Die Troerinnen in Guantanamo

von Matthias Schmidt

Dresden, 16. Mai 2009. Ein Politiker betritt die Bühne und stellt sich an ein Rednerpult. Auf die Leinwand hinter ihm ist eine dieser militärischen Luftaufnahmen projiziert, die uns seit dem ersten Irakkrieg immer mal wieder gezeigt werden, um die Fähigkeiten der modernen Kriegsführung zu belegen. Es könnte auch eine amerikanische Pressekonferenz zum Krieg in Afghanistan sein.


Der Mann gibt sich durch seinen Text als Poseidon zu erkennen; wir sind im Prolog der "Troerinnen". Das sei, was von Troja übrig ist, sagt er, und zeigt dabei, als hätte man sie übersehen können, mit großer Geste auf die Leinwand.

Damit ist bereits nach wenigen Minuten das Dilemma dieser Inszenierung offenbar: es wird gezeigt, was man sehen, es wird bebildert, was man sich denken kann, sozusagen mit erhobenem Zeigefinger. Holk Freytags letzte Regiearbeit als Intendant am Dresdner Staatsschauspiel ist ein zwei Stunden und zehn Minuten langes Zeichen gegen die Unmenschlichkeit des Krieges im Allgemeinen und gegen die der Amerikaner im Speziellen.

Staatsschauspiel goes CNN
Was an sich nicht kritikwürdig ist und auch dem Autorenduo Euripides/ Sartre kein Unrecht antut, im Gegenteil. Euripides konzentrierte seine "Troerinnen" ausdrücklich auf das Leid der Opfer und der Kriegsgefangenen von Troja, und Sartres Aktualisierung des Stoffes prangerte ganz konkret den Algerienkrieg der Franzosen an. Natürlich macht es Sinn, einen solchen Stoff immer wieder zu inszenieren – die Kriege sind nicht besser geworden und die Leiden nicht geringer, nur weil heutzutage das Wort Kollateralschaden jovial über Tod und Elend hinwegtäuscht.

Die Dresdner Idee jedoch, das Stück ins hier und heute zu verlegen, sie wirkt ob ihrer konkreten Bebilderung in weiten Teilen plump, und genau genommen muss sie sogar als eine Art Misstrauensantrag an die Vorstellungskraft des Publikums verstanden werden. Wo eine Andeutung gereicht hätte, wird bis ins Detail aktualisiert.

Die Bühne ist eine Mischung aus Kriegsschauplatz und Gefangenenlager, irgendetwas zwischen Basra und Guantanamo. Söldner werfen Frauen auf ein von Stacheldraht umgrenztes Areal aus Schlamm und Splitt, Müllbergen und Trümmern. Die Frauen sind zerzaust und verwirrt, sie verkriechen sich unter Planen und streiten sich um ein paar Lumpen. Aus den Boxen dröhnen Hubschrauber und Kampfjets derartig realistisch über die Kulisse, dass man dem Hersteller der Soundanlage zu deren technischen Möglichkeiten gratulieren möchte. Das Ganze dauert etwa zwanzig Minuten.

Es wird kein Wort gesprochen, und eigentlich hätte danach Schluss sein können. Man hätte eine Bild- und Geräuschinstallation gegen den Krieg gesehen, den doch ziemlich beeindruckenden Versuch, Motive nachzustellen, die man aus den Breaking News auf CNN kennt. Die Lebensgeschichten der Frauen, ihre Schicksale, man hätte sie sich vorstellen können, ja müssen.

Dann aber beginnen die Frauen zu spielen, als Troerinnen, deren Männer und Kinder von den Griechen getötet wurden und die neben ihren Familien auch ihre Stadt und ihre Zukunft verloren haben. Was man hier erfährt ist so brutal, dass es für sich stehen könnte. Worte und Handeln der Troerinnen brauchen den Dresdner Kulissen-Naturalismus ebenso wenig wie, sagen wir, Mackie Messer ein Messer. Was diese Frauen hinter sich haben und vor allem was vor sich - man möchte sich das nicht vorstellen. Allerdings: jeder halbwegs die Nachrichten verfolgende Mensch könnte es. Theaterzuschauer erst recht.

Hekuba und Helena
Die Schauspielerinnen spielen, als wollten sie vergessen machen, dass sie in diesem Pappmache-Kriegs-Imitat stehen. Allen voran Regina Jeske als Hekuba: großartig gibt sie die trauernde Witwe, die leidende Mutter und Großmutter, die verzweifelte Königin, die aufbegehrende Frau. Helena steht ihr nicht nach. Wegen dieser Frau fand letztlich der ganze Trojanische Krieg überhaupt statt. Ist sie schuldig, ist sie unschuldig? Ist ihre Schönheit ihr Schicksal oder nutzt sie diese schamlos aus? Oda Pretschner macht aus diesem Konflikt einen der Höhepunkte des Abends, allein: ihr roter Gefangenenoverall will sich nicht recht erschließen.

Ideen wie diese schwächen das Modellhafte an diesem Drama, das schon durch seine Worte so unerbittlich zeigt, was Krieg anzurichten vermag. Der Fairness halber sei aber gesagt, dass Holk Freytags Inszenierung solche unerbittlichen Momente durchaus hat. Als der griechische Bote die Leiche des Kindes Astyanax zu den Troerinnen bringt, ist das Leiden greifbar. Das blutverschmierte, in Binden gewickelte Bündel war Hekubas Enkel und die letzte Hoffnung Trojas. Ein kleiner Junge! Unschuldiger kann ein Opfer nicht sein, härter eine Anklage gegen den Krieg nicht gezeigt werden.

Kurz darauf dröhnen wieder die Hubschrauber durch die Boxen, und der Bühnenkrieg, er setzt wieder Zeichen. Der riesige Ausstattungsaufwand im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels ist durchaus beeindruckend, nur wirkt er eben, man traut es sich in diesem Kontext kaum zu sagen, als würde mit Kanonen auf Kanonen geschossen. Sehr laut, sehr propagandistisch, sehr schade.

 

Die Troerinnen des Euripides
von Jean-Paul Sartre, Deutsch von Hans Mayer, Lyrik von Sappho
Regie: Holk Freytag. Bühne: Kerstin Junge. Kostüme: Michaela Barth. Musik: Wolfgang Schmidtke. Mit: Hans-Christian Seeger, Oda Pretschner, Regina Jeske, Karina Plachetka, Marianna Linden, Philipp Lux, Komparserie.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr zu Holk Freytag, dem jetzt aus Dresden scheidenden Intendanten, über seinen  König Lear mit Dieter Mann in der Titelrolle schrieb nachtkritik im September 2008; über seine Huldigung an den Erfinder des Jazz Buddy Boldens Blues im Januar 2008.

Kritikenrundschau

Mit dieser letzten Premiere hat Intendant Holk Freytag einen "berührenden, deprimierenden Schlusspunkt" gesetzt, schreibt Valeria Heintges in der Sächsichen Zeitung (18.5.) Es ist "ein wütender, verzweifelter Aufschrei gegen die Gräuel des Krieges". Berührend sei dieser Abend "nicht zuletzt dank der großartigen Frauen: Regina Jeske als zerstörte Hekuba, Karina Plachetka als scheinbar wahnsinnige, in Wirklichkeit hellsichtige Kassandra, Marianna Linden als Andromache". Nur Oda Pretzschner falle in einer "nicht schlüssigen Doppelbesetzung" "ein wenig" ab, sie überzeuge als Helena nicht. "Faszinierend" aber der Chor. "Heftiger Applaus, Bravos und ein Publikum, das noch im Vorderraum auffallend bedrückt schweigt."

Dieses Stück gegen den Krieg habe "immer recht", meint Caren Pfeil (Dresdner Neueste Nachrichten, 18.5.). "Die Frage ist, was man darüber hinaus noch erzählen will, dass die Kriege nicht aufhören und die Sieger unbarmherzig alles ausrotten, was von den Besiegten noch übrig ist." Holk Freytag erzähle die Geschichte des Stückes jedenfalls in Form eines "Bühnenrealismus, der fast unerträglich ist", der aber "durch das genaue und gleichzeitig dezente Spiel der Schauspielerinnen relativiert wird". Trotzdem sei dieser Abend "schwer auszuhalten". "Ich sehe sie echtes Gemüse schnippen", schreibt Pfeil, "es auf echtem Feuer garen, ertappe mich dabei, zu überlegen, wie das dann schmeckt, was sie (ohne Salz in der Suppe) auch noch echt essen." "Trotzdem" gelängen dem Ensemble "immer wieder berührende und bedrückende Szenen zwischen Verzweiflung und dem Versuch, Würde zu bewahren". Überflüssigerweise lasse Holk Freytag aber am Ende den "Moralhammer" "auf die Köpfe seiner Zuschauer niederfahren".

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