Lass uns nach Hause gehen

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, 7. Mai 2009. "Man trinkt ein Bier mit Freunden", sagt Helene, und es klingt nach "ich möchte woanders sein". Auch Marie ist nicht gut auf das "Dreckskaff" zu sprechen, in dem sie aufgewachsen ist und noch immer lebt. Und für Irina, die längst nach Berlin geflohen ist, war es schon immer "die Hölle". Drei Schwestern, die mit ihrem Herkunfts-Provinznest hadern. Die sich ständig in die falschen Männer verlieben. Und deren Bruder am Ende auch noch das verbliebene Elternhaus verspielt. Ja, in Ulrike Syhas neuem Stück "China Shipping" geht’s zu wie bei Tschechows "Drei Schwestern". Und dennoch, es ist viel mehr als nur ein nettes Remake. Es ist eine fein gewobene Studie über die Frage: Wie würden Tschechows "Drei Schwestern" heute leben?

Angst vor dem Offenen
Die Konstellation mag ähnlich sein. Doch Syhas Stück ist auch ohne Tschechowsche Anmutungen eigenständig lebensfähig. Olga, Mascha und Irina Prosorow heißen nun Helene, Marie und Irina Peyer, sind beruflich als Chemikerin, arbeitslose Buchhändlerin oder Kunststudentin unterwegs, haben aber ganz anders gelagerte Probleme. Die russischen Landadel-Schwestern saßen in der Provinz fest und strebten nach Moskau, den Syhaschen Schwestern steht die globalisierte Welt beängstigend weit offen – und eben da liegt nun das Problem.

In Alexander Tulls sehenswerter deutscher Erstaufführung des 2007 in Wien (im kleinen Theater an der Gumpendorfer Straße) uraufgeführten Stücks sieht das Elternhaus, in dem sich die drei zum Geburtstag der Jüngsten noch einmal treffen, denn auch wie ein Umzugskistenlager aus. Die drei Schwestern sitzen da, packen gemeinsam Erinnerungen aus und streiten sich ausgiebig.

In Ulrike Syhas Stücken spielen eigentlich immer Faktoren wie das Unbehauste, das Vorübergehende und die Stadt eine Rolle ("Nomaden", "Das Fremdenzimmer", "Der Passagier"). Auch jetzt, in "China Shipping", scheint den Personen des Stücks vor allem eins zu fehlen: ein Halt, eine Mitte, eine Zukunft. Doch die Autorin schlägt nun einen anderen, leichteren Tonfall an – und Alexander Tull zaubert daraus ein skizzenhaft vielschichtiges Familienporträt, eine verschattete Befindlichkeitskomödie mit vielen Tschechowschen Melancholie-Zwischentönen.

Unter fußkranken, lebergeschädigten Kleintierzüchtern

Aufgemischt mit Videofilmen und thematisch handverlesener Pop-Heimatmusik ("Country Roads") holt Tull aus dem Syha-Stück sogar so etwas wie eine Generationenstudie heraus. Helene ist bei Britta Hübel eine tapfer mit dem Alleinsein kämpfende Frau, die klar erkennt: "Mein Leben ist eine einzige Aneinanderreihung von Fehleinschätzungen meiner intellektuellen Fähigkeiten." Marie (Ina Fritsche) hält es nicht aus mit ihrem begriffsstutzigen Ehemann (Gunnar Kolb) und vergeudet sich an einen zweifelhaften Angeber, der weltmännisch tut und sich doch bloß mit Grillkohle auskennt (Dominik Stein).

Irina wiederum, eine leicht reizbare Einzelkämpferin (Silvia Pfändner), hasst seit jeher das Provinzdasein unter "fußkranken, lebergeschädigten Kleintierzüchtern", wird aber mit ihrem ukrainischen Studi-Freund (Martin Schultz-Coulon) auch nicht wirklich warm und glücklich. Tilman (Christian Dräger), der Halbbruder der drei Schwestern, reibt sich in seiner Zwei-Kind-Familie an der Seite einer quengeligen Gattin mit Kontrollwahn-Anwandlungen (Frederike Schinzler) völlig auf und entwickelt sich zum Choleriker.

Syhas Sprache, die immer wieder Dialog und Erzählung mischt, ermöglicht eine multiperspektivische Beleuchtung der beteiligten Personen. Tull inszeniert den Text in einer ersten Schicht als Familienkomödie light, lotet aber dennoch immer wieder tiefer und zeigt Krankheitssymptome einer ganzen Zeit auf.

Helene bleibt unentschlossen, ob sie ein lukratives Jobangebot in der chinesischen Metropole Chongqing annehmen soll. "In meinem Leben tobt der Krieg", sagt sie – und am Ende "Lass uns nach Hause gehen". Doch da haben Bühnenarbeiter längst sämtliche Umzugskartons weggeschafft. Es gibt kein Zuhause mehr. Bleibt nur noch die Zukunft China: Doch die hört sich, von der Regie in einer kurzen, finalen Videosequenz angedeutet, laut, martialisch und unheimlich an.

China Shipping
von Ulrike Syha, Deutsche Erstaufführung
Regie: Alexander Tull, Bühne: Gitti Scherer, Kostüme: Vesna Hiltmann.
Mit: Britta Hübel, Ina Fritsche, Silvia Pfändner, Christian Dräger, Frederike Schinzler, Gunnar Kolb, Dominik Stein und Martin Schultz-Coulon.

www.landestheater-tuebingen.de


Mehr zu Ulrike Syha findet sich auf der aktuellen nachtkritik-stücke09-Webseite, im speziellen zu ihrem Stück Privatleben.

 

Kritikenrundschau

Im Reutlinger General-Anzeiger (9.5.) schreibt Monique Cantré: Ulrike Syha habe die "russische Provinz-Elegie" in eine deutsche Gegenwart übertragen, in der die Möglichkeiten, "der Provinzenge zu entfliehen, viel größer sind, auch genutzt werden und dennoch erschöpfte und hoffnungslose Menschen zurücklassen." Eine "Besonderheit" von Ulrike Syhas Dramatik bestehe darin, dass sie Erzählpassagen und Dialoge mische. Helene offenbart ihre persönlichen Gedanken, während "unbeeindruckt davon die Handlung fortfährt". Britta Hübel meistere diese "eigentlich absurde Doppel-Funktion" geradezu "organisch". Regisseur Alexander Tull habe "offensichtlich großen Wert auf eine genaue Figurenzeichnung gelegt", die im Text angelegte "Verortung der Handlung" trete in den Hintergrund. Die Darsteller stünden "frontal zum Publikum und geben ihre Gespräche gewissermaßen konzertant ab". Bemerkenswert seien "die hervorragenden Darsteller", Ina Fritsche spiele "bezwingend zickig die lebenshungrige Marie", der "durch eine Enttäuschung ausgebremsten jüngsten Schwester Irina" gebe Silvia Pfänder eine "glaubwürdige Gestalt"; "als Muttertier" sei Frederike Schinzler zu sehen. Christian Dräger liefere eine "großartige Studie eines ins Familienjoch gezwungenen, eloquenten Intellektuelle.

Bedenken meldet Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (11.5.) an, die zwar die Tschechow-Variation von Ulrike Syha prinzipiell sehr gelungen findet und besonders die "umgangssprachlich witzigen Dialoge" hervorhebt. Der Text sei so stark, daß er selbst Alexander Tulls "verkrampfte Regieeinfälle" aushalten würde. Die scheinen aber dann doch überhand zu nehmen, und die Kritikerin zunehmend zu verärgern. Tull hätte sich auf seine "sehr guten Schauspieler" verlassen sollen, findet sie, und auf seine eigenen Stärken, die Golombek in "präziser Figurencharakterisierungen und einem "Gespür für Pointen" liegen sieht.

 

 

 

 
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