Der liebe Christoph lächelt

von Esther Slevogt

Berlin, 1. Mai 2009. Die Besucher schreiten gemessen unter einem Baldachin. Umher blühen die Kastanien, und Orgelmusik tönt. Aufdringliche Kameraleute zoomen einzelne Gesichter aus der Menge heran, wobei das Auswahlkriterium entweder besondere Prominenz oder ein besonders betretener Blick zu sein scheint. Man schaut schnell zu Boden, wenn man nicht gefilmt werden will. Und schreitet weiter Richtung Theater, das heute eine Kirche ist.

"Liebe Theatergemeinde", hatte die Künstlerische Direktorin der Bundeskulturstiftung Hortensia Völckers in ihrer Rede zuvor die Gäste der Eröffnungsveranstaltung des Theatertreffens in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele begrüßt. Und hätte gar nicht darauf hinweisen müssen, dass damit nun nicht mehr die etwas muffige, bildungsbürgerliche Besucherorganisation gemeint ist, sondern eine neue Gemeinde von Theatergängern, die hier nun sozusagen die höheren Weihen der Sinn- und Kunstsuche erfahren können.

"Hier und Jetzt" lautet in deutlicher Verkünderpose auch das Motto des Theatertreffens, inspiriert von Roland Schimmelpfennigs gleichnamigem Stück, dessen Zürcher Uraufführung durch Jürgen Gosch, dem anderen öffentlichen Theaterpatienten, ebenfalls eingeladen ist: eine Feier des Lebens, als Hochzeitsfest getarnt. Mag allenthalben die Finanzkrise die öffentliche Debatte beherrschen, die Sinnkrise hat das Theatertreffen in diesem Jahr zu seinen Gunsten entschieden.

Schauen Sie, hören Sie!

Nach Jahren der Ekel- und Regietheaterdebatten meint das Theater offenbar, endlich wieder einen Punkt gefunden zu haben, wo es um mehr als bloße Ästhetik und Oberfläche geht. Womit es wieder Tritt in gesellschaftlichen Relevanzzonen fassen kann, in denen es in den vergangenen Jahren schon ziemlich abgeschrieben war. "Lassen Sie sich vom Theatertreffen treffen", stilblütelt die Marketingabteilung im Auftrag der Festivalleitung. Und meint wahrscheinlich: mitten ins Herz. Dabei hätte das Gehirn, das von Betroffenheit allein nicht satt werden kann, auch ganz gerne mitgemacht.

Und bald tritt er dann auch persönlich in Erscheinung, der heilige St. Christoph des Feuilletons und des Boulevards. Geherzt von Nike Wagner und anderer Prominenz, von Hortensia Völckers vom Podium herab als "lieber Christoph" adressiert und gemeinsam mit seiner Gefährtin, der Kostümbildnerin Aino Laberenz, von den Kameras gierig umlagert. Seit Schlingensief sie zu seiner Florence Nightingale stilisierte, ist auch sie öffentliches Eigentum geworden. Und der liebe Christoph lächelt.

"Schauen Sie, hören Sie!" hat Schlingensief in seinem Krebstagebuch geschrieben, das, gerade erschienen, bereits ein Beststeller ist. "Und wenn die Leute das nicht wollen, wenn sie sagen, ich sei ein Terrorist, der ihnen zu nahe tritt, dann ist das eben so. Dann ist das auch eine Reaktion."

Happening, Hochamt und Freakshow

Später, im Theater, nimmt man dann auf Kirchenbänken Platz. Und bald überrollen Bilder und ein gurgelnder Sound das Kirchenschiff, das in die Seitenbühne des Bornemann-Theaters eingebaut wurde: eine Mischung aus Happening, Hochamt, Freakshow und Musiktheater, wo man in krisseligen Filmbildern Zellen sich teilen, Embryos wachsen, oder eine schrille alte Frau mit Karton um den Oberkörper durch verfallende Industrielandschaften streifen sieht.

Wer in den Karton hineingreift, kann offensichtlich ihre Brüste berühren – ein degeneriertes Mutterbild. Zwei Opernsängerinnen singen, ein pompös kostümierter Gospelchor tritt auf, Messdiener und Mädchen in Pfandfinderuniformen. Das Klangcluster reicht von Wagner über Peter Kennedy bis zum bedrohlichen Ticken eines Metronoms. Schauspielerinnen lesen Texte aus Schlingensiefs Krebstagebuch, Angela Winkler bebend, manchmal fast heischend, Margit Carstensen scharf artikuliert, gelegentlich vom Gestus der Weltanklage grundiert und Mira Partecke distanzvoll naiv. Einmal hört man Schlingensief über Tonbandeinspielung verzweifelt schreien.

Anachronistische Avantgarde-Ikonographie

"Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt. Wer sie verbirgt wird nicht geheilt", steht über der Theaterkirche in weißer Pinselschrift geschrieben. Ein Zitat von Joseph Beuys, der das Fluxus-Format, das Schlingensief hier nun zur Technicolor-Breitwandversion ausgebaut hat, erfand. Beuys, der einst in einer berühmten Aktion einem toten Hasen die Kunst erklärte, während das Publikum sich drei Stunden lang nur an einem kleinen Fenster drängeln durfte.

Nun darf das Publikum herein, aber ob es von der Kunst mehr versteht als im November 1965 die Ausgesperrten, ist eine Frage, die der Abend offen lässt, an dem speziell der Einsatz von einer fast anachronistisch wirkenden Avantgarde-Ikonografie zu Erzeugung von Zuschaueremotionen überrascht. Eine Ikonografie, die etwa zu dem Zeitpunkt entstand, als Vater Schlingensief seinen Sohn gefilmt hat, Bilder, die ebenfalls in die Aufführung eingeflossen sind.

Der Abend ist von der Kritik hinlänglich beschrieben und wird nun in Berlin noch mal als Kunstgottesdienst im Kontext des "Hochleistungstheaters" gezeigt, in den Hortensia Völckers die spektakuläre Aufführung in ihrer Begrüßungsrede stellte. "Am Ende klatschen wir, weil wir im Theater sind", sagte sie auch. Aber am Ende von Christoph Schlingensiefs Fluxus-Oratorium ist es still. Niemand klatscht. Erst als die Schauspieler zum Applaus erscheinen, beginnen manche, ihre Hände zu behutsamem Beifall zu regen.

 

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir
Fluxus Oratorium von Christoph Schlingensief
Konzept, Regie, Ausstattung: Christoph Schlingensief, Bühne: Thomas Goerge, Thekla von Mülheim, Kostüme: Aino Laberenz, Licht: Voxi Bärenklau. Mit: Margit Carstensen, Angela Winkler, Mira Partecke, Komi Mizraijm Togbonou, Stefan Kolosko, Karin Witt, Horst Gelonnek, Kerstin Grassmann, Norbert Müler, Achim von Paczensky, Klaus Beyer. Sängerinnen: Friederike Harmsen, Ulrike Eidinger. Korrepetitor/Orgelspieler: Dominik Blum. Gospelchor Angels Voices, Kinderchor des Aalto-Theaters.

www.kirche-der-angst.de
www.berlinerfestspiele.de


Mehr lesen? Die Uraufführung fand im September 2008 im Rahmen der Ruhrtriennale statt. Christoph Schlingensiefs Der Zwischenstand der Dinge war im November 2008 im Berliner Maxim Gorki Theater zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Im Frühjahr 2009 folgte Mea Culpa am Wiener Burgtheater.

 
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