Tausendmal berührt und nichts ist passiert

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 16. Mai 2009. Fünf Hopser vor, vier zurück. Drei vor, zwei zurück. Zwei, eins. Und wieder von vorn. Und wie das dauert. Die Bühne wirkt plötzlich breit, erscheint so sinnlos lang und flirrend bunt wie eine dieser typischen Assoziationsgirlanden, die einem dieser erbarmungslose Autor René Pollesch immer wieder ins Hirn hineindekoriert. Zerdehnte Gedanken. Als würde ein unsichtbarer Cutter eine Szene immer wieder hin- und herspulen, trippeln die sechs angespannt blickenden Damen und Herren einer feinen Abendgesellschaft vor und zurück, von links nach rechts in Richtung Opernhaus, zu herrschaftlichen Barockklängen und einem irren Algorithmus folgend, einmal im Kreis, und noch einmal, um sich schließlich gemeinsam im Takt in der pastellfarbenen Chinoiserie wiederzufinden, die halb in die Publikumsränge ragt.

Opel aussprechend, Oper denkend

Endlich ist man angekommen: bei sich, bei uns, mitten im asiatischen Spa-Harmonietempelchen, im sozialen Garten Eden, im Seelenpavillon unserer Konsensgesellschaft. Das wäre geschafft, die Hemden sind durchgeschwitzt, die Luft ist knapp. Die Musik verstummt. "Wann ersetzt die Opel das Theater", tönt japsend eine fragende Stimme, und meint die Oper, den Hort des eigentlich Dramatischen.

Ein Versprecher, eine kaum hörbare Differenz, aber natürlich ist das wieder eine dieser gelungenen Stolperer im sprachverliebten Kosmos des René Pollesch, der das Konzept der Différance von Jacques Derrida gar in diesen krisengeschüttelten, geistesarmen Zeiten anzuwenden weiß: Opel aussprechend, Oper denkend. Wunderlich französisierendes Pollesch-Theater, klug, kindlich und kritisch. Auch ein wenig kalauernd, na gut.

Vielleicht ist dieses Sprachballett im Spiel eine der stärksten Eingebungen der Regie an dem ansonsten seltsam lauen Abend. Manches scheint wie so oft: da gibt es die prasselnden Satzkaskaden, den übermütigen Slapstick, die soufflierende Begleitung, das gefilmte Spiel hinter den Kulissen, die Wackelkamera, kurzum: die ganze prall gefüllte Pollesch-Theaterkiste.

Futurologischer Kongress

Den filmischen Kokon liefert die Screwball-Komödie "Is' was, Doc", ein Genre-Klassiker von Peter Bogdanovich, der größtenteils in einem Hotel in San Francisco spielt, was wiederum Janina Audick zu einer herrlichen Hotelpuppenstuben-Bühne inspirierte: Zwei Stockwerke hoch, mit lebensgefährlichen Wendeltreppen und besoffenen Regenrinnen, puffplüschigen Zimmern, zahlreichen Kameras und wildgewordenen, gut geölten Türen. Alles blinkt, strahlt, leuchtet so westküstenleicht. Drei Monitore flimmern über dem Geschehen, geben indirekt und multiperspektivisch wieder, was sich hintenrum an Abgründen so auftut - der Zuschauer als allwissender Rezeptionist. Und Gaffer.

Zu studieren ist ein Haufen Egozentriker, sechs an der Zahl, eine Ansammlung von hyperaktiven Kongressmitgliedern, die wie verrückte Termiten zwischen weich gekochten Eiern, Neurosen und festgezurrten Bademänteln ihrer akademisch geschulten Eigenliebe hinterherhecheln. Pollesch bringt sie halbwegs zur Raison, indem er ihnen das "Schmusium" aus Stanislaw Lems Sci-Fi-Roman "Der futurologische Kongress" einträufelt.

Diskurs über das gefühlsechte Theater

Eine Gesellschaftsdroge, die harmonisierend wirkt, deren Verwendung aber auch bedeutet: Die Menschen sind ewig unsolidarische Schauspieler, die nur an einen freien Abend denken, an Babysitter, an die eigene Rolle, das Tragische vor und hinter dem Theater. Nix besseres als Kongressbesucher sind sie, allesamt empathielos. Gekünstelte Typen. Und völlig unpolitisch. Also oberflächlich. Unecht. Womit wir auch schon wieder beim brandaktuellen total gefühlsechten Theater selbst wären. Bei Schlingensief und seinem öffentlichen Körperdrama ("Ist das jetzt der Tod?"), bei Löschs Power-Chor-Dramatik ("Halt doch mal die Klappe, du Chor!") oder auch bei den vermeintlich echten Tränen in einer gefeierten Gosch-Inszenierung ("Das berührt mich irgendwie").

Pollesch ist ein einziger um sich schnaubender 70-minütiger Theaterkommentar, seine Grummelei über die neue, alte Mode des Authentischen und Schwarzweißpolitischen ist aus allen Passagen, die wiederum bis kurz vor der Aufführung umgestellt wurden, deutlich herauszuhören. Doch genau dieser heitere Zorn findet in der Uraufführung von "Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend haben wollen, übernimmt Hedley Lamarr" etwas zu selten sein Ventil in der Spielfreude der Schauspieler.

Promi-Faktor ohne besondere Vorkommnisse

Harald Schmidt ist ein Solitär, der merkwürdig gedämpft seine Texte deklamiert, durchaus präzise, amüsant und skurril, aber ohne diese lächerliche Wut und den eruptiven Furor, mit dem die Pollesch-Stammtruppe einstmals bei "Smarthouse" in Stuttgart Theatergeschichte schrieb. Hanna Scheibe von damals ist wieder mit von der Partie. Ein Glück.

Die Szene mit dem Trippelballett - und sie. Dieses hysterische Verlorengehen und Sichwegwerfen auf dem Weg zwischen eigener Person, Rolle und Figur gelingt ihr auf atemberaubende Weise, man verliert sich förmlich in ihren gestischen und verbalen Volten, wenn sie im langen Silberkleid wie eine angespülte Wortmeerjungfrau mit kullernden Augen einen harmlosen Liebesbrief vorplappert, katastrophiert in die Knie gehend, kreischend. Und machmal schreit sie einfach. So echt und falsch zugleich. Der Rest geht schnell vorüber, routiniert, trotz Promi-Faktor ohne besondere Vorkommnisse. Gar nicht schlecht eigentlich. Aber mit ein bisschen zu viel Schmusium.

 

Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend haben wollen, übernimmt Hedley Lamarr (UA)
Regie/Text: René Pollesch, Bühne: Janina Audick, Dramaturgie: Frederik Zeugke.
Mit: Silja Bächli, Christian Brey, Florian von Manteuffel, Hanna Scheibe, Harald Schmidt, Lilly Marie Tschörtner.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Mehr lesen? Derzeit wird René Pollesch auch in Mülheim beim Stücke-Festival munter reflektiert und von den Zuschauern besprochen. Martin Wuttke erzählt in Bild und Ton, dass Pollesch Stücke manchmal nur eine Scheinnarration haben. Der letzte Pollesch ging am vergangenen Wochenende über die Bühne: JFK bei der Langen Nacht der Autoren am Hamburger Thalia Theater. Im April 2009 gab es zur Eröffnung des renovierten Praters in Berlin Ein Chor irrt sich gewaltig.

 

Kritikenrundschau

In der Welt (18.5.2009) stellt Stefan Keim anlässlich der Stuttgarter Pollesch-Premiere "Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend haben wollen, übernimmt Hedley Lamarr" fest, dass Harald Schmidt und René Pollesch viel gemeinsam haben: "Sie verweben Trash und Tiefsinn auf unverschämt unterhaltsame Weise. Und sind sich absolut bewusst, dass sie Teile des Systems sind, dass sie auf anarchische Weise bloß stellen." Schmidt – der "sich in den Spielwahnwitz des Ensembles stürzt, bis am Schluss kaum noch eine trockene Stelle an seinem Hemd ist" – Schmidt bleibe auch bei Pollesch Schmidt. Denn Pollesch brauche "diese Persönlichkeiten, um wirklich gut zu sein. Weil sie Widerstand leisten (…). Spannend wird es, wenn sie sich wehren gegen die bewusste Überforderung durch die Textmassen und die auf der Bühne offen präsente Souffleuse anmaulen." Warum dieser spezielle Abend "so lustig ist", sei schwer zu beschreiben. Vielleicht weil "die Grundlage des Lachens immer das Grauen ist, die Verlorenheit in einer Welt, die niemand mehr ansatzweise durchschaut. Das Kollektiv eines Theaterensembles bietet eine letzte Zuflucht, eine Ahnung von Wärme."

In der Theorie sei die fiktionale Pollesch-Figur Hedley Lamarr "ein Schauspielerkollektiv, das das alte Theater in die Luft sprengen will, indem es aus Solidarität und Liebe zum Beruf einspringt, wenn Kollegen sich mal einen freien Abend gönnen wollen", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (18.5.2009). In der Praxis aber werde "der kooperativ entwickelte Chor-Torpedo natürlich immer noch von Pollesch ferngesteuert. Je mehr er seine Rolle herunterspielt, desto mehr wird er zum Star des Autoren- und Regietheaters. Je weiter er seine Kritik der Konsens- und Konsumgesellschaft in die Klamotte treibt, desto mehr wird er zur Marke. Und je basisdemokratischer seine Stücke entstehen, desto mehr sehen sie nach Pollesch aus. Wenn alle Stricke, Anschlüsse und Paradoxa reißen, kommt [Harald] Schmidt, um sie mit seinem Prominentenbonus wieder zusammenzuflicken." Und so lautet Halters Fazit zur Stuttgarter Schmidt-Pollesch-Kooperation: "Wenn sich ein müder Zyniker, der lieber den Aushilfsschauspieler als den gefeierten Hofnarren geben will, mit einem Regietitanen zusammentut, der fröhlich an dem Ast sägt, auf dem er sitzt, ist das nicht wirklich lustig."

René Pollesch zappe sich in "Hedley Lamarr" "wieder wild assoziativ durch den Unterhaltungskosmos, der unser Bewusstsein bestimmt und verseucht – und eben auch durch den Theoriekosmos, der ihm hilft, diese geistigen und seelischen Verseuchungen und Verheerungen lustvoll zur Sprache zu bringen", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (18.5.2009). Müller illustriert dann einen der Punkte am gängigen Theaterbetrieb, der für Pollesch "nicht in Ordnung" sei: Harald Schmidt nämlich stelle mit seiner Kabarettistenstimme mehrmals leitmotivisch die "drängende Frage in den Diskursraum", wann denn "Opel das Theater erreicht". "Und Pollesch gibt darauf eine Antwort, auf seine witzig-paradoxe Art freilich. Kalauernd verwandelt das spielwütige Ensemble den Opel in die Oper, ein Buchstabe genügt ihm, um von der industriellen Basis in den kulturellen Überbau zu schreiten." Polleschs Vorwurf also: "Wer in diese endlos groteske Illustrationskunst flieht, lässt seine Hände besser weg von Opel. Oder haben wir da was falsch verstanden?"

Thomas Assheuer fragt sich in der Wochenzeitung Die Zeit (20.5.2009), was Pollesch und Harald Schmidt verbindet. Seine Antwort: "Beide sind Sprachmüllkutscher. Beide sortieren Wortabfall, Phrasenreste und Diskurshülsen." Sie beide also wühlen im "deutschen Bewusstseinscontainer, halten ihre Fundstücke in die Bühnensonne und lassen sie genüsslich vor den Augen des Publikums kreisen". Jetzt, da sie zusammengefunden habe, sei auf den ersten Blick "das ganz normale Pollesch-Chaos" entstanden. Auch aus diesem Abend ertöne der Pollesch-Aufschrei: "Wir waren einmal Subjekte, aber es gibt uns nicht mehr." Das wirke "pittoresk im Einzelnen und ist doch von großer Schwermut im Ganzen". Und was hier zur Aufführung komme, sei ein "sentimentales Medley", eine "Abschiedsarie aufs Abendland", mit der Pollesch eine "Wehmutsstelle" des "Zynikers" Schmidt treffe. Und am Schluss habe man es "noch einmal" mit "Polleschs Alt-Subjekt" zu tun: "Es will uns wenigstens anständig Auf Wiedersehen sagen."

 

 
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