Alles nur gespielt

von Martin Kraft

Zürich, 14. Mai 2009. Der Spruch von der "zeitlosen Unverbindlichkeit der Klassiker" kann einem schon in den Sinn kommen. Die unbequemen Wahrheiten, die Brecht in seinem Erfolgsstück verkündet, sind zwar auch achtzig Jahre später unvermindert wahr. Aber ein heutiges Theaterpublikum vermögen sie sicher nicht mehr dermaßen zu provozieren wie jenes von damals. Aktuell sind sie freilich angesichts der heutigen Bankenkrise nicht minder; und das könnte die Versuchung nahelegen, das Werk in dieser Richtung tüchtig zu aktualisieren. "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Scheint diese Frage nicht von heute sein?

 

Der Regisseur Niklaus Helbling hat dieser Versuchung, über einige naheliegende Anspielungen hinaus, im Pfauen nicht nachgegeben. Er inszenierte sorgfältig, genau, manchmal gar etwas brav, ohne überflüssige Gags – alles in allem: textgetreu. Und so kommen ungezwungen eben die "klassischen" Qualitäten der Vorlage zur Geltung. Zwar könnte das Ganze gelegentlich etwas mehr Tempo vertragen. Aber dann setzt auch schon wieder die Musik von Kurt Weill ein, gespielt von acht Mann unter der Leitung unter der Leitung von Matthias Stötzel, und es kommen zusätzlich Stimmung und Schwung in die unterhaltsame Sache. Und die durchwegs guten bis sehr guten Darsteller wachsen gleichsam über sich hinaus und offenbaren teils erstaunliches Showtalent.

Ein sympathischer Schwerverbrecher
Für das Auge wird einiges geboten. Dirk Thiele hat eine bemerkenswert unaufwendige und praktikable Bühne geschaffen. Eine witzige Wand aus Matratzen grenzt wahlweise das Kleidergeschäft von Peachum oder das Bordell ab. Fotos und Videoprojektionen (Elke Auer und Esther Straganz) auf wechselnden Prospekten vermitteln etwas von der Atmosphäre der Entstehungszeit oder geben originelle Kommentare zum Geschehen ab. Das schafft Raum für variationsreiche Auftritte und Abgänge und zusammen mit den ansprechenden Kostümen von Victoria Behr manch schöne Bildwirkung.

Thomas Wodianka ist, im grellroten Zweireiher, ein geschniegelter Mackie Messer, charmant und elegant und zu sympathisch für einen wirklichen Schwerverbrecher: Aber den spielt er ja nur, und das ist ganz im Sinne von Bertolt Brecht. Unter seinen (Haupt-)Frauen ragt die herrliche Fabienne Hadorn als Polly Peachum hervor: In Windeseile wandelt sie sich vom naiven Backfisch zur resoluten Gangsterbraut und macht so auch auf ihre Weise deutlich, dass das alles nur gespielt ist. Sekundiert wird sie von ebenso herrlichen Eltern: Gottfried Breitfuss ist zu Beginn ein betont biederer Peachum, der sich umso effektvoller zum militanten Revoluzzer wandelt. Und Viola von der Burg als seine trunksüchtige Gattin erweist sich in ihren grotesken Exzessen als Komödiantin der Sonderklasse.

Die Königin auf dem elektrischen Thron
Die Spelunken-Jenny ist mit Sina prominent besetzt, und es spricht für sie ebenso wie für die Inszenierung, dass und wie sie keineswegs ungebührlich ins Zentrum rückt und sich homogen ins Ensemble integriert. Als Mackies dritte Geliebte Lucy erfreut Miriam Maertens mit ihren grotesken Keifereien, während Marcus Kiepe als ihr steifbeiniger Vater dem Klischee des gefürchteten Polizeichefs ebenso widerspricht wie damit dem Stück entspricht. Marcus Burkhard wirkt als Pastor wie als Polizist ebenso deplaziert in seiner Umgebung – und ist damit am richtigen Platz in dieser Aufführung.

Ludwig Boettger als Ansager führt uns durch sie bis zum Ende, das dann wohl am markantesten – aber durchaus nachvollziehbar – von der Vorlage abweicht. Nicht der königliche Bote erscheint zum Happy End in letzter Minute, sondern die Königin selber. Und sie rettet Mackie nicht vom Galgen, sondern vom elektrischen Stuhl, den sie – ein witziger Schlusseffekt – dann gleich noch als Thronersatz besteigt.

Eine Frage der Philologie
Haben wir noch jemanden zu erwähnen vergessen, außer Mackie Messers Mitarbeitern und Huren, die sich mit den andern zum Ensemble vereinen? Das Programmheft macht aufmerksam auf das, was bei dieser Bearbeitung von John Gays "Beggar's Opera" oft übersehen wird: "Angesichts der Tatsache, dass Elisabeth Hauptmann unter den Beteiligten als einzige in der Lage war, eine so komplizierte Vorlage adäquat ins Deutsche zu übersetzen, kann wenig Zweifel daran bestehen, dass mindestens achtzig Prozent des Grundgewebes ... von ihr stammten." Und von den Liedtexten sind schließlich etliche einer Übersetzung des Franzosen François Villon entnommen.

 

Die Dreigroschenoper
von Bertolt Brecht und Kurt Weill
Regie: Niklaus Helbling, Bühnenbild: Dirk Thiele, Kostüme: Victoria Behr, Musikalische Leitung: Matthias Stötzel, Choreographie: Salome Schneebeli, Video: Elke Auer.
Mit: Thomas Wodianka, Gottfried Breitfuss, Viola von der Burg, Fabienne Hadorn, Marcus Kiepe, Miriam Maertens, Sina, Ludwig Boettger, Marcus Burkhard, Michael Ransburg, Ludwig Boettger, Kai Bronisch, Christian Heller, Tomas Flachs Nóbrega, Michael Ransburg, Ariane Pochon, Kai Bronisch, Gwendoline Ferru, Julia Bärtschi, Camille Kolb, Santa Maria Peres.
Musiker: Matthias Stötzel, Yves Reichmuth, Jonas Tauber, Francesco Carpino, Sébastien Schiesser, Christoph Luchsinger, Silvan Kiser, Phillip Powell, Martin Gantenbein.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr lesen? Im September 2007 inszenierte Robert Wilson Brechts Dreigroschenoper am Berliner Ensemble.

 

Kritikenrundschau

Einen "halbmodernen, leider auch leicht verstaubten Klassiker" hat Barbara Villiger-Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (16.5.) gesehen, der bei ihr die Frage provozierte: "Was will Helbling damit?" Vielleicht wolle er Brecht einen Streich spielen, "indem er genau jene Elemente in den Vordergrund rückt, die dem Autor (sofern man Brecht als diesen bezeichnet und nicht seine mitarbeitende Factory) ein Dorn im Auge waren – Gangster-Romantik, Groschenroman-Lovestory, Ohrwurm-Musik". Letztgenannte täte ihre Wirkung dank dem achtköpfigen Orchester im Graben programmgemäss, schreibt die Kritikerin, aber auch Kurt Weill klingt in ihren Ohren nicht mehr taufrisch. Ansonsten sieht sie Paradoxerweise ("oder absichtlich?") Dirk Thiele (Bühne) und Victoria Behr (Kostüme) ausgerechnet das Klischee der opulenten Ausstattungs-Oper bedienen. "Halbdurchsichtige Prospekte blättern durch ein historisches Londoner Fotoalbum. Gespielt wird hauptsächlich vor einer durchbrochenen Matratzenwand, welche Lichtspielereien und Textprojektionen beleben. Ein Conférencier (Ludwig Boettger) im Frack und auf kothurnhohen Kompensiersohlen sagt an, was hinten geschrieben steht."

In der online-Ausgabe der Basler Zeitung (15.5.) schreibt Rico Bandle: dass er gesehen habe, wie zwei, die die Zukunft der Stadt bestimmen würden, bei der Dreigroschenoper schon nebeneinander saßen. Die neue Stadtpräsidentin Corine Mauch und die zukünftige Schauspielhaus-Direktorin Barbara Frey (hoffen wir, dass es Frau Frey dabei hilft, das Haus zu sichern – jnm). "Durchaus repräsentativ" sei gewesen, was die beiden zu sehen bekamen. Das Stück: äusserst unterhaltsam, auf der Bühne: bekannte Namen, handwerklich: tadellos in Szene gesetzt, inhaltlich: befreit von jeglichem "subversiven Element". Regisseur Helbling ignoriere den "gesellschaftskritischen Punkt gänzlich". Schon mit dem Eröffnungslied, der "Moritat von Mackie Messer", komme man "ins Schwelgen". Wie ein "Comic-Strip" reihten sich die Bilder mit den "überzeichneten Figuren" aneinander. Die Schweiz-bekannte Sina als Spelunken-Jenny wirke "selbst dann noch liebenswürdig", wenn sie Mackie Messer ausliefert. Dafür überzeuge sie mit "ihrer vollen Stimme" und "perfektem Bühnendeutsch". Grossartig Gottfried Breitfuss und Viola von der Burg als Ehepaar Peachum, die mit ihrer Komik den "Abend auch alleine hätten bestreiten können". Der Applaus: lang und herzhaft – alles habe dieser Haifisch – "nur keine Zähne".

 

 
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