Germania Anno 2009

von Anne Diekhoff

Osnabrück, 15. Mai 2009. Überall ist Blut. An Gittes Händen, weil sie bei der Arbeit mit Blutkonserven spielt. An Saschas Händen, weil sie sich beim Putzen mit einer benutzten Nadel sticht. Aus Roys Nase läuft es, weil er billigen Koks pfundweise darin hochgezogen hat. Jens hat es im Gesicht, nachdem Roy ihm seine Faust reingedonnert hat, und Lydia zwischen den Beinen, weil sie nun doch nicht mehr schwanger ist.

Eine blutige Angelegenheit, dieser Uraufführungsabend im emma-theater, der Kammerspielbühne des Theaters Osnabrück. Ein Abend über den Umgang mit der Vergangenheit, die niemanden loslässt, so sehr er sich auch hinter einem neuen Namen verstecken mag. Es geht um den Mord an sechs Millionen Juden. Und wie dieses Verbrechen auch heute die Lebenden noch lenkt.

Dahin schauen, wo es weh tut

Dirk Laucke hat "zu jung zu alt zu deutsch" als Auftragsarbeit für das Osnabrücker Theater geschrieben. Hier nahm 2007 mit der Inszenierung von "alter ford escort dunkelblau" sein Leben als gefragter Bühnenautor Fahrt auf – mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker und unter anderem einer Einladung zu den Mülheimer Theatertagen. Seither tummelt Laucke sich mit immer neuen Stücken in der deutschen Theaterlandschaft. Erst vor zwei Wochen wurde Der kalte Kuss von warmem Bier am Theater Heidelberg zur Eröffnung des Stückemarkts uraufgeführt, wie schon "alter ford escort dunkelblau" von Henning Bock inszeniert.

Nun ist Laucke wieder in Osnabrück. Mitsamt seinem für einen Mittzwanziger erstaunlich weisen Blick. Wieder schaut er auf Deutschland – und zwar dahin, wo es weh tut. Regisseur Jens Poth und ausnahmslos starke Darsteller unterstützen ihn dabei, wie sie es besser nicht tun könnten. Schmerzhaft wird es vor allem, wenn Deutschland eigentlich seine Ruhe haben will. Wenn es sagt: Lass uns unsere Flaggen für den Fußball raushängen und wieder normal sein.

Denn an "normal" glaubt dieser Autor nicht. Er glaubt eher an Roy, seinen emotional überfüllten Deutschland-Hasser, dessen Monolog die wilde Schau in dieses deutsche Spiegelkabinett eröffnet.

Freundlich und arbeitsam

In seiner ganzen amphetamingestützten Machopracht räkelt Roy sich in einem Liegestuhl und erzählt dem Publikum, wie sein Kumpel einst bei einem Schulausflug in die KZ-Gedenkstätte Dachau ausgerastet ist, ihn zum SS-Opfer erklärte und dann hemmungslos mit Springerstiefeln zusammentrat. Hallo, Deutschland. Für Roy steht jeder Gartenzaun für einen Nazi.

Der Schauspieler Richard Barenberg verleiht diesem zugedröhnten Nerv-Typen enorme Energie – und alle Facetten, die ihn abwechselnd mal zum Helden oder zum armen Kerl werden lassen. Zwischen Blümchentapeten, einem Kühlschrank und einem Liegestuhl (Bühne: Simone Wildt) entwickeln sich noch vier weitere Schicksale – elegant verknüpft und sehr mit Deutschland verbunden.

In Lauckes rotziger, dabei doppelbödiger Sprache kommen sich die Figuren näher – und wieder abhanden. Gitte (Nicole Averkamp), die glaubt, außer in Portugal nirgendwo glücklich werden zu können, teilt ihren frustrierenden Job in der Blutplasmaspendestelle mit der jungen Ukrainerin Sascha (Katharina Quast). "Siehst gar nicht aus wie 'ne Jüdin", sagt Gitte zu ihr. Auch der Satz "Arbeit macht frei" kommt ihr ganz salopp über die Lippen. Sascha hängt ihren zerbrochenen Deutschland-Träumen nach, findet die Deutschen aber immer noch freundlich und arbeitsam.

Ist doch nur ein alter Opa

Die Trostlosigkeit ihrer beider Leben ist noch steigerbar: beim Putzen in billigen Dessous vor einem alten Mann. Für diesen groteskesten Moment der Inszenierung wird die Tapete herumgedreht, und hervor kommen vier leuchtende Hakenkreuze, zwischen denen ein Greis in SS-Uniform erscheint. Mit Schweinemaske auf dem Kopf, die eine Hand am Stock, die andere masturbierend in der Hose. "Ist doch nur ein alter Opa", sagt Gitte. Es ist der SS-Opa von Lydia (Julia Köhn).

Lydia war einmal Roys Freundin, als der noch Micha hieß, und mit ihm auch durch Drogenrausch und Anti-Nazi-Parolen verbunden. Damals hatten sie in diesem Großvater einen bedrohlichen Feind gefunden. Jetzt bekommt Lydia ein Kind von Jens (Friedrich Witte), der keine Ahnung von ihrer Vergangenheit hat. Er ist ein Freund der Deutschlandflaggen im Namen des Fußball-Glücks. Laucke könnte sich über den netten Kerl lustig machen, aber er tut es nicht.

Kapituliert vor unlösbaren Fragen

Denn Jens hat mehr Reflexionsvermögen, als sein Hang zu fröhliche Flaggen zunächst vermuten läßt: wenn er zugibt, dass er keine Antwort auf die deutsche Schuld hat. Er hält einen resignierten Monolog, in dem er wie ein Märchenonkel von Bayer, Thyssen, Krupp, Knorr, Bahlsen, Mercedes, VW, BMW und Karmann erzählt, und von den "Zwangis", die dort einst so fleißig mitgearbeitet haben. Soll er etwa deswegen heute auf Kekse, Autos und Aspirin verzichten?

Irgendwann rauchen Jens und Roy heiter eine Zigarette, als hätten sie gemeinsam kapituliert vor den unlösbaren Fragen. Dirk Laucke kapituliert nicht. Wer keine Lust hat, schmerzhafte Verbindungen zur Vergangenheit zu sehen, bekommt in dieser Inszenierung ganz einfach seinen Blick aufgezwungen. Und zwar auf unwiderstehlich intelligente Weise.

zu jung zu alt zu deutsch (UA)
von Dirk Laucke
Regie: Jens Poth, Bühne und Kostüme: Simone Wildt, Musik: Wendelyn Hejny, Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke. Mit: Richard Barenberg, Julia Köhn, Friedrich Witte, Nicole Averkamp, Katharina Quast.

theater.osnabrueck.de


Mehr lesen über Stücke von Dirk Laucke? Im September 2008 inszenierte Henning Bock in Essen die Uraufführung von Wir sind immer oben. Laucke selbst erarbeitete im März 2008 mit Hallenser Jugendliche sein Stück Silberhöhe gibts nich mehr am Thalia Theater Halle.

Kritikenrundschau

Christine Adam schreibt in der Osnabrücker Zeitung (18.5.2009), Dirk Lauckes Stück, es sei nicht nur "stark", sondern "einmalig wichtig": "Weil ein Mittzwanziger aus seiner jungen, gesellschaftlich noch nicht festgelegten Perspektive intelligent herausrotzt, was ihn 'ekelt' an Deutschland". Der "Schnodder-Jargon" seiner Figuren sage dabei generell "viel über unsere gefährlich gereizte und aufgeheizte Gesellschaft, nicht nur an den sozialen Rändern". Die vier Schauspieler haben das begriffen – sie spielen "mit vollem Einsatz". Und Regisseur Jens Poth tue mit seiner "blühenden szenischen Fantasie, was er kann, um den sprachlich fast grenzwertig verdichteten Laucke-Text zu bebildern". Manchmal wünscht sich Adam aber "mehr Ruhe bei den schnelle Szenenwechseln", um "die giftigsten Aussagen (...) genießen zu können". Dieses Stück aber sei "unbedingt nachspielenswert".

"Kein ganz leichter, aber ein richtig guter Abend", vermeldet auch whs in den Osnabrücker Nachrichten (17.5.2009): "Es rockte, zog einen rein, eomotional hoch und auch runter." Denn "als Zuschauer wurde man in einen Sog gezogen, immer mehr öffnete sich die Konstellation der Figuren, um den klug 'verbuddelten' Kern freizulegen". Die fünf Schauspieler, "allesamt auf höchstem Niveau", "trugen den Stoff", das "spannende" und "brisante" Thema, das Laucke gewählt habe. Entstanden seien so "90 pralle Minuten". "Zustimmende bis überwältigender Applaus". Und Dirk Laucke, weiß whs zu berichten, "badete im Motörhead-T-Shirt mit auf der Woge der Begeisterung!" Auf Lauckes nächstes Stück dürfe man "gespannt" sein, "und wenn Laucke weiter auf Osnabrück setzt, wäre das sehr schön ..."

 
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