Schwitzen, Spielen, in Abgründe schauen

von Sabine Leucht

München, 24. April 2009. Man könnte jetzt meckern, weil unter den acht bis neun Inszenierungen, die die Festival-Jury um den Chefdramaturgen des Münchner Volkstheaters seit 2005 einlädt, immer etwa zwei extrem verzichtbar sind. Dass sich aber kaum zehn Leute einig sein dürften, welche Inszenierungen dies sind, das ist schon die erste Stärke von "Radikal Jung". Kilian Engels, die Schauspielerin Annette Paulmann und der Kritiker C. Bernd Sucher blättern alljährlich mit schönster Zuverlässigkeit ein breites Spektrum von Zugriffen und Themen einem heterogenen Publikum hin.

Diesmal hat die erste und noch immer einzige Plattform für junge, professionell arbeitende Regisseure einen Wiedergänger von Straub-Huillet oder zweiten Laurent Chétouane entdeckt. Felix Rothenhäusler lässt Hölderlins Version des "Ödipus" in monotone Silben zerfallen. Seine Schauspieler machen erst etwa zwei Mal 4 Minuten und 33 Sekunden lang nichts, dann stampfen sie rhythmisch, würgen, zeigen Haut oder kratzen sich mit einer Hand am gegengleichen Schulterblatt. Diese Arbeit wirkt so kunsthandwerklich und überambitioniert wie Ronny Jakubaschks Berliner Inszenierung von "Glaube, Liebe Hoffnung" über weite Strecken konventionell. Es gibt eben alles, auch bei den zwischen 1976 und 1982 Geborenen.

Schwarz sehen

Horváths Elisabeth, deren Optimismus an den starren Paragraphen in den Köpfen der Anderen zerbricht, der heillos in die Vorsehung verstrickte Ödipus, der sich selbst verlierende Sucher Faust oder die Brüder Moor in Schillers "Die Räuber", die weder mit kühlem Kalkül noch mit heißblütiger Mordwut weiter kommen: Es scheint, als interessierten sich die jungen Regisseure diesmal ganz besonders für die Suchenden, alles Versuchenden und letztlich Scheiternden, für die Chancen und Tücken der Freiheit und die Abgründe der Seele. Die stehen im Theater ja mehr oder weniger immer im Fokus, haben aber in der bisherigen Geschichte von "Radikal Jung" noch nie so schwarz ausgesehen.

Da ist etwa Camus' Caligula, der das von Sterben und Willkür beherrschte Leben mit seinen eigenen Waffen schlägt – und Iwan Wyrypajews "Juli", worin das Leben einem Rentner alles genommen hat, bis auf die Freiheit, das Undenkbare zu tun. Mordend und vergewaltigend begibt er sich freiwillig in die Unfreiheit des Irrenhauses, in dem ein anderer Protagonist dieses Festivals seinem Leben ein Ende setzte: Bernward Vesper, Sohn eines Nazi-Dichters und Vater von Gudrun Ensslins Sohn.

Die Virtuosität als Problem

Eike Hannemann hat Marc Pommerenings short version von Vespers inkommensurabler Lebensbeichte Die Reise sanft ironisierend und wunderbar rhythmisch als entlarvende Hommage an die 68-er im Allgemeinen und an den Antihelden Vesper im Besonderen inszeniert. Drei Schauspieler und Schreibmaschinen heben den selbsternannten "Jesus der Gewalt" auf den Gipfel des Festivals, den eine andere negative Erlöserfigur fast erreicht hätte. Das Können ihres Hauptdarstellers aber ist zugleich das Problem von Jette Steckels "Caligula"-Inszenierung, die dem gelernten Tänzer Mirco Kreibich so viel Freiraum gibt, dass sein fiebriges Spiel erst den Rhytmus der Aufführung, dann das Interesse an allem zerstört, was nicht wie er die Gesichter wechselt, wütet und Pirouetten dreht. Und schließlich nervt leider auch das.

Auch sonst bekam man in München dieser Tage viel Schauspielertheater zu sehen – als leicht wirkendes Spiel wie als schweißtreibende Arbeit –, und einiges an innertheatraler Auseinandersetzung mit dem Medium Theater selbst. Man spürt, das die jungen Regisseure hier auf der Suche sind, sie suchen aber auffällig wenig im Universum von MTV, Wii, Kino und Co. So wirkt allein Simon Solbergs von popkulturellen Anspielungen überbordender Faust explizit jugendlich hip, aber im Detail auch wieder sehr theatral.

Lars Eidinger lässt in seinem Regiedebüt "Die Räuber" die Titelbande im Clockwork-Orange-Look auftreten, verweist aber wie zum Ausgleich mit dem Fatsuit von Vater Moor auf seine eigene Rolle als Hamlet an der Berliner Schaubühne. Gewandt entwickelt er Szenenübergänge aus dem Spiel, und Musik(texte) verwendet er zum Anpeitschen ganzer Szenen.

In Corinna Sommerhäusers Uraufführung von Anne Habermehls Flüchtlingsdrama Letztes Territorium wird der gar nicht klischeehafte Mehdi auf offener Bühne in einen dicklippigen, lallenden Sarotti-Mohr verwandelt, während die Inszenierung en gros unaufgeregt die Kraft der Imagination feiert. Vier Polsterwürfel sind hier Sofa, Gepäck, Baumhaus und noch viel mehr – nicht besonders spektakulär für alle, die zuhause Kinder haben, und doch eine schöne Liebeserklärung an die Kunst der Verwandlung und des Spiels. Für die Zukunft des Theaters gibt das nur zu hoffen.

 

Juli von Iwan Wyrypajew (DSE)
Regie: Mareike Mikat, Schauspiel Leipzig

Caligula von Albert Camus
Regie: Jette Steckel, Deutsches Theater Berlin

Die Räuber von Friedrich Schiller
Regie: Lars Eidinger, Schaubühne Berlin

Letztes Territorium von Anne Habermehl (UA)
Regie: Corinna Sommerhäuser, Thalia Theater Hamburg

Ödipus
nach Hölderlin
Regie: Felix Rothenhäusler, Theaterakademie Hamburg

Die Reise von Bernward Vesper. Fassung Marc Pommerening (UA)
Regie: Eike Hannemann, Theater Erlangen

Glaube, Liebe, Hoffnung von Ödön von Horváth
Regie: Ronny Jakubaschk, Maxim Gorki Theater Berlin

Faust von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Simon Solberg, Münchner Volkstheater

www.muenchner-volkstheater.de

 

 
Kommentar schreiben