Kein Sex mit den Figuren

von Ralph Gambihler

Leipzig, 15. Mai 2009. Sieben Theaterleute machen sich auf die Suche nach "etwas unverstellt Realem". Nach einem "Stoff, der weder Fiktion noch Fakt ist". Was das sein könnte, dieses große welthaltige Irgendwas, davon haben sie zwar eher wolkige Vorstellungen. Die Wahrheit sitzt nun mal nicht mit einem Schild um den Hals auf dem Produktionssofa, sobald die Regie in die Hände klatscht. Begrifflich sind sie immerhin soweit, ihre glühende Ratlosigkeit "Projekt" zu nennen. Schließlich sind wir im Theater, wo alles Projekt heißt, was mit mehr als einem Fragezeichen zu tun hat.

Kurz gesagt: Es ist nicht ganz einfach, diesen absurd-komischen Reißer des Nachwuchsregisseurs Martin Laberenz auf den Punkt zu bringen. Denn dieser Abend umwabert sich gewissermaßen selber, mit viel Gedränge und viel Geschrei, mit hohen Posen und heruntergelassenen Hosen, mit verzerrten Visagen und sabbernden Mündern. Im Innersten bleibt er aber stets ungreifbar wie eine Diva, die jeden Moment gewahr ist, sich mit einer Drehbewegung aus der Affäre zu ziehen.

Wo Dramaturgenhirne qualmen
Im Grunde ist diese theatrale Suche nach der verborgenen Wirklichkeit eine mehrfache Flucht. Das beginnt damit, dass sie schon aus der Ankündigung fliehen. Wer den Programmtext vor der Premiere gelesen hat, musste glauben, er würde eine wie auch immer gefärbte Bühnenversion von "Idioten" erleben, jenem frühen Dogma-Film, in dem der Regieexzentriker Lars von Trier 1998 eine Gruppe junger Kommunarden so tun ließ, als seien sie geistig behindert. Zu erleben ist nun aber ein Derivat. Eine Eigenschöpfung, die lediglich mit Versatzstücken aus dem Film spielt, derweil sie sich auf der Metaebene der Kunstproduktion tummelt. Dort, wo Dramaturgenhirne qualmen und Regisseure verzweifeln.

Die zweite Flucht ist die aus der Tradition. Das Dogma der Postdramatik geistert merklich durch die mit Sonnenschirmen und Liegestühlen ausstaffierte Kulisse von Susanne Münzner. Mit einer Story, einer Pointe, einem dramatischen Knoten und ähnlichem Schmock aus seligen Stadttheaterzeiten wollen sie sich nicht ihr Theaterexperiment versauen. Und überhaupt nervt das Textbuch! "Ach was. Dieser Text interessiert mich nicht. Damit mache ich mich nicht zum Idioten.", motzt David Simon, der mollige Spielverderber vom Dienst.

Wobei man sich in der Frage des Zugriffs auch herzlich uneinig ist. Das namenlose Großmaul zum Beispiel, das Sebastian Grunewald spielt, anfangs mit Schleefschem Stottern, später mit den springteufelhaften Performerqualitäten des noch nicht erkrankten Christoph Schlingensief, findet es eben doch unklug, ganz auf dramatische Würze zu verzichten: "Nach ungefähr zwei Dritteln des Weges, also irgendwo da vorne bei ihnen, da brauchen wir ein Drama. Unbedingt ein Drama. So ist das nämlich: wenn das Publikum daran denkt, raus zu gehen, ziemlich genau nach zwei Dritteln, muss ein wenig Drama rein."

Phrasendreschmaschine auf Hochtouren
Vollends fluchtgefährdet ist außerdem der verblichene Bühnenstar Helen Sinclair, den Sarah Sandeh als hochgradig allürenhafte Theaterdame gibt: "Ich spiele keine Behinderte in einem Projekt! Ich spiele Medea oder Ophelia! Die sind verrückt!, schnauzt sie und will einen ganz klassischen Teller Garnelen. Mit anderen Worten: Verhedderungen und Verknotungen überall, Selbstblockaden der Kunstschaffenden, verbrannte Theatererde.

Wo Lars von Trier die Maske der Abnormität als experimentelle Absage an die Konventionen einer Gesellschaft durchexerzierte, hecheln und irren sie nun in Leipzig durch den Wald verbrauchter Bühnenkonventionen. Die Phrasendreschmaschine einschlägiger Begriffswelten läuft dabei auf ziemlich hohen Touren. Etwa so: "Ein handwerklich gut gemachter Vollidiot wird doch nicht realer Dank einer ideologischen Rechtfertigung, die über die Verhältnisse hinausweisen will. Ich brauche keine ideologische Rechtfertigung, sondern stehe im Verhältnis zu traditionellen Verrückten."

Ein Theater, das sich selber bespiegelt, erschöpft sich leicht im rasenden Nichts. Das hätte durchaus zum Scheitern des Abends führen können, insofern der Text, der offenbar gemeinschaftlich bei den Proben erarbeitet wurde (ein Autor wird nicht genannt), arg insiderhaft vor sich hin rotiert. Die Regie hat's aber trotzdem gepackt. Sie flieht – noch eine Flucht! – mit der warmen Luft in eine saftige Theaterdiskurs-Komödie, vergnügt und sehr spielerisch, heftig brausend und stets bereit zur komischen Idiotie auf eigene Kosten.

Tendenz zu nackten Tatsachen
Die augefälligste formale Anleihe beim Dogma-Filmer Lars von Trier ist die wackelige Videokamera, mit der die Szenerie über weite Strecken eingefangen und auf Gaze übertragen wird. Vor der Linse tobt der nackte Wahnsinn eines Theater-Kollektivs, das sich gemeinsam verliert: in stimmlichen Tumulten, in intellektuellem Gerangel, in heftigem Schweigen. Grotesk überhöht rauscht dieses halbe Happening über die Bühne, musikalisch irrlichternd zwischen Wagner und Waits. Natürlich fallen nach und nach die Hüllen. Die umgehende Gier nach der letzten, der einzig wahren Authentizität beschleunigt die Tendenz zu nackten Tatsachen.

Der "Sex mit den Figuren" fällt zwar aus, dafür triumphiert gegen Ende, nach einem haarsträubend absurden Piss-Wettbewerb zwischen Maximilian Brauer und Manolo Bertling, der Porno als Gipfel aller Wahrhaftigkeit. Man ahnte das schon, der Abend kokettiert immerhin mit dem Stempel "freigegeben ab 18 Jahren". Und wenn die zwei eigens engagierten Pornodarsteller Jessy Key und Maik Franeck dann wirklich aus den Klamotten steigen und ihren finalen Fick hinlegen (oder simulieren, man sieht da nicht wirklich etwas), hat sich die ganze Malaise sehr schnell in Wohlgefallen aufgelöst.


Idioten
von Lars von Trier (freigegeben ab 18 Jahren)
Regie: Martin Laberenz, Bühne: Susanne Münzner, Kostüme: Adriana Braga Peretzki. Mit: Manolo Bertling, Anna Blomeier, Maximilian Brauer, Maik Franeck, Sebastian Grünewald, Jessy Key, Sarah Sandeh, David Simon, Birgit Unterweger.

www.centraltheater.de


Mehr lesen? Im Februar 2009 inszenierte Martin Laberenz am Leipziger Centraltheater einen Abend nach Dietmar Daths Essay Maschinenwinter.

Kritikenrundschau

"Eine Schauspieltruppe auf der Suche nach einem "Stoff zwischen Fakt und Fiktion" beschmiert sich mit Torte und mimt reihum die Diva aus Woody Allens Komödie 'Bullets over Broadway' ". So beschreibt Nina May in der Leipziger Volkszeitung (18.5.) das inszenatorische Grundgerüst von "Idioten" in der Skala. Die Videokamera sei "unerlässlich", weil die Aufführung auf den Film von Lars von Trier anspielt und dessen Dogma-Regeln. Auf die Filmhandlung werde in der Inszenierung nur angespielt. Für Film-Unkundige dürfte es aber schwierig sein, der Inszenierung zu folgen. Die sieben "durchweg überzeugenden Schauspieler" nähmen in ihren Debatten die Kritik am eigenen Theaterverständnis vorweg, das erinere ein wenig an René Pollesch, doch wo dieser "mit wahnwitzigem Wortwitz und gesellschaftlichen Spitzen für Unterhaltung" sorgt, nervten die "Wiederholungen und der theoretische Schlagabtausch" in der Skala irgendwann. Ein Theaterexperiment wie in der Gottschedstraße kann zwar das Experiment thematisieren, sollte sich aber nicht in dieser Suche erschöpfen. Der Einbruch der echten Pornodarsteller habe "eine gewisse Konsequenz", wenn man von Triers "Pussy Power Manifesto" hinzuziehe, ein "Keuschheitsgelübde" für einen handlungsintensiven Porno, der vor allem Frauen ansprechen soll. In der Skala werde der gesamte Abend zum "Pussy Power Film" gemacht. In dem am Ende ausgerechnet die professionellen "Gäste" Jessy Key und Maik Franeck irgendwie unschuldig wirkten - und ein bisschen ausgenutzt.

 

 

 

 

 
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