm: Viva Schuldt. Mit: Marco Albrecht, Achim Buch, Tim Grobe, Janning Kahnert, Hedi Kriegeskotte, Hanns Jörg Krumpholz, Renato Schuch, Jürgen Uter, Martin Wißner, Sören Wunderlich und der Neue Knabenchor Hamburg.

www.schauspielhaus.de

 

Mehr zu Daniel Wahl? Im April 2008 adaptierte er als Regisseur Gilbert Adairs Roman Die Träumer für das Hamburger Schauspielhaus, wo er selbst als Schauspieler in zahlreichen Inszenierungen auf der Bühne steht, unter anderem in Stefan Ottenis Decamerone von Dezember 2007.

 

Kritikenrundschau

Nicht überzeugt zeigt sich Matthias Matussek auf Spiegel online (19.4.2009) von Daniel Wahls Fallada-Adaption "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst". Denn aus Sicht des Kritikers ist es nicht gelungen, das Sozialdrama vor seinem Entschwinden ins Historische zu bewahren und im Jetzt zu vergegenwärtigen. Die zu diesem Zweck bemühten Mittel, wie der direkte Kontakt der Darsteller mit dem Publikum, verpuffen nach Matusseks Meinung. Auch hat sie Volker Lösch, wie er findet, in seinem Marat-Spektakel wesentlich wirkungsvoller eingesetzt, der echte Hartz IV-Empfänger auf offener Bühne ihr Schicksal erzählen ließ, während hier, darauf lassen Matusseks Ausführungen schließen, wohl leider nur echte Schauspieler aufgetreten sind. So war der Authentischste an diesem Abend für ihn "wohl der junge Simon Rennfranz, der vor dem Schauspielhaus die Obdachlosenzeitung 'Hinz und Kunz' verkaufte, und nicht vergaß, auf das Interview zu verweisen, das man mit ihm geführt hatte".

Wenn der Knabenchor "Verschon uns, Gott!" singt und Kufalt "wie ein reuiger Sünder" im Lichtkegel steht, sei "aus dem zuvor gezeigten Sozialkitsch (...) vollends Moralkitsch geworden" – genau das, was Fallada in seinem Roman vermieden habe. So sehr ödet Monika Nellissen von der Welt (20.4.2009) Wahls "sorgsam bemühte Fleißarbeit" an, dass sie ausruft: "Verschon uns, Gott! mit solchen Inszenierungen!" Dabei sei "eigentlich nichts durch und durch falsch", aber eben "auch nichts wirklich richtig", weil nicht begreiflich werde, warum der Regisseur den Stoff überhaupt auf die Bühne bringe. Nichts rechtfertige eine "derart biedere (...) Inszenierung, die zwischen brüllendem Aktionismus, rumpelnden, Großstadthektik suggerierenden Stummfilmrhythmen und Schreibmaschinengeklapper, schauspielerisch ärgerlichen, weil auf platte Komik zielenden Lachnummern und besinnlichen Ruhepunkten vollkommen absehbar flottiert". Die "hier gewonnene Erkenntnis, dass in uns allen Kufalts stecken", helfe auch nicht weiter, und obwohl die "nimmermüden Schauspieler" die Zuschauer oft direkt ansprechen, fühle man sich "nicht angesprochen, wir haben kein Mitleid mit Willi Kufalt". Da verströme Viva Schuldts Monitor-Bühnenbild "mehr Gefährlichkeit und Bedrohung" als die gesamte Inszenierung.

Schwarz-weiß sei die Welt, in die Wahl seine Helden schickt, beschreibt Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (20.4.2009) – "Gut und böse, oben und unten, so ganz ohne Zwischentöne wird hier auf der Bühne das Leben nacherzählt. Politisch korrekt. Da sind die Bösen nicht wirklich böse, man lässt sie nur nicht gut sein. Und die Guten, das sind gemeine Pfarrer (...) oder Chefs, die ihre Angestellten betrügen und ausbeuten. Das alles ist ganz leicht zu durchschauen. Viel leichter als im wahren Leben". Beständig werde in der Inszenierung "geklettert, gerannt, geschrien, als würde die Regie pausenlos 'Action!' rufen", das Männerensemble mache seine Sache gut, "und doch lässt es einen völlig kalt". Auch ärgert sich die Kritikerin, "dass es hier offenbar keine Schauspieler mehr gibt, die ohne Microport spielen können". Handwerklich sei der Abend "ordentlich, ohne große Ausrutscher nach oben und nach unten. So etwas hat man an jedem mittleren Stadttheater im Programm. Polternde Langeweile, die die Zuschauer an keiner Stelle packt".

Der Satz "Ich will, aber umso mehr ich will, umso schlimmer wird es" beschreibe nicht nur das vergebliche Reintegrations-Bemühen der Hauptfigur, sondern auch treffend das Scheitern der Regie. Vieles sei an diesem Abend "für sich genommen zwar vergnüglich, aber nur Dekoration", meint Susann Oberacker in der Hamburger Morgenpost (20.4.2009). "Daniel Wahl wollte den Strafvollzug von heute zeigen, heißt es im Programmheft. Sehr interessant. Zu sehen war das nicht."

Till Briegleb hält in der Süddeutschen Zeitung (22.4.2009) wieder einmal eine seiner bekannten Philippiken. Diesmal geht es um die "mangelnde künstlerische Anziehungskraft" des Schauspielhauses in Hamburg: ein "Theater, das kleckert, selbst wenn es klotzt, das nicht aufhören will, obwohl nicht zu erkennen ist, wozu es eigentlich da ist". Daniel Wahls habe den Fallada-Roman "narkotisiert". Es lohne nicht besonders, "auf diese Regie detailliert einzugehen", die "langatmigst und komplett inspirationsfrei über drei Stunden total banale Erzählfragmente umständlich aneinanderreihte". Allerdings lohne sich zu fragen, warum diese Inszenierung, die noch weit unter dem biederen Mittelmaß gelegen habe, das man sonst am Schauspielhaus unter Friedrich Schirmer gewohnt sei, "so überhaupt stattfinden konnte". Da sei zunächst die "Haltung der Leitung, sich mangels künstlerischer Anziehungskraft … als gesellschaftskritisches Theater zu profilieren". Wogegen nicht zu sagen wäre, würde man nicht mit einem "landesbekannten Theaterdemagogen wie Volker Lösch einen Skandal nur um des Skandals willen" produzieren, "eine lose Anekdoten-Sammlung zum Arbeitslosen-Dasein" wie Oliver Bukowskis 'Kritische Masse' aufführen und "schließlich" Daniel Wahl, der als Regisseur bisher "einige Filme im Jungen Schauspiel onkelhaft bis berufsjugendlich auf der Bühne nacherzählt hat", im Großen Haus "komplett scheitern" sehen, "ohne einzugreifen". Das sei nicht "politische Haltung, sondern unpoetische Wassersucht". Zudem sei das Gros von Schirmers Ensemble "auch im vierten Jahr" eine "Ansammlung von Durchschnittsschauspielern, die entweder nicht besser können oder nicht besser dürfen". So agierten im Blechnapf, "mit Ausnahme von Renato Schuch", neun weitere Schauspieler, "die auch an einer Provinzbühne keinen Appetit auf mehr machen würden". Welche Legitimität habe eine künstlerische Leitung, "die nicht einmal Schauspieler auswählen kann".

 

 
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